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Wiener Morgenzeitung · 1927-09-04 · Heft 3058 (4.9.1927) · p. Seite 10

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3058 (4.9.1927)
Date
1927-09-04
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seit-; 10 Wien, eoiin;r;;i Wiener Mvrgcnzeirung 1. c'.epK'nihor 1027 Nr. 3008 iG'W e Brosc von ÄMTOÜ ¥SCiIKCiIiil¥ Äiascheujka Patrletzkaja, eine juin}? Dame, Die erst un Idrujft chr Studiutt: am pädagogische:: Institut beendet hatte, -ehrte von einem Spaziergang in da- Hans der Familie Kukuschkir: zmÄck, :vo sie als Gouvernante angestellt war, mid fand das ganz? Hans :t: voller Aufreflnng. Der Diener, der ihr dir Tür öffnete, mu rat wir ein Krebs. Von oben her ertönte Bärm. „Sicher hat die Gnädige u iecci ü)rcu Anfall," dachte das Mädchen. „Oder vir-lllstcht zault sie sich mit ihrem Munin" Im Vorzimmer rras Maschenjta das Dicnslmädchcn, deren '^titcu verweint waren. Dann sah sie, wie aus ihren: Stübchen der Hausherr, ein Here von mittleren Jahren mit einer großen Glatze, trat. Er war rot im Gesicht, bemerkte tuen: die Gouvernante, et in fl an ihr vorbei und ries: „Schrecklich . . . wie ißltlov, furchtbar!" Masch-errjra trat in ihr Zimmer und halte zürn ersten Male das Ge sühl, das nur jenen bekannt in, die irgendiro in abhängiger Stellung sind. Irr ihrem Zimmer fand eine Durchsuchung liart. Tic .Hausfrau, eine stattliche, breitschultrige Dame, mir einem Bartauslug aus dem rötlichen. Gesicht, stand neben dem Tisch und stöberte in dcr Handtasche der Gouvernante herum. Das plötzliche Auftanchen Maschcnjkas war ihr sehr priallich, und als sie ihr blasses (llesichkcken sah, ries sie verlcgeu: „Pardon, ich habe die Tasche zufällig aus een Boden geworfen, die Sachen ausgestrent;" dann murmelst sie noch etwas und verließ rasth das Zimmer. Maschenjka schaute ihr ersiannt nach, wußte nicht, was sic sich denken sotlte, zuckte mit den Achseln, schaute ihr Zimmercheu au uub dann wurse sie totenblaß. Was suchte die Hausfrau in ihrer Tasche? Weshalb lief der Ehegatte so erregt ans ihrem Zimmer, Iveshalb rvar irr der .Kommode eine "ade geössnet? Weshalb war die Sparkasse, in der die Gouvernante ihren Sparpsennig ausbewe.hrst, gewaltsam geöffnet? Die Etagere mit den Büchern, das Bett, der Tisch zeigten deutlich, taß nach etwas gesucht worden war. Die Wäsche im Korb, die sic sorgfältig vor ihrem Spaziergang zn f ammenge legt hatte, war in der größten Unordnung. Was rvar passiert? Maschenjka erinnerst sich an die Erregung des Portiers, an die Tränen des Dienstmädchens, und meinte, all dies stehe irr Zusammenhang mit der Durchsuchung ihres Zimmers. Vor Schreck ließ sie sich ans den Koffer nieder. Da trat das Dienstmädchen in ihr Zimmer ein. „Bisa, wissen Sie nicht, weshalb man mein Zimmer durchsucht hat," sragte nervös die Gouvernante. „Der gnädigen Frau ist eine teure Brosche in Verlust geraten!" „So, aber weshalb gerade mein Zimmer durchsuchen?" „Fräulein, das ganze Personal wurde durchsuchst, ich auch, ich mußte mich bis aufs Hemd ansziehen. Fräulein, ich schwöre Ihnen, daß ich nicht. . ., ich habe diese Brosche weder gesehen, noch war ich in der Nähe des Spiegels, wo die Gnädige die Brosche hingelegt hat, dä-s werde ich bei der Polizei auch sagen . . „Aber ivarum mich durchsuchen?" m-inte unschlüssig die Gouvernante. „Die Gnädige