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Wiener Morgenzeitung · 1927-08-26 · Heft 3049 (26.8.1927) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3049 (26.8.1927)
Date
1927-08-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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HolenIHosry! \Vien: Zum Abholen indei Kxpeditioh, ll., Taborstr. 1-9 )der in einerVerachleißatelle Trafik) monatl.6 Schilling itraßenverkauf in Wien larch die Kolporteure der Firma Goldschmied. I.. Wollseile 11 lit Poatversand för Wien md Oesterreich monatlich f> Schilling l'sohecho Slow akei; Ion. K 22. Jugoslawien: ilon.Din.60. Polen :Mon. > Zloty Deutschland: 'fon. Om. 4. Fr an kr e ich, Belgien: Mon. Pres. 85 N»Qhs»hlang«a b»l p»«1« irhehangan r»fbeljslton. 91t. 3049 ffiien, Freitag. 26. Auguft 1927 Wiener Morgenxeilung | Prels aO gl Englan d: Mon. 4 Schilling Italien: Monatl. 3V Lire Rumänien: Mon. 170Lc Bulgarien:Mon.lOOLewa S c hw e i 2 und das übrige Ausland monatlich Pres, b Redaktion, Administration: Wien, IL, Taborstr. 1 Telephon: 44-0-38, 43-3-19 Ab 6 Uhr abends Telephon Nr. 31-0-86 Vll., Lerchenfelderstraße 1 (Druckerei „Inva") Oesterreichisches Postsparkassenkonto Nr. 150.693 9. Jahrgang Sine Rede zur Begrüßung der interparlamentarischen Union. Paris, 26. August. Die 24. Konferenz der interparlamentarischen Union, welche heute im Sitzungssaale des Senates tn Anwesenheit von 416 Delegierten aus 37 Staaten unter dem Vorsitze des französischen Senatspräsidenten D 0 u m e r eröffnet wurde, , erhielt ihr besonderes Gepräge durch, die Begrüßungsrede dK französischen Ministerpräsidenten Po in care. Er erinnerte in seinen Ausführungen zunächst an die im Jahre 1900 ebenfalls in Paris abgehaltene Tagung der Union; seither habe die Familie der Menschheit eine -lange, grausame Prüfung überstanden und einen schauerlichen Tribut an den Tod entrichtet. Dennoch hat der Weltkrieg — fuhr Poincarc fort — dazu Leigetragcn, das Werk der geistigen Annäherung, das er unterbrochen hatte, zu fördern. Die Gefühle des Hasses, auf die er gestoßen war, sind nunmehr zu Verkündern der Eintracht' geworden, ohne daß die einzelnen Teile ihre Kraft, ihre Lebensfähigkeit oder ihre Eigenart eingebüßt hätten. . 7. Der Bestand unabhängiger, zwar aufeinander eifersüchtiger, aber nicht gegeneinander feindseliger Nationen ist eine unerläßliche Gewahr für den Fortschritt d?r Zivilisation. Keiner von uns, aus welchem Land er immer sei, würde sich damit einverstanden erklärest, nur ein W eltb ü r^ep zu" s^-^ hahen sich hier in der Hoffnung KusamnM-' die. Pflichten gegenüber ihren Landsleuten, immer mehr mit den 9t ,ö ch t e tt bet Men s.chh eit in Einklang zu bringest. \i:;■ -• Seit der Konferenz von 1900 haben Wissenschaft und Erfindungen die Entfernungen zwischen den VvKern verkürzt. Wir' begreifen immer mehr, daß es unmöglich ist, j daß ein Volk, wie mächtig es auch immer sei. für sich allein dahinlebt, in sich zurückgezogen. Wir begreifen aber auch/ daß . Gajda verhaltet? Prag, 26. August. Die Gerüchte von.der Verhaftung dreier Generä 1.e'im.Zusammenhang,mit den fascistischen Umtrieben werden Amtlich als u n r i ch t i g bezeichnet; die Generäle seien so wird begründet — in Prag nicht anwesend. In der Affäre des Ueberfalles auf die Villa des Ministerialrates Dr.. Vorei wurden heute drei weitere Verhaftungen vorgenommen. Der:Fascistenführer Gajda, dessen .Degradierung vom Disziplinarrat neuerlich bestätigt wupde, ivuvde heute zur Polizei vorgeladen; bis zum späten Abend ist er noch nicht entlassen. Abends zogen Fafcisten vor die Polizeidirektion und forderten lärmend die sofortige Freilassung Gajdas. Sie imrxden. von der Polizei zerstreut, die Einige von ihnen verhaftetes . * Gajda dürfte v 0 r ä u s s i ch t I i ch ü i s morgen früh von der Polizei fe st ge halten werden, Rn französisch-russischer Konflikt? Das . des ruMen BotschMers ln Paris. Paris, 26. August. Die politische Wochenschrift „Cri de Paris" versichert, daß im letzten