Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3061 (7.9.1927)
- Date
- 1927-09-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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| Polen r SS gfoszy | Wien: Znm Abholen in det Expedition, II., Taborstr. 1-3 oder in einerVerschleißstello (Trafik) monatl.5 Schilling Straßenverkauf in Wien durch die Kolporteure det Firma Goldschmied, I., Wollzeile 11 Mit Postvorsand für Wien Und Oesterreich monatlich 5 Schilling Tschecho - Slow akeiJ Mon. K 22. Jugoslawien: Mon. Din. 60. Polen :Mon. (i Zloty Deutschland: Mon. Gm.4. Pranke eich, Belgien: Mon. Frcs. 35 Komtreflamiiabe. Wiener Moegenseilung | Preis 20 g| Englan d:Mon.4Schilling Italien: Monat!. 20 Lire Bum&nien: Mon. 170Lei Bulgaricn:Mon.lOOLewa. S e Iiw e i z und das übrige Ausland monatlich Frcs. 5 Redaktion, Administration: Wien, II., Taborstr. I Telephon: 44-0-38, 43-3-19 Ab 6 Öhr abends- Telephon Nr. 31-0-86 Vll., Lerchenfelderstraße 1 (Druckerei „Inva“) N;ich.xah)«npen Del preiso rh o h « n gen »« rhoh &1 ten. ■Jit. 3061 Oesterreichisches Postsparkassenkonto Nr. 150.693 Me», Mittwoch, 7. September 1927 9. Zahrgang Berlöngemng des 3ionistenkl>ngreffeZ? Ztchhe» Wtte vm der Leitung der poiitiichen Kommission zurückgetreten — Bnppiur Äefernt. — Aue kleine PalSftina»8rekntrve. (Von «nserem Berichterstatter.) Das letztere habe er im Jahre 1925 besichtigt. Er hat in o. a., Basel, 6. Se'z.-icmVcr. (Telephonisch.) In der politischen Kommission des Zionistenkongresses stellte der Vorsitzende Stephen Wiste heute den Antrag, es sei eine amerikanisch-zionistische Delegation zu wählen, welche über die Frage der Erfüllung des Mandates mit England verhandle. Er begründete diesen Antrag damit, tiaitz unsere führenden Männer in England in dPser Frage nicht so fwi wären, wir biu Amerikanisr. Diesem Antrag traten die Amerikaner unter Führung Lipskhs entgegen. Daraufhin legte Wise das Präibiunt der Kommission nieder und verließ den Kongreß. Es verlautet, daß er bereits nach Wiesbaden abgereist st. Re Grmdprobleme der Mm> Werkes. In der gestrigen Nachtsitzung hatte, nach der Verlesung der oppositionellen Deklarationen der frühere Leiter des zionistischen Kolonisationswevkes, Dr. Arthur Ruppin, ein zw e istü-nd i g es Referat über die Grund- Probleme des Ausbaues Palästinas gehalten. Seine Ausführungen waren entsprechend der gegenwärtigen Lage dieses Werkes und entsprechend der scharfen Kritik, die an diesem Werk geübt wird, zum großen Teil Gegenkritik und Verteidigung, eine Fortsetzung der Generaldebatte und erst in den späteren Abschnitten eine Darlegung der Maßnahmen für die Zukunft. Ruppin sprach zunächst über den gagemvörtigen Kampf gegen die Arbviwrschaft, in welchen: er die beginnende Auseinandersetzung zwischen den Prinzipien des P i o n i e r t u m s und der Wirtschaftlichkeit erblickt.- So notwendig diese .Auseinandersetzung ist, so dürfe man nicht leugnen, daß die C h a l u z i u t h f ü r u n s n o ch immer unentbehrlich ist. Während der Mittelstä-ndler eine halbwegs geordnete und befriedete Umgebung verlangt, übernimmt der Maluz die Arbeit unter den schwersten Bedingungen. Dies ist nicht der einzige Vorzug des Pioniers. Er ist eher bereit, sich für die palästinensische S t a a tsb ür gers ch a f t zu entscheiden, und die Arbeiter sindauch das festete Bollwerk des Hebräismus. Wenn die Bürgerlichen glauben, sie verstünden alles besser als der Arbeiter, so muß man sie vor Uebevhebung warnen. Einem Ffehlschlag Lei einer ArblüteruntemHmung in Palästina entspracht ein halbes Dutzend Fjshlschläge ict blirgerlich-kapitailistischiein Unternehmungen in Palästina. Es ist nicht angebracht, das Sprichlvort: „Wer Geld gibt, ist der Herr", aus andersartigen europäischen Verhältnissen auf unser palästinensisches Siedlungswerk zu übertragen. Der notwendige Ueberga-ng vom Pioniertum zur Wirtschaftlichkeit kann nur durch u n d m i t dem A r b e i t c r erreicht werden. „Ich rufe Sie auf, zu einer gerechten Würdigung der Chaluziuth. Unser Aufbauwerk gleicht dein Vormarsch einer Armee. Unsere Artillerie ist die Landwirtschaft und sie bestimmt durch das Tempo ihres Vorrückens auch? das aller anderer Tätigkeitszweige. Ruppin hält