Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3056 (2.9.1927)
- Date
- 1927-09-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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1 -s ■ \ 3, i,?J , *'■ 1 s 's! f’ Hi I: J] li ' ff, ' 'Seite 2" Wien, Freitag Wiener Morgenzerrung Der XT. ZionlstenhongreS i r .. rin.»'mm uii f .... , ..mmimiimrn Wchmams Eröffnungsrede. Die Ansprache des britischen Vertreters. Wir tragen hier den brieflichen Bericht Liber die Eröffnungssitzung des 15. Zionistenkongresses nach. Der große Saal der Baseler Mustermesse rvar schon feit Lagen ausvcekauft. Etwa 1300 Gäste waren, in Basel eingetrosscn, von denen viele eine weite Reise zurückgelegt hatten, um am Kongreß tcilnchmen zu lvi'- Schon um 7 Uhr abends 'war der Enal überfüllt, vor dem Gebäude standen Hunderte von Menschen, die Zutritt finden wollten. Phantastische Preise wnrdcn für Kartei: angcboten. Die vorderen Logen waren fiir das diplomatische Korps reserviert. Sämtliche Vertreter der auswärtigen Staaten waren erschienen, und auch der Völlevbund!var durch Herrn Newman offiziell vertreten. We Gäste und Delegierte trugen Festkleidung.' Als nach 8 Uhr abends das traditionelle Hammerzeichen ertönte, trat tiefe Stille ein. Dann betrat, von Weizmann geführt, die Exekutive und das Aktionskomitee die Estrade. Der BogrüßungsapplauS rauscht durch den Saal. Ms wieder Ruhe ist, beginnt Weizmann seine Eröffnungsrede. Sie dauertetwa eine ha'lbe Stunde. Weizmann sagt: „Raum und Zeit verknüpfen in bodoutsam symbolischer Weise diese Zusammenkunft mit dem Beginn unserer Bewegung. Vor drei vollen Jahrzehnten begann hier eine Epoche der jüdischen Geischichte, hier setzte das jüdische Volk den Grenzstein des Galuth. Und der Name dieser Stadt wurde für ewige Zeiten in diese neue Geschichte eingeführt durch zwei Schöpfungen: den ersten Baseler Kongreß rmd das Baseler Programm, Begriffe, die eine so unzerstörbare Verbindung von Namen und Sinn darstellen, wie jener dritte, der sich ihnen viel später gesellte: die Bakfour- Deklaration. Und nun, da aus dieser Erklärung die Wirklichkeit des Erez Israel von heute geworden ist, finden wir uns wieder an der Stätte zusammen, von der aus wir vor drei Jahrzehnten unseren Weg in das neue Leben bahnten. Wir vereinen uns im Schatten des Genius, der diesen Kongreß geschaffen hat im Gedächtnis Theodor Herzls, von dem gerade hier kostbare Erinnerung und eine fast legendär gewordene Tradition so viel zu erzählen wissen. Nichts auch scheint angemessener, als von solcher Stelle aus Rückschau und Umschau zu halten. In der Zeitspanne einer Generation hat eine tiefe historische Wandlung das Wesen und die Lage des jüdischen Voltes in seiner Gesamtheit umgestaltet, eine Wandlung, die unmittelbar oder mittelbar durch die Arbeit der Zionistischen Organisation bewirkt worden ist. Unsere Bewegung, geschaffen von einer Minderheit im jüdischen Volk, die Erfahrung weder in 'der Sphäre der Politik, noch im Bereiche moderner Kolonisation 'besaß,. sieht jetzt nach drei Jahrzehnten auf zwei grundlegende Leistungen zurück: sie schuf die Elemente eines jüdischen Gemeintvesens -md sie normalisierte die Haltung der Welt zur Judenfrage. Diese beiden Wirkungen sind nicht voneinander zu sondern, sie ergänzen, und verstärken einander: daß das jüdische Volk irr Palästina seine natürliche Schaffenskraft erwies, hals den Aspekt der Judenfrage für die Welt völlig zu wandeln; und daß die Welt lernte, das jüdische Volk anders zu sehen, gab uns immer erhöhten Ansporn, zu schöpferischer Tat. Wer immer unvoreingenommen das zionistische Werk in Palästina betrachtete, konnte sich seiner Bedeutsamkeit nicht verschließen. Rahmen und Grundlage