sagt, man hat die Brosche gestohlen; sie hat alle versöntich Durchsucht, sogar beim Portier fand eine Durchsuchung statt, so eine Schande, und der gnädige Herr steht wie ein begossenes Huhn da und spricht kein Wort. Fräulein, was regen Sie sich ans? Bei Ihnen ist ja nichts gesundet: worden, wenn Sie die Brosche nicht genommen haben, brauchen Sie doch nichts zu fürchten." „Aber Bisa, das ist doch gemein . . ., erniedrigend," rief voll Emoörung Maschenjla. „Was für ein Recht hat >e, in meinen Sachen herumzuwühlstn?" „Fräulein," erwiderte seufzend Bisa, „Sie vergessen, daß Sie bei fremden Beuten sind. Wenn Sie auch ein Fräulein, eine Gouvernante sind, st sind Sie für die Gnädige Dasselbe tote ein Dienstbote." Mascha ließ sich auf den Diwan :nest?B und schluchzte auf. Sie, die Tochter eines BehrerS, ein wohlerzogenes Mädchen, wurde des Diebstahls verdächtigt, man durchsuchte sie wie eine Diebin. Eine größer- Bcleidigung konnte man sich nicht ausdenken. Was nun? Man kann st? verhaften, bis aufs Hemd ausziehen, durchsuchen, zur Polizei bringen, in ein finsteres Boch, wo Ratten und Mäuse Hausen, stecken. Wer wird für sie stutreten? Ihr.- Eltern leben in der Provinz, Freunde uns Bekannte hatte sie keine in der Stadt. Ich werbe zum Richter gehen, einen Eio leisten, dachte sie zitternd, man wirb meinen Worten glauben, das; ich keine Ticbin bin. Maschenjka erinnerte sich, daß :r unter ihrem Kopfkissen die Süßigkeiten, die sie mittags nicht verzehren konnte, aufbewahrt hatte, da sie nach alter Gewohnheit aus dem Institut die Süßigkeiten in ihr Zimmecchon nnst-ahn: und in ihrer freien Zeit daran lnabberk-.'. Bei dem Gesa von, daß dieses kleine Geheimnis ver Hausfrau bekannt fei, durchrieselte sie ein Schauer; das Herzchen b-wcnm Wir zu klopfen, in den Schläfen ■ :■?,. „Fräulein, essen!" ries eie:? Snmnu-- „Soll ich gehen, oder wicht," dachte die Gouvernante. Dann richtete sie sich die Frisur, wischte ihr Gesicht mit einem nassen Handtuch ab und ging ins Speisezimmer. Dort saßen schon alle bei Tisch, An. einem Endo des Tisches faß die Hausfrau und machte ein ernstes Gesicht, am an deren der Hausherr. An den Seiten saßen die Gäste unD die Kinder. Zwei Diener in weißen Handschuhen servierten. 'Alle wußten, daß ihm Hanse ein Diebstahl geschehen war und deshalb herrschte im Zimmer ein tödliches Schweigen. Man hörte nur, nste die Böststl klapverten, wie die Diener die Schüsseln herumreichken. Das Schim'igen wurde Durch eine Frage der Hausfrau unkerl rechen. „Welche Speise haben wir heute zum dritten. Gang." fragte sic mit leidender Stimme den Diener. „Fisch mit Sauce russe," erwiderte der Diener. „Das habe ich bestellt," bemerkte rasch der Hausherr: „ich wollte so gerne einen Fisch essen, aber wenn es dir nicht recht ist, braucht man den F-jsch nicht aufzutragen." Die Hausfrau konnte Fische nicht ausslehen; deshalb schaute sie ihren 'Mann empört an; Tränen traten in ihre 'Augen. „Gnädige Frau, regen Sie sich nickst auf," bemerkte mit süßlicher Stimme der Hausarzt, „Sie sind ohnehin schon so nervös; sie Gesundheit ist mehr wort, als di? zwei' tausend Rubel, die diese Brosche, gekostet hat." „Mir tut ja das Geld nicht leid," erwidert? die Hans srau, „aber mich empört die Tatsache, daß in meinem Hause ein Dieb ist. Ich werbe nicht dulden, daß bei mir im Hause gestohlen wird. Sv dankt man mir für