daran fest, daß dir gemischte Wirtschaft in Palästina eine wohldurchdachte, und angemessene Betriebs-form ist. Er behaupte aber nicht, daß sie die einzige Vetriebsform bleiben müsse. Was die viel bekrittelten K w u z o t h anbelangt, so haben sie bestimmt in der Vergangenheit außerordentlich viel geleistet und seien auch weiterhin als Surrogat für die landwirtschaftliche Ausbildung zu werten. Ruppin beschäftigt sich dann sehr eingehend mit dlm Kolorrisationswerk in dor Krim und in Griechenland. Griechenland keine geringeren Schwierigkeiten gesehen als in Palästina. Ein erheblicher. Teil der dortigen Siedler sei in sehr unbefriedigender Lage. Der Referent bespricht sodann das Problem der Kolonisierung mittelständischer Elemente und erklärt: Die mittelständische Gesinnung oines Mannes darf cköivnsoW2nig Anlaß fern, ihn zu bevorzugen, wie bei dism Ardoitlsr in rmsousn Kolonien es die proletarische Gesinnung fein darf. Die Berufseignung müsse entscheidend sein. Wir waren bisher in der Periode der Pionierarbeit und der Gpendenfonds und wir sind jetzt in der Ucbergangszeit zur normalen Arbeit und zum Leihkapital. Der einzige Wog, -der Industrie und dem Handwerk zu helfen, ist die Schaffung von langfristigem Kveidit, der bisher fast völlig fehlte. Der Kongreß darf nicht beendigt werden, ohne aus dem Budget der beiden nächsten Jahre für eine Industriebau!, das heißt für ein Zentralinstitut für die Bedürfnisse der Industrie 100.000 Pfund bereitzustellen. Was die Zollu n - S t e u e r f r a g e n anlangt, so wird may nicht weiterkomMN, solange sie vom Rovenuestandpunkt betrachtet und von doHsmgen britischen Boamtsn entschieden werden, denen im NSssortinteresse an einer Erhöhung der R-egrorungsoin nahmen Mrkegen ist. Ruppin fordert daher, daß die Mandatarmacht e i n e n S p o z i a l >k o in m i s s ä r für die Wirtschaftspolitik Palästinas bestimmt. Redner stellt eine Berechnung an, wonach es möglich ist, für den Betrag von 375.000 Pfund tausend Familien oder fünftausend Seelen in Palästina in wirtschaftlich gesunder Weise unterzubringen. Es ist bedauerlich, daß sich die Schuldenlast der Exekutive in den letzten zwei Jahren verzehnfacht hat. Aster das kommt daher, daß die Exekutive als Mädchen für Alles betrachtet wird. Man muß aufhören, Aufgaben p h klantropischer Art zum Aufgabenkreis der Exekutive ziu machen. Ruppin kam dann auf die Staatsländereien zu sprechen- Die Regierung hat in dieser Richtung versagt, und in dem Bericht cm den Völkerbund hat sie sich damit gerechtfertigt, daß zunächst die allgemeine Katastrierung des Bodens erfolgen müsse. Das trmrde noch unendlich lange dauern. Ruppin verlangt die Einsetzung einer besonderen Kommission, die zu prüfen hätte, ob Teile der Staatsländereien nach ihrer rechtlichen oder tatsächlichen Lage nicht auch ohne vorhergehende Katastrierung für uns freigegeben toevden könnten. Zum Schluffe meint Ruppin, unsere Leistung seit dem Jahr 1608 sei nicht zu unterschätzen. Ein einziges Nahalal wäre in dieser kurzen Zeit unter den obwaltenden, Umständen eine große Tat gewesen. Es folgt das Referat Ussifchkins über den Nationalfonds. Er wendet sich gegen den Vorschlag Welzmanns, der verlangt, daß der Nationalfonds in irgendeiner Form mit der Exekrrtive verbunden werde. Sodann Ivird die Sitzung geschloffen. Die Palastinaexekutive. Im Permanenzausschuh hat heute der Anwalt der Exekutive in Palästina, Herr Sacker, eine längere Rede gehalten, welche man allgemein als seine Kandidatenrede als Mitglied der Palästina-Exekutive auffaßt Die Schwierigkeiten sind außerordentlich groß, und man weiß noch nicht, loie diese Körperschaft zusammengesetzt und wie viel Mitglieder sie zählen wird. Weizmann soll ein dreigliedriges Direktorium verlangen. Es ist möglich, daß mit Mcksicht auf diese Schwierigkeiten und im Hinblick auf die nach der Demission Wises entstandene Krise in der politischen Kommission der Kongreß über den Freitag hinaus verlängert werden wird. Im redaktionellen Teil enthaltene entgeltliche Mitteilungen sind durch ein vorangesctztes E gekennzeichnet. iffis rätselhaftes Ultimatum. - y, Wien, 7. September. Die Mitteilungen Jabotmsiys über das so viel be-» sprochene Churchillsch? Weißbuch