einer organisch wachsenden Heim?» stätte wurde geschaffen. Bruchstücke des jüdischen Volkes wurden nach Erez Israel gebrächt, um allmählich zu einer wirtschaftlichen und geistiger: E i n h e i t zu verschmelzen. Nur zu oft hat uns der übermächtig wirkende Drang nach Palästina die Freiheit des Handelns genommen, während es im Lande selbst mannigfacher Versuche bedurfte, bevor eine Anpassung des Einzelnen und der Gruppen an das Ganze erfolgen konnte. Dennoch -— in seiner Gesamtheit betrachtet — war das jüdische Werk in Palästina, wie es wuchs und sich gestaltete, so, daß es die Aufmerksamkeit und die Achtung der Welt erzwang. Es gibt kaum einen unter den wirklichen Sachkennern, die Palästina besucht haben, der verfehlt hätte,, seine A nerkennung — nicht selten tvac es Bewunderung —.auszudrückei: für das, was die Juden an neuen Tatsachen und Werten geschaffen haben. So haben zionistische Idee und zionistisches Aufbauwerk in Erez Israel eine tiefe und entscheidende Aenderung in der Einstellung der Welt zur Judenfrage bewirkt. Das jüdische Problem von heute ist nicht mehr dasselbe, was es vor einer Generation war. Die gespenstischen Nebel um die Judensrage sind zerstoben. Nicht langer betrachtet die Welt das jüdische Problem als ein peinliches Rätsel, ohne A u s s i ch t auf Lösung. Sie hat zu verstehen begormen, daß für dieses Probten: eine natürliche Lösung gesm:den werden kann und muß. Das entscheidende Ereignis lvar der Wille, die Judensrage in ihrem wahren Wesen zu erkennen und aus dieser Wahrheit Konsequenzen zu ziehen. Dadurch ist das Judentum zur Aktivität erwacht und zu politischem Handeln reif geworden. Die nüchterne, vernünftige Ueberlegung vermochte zu zeigen, daß die Judenfrage eine nationale Frage ist. Ein Volk, das gewaltsam von den: Boden seiner Heimat getrennt wurde, das kein natürliches nationales Zentrum hatte, mutzte sich zur Selbsthilfe organisieren, um den Boden für feine Wurzeln wieder zu gewinnen. Dies ist, auf die schlichteste Fornrel gebracht, das Wesen der gewaltigen Umwälzung, die die Stellung des jüdischen Volkes in der Welt durch den Zionismus erfahren hat. Wie die Welt schließlich auf diese unsere Entschlossenheit reagiert hat, wissen wir aus den Ereignissen der letzten zehn Jahre. Die äußeren Etappen dieser Entwicklung sind die Balfour-Deklaration, der Beschluß von San Remo, die Zustimmung der großen Regierungen der Welt, die G c s etzw erdung d o s M a n d a t e S, das die Balfour-Deklaration in sich faßt. Die Balsour--Deklaration hat zum Mandat, geführt und von La zur Schaffung jener stabilen politischen Bedingungen, die unentbehrliche Voraussetzung für unser Werk sind. Die jüdische Welt hat mit Freude und Vertrauen die bedeutsame Tatsache begrüßt, daß Großbritannien mit der Uübernähme des Palästinamandates betraut wurde. Was wir seit jenem Moment in Palästina geschaffen halben, hat bewirkt, daß das gegenseitige Dorstäuimis ständig znnahm und daß engere Beziehungen zwischen den Bestrebungen der Zionisten und den Problemen und Schwierigkeiten hergestellt wurden, denen sich die Manbatarmacht gegenübersieht. Mit jedem' Vor4värtsschreiten unserer Arbeit verüeft sich dieses Verständnis. Und so festigt sich-unsere politische Stellung nicht nur gegenüber den -unmittelbar mit uns in Berührung kommenden Regrerungsorganen, sondern auch — was in einem so demokratischen Lande von größter; Bedeutung ist —- in der öffentlichen Meinung des englischen Volkes. Und. auch in den anderen Ländern, habe:: wir wichtige, Positionen in der öffentlichen Meinung gewonnen. Zwar hat uns das Palästinamandat politisch noch nicht alles gegeben, was wir wünschen, nicht alles, was wir zn erwarten berechtigt sind, anch