meine. Güte. . ." Alte schauten in die Teller und Maschenjka schien es, daß nach den Worten der Hausfrau alle auf sie blickten. Plötzlich fühlte sie, wie die Tränen von selbst kamen; sie wischte die. Tränen rasch mit de-m Taschentuch ab und stammelte: „Pardon, ich kann nicht, ich habe Kopfschmerzen, ent schuldigen Sie." Sie stand auf, schob rasch d-en Sessel von sich und verließ das Zimmer. „Weiß Gott," sagte der Hausherr nervös, „wozu hat man ihr Zimmer durchsucht, das ist sehr peinlich." „Ich behaupte ja nicht, daß sie die Brosche genommen hat," erwiderte giftig die Hausfrau, „aber wer kann für sie garantieren? Ich habe wenig Vertrauen zu einer Gouvernante." „Entschuldige, liebes Kind, aber laut Gesetz hast du kein Recht, fremde Koffer zu durchsuchen." ,stgch kenne die Gesetze, nicht; ich weiß, daß meine Brosche verschwunden ist, rnrd ich werde meine Brosche finden, und du kümmere dich um deine Sachen." Dcr Mann seufzte, aß und schwieg. Maschenjka kam in ihr Zimmer, legte sich aufs Bett, sie schämte sich nickst mehr, sie halle nur einen Wunsch, dieser Frau, die ne so'gekränkt hatte, eilt paar Maulschellen zu geben. Sie dachte, wie gut es wäre, reich zu fehl, dann könntet sie eine teure Brosche kaufen, diese Brosche der S s a B B E Bl BBBMfälBWBBlnlBWfflWWWBBffl IV! fcTl Pie mne&nc LÜJ Ktasstter - Angabe | auf holzfreiem Papier, in elegantem [I] Seidenleinenband mit reicher [sj Goldprägung @ MmmoM mmz? S 5.— ® B Büchner, herausgegeben und eingeleitet von [h] Arnold Zweig in einem Band Cervantes, herausgegeben von Max Krell L5J in drei Bänden [a] Hauff, herausgegeben von C. G. v, Maassen r=j in fünf Bänden U®1 Heine, herausgegeben von Rudolf Frank jn] in zehn Bänden }=j Hoffmann, E. T. A., herausgegeben von Rudolf I5J Frank in elf Bänden [ja] Kleist, herausgegeben von Arnold Zweig in r—j vier Bänden l~l Novalis, herausgegeben von Ernst Kamnitzer fafl in vier Bänden r—i Schiller, herausgegeben von Alexander Gleichen- L~1 Rußwurm in vierzehn Bänden [ä] L®J l£.; [H ä [b M m ifzü n» m {R&tiemiMKm&twe&ffiai SS2. E B B iffll Hausfrau ins Ge sich! werfen... oder wir schön wäre es, nsenn die Hausfrau ihr Hab imD (tzul bcrloreu hätte, eine Bettlerin geworden wäre, rmd daß sie ihr auf der sttzasse ein 'Almosen schenken könnte. Aber das waren alles Träume. Zn Wirklichkeit blieb ihr nichts übrig, als aas Hans zu verlasse». Es tat. ihr weh, den Posten zu verlassen, zu den Eltern in die Provinz zu fahren, aber was Hunne map tun? Maschenjka wollte weder die Hausfrau noch ihr Zimmer sehen, sie sprang rasch vom Beti aus und begann nmwü ihre Sachen zu packen. „Darf man cintrcten?" ertönte plötzlich hinter der Tnr 'die Stinnne des .Hausherrn. „Bille!" Er trat ein, blieb ans der Zeh.welle stehen, seine stlugen real eit verschwommen, die rote .Nasesteuchtete. „Was ist denn das?" fragt e er und zeigte auf Heu storb. „Zel; packe mente Sachen, verzeihen Sie, aber ich kann keine Stunde länger in einem Hanse bleiben, wo inan mich . . . Diese Haus-airchluchung lull int:!;, schwer gekränkt nick beleidigt." „Das begreife ich . . .. aber das ist-. . . was haben 3iiC davon, man hat ja nichts in Ihrem Zintmerchen.gefunden, also rvozu?" tMascha packle schweigend weiter. Der 'Hausherr zupstc seinen Schnurrbart und sagte: „Hm . . . gewiß, ieh begreife altes, aber man. muß auch nachsichtig st'iit, ineine (stattin iß