Ministerrat die Rede auf ein vom russischen Botschafter in Paris, R a k 0 v - s k y, unterzeichnetes Manifest gekommen sei, in dem die ganze Welt gegen die bürgerlichen und kapitalistischen Negierungen zn den Waffen gerufen iverde. Außenminister Briänd habe, auf eine Frage erklärt, daß ein derartiges Vorgehen seitens eines in Frankreich qkkredierten Vertreters unzulässig erscheine. Das Blatt fügt hinzu, daß Briand den französischen Botschafter in Moskau, Herbette! beauftragen werde, bei der Moskauer Regierung ernste Vorstellungen zu erbeben,' und daß es sehr gut möglich sei, daß Rakvvskh zum Verlassen seines Pariser Postens gezwungen "sein werde. die gegenseitige Abhängigkeit der Volkswirtschaft ein ehernes Gesetz ist, das alle Völker in seinen Bann zwingt. Poincare schloß: Die Eintracht unter den Völkern läuft allzu oft Gefahr, durch unvorhergesehene Ereignisse, oft auch durch gefährliche Hintergedanke ngestört zu werden. Deshalb arbeiten Sie weiter daran, alles, was die Völker entzweien kann, soweit als nur möglich, zu unterdrücken und all das zu fördern, was sie einander nähert. In der Eröffnungssitzung sprachen noch der englische Delegierte sowie' der deutsche Reichstagspräsiden! Loebe. Au!f Loebes Ausführungen reflektierend, hielt in der Nachmittagssitzung der Konferenz.der französische Senator de Jouvenel, der vor kurzem durch seinen Verzicht auf das Mandat als , Vertreter Frankreichs beim Völkerbund viel von sich reden. gemacht hatte, eine aufschenerregende Rede. Er sagte unter -anderem, den Frieden müsse man organisieren, indem man an Stelle der territorialen Auffassung, welche Kriegsgefahren hevmrsbefchwören kann, die wirtschaftliche Auffassung setze. Man habe zwei Europa geschaffen, einEur 0 pades Westens, dessen Status quo; gesichert sei, und ein E u.r 0pa de- Oste ns, wo dies nicht der Fall sei. - ' Rüpers Doktrin sei: E i n Europa, e i n Friede. " "Auf die Rede Joripenelh,' diestarken Eindruck machte, dürfte in der morgen stattfindenden Sitzung Loebe oder der ehemalige Reichskanzler Wirth antworten. Heute sprachen noch ein ungarischer und ein amerikanischer Delegierter sowie der tschechoslowakische Delegierte Heller, der die Aufmerksam-kelt der Konferenz auf das Mmoritätenproblem lenkte, das im Gen-eralbericht der Konferenz übergangen worden sei. Der jugoslawsschgriechssche Nündulr. vertrag annulliert. Athen, 25. August. Die Kommission des Parlaments verwarf nach längerer Beratung einstimmig das von dem früheren Diktator Pangalos Unterzeichnete griechisch-jugoslawische Abkommen. Das Abkommen dürfte noch heute nachmittags in der Kammer zur Beratung kommen. # Die Annullierung deH griechisch-jugoslawischen Abkommens wurde der Kammer vom Außenminister Michal 0 k 0 p u l 0 s mit der Begründung vorgeschlagen, daß die Regierung Pangalos nicht legal gewesen sei und daß das Abkommen die Souveränität Griechenlands verletze. Das Abkommen, das seinerzeit nach langwierigen Verhandlungen zustande kam. besteht aus einem F r e u n d s ch a f t su n d B ü n d n i s v e r t r a g, einem Vertrag über den S ch u tz der Minderheiten, einer Verkehrskonvention, einem Nachtrag zur Konvention über eine jugoslawische Freizone im Hafen von Saloniki und einer Reihe anderer, zumeist wirtschaftlicher Konventionen. Die f iicAiscfiKe Well. Die wöchentlichen Mitteilungen des Zionistischen Landeskomitees für Oesterreich, Wie jüdische Welt», die jeden Freitag unserem Blatte beigelegt sind, werden, da sämtliche verfügbaren Kräfte des Landeskomitees gegenwärtig durch den Kongreß in Basel absorbiert sind, bis zur Beendigungdes Kongresses nicht erscheinen. Im redaktionellen Teil enthaltene entgeltliche Mitteilungen . sind durch ein vorangesetztes E gekennzeichnet. Das Recht der nationalen Minderheiten. Von Dr. Paul Schiemann. Der Abgeordnete Dr. Paul Schiemann (Riga) sprach über dieses Thema auf dem Genfer Minderheitenkongreß, über dessen Verlaus wir berichtet haben. Wir geben seine Ausführungcn, denen besondere Bedeutung