nicht alles, was sein Inhalt wirklich umfaßt. Aber es hat die Tore weit geöffnet zu imbehinderter Tätigkeit, und es hat einen Zustand geschaffen, bei dem unsere politische Position wachse:: muß und wird, im Verhältnis zur, wachsender: Entwicklung unseres Gemeinwesens. ES hat uns im - vollen Sinne zu Herren n nseres erg ttt-ton. G e s ch i ckes g e u: a ch t, p o l i t i s ch w: e s o zu. all; w a s w i r s ü e n, w o r d e-n w.i r e-rwte n. Dies -War das Ergebnis nach außen von dreißig Jahren Zionistischer Arbeit. Vor allem aber bedeutete der Zionismus eine innerliche Revolution des jüdischen Volkes selbst. Dem atomifierten, haltlosen Volke war plötzlich der Schlüssel zu seinem eigenen Schicksal in die Hände gegeben. Der Lebenswille des. Volkes, zurückgedrär:gt und entmutigt durch vielhundertjährige Knechtschaft, richtet sich aus in einer großen, neuen Hoffnung. Das Bewußtsein, eine nationale Aufgabe zu haben, verlieh dem Volke die beinahe verloren gegangene. Würde wieder. Was durch Jahrhunderte geschlummert hatte, brach wie aus unterirdischen Schleusen mit der elementaren Macht eines reißenden Stromes hervor. D e r- Z i o n i smu S war die innerliche Befreiung des I u» dentums vor seiner äußeren Freiwerdung. Der Sinn unseres Lebens und Leidens war wieder offenbar geworden. Aber nicht allein die neu gewonnene, erleuchtende Erkenntnis von: Wesen der Judenfrage, nicht; der Wille, unser Geschick als Volk wieder selbst in die Hand zu nehmen, nicht dies bloß hat die große Wandlung bewirkt? sondern die Arbeit, die hingebungsvolle un'» > bescheidene Arbeit im Dienste dieses Ideals selbst lvar es, die uns zu anderen Menschen gemacht hat. Der Zionismus war nicht dazu bestimmt, uns das Leben leichter oder annehmlicher zu machen^ Wem: es je eine Aufgabe gegeben hat, vor die die Gottheit Schweiß und Blut gestellt hat, so ist es unsere. Wir loußtcn, daß es für urrjlere Generation kein Rasten und kein Rühen geben kann, denn der Weg, den wir böschrjtten hatten, war weit und dornenvoll. Aber wir alle, die Repräsentanten des jüdischen Volkes, die in dieser Stadt vor dreißig Jahren sich legitimiert erachtet haben, in seinem Namen zu sprechen und seine Ansprüche zu verkünden, wir haben mit Freude und Enthusiasmus dieses persönliche Schicksal der Ruhelosigkeit auf uns ge-> nommen, um die Ruhelosigkeit und Heimatlosigkeit desjüdifchenMolkeS zu beenden. Aber nicht nur in: zionistischen Menschen vollzog sich solche Wandlung, -weü ü d c r d i e G r e n z e n u n s e r e r Be au ii ft hinaus hat die Erneuerung des Judentu ne M U'g ausgeübt. Das Versteckenspiel, die Erbsch. unsere'.' Ghetto-Daseins, die Schmu, sich als J,ude zu bekennen, die Vernachlässigung aller jüdischen Werte ha< allmählich nachgelassen. Der Zionismus — und das ist vielleicht fcUt Größtes — hat dem Judentum einen neuen Wertbegriff gegeben. Freilich, dreißig Jahre sind eine kurze Zeit in der Geschichte eines Volkes, insbesondere eines so alten und schicksalsreichen VoMes wie des unseren. In solcher Frist kann die Verwirklichung einer Idee, nicht vollendet werden. Aber heute stehen, wir mitten in der schaffenden Arbeit, lo :r bauen bereits jenes nationale Heim, das im Baseler Programm als das Ziel der zionistischen Bewegung bezeichnet wurde. Was einst als phantastischer Traum erschien, gestaltet sich in unseren Tagen zu historischer Wirklichkeit. Und diese Wirklichkeit ist so stark, daß kein Teil der jüdischen Welt, in dem -noch jüdisches Gesi'chl lebendig ist, heute teilnahmslos an ihr vorübevgeht. Unter den verschiedensten Formen und den mannigfaltigsten Namen zieht Erez Israel alle gutgesinnten Elemente des jüdischen Volkes in seinen Bannkreis. Von der werdenden jüdischen Heimstätte geht eine vereinigende zentripetale Kraft aus, die auf einer höheren Stufe, als es die Erkenntnis vermochte, die auseinandergerisswLN Teile des Judentums zffammensührt. Das ist eine Tatsache von tiefgreifender, vielleicht entscheid dender Bedeutung. Denn uns liegt ob, die gesammelte nationale Kraft auf Erez Israel zu konzentrieren. Und jg wuchtiger sich der dem Außenstehend en fast unowkil ä vl rche j.