eine, nervöse Frau, 'man darf sie nicht so 'streng beurteilen . . ." Biascha schN'ieg. „Wenn Sie. .schon'beleidigt sind," fuhr der .Hausherr fort, „so bin ick) bereit, mich stör -Ihnen zu entschuldigen, bitte." Bstrscha antwortete nicht, neigte noch tiefer ihr Köpfchen über den Korb. Dieser Mann spielte im Hause, -gar keine Rolle, >vas halle sie von seiner Entschnldignug. „Hm, Sie schweigen, Las genügt Ihnen nicht, ich entschuldige auch mehre Frau, sie ckM taktlos gehandelt." Er ging i'm Zimiuer .auf und ab und bemerkte nach einer Weile: „Wollen Sie, daß auch imch das Gewissen plagt?" „Gnädiger Herr," sagte Pie Gouvernante, „ich weiß/ das; Sie in der Affäre nnsrhuldig sind, wozu sollen Sie sich quälen?" „Gewiß, aber dennoch, liebes Fraulein, bleiben Sie bei uns, fahren Sie nickst 'fort . . ." Das iNüdchen machte eine verneinende 'Bewegung. 'Der Hausl.ierr blieb beim Fettster stehen, "trommelte nervös: „Für mich sind derartige ÄLißverßändnisse eine Qual", sagte er nach einer Panse. „Soll ich vor Ihnen, aus die Knie fallen? kNau hat Ihren Stolz beleidigt, Sie ljaben geweint, ivollen fort, aber ich habe meinen. Stolz imd Sick habet: t'ciu Mitleid mit mir, ober wollen Sie, daß ich Ihnen das sage, was ich nicht einncal bei der Beichte sagen werde, tvollen Sie, daß ich Ihnen das gestehe, was ich feinem beichten werde?" Maschenjka schwieg. „Ich habe meiner Frai: die Brosche genommet:," sagte -er rasch, „sind Sie jetzt befriedigt? Ja, ich habe sie geuoimneti. Ich rechne bestimmt mit Ihvrr Berschwiegenheit, um Gottes willen, sagen'Sie keinem Mensch-en ein Wort." Maschenjka schaute, ihn erstaunt 'und erschreckt an, dann packte sie ihre Sachen, warf sie nervös in -den Korb. Rach dieser Beichte kannst sie keine Sekunde, mehr in diesem Hanse Mctb-eit. „Sifl brauchen mich nicht so erstaunt anzusch-auen," bemerkte der .Hausherr, „eine gewöhnliche (beschichte, ich brauche Geld und sie gibt mir keines. Dieses Heus und alles, was ich habe, hat mein Vater erworben, und die Brosche hat meiner Mutter gehört, sie hat mir alles tveggenomnten! Icltarnt doch nickst meine. Frau vor Gericht verklagen< ich bitte Sie, bleiben Sie! Tont contpcnbre,- tont pardonner. Bleiben Sie?" „Nein!" sagte in energischem'Tone?Naschet:jka, „bitte verlassen Sie mich." „llsott mil Ihnen", erwiderte, 'seufzend Der Hausherr und setzte sich ans -eilten Korb. „Ich liebe diejenigen, die sich noch beleidigt fühlen kvimeit. Ich könnte, 'stundenlcnrg sitzen mid Ihr empörtes (stesichtchen arrschancm. Also, Sie bleibe:: nickst, ich begreife es. So muß es sein, gewiß,- Sie habet: es gut, aber ich, ich darf ke.itten Schritt ans diesem Krrl'er hinaus. Ans jeden: von unseren Gütern sitzt so ein Vertranter der Frau. Mau. darf keine'Fische fangen, nicht, ins Gras gehe::, feilt Sb st nehmen . . „Nikolai!" etstöule aus dem Salon die Slimme. der Frau. „Bisa, holen Sie den Herrn." „Also, Sie bleiben nicht," fragte, aus der Schwell« stehend der Hausherr, „bleiben 'Sie, ich, werde am Abend zu Ihnen louittieu, mir'Werben, ein wenig plauschen, bleib«! Sie, wenn Sie sorlgehen, bit: ich ganz und.gar der Frau ansgeliesert, das iß schrecklich." Mascha schüttelte tmnenb den Kops und er verließ ihr Iimmer. Eine Stunde später saß sie bereits im Weggon ,w»b fahr in sie kleine -Provinzitadt zu. ihren Ellern.

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