zukommt, auszugsweise wieder. Unsere Bewegung ist hervorgcgangen aus der Erkenntnis des unveräußerlichen nno unschätzbaren Wertes des nationalen Bewußtseins im einzelnen Menschen und in den auf diesem Bewußtsein beruhenden Gemeinschaften. Wenn aber feit mehr als einem Jahrhundert das nationale Bewußtsein der Völker immer tiefer und immer breiter geworden ist, wenn es langsam ein Gebiet des menschlichen Zusammenlebens nach dem andern für sich in Anspruch genommen hat und seine Berücksichtigung in ihm verlangt hat, womit ganz gewiß eine Zersetzung in alte, scheinbar festgefügte Gemeinschaften getragen wurde, dann müssen wir nunmehr das Fazit der bisherigen EntwüWung ziehen und damit den Höhepunkt des nationalistischen Zeitalters als überschritten kennzeichnen. Den jahrhundertelangen Prozeß der Rechtsentwicklung, der Herausbildung eines sittlichen Grundsatzes wollen wir mit einer Rechts-' kodifikativn abschließen. Wir ivollen daher kerne Eroberungen machen. Wir wollen nicht den nationalen Gegensatz in neue Gebiete tragen, auf denen die Zusammenarbeit der iMnfchen verschiedenen Volkstums möglich und geboten erscheint. Im Gegenteil, wir müssen Mit aller Mtschiedenheit dafür eintreten, daß aus diesen GÄieten der nationale Gegensatz vertrieben werde und aufhöre, auch' nur im Unterbewußtfein eine Rolle zu spielen. In solchem Sinne sind wir also nicht etwa . Vorkämpfer des Na--, tionalismus, sondern wir sind diejenigen, die dazu berufen sind, den Nationalismus der Neuzeit in seiner ganzen Ueberhitzung auf die ruhige Temperatur eines gesunden und nur auf sich selbst gerichteten NatronalgeWls zurückzuführen. Dieser Aufgabe werden wir nicht nur in benutz wrf die nationalistischen Uebergriffe unserer MehrheitsvMer zu erfüllen haben, sondern mit ganz besonderer Energie auch in uns selbst. Bon solchen Gesichtspunkten ausgehend, fordern wir die Ueberlassung bestimmter Befugnisbereiche, die bisher der Staatsgemeinschaft zugesprochen wurde, andie Volksgemeinschaft und ziehen gleichzeitig aus den Befugnisbereichm des Staates jede Hineintragung des nationalen Momentes zurück Es bedeutet eine solche Scheidung eine Sicherung für den Staat in allen den Fällen, in denen die staatliche Gemeinschaft nicht nur auf der einzigen Gemeinschaft des Einwohnerseins beruht, sondern wo gleichzeitig eine Gemeinsamkeit der Geschichte, der Sitten und eines über die nationalen Grenzen hinausragenden; KulturbelvUßtseins vorliegt. Damit ist der national-gemischte Staat auf eine neue, feste Grundlage gestellt und die Erhaltung der staatlichen Grenzen nicht mchr auf die labile, jeder Agitation ausgesetzte Willensbestimmung aufgebaut. In diesem Gedankengang sehe ich die große Bedeutung der nationalkulturellen Autonomie, als der Lösung des heute die Welt vergiftenden Nationalitätenproblems. Ms diesem Grunde können wir.uns nie und nimmer mit einem Minoritäbenschutz als einer internationalen charitativen Fürsorge begnügen, sondern wir müssen ein Minoritätenrecht, welches die Verwaltung „ der nationalknlturellen , Belang« in unsere eigenen Hände legt, verlangen. , Der Grundsatz der Gleichbervchitigung aller Nationali- . täten wird von uns rückhaltlos und ohne jede Beschränkung anerkannt. Wir müssen das tun, nicht nur, um ehrlich zu bleiben in der von uns einmal akzeptierten Ideologie, sondern auch schon aus dem rein praktischen Grunde, daß es auch in unserer Gemeinschaft Gruppen gibt von sehr verschiedener Art. /Auch wir Deutschen haben national und kulturell geschwächte Minderheiten, die einer einigermaßen ausreichenden intelligenten FührerMcht entbehren. Auch n^ir haben sozial um» kulturell tief stehende Minderheiten. Aber wenn gerade der >Aiusdrnck „Proletarische Minderheiten" im Laufe der Diskussion so oft verirertet wird, so möchte ich doch darauf Hinweisen, daß ge- . rade die proletarische Bewegung keineswegs sich damit zufrieden gibt, einen sozialen Schutz, eine charitative Fürsorg« 0065

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