sind recht interessant. Er hat von Weizmaun erfahren, 'daß dieses Weißbuch akzeptiert werden müsse, da die englische Negierung sonst die Aenderung des Mandates vornehmen würde. Dieses Weißbuch (dessen hauptsächlichsten Inhalt wir zur Auffrischung des Gedächtnisses an anderer Stelle mitteilen) ist die Grundlage der englischen Politik in Palästina geworden. Es gibt eine Interpretation der Balsour-Teklaration und des San-Remo- Beschlusses der Großen Vier und wenn man diese .Auslegung heute an der Hand der inzwischen geschaffenen Tatsachen überprüft, so sieht man, das; sie dem Geist und dem Sinne nach fast wörtlich befolgt wurde und daß sie ein folgenschweres Abirren vom Mandat begonnen hat. Das jüdische nationale Heim in Palästina, diese ganz 'Unmißverständliche Umschreibung des Wortes vom! Judenstaat, wird in diesem Weißbuch zur Weiterentwicklung der bestchendeni jüdischen Gemeinschaft; es ist nicht mehr (Palästina als ein Terminus der politischen GMgrnpksie aufgefaßt, sondern als ein Land, in dem den Luiden 'gestattet ivird, sich zu organisieren. Also eine Art höheren Syuagogengemeinden-Verbandes mit dem Rechte, sich äntorAmvitnelle Badehäuser und auch Schüben zu errichten. Dm ist es wohl keinem Juden zweifelhaft, frag den Mächten von San Rems ein ganz anderes'Bild vor Augen stand und die von Churchill wegdementierte Wendung ^Palästina so jüdisch wie England englisch" stammt fa von Lloyd George, einem der vier, die die Aufrichtung der Heimstätte! in San Remo beschlossen hatten. Tatsächlich ist auch von diesem Zeitpunkte an bis zumj 'Tage der $03» sendnng des Weißbuches von keiner autoritativen ©f&fe erklärt worden, daß unter Heimstätte nur ein aüfkündülares iAsyl zu verstehen sei. Fassen wir nun diese kritische Zeit selbst ins Auge, so beiuerken wir, daß kein Moment auf eine so tiefgehende Sinnesänderung hingewiesen hat. Noch am 1. Juni 1922 hatte Herbert Samuel an einer Sitzung der Exekutive in London teilgenommen,^ aber kerne'Andeutung über das kommende Ereignis gemacht. Es stand dcp-. mals die Ratifizierung des Mandates vor der Türe 'uNd es gibt aus dieser Zeit einen Anhaltspunkt, aus dem man aber nichts auf die bedeutsame Erklärung Churchills, noch loeniger auf eine ultimattve Fristbegrenzung schließen bann. Mm 7. Juni erklärte der italienische Außenminister Schanzer in der Kammer, daß die Regierung ihre Zustimmung zUr Balsonr-Erklärung aufrecht erhalte. Die britische 'Regierung habe vorgeschlagen, die M'andatsfrage artf die Tagesordnung des Völkerbundrates zu stellen. Doch müsse! sich' Italien erst noch mit Frankreich in Verbindung setzen, da es wichtige Interessen in. Syrien zu vertreten habe. Hatte England zu diesem Zeitpunkte eine Aendcrung des Mandates im Sinn gehabt — es war dies doch vier Tage nach dem Weißbuch —, so hätte dies der italienische Minister unbedingt wissen und erklären müssen. Da er von Syrien sprach, so waren doch' die Detailfragen der Mandate in Diskussion. Und Minister Schanzer hatte keinen Grund, etwas über Palästina zu verschweigen, aiur wenigsten eine auch für die italienischen jüdischen Staatsbürger so wichtige Angelegenheit, wie es das Chnrchkllsche Ultimatum war. Auch in der Folge ist keine Mitteilung dieses Inhaltes gemacht worden, ja auch die! von Churchill getroffene Einschränkung taucht in. keinem wichtigen Akt auf. Am 24. Juli 1922 ratifizierte der Völkerbuudrat einstimmig. nl London das. Mandat, genau so und ohne Interpretation, wie dies in San Remo geschehen war; Hin 18. Juli hatte sich England mit den Vereinigten Staaten über Palästina geeinigt, ohne daß etwas am Inhalt oder!Wortlaut geändert worden wäre. . . Welchen Sinn hätte unter diesen Umständen die Ultimative Drohung Churchills haben können? Am 5. Juni waren doch die diplomatischen Unterhandlungen sin vollen Gang und eine durch eine etwaige Weigerung der zionistischen Exekutive provozierte Aenderung hatte schwere 'Komplikationen zur Folge gehabt, vielleicht auch das Elugreifen Italiens nach sich gezogen. Dieses Ultimatnin ist eine sehr inerkvürdiges Rätsel. Leider wird cs der Kongreß nicht lösen, und für Churchills Illachfolger, für den Minister Amery, besteht kein Grund, neugierige Fragen zu beani- Worten.