Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3053 (30.8.1927)
- Date
- 1927-08-30
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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'Seite 2 Wien, Dienstag Wiener Morgenzeitung A0, August 1SLS Rr». SOLL Der XV. Zionisienkon^reß. Sie Lagesordnim«. erste MV zweite Sitzung. 1. Sitzung. Die ns tag, dem 30. Au g u st, 8 Uch-r a«bends. 1. Erösfnurrg des Kongresses durch! den Präsidenten brr Zionistischen Organisation, Dr. CH. Wetz mann. 2. GöffnungAanfprach^ des Präsidenten der Zionistische Exekutive, Herrn N. Sv-kw-low. 3. Begrüßungen. 1. Wahl des Präsidiums. 5. Gedenkrede auf Nchad-Haam von Dr. Martin B u b e r. Um. halb 11 Uhr abends tritt der Permane^ausfchuß zu seiner konstituierenden Sitzung zusammen. 2. Sitzung. Mittwoch, den 31. Aug ust, halb 10 Uhr vormittags bishalb2Uhrnachmittags. 6. Entgegennahme des Berichtes des Kongreßgerichtes über die Kongreßwahlen. Berichterstatter: Vorsitzender des Kongreßgcrichtes, Rechtsanwalt S. Gronemann. 7. Unterbreitung des Berichtes der Exekutive und Darlegung der zukünftigen Politik durch die Herren Dr. Ch. W cizmanu und N. Svkvlow. 8. Eröffnung der Generaldebatte. Am Mittwoch wird der Kongreß in feierlicher Sitzung der Toten gedenken. Der Donnerstagvor - mittag ist der Erinnerung an die Eröffnung des ersten Kongresses im Stadtkasino zu Basel geividmet. Am Nachmittag treten alle Ausschüsse zur Entgegennahme der Referate zusammen. Marti» Bader — Kongrebdelegierier der „Hitachduth". Aus Ba s e l wird uns geschrieben: Martin B u b e r ist auf der Weltliste der Hitachduth als Kongreßdelegiert, r gewählt worden. llvbergeßkiche Lase. CrimervM» an den ersten Slonistenkmgretz zu Sasel. Bon Dr. David Sllcalay (Belgrad). Herzls bahnbrechendes Werk „Der Judenstaat" hatte allen Zionfreunden und darüber hinaus dem national fühlenden Juden, deren Repräsentanz die akademisch: Jugend war, ein neues Arbeitsfeld geschaffen, urtd der im Jahre 1897 nach Basel einberusene erste Zionistenkongreß wurde von ihnen als die Basis für weitere zionistische Arbeit erkannt und begrüßt. Dennoch bin ich damals mit gemischten Gefühlen nach Basel gekommen. Freude uno Hoffnung anf Erfolg stritten mit Tragendem Zweifel und'drückender Ungewißheit um'die Oberhand. Man weiß ja, wie furchtbar damals der poiitifche Zionismus von viele?! einflußreichen Juden bekämpft wurde und daß sich diese Gegnerschaft — muß man erst an den beschämenden Protests der Münchener Kultusgemrinde erinnern? — auch auf die Abhaltung des Zionistenkongresses übertrug. Ueberdies war ja die Idee des politischen Zionismus noch gar nicht in die jüdischen Massen gerungen und die Abhaltung eines jüdischen Weltkongresses vor aller Oeffentlichkeit war ein unerhörtes Novum in der Geschichte. Aber poch vor der Eröffnungssitzung, gleich bei der Begegnung mit anderen Kongreßteilnehmern, schwand jeder Zweifel an dem Erfolg. Unbeschreiblich erquickend war der Anblick der strahlenden Gesichter der Teilnehmer, die Rührung, Brüdem aus allen Tellen der Welt die Hand schütteln zu dürfen, vereinigt durch den nämlichen heißen Wunsch: die Erlösung, Gesundung des jüdischen Volkes, die Wiederaufrichtung seiner Würde. Dieser erste Kongreß war — wenn ich inich so ausdrücken darf — ein Babel int aktiven Sinne