ü <d i s-che Leben s w iIle, je bewußter sich um s er z i on i stüs ch-er Aufbau-Wille geltend macht, desto stärker wird d: e A n z i -e hu ng s kraf 1 sein, die vom lebendigen jüdischen Palästina ausgcht. Wir stehen heute mitten -m der Arbeit des Ausbaues. Es ist schwer, in einem Rückblick, der eine historische Würdigung gäben will, das Aus und Nieder dieser stetigen Entwicklung zu charakterisieren. Ein Aufbauwerk, eine Kolonisation wir die unsere, macht verschiedene Phasen durch. Unser Werk ist heute bereits «ungeordnet in die Zusammenhänge der realen Welt, es steht in dauernder Wechselwirkung mit vielen Tatsachen, die von uns abhängig sind und die m:s oft überrennen. Muß es ausgesprochen werden, daß wir selbst oft nicht mit allen Einzelheiten unseres eigenen Werkes zufrieden sind?! Eine nur allzu begreifliche Ungedüld ist vor allem unzufrieden mit dem Tempo unseres Fortschrittes. Denn uns treibt auch mit grausamer Gewalt das Bewußtsein von de r k'-r r t is ch e n La g e H u n de rt tausender u n s e- - re r Br ü de r, für die in dem Gebäude der übrigen Welt kein Raum zu sein scheint, zu schnellen Taten. Aber diese Disproportion Zwischen unserem Wollen und Müssen und -unserem Können darf uns doch nicht zu einer Unterschätzung unserer bisherigen Leistung führen-. Wenn wir alle Umstände berücksichtigen, wenn wir bedenken, in welcher Zeit, mit welchem Volk, in welchem Land und unter welchen Bedingung gen unsere Arbeit vor sich gehen mußte, so können wir ohm Ueberhebung sagen, daß das, was der Zionismus nach dreißig Jahren seines Bestandes vollbracht hat, einzig dasteht in der jüdischen Geschichte. Und.wenn sich von Zeit zu Zeit besondere Schwierigkeiten aüMrmeu, die wir Krisen nennen, wenn wir infolge des Zusammentreffens einer Reihe von ungünstigen Momenten Rückschläge erleiden, so darf und wird uns das nicht aus dem Gleichgewicht bringen. Gerade im gegenwärtigen Mom entist.U'Nserganzes Denk en und Sorg-e n aufgerührtdur che :ne solche Kri.se. Es wäre - unklug, ihre - Schwere. zu .unterschätzen, aber es tväre gefährlich, sie zu übertreiben. Wir haben das Vertrauen; dieFundamenteunseresBauessind fest genug, ihr standzuhalten. Wir werden unsere äußersten Kräfte anspannen, die Krise zu überwinden, aber unser zionistischer Wille wird für keinen Augenblick entmutigt. Was wir jetzt erfahren, hat aber auch sxine Lehr« in sich — und solche Lehre ist vielleicht nicht zu teuer erkauft. Der Kongreß darf'das jüdische Volk innerhalb und außerhalb Palästinas nicht darüber im Zweifel lassen, -daß er diese Lehre gezogen hat. An dem ersten Tage, als wir uns vor dreißig Jahren zusammensanden, Haben wir klar verkündet, daß wir mit einer Botschaft des Friedens in unsere alte Heimat zurückkehren wollen. Dem sind wir treu geblieben. So wie unser Nationalismus im Innen: nicht leere Uehevhebnng, sondern daS Bekenntnis zur geistigen und kulturellen Witrzel unseres SeinS, Besinnung auf uns selbst bedeutet, so sind anch die konkreten Answirknugen imforer nationalen Bewegung keine agressiven Aktionen 800«: andere Völker, sondern nnfvanende Tat«:: die Schaffttng einer krtlturellen und ökonomischen Wirklichkeit, die die BasiS vineS höher gerichteten Daseins bilden so«. ^-JnMesen-letzten Jahren, den Jchrew-LerMufbauarbe^r-tzs