des Wortes, ein Babel, das die Juden nicht zersplittern, sondern zusammenbringen wollte. Man kannte ja einander so wenig und mußte einander erst verstehen lernen. Fast alle Kongreßteilnehmer gestanden zu, daß sie bloß der Klang der beiden Namen Herzl und Nordau sowie die innige Attteilnahme am Schicksal des jüdischen Volkes zmn Kongreß geführt haben. Ties war die Atmosphäre vor der Eröffnung des Kongresses beim Kennenlernen, Begrüßen 'und bei der ersten Aussprache der Kongreßteilnehmer, und man mag die Ungeduld,. die Spannung ermessen, in der diese freudig-erregten, begeisterten, aber; doch in der Idee noch sehr lose verbundenen Juden aus akler Welt der Eröffnungssitzung harrten. Der Eindruck dieser ersten Sitzung war überwältigend. Tief eingewurzelt im Herzen eines jeden Teilnehmers bleibt die Erinnerung an sie, und wer diesem feierlichen Me anwohnte, wird ihn nicht vergessen bis zum letzten Atemzug. Ter äußere Eindruck: Die majestätische Erscheinung Herzls, diese imposante Gestalt mit dem herrlichen Antlitz, den Augen, glanzvollen Augen. Er betrat das Podium, begleitet von Nordau, Kv kesch, Marmorek, Schniere rund den übrigen engeren Mitarbeitern sowie hervorragenden Zionisten, empfangen von dem rauschenden Beifall inehrerer tausend Juden. Seim Eröfftmngsrche, ein Meisterstück der Beredsamkeit und ein politisches Dokument. Diann die unvergeßliche Rede Max Nordaus, jedes Wort ein heroischer (kein jämmerlicher) Schrei aus dem wunden Herren des verfolgten, seiner Würde beraubten Müschen Volkes; die Kongreßbegrüßung seitens (er schweizerischen Behörden nnd durch Männer wie Henry Du na nt, den Begründer des Roten Zkrcnzes, Reverend .Hechler und viele andere. Und die Arbeit des Kongresses nach dieser historischen Eröffmmgssihung konnte jeden Teilnehmer vollauf befrittngen; die Festlegung des zionistischen Prograimns in jene geradezu granitene Formel und die Festsetzung der Mitte, durch rvelche dieses Programm verwirklicht werden soll. Das politische Programm wurde die Grundlage für die Erlangung der Balfour-Deklaration, das durchberatene Organisationsstatnt die Zelle für die große, iveltumfassendc zionistische Organisation. Aber der Grundstein für eine andere, sehr wichtige zionistische Einrichtung wurde nicht in den Kongreßberatungen, sondern eines Tages bei einem gemeinschaftlichen Mittagessen gelegt. Da verbreitete ein ehrwürdiger Grtzis, Professor Schapira, eine kleine Drucksorte'unter den Tischgästen. Dieser Zettel enthielt seinen Vorschlag zur Gründung des jüdischen Nationalfonds. Der Zettel wurde 'vorgelesen, sehr beifällig ausgenommen, aber es ahnte wohl keiner, daß aus diesem Vorschlag eine von allen Juden heiß geliebte Institution erwachsen würde, der '(erst am vierten Zionistenkongreß beschlossene) Keren Kajemeth, der den Boden Erez Israels als Eigentum des jüdischen Volkes auslöst Ich kann diese bescheidenen Erinnerungen an das große Glück, Zeuge des ersten Zionistenkottgresses gewesen zu sein, nur mit einer Festschllung schließen, die seine Wirkungen auf uns am besten kemr-'snchnet: Als Galuth-Menschen waren wir nach Basel gegangen, als innerlich freie Juden, auf den: Wege nach Zion begriffen, gingen wir ans dem ersten Baseler Kongreß hervor. Kerrl, 'i fj-. ' Büste Von Alexander Jari., . Zer Ausbau Palästinas. Ein Interview mit Sir Alfred Mond. Als Sir Alfred Mond vor einigen Jahren der Zionistischen Organisatton beitrat, betrachteten dies Dr. Meizmann und andere führende Zionisten , als einen der größten Gewinne für den Zionismus. Sir Alfred Monds Einfluß und Interesse ermöglichten die Gründung der „Palestine Economic Council" in Amerika, beides Institutionen für Nichtzionisten, die bereit sind, am wirtschaftlichen Ausbau Palästinas nntzuarbeiten. Erinnert sei auch an seine kürzlich erfolgte Wahl als Vorsitzender der Weizmanu-Marshall-Kommission, die eben ihre Untersuchungen in Palästina vornimmt. In einem Interview äußerte sich Sir Alfred Wer die Arbeit der Expertonkonrmission, die zurzeit unter der Leitung von Dr. Lee K. Frankel in Palästina tätig ist, und über die Lage in Palästina. Als von einem hervorragenden Wirrschaftsführer und Staatsmann stammend, Häven die Aeußerungen von Hir Alfred besondere Bedeutung. Er «Märte u.a.r Mit der Lage Palästinas bin ich gut vertraut. Die größte Schwierigkeit liegt im K r e >d i t m a n g e l, der das Wachstum und die Entwicklung behindert. Palästina ist wohlhabend, doch zirkuliert das Kapital nicht und kann deshalb weder Arbeit liefern, noch Gewinne schaffen. In England nnd Amerika zum Beispiel brascht einer nur 20 Prozent der Totalkvsten antzubringen, wenn er ein Haus bauen will. Die anderen 80 Prozent kann er sich leihen und langsam zurückzahlen und diesen Betrag für andere geschäftliche Zwecke verwenden. Dagegen ist es in Palästina außerordentlich schwer, Hypotheken z u schassen. Ist dies überhaupt möglich, so muß man überaus hohe Zinsen dafür bczMen. So kommt es, daß viele ihr ganzes Geld allein im Hausbau investieren müssen und nicht in der Lage sind, andere Geschäfte zu betreiben und ihr Kapital durch daraus resultierende Gewinne zu vermehren. Es kann nicht Aufgabe der britischen Regierung sein, hierin Hilfe zu schaffen, da dies eine An-gelegenhell des privaten Kapitals ist. Die Leistung von Beiträgen an den Keren Hajossod ist mehr Wohltätigkeit als produktiver Aufbau. Ein Land kann aber nicht mit Wohltätigkeit aufgebaut werden. Private Initiative ist dazu notwendig. Man muß dem Lande die Möglichkeit geben, sich durch Selbsthilfe Mfzubauen. Sir Alfred kam dann auf die Ruthe nberg« Konzession zu sprechen, die sich der stärksten Unterstützung der General Electric Company der Bereinigten Staaten un>d der besten Ingenieure erfreut, an die aber die Amerikaner keinen Penny beisteuerten. Das Geld wurde in England aufgebracht und sogar viele Nichtjuden erwarben Aktien der Ruthenberg-Gesellschaft, weil sic die? als gute Kapitalanlage betrachten. Tatsache ist, daß der Ruthenbcrg-Plan bereits den Aktionären Gewinne bringt. Es bestehen mehrfache Klagen gegenüber der britischen Regierung, doch sind nicht alle begründet. Man betrachte als Illustration das Landproblem. Die Beduinen haben gewisse Ansprüche auf das Land. Wenn man ihnen dieses tvegnähme und es den Juden gäbe, würde unter den beiden Völkerschaften große Feindschaft entstehen, welche die englische Regierung nach Möglichkeit vermeiden will. Die Araber müßten für ihr Land bezahlt werden, doch wer wollte das-Geld dazu geben? Dann haben die Juden in diesem Falle kein Interesse daran. Es darf nicht vergessen werben, d a ß E n g la n b nicht bte ausgesprochene Pflicht hat, ein jüdisches Nationalheim in Palästina aufzubauen. Das ist die Ausgabe der Juden. Englands Verpflichtung m Palästina besteht hauptsächlich darin, die Administration be§ Landes zu führen und den Frieden unter den verschiedenen Völkern aufrecht zu erhalten. : Ich beurteile . die. Lqge in Palästina s e h r o p t i m i st i s ch, heute . mehr als je.. Dies ist besonders gegenüber denjenigen zu betonen, die es zu eilig haben und das ganze Wiederaufbauwerk in einem Tage verwirklicht haben wollen. Ueber 18 Hundert Jahre lang lebten die Juden in der Diaspora und während dieser 'Zeit hatte es n i e m.a n d so eilt g. Nun sind es etwa, erst sieben Jahre, seitdem wir uns von der Diaspora zu bespeien begannen, und schon sind Teile unseres Volkes -Ungeduldig. Es brauchte 60 Jahre, um die Amerikaner im Westen anzusiedeln; Kanada benötigt schon Jahrzehnte für die Verwirklichung seines Kolonifationsprogrammes und kann verhältnismäßig noch nicht einmal heute so -gute Resultate aufweisen, wie wir in Palästina. Die Juden in jedem Land, besonders'in den Vereinigten Staaten,- müssen vor allem eines in Betracht ziehen: Wir' kÄnnem ni cht ein neues Chalukäh-SysteM ist Palästina s ch aff e n. Wir müssen dem Lande helfen.- Wer unsere Hilfe muß' darin bestehen, der alten und neu hirMkomm-cn Bevölkerung zu ermöglichen, die eigenen landwirtschaftlichen und industriellen Kräfte des Landes zu entwickeln, Arbeitsmöglüchikeiten zu schaffen, die Schulen zu unterstützen und ihnen in den kommunalen, Einrichtungen beizustehen. Ob die Expertenkommission nach dieser Richtung hin arbeitet, kann ich heute noch nicht sagen, da wir ihr keine diesbezüglichen Instruktionen erteilt haben. Ende September wird diese Kommisiion ihre Arbeit abgeschlossen haben, worauf wir in die Diskussion ihrer Feststellung Vorschläge eintreten werden können. Ich glaube, daß wir den Expertenbericht nicht vor November oder Dezember veröffentlichen werden. eine sranMsch.lmlWnenslsche Handel», kammer. Unter Mitwirkung der Gesellschaft France -- Paleftin» wurde in Paris eine fvNlzösisch-palästtnensifche Handelskammer gegründet, deren Ziel eS ist, wirtschaftliche und geistige Beziehungen zwischen Frankreich, seinen Kolonien und Mandats länderneinerseits und Palästina anderseits anzubahnen und zu pflegen. Den Ehrenvorfitz in der GrüWungsversammlung 'führte der Präsident der Pariser Internationalen H-mbelskammer, Wenn« Clenrontel; die Verhandlungen leitete der Präsident der Gesellschaft Frauce-Palestitte, Justin G^o-Kard. Dem Komitee der Handelskamnrer gehören an: Justin Go darb (Vorsitzender), Georges Philippa r von der Cie des Messageries maritimes (VizepräsLent), Bankier Saul Amar (zweiter Vizepräsident), Ing. Werve Fribourg (Schatzmeister), ferner Andre Baur, General G eisma r, Mrurice A j a m, Alex B l u m e n t -ha l, Louis Dausset, «Avon Dalbos, «Dr. Viktor JercobseNj Werre Millv, Jsaac Nackditsch, Rvger Wieard unb Francois Rvstojer. Dem juristischen Beirat gehören an die Advokaten Fernand Cor cos, Leonoe Bernhenn und Raymond Lindon. Das französische Konsulat in Palästina ließ Mitteilen, daß es sich um die Gründung c: er analogen Handelskammer in. Jerusalem und Jaffa bemüht und bereit sei, alle gewünschten Auskünfte zu evteilen.