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Wiener Morgenzeitung · 1927-08-23 · Heft 3046 (23.8.1927) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3046 (23.8.1927)
Date
1927-08-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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t Seite 2 Wien, Dienstag ßrrtgleifrmg Ln Genf. — y, Wien, 23. August. Der Nationalitätenkongreß, in Genf hat mit seinen Beratungen begonnen. Er ist der dritte in d r Reihe, hat sich Lu die europäische Politik eingclebt und steht bereits auf festen Füßen. Er ist zu einer Institution ge.vorden, über die man nicht mehr hinwegg.hen mnn. Für seine Tagung hat er zich diesmal eie Woche, vor der Völkerbundsession ausgesncht und so eine direkte Fühlung zu der Körperschaft h-ergeftellt, die gebildet ivorden war, um das zu verwirklichen, rvas den Nationalitäten vor Augen schlvebt. Es ist ein Ideal mrd die Realisierung tvird noch sehr lange Zeit nicht erreicht sein. Wenn irgendwo das Wort Tat ist, so trifft dies aus diesen Kongreß zu, der sich seine Autorität selbst schafft und der kernen -anderen Zweck hat, als auszusprcchen, was ist. Der Kongreß ist ein sichtbarer Protest gegen den Haß und die Unterdrückung, gegen die Verfolgung? voll Menschengruppen wegen ihrer Sprache, ihres Glaubens, und ihrer Mkunft, gegen Gewisserlszlvang und Chauvülismus. Er vertrüt das Recht gegen die Gasse und er ist deshalb auch eine empörte Auflehnung gegen das Vergessenspielen, das sich des Völkerbundes, des Bundes der Völker, bemächtigt hat. Dieser Bund umfaßt nicht alle Völler und er strebt auch nicht danach, sie an sich zu ziehen. Insbesondere sind die Minderheiten nicht in chm vertreten; sie bleiben Stiestinder der neuen Ordnung und sie sind eingeschachtelt in einen burcaukratischen Organismus, dessen bewegendes Prinzip nicht das verletzte lMenschenrecht ist, sondern die in fanatischer Angst festgchaltene Rücksicht auf die Staatsobrigkeit. Der Völkerbund ist aus einem revolutionären; Gedanken entstanden, aber der Spiritus ist zumi Teufel und das Phlegma ist geblieben. Deshalb ist es gut, wenn er jetzt in Genf daran erinnert wird, daß es Unzufriedene gibt, mrd daß sie sich nach der Selbstbestimmung sehnen, in deren Namen der Völkerbund aufgerichtet worden ist. Will der Kongreß seinen Protest laut und eindringlich gestalten, so muh er eine Vertretung sämtlicher Minoritäten sein, im Beginne zumindest jener, die chm zustreben und ihre Beschwerden urrd Hoffnungen von seiner Tribüne aussprechen wollen. Es ist sein Ziel und muß es sein, das Zentrum aller zu werden, die durch die Entwicklung enttäuscht worden sind, die in gemeinsamer Abwehr ihre: Not bekämpfen und zu einem friedlichen Zusammenleben mit ihren Heimatgenossen gelangen wollen.. Er soll also alle Minderheiten aufnchmen, die eine positive Politik treiben wollen, und er darf keiner Minorität, insoweit sie sich mit seinen Zielen einverstanden erklärt, den Eintritt verwehren. Es wag schwierig sein, ein Verhältnis zu Gruppen zu, finden, die ihre -Frage .mit nichtpolitischen, Mitteln lösen wollen, obzwar auch hier die Bmdrmg an eine organisierte Form von Vorteil wäre. Aber der Kongreß darf nicht staa^- männrsch sein und Gruppen ablehnen, an deren gutem Willen niemand zweifeln kann. Es ist deshalb ein Mißklang, wenn noch vor Eröffnung des. Kongresses erklärt wird, daß die jüdische Minderheit ans Oesterreich und die friesische Minderheit aus Deutschland unvertreten bleiben. Es wiü> gesagt, daß das Statut dies untersagt. Wir kennen diese Bestimmungen nicht/-aber wir mißbilligen: sie. Ein Minoritätenkongreß, der Minoritäten, die zu ihm kommen, ausschließt, ist ein Unding, ein Widerspruch in sich selbst, eine Negierung der Grundsätze, auf denen er sich ausbaut. Er bestätigt das Prinzip der kompakten Mehrheit, jenes Prinzip, aus dem alles Unheil kommt und das die Schablone zu einer Weltanschauung erhebt. Welchen Wert haben Beschlüsse eines Kongresses, der nicht im Namen von Gruppen sprechen will, die ihn sporuan aufstrchen? Die natürliche Grundlage des Kongresses ist Solidarität. Und tatsächlich würde das Gewicht des Kongresses mit der Zahl der ihm Angeschlossenen wachsen. Aber der Auftakt der Beratung scheint zu signalisieren, daß er seine internationale Stellung verkennt und daß ihm Organisation wertvoller - scheint, als Bewegung. Wenn dies tatsächlich der Inhalt des Kongresses sein sollte, so würde dies nur neue schwere Enttäuschungen bedeuten und die Solidarität verhindern. Ist: dies aber, nrie wie hoffen wollen, nur eine taktische Entgleisung, dann wird es notwendig sein, ein Statut solcher Art zu «vidieren. i Der Kongreß ist Protest und zugleich Wille zu produktiver Tat. Er schwächt sich und seine Bedeutung, wenn er durch-Ausschließungen künstlich in sich eine Majorität schafft oder ängstliche Zahmheit offenbart. 8« Kongreß der gutekparlamenlarlschcn Union. Acr-ris, 22. August. Die Vorbereitungen zu den Arbeiten der 24. Konferenz der Interparlamentarischen' Union wurden heute nachmittags in den Kommissionen begonnen, und zwar sind die Kommission für das Studium der Wirtschaft und finanzieller Fragen sowie die Kommission für die Herabsetzung der Rüftunzusammengetreten. Tie folgenden beiden Tage werden ebenfalls durch Ausschußarbeiten ausgefüllt werden. Am 25. Aargu st wird der Präsident des französischen Senates, Dou-m-er, den Kongreß eröffnen. Die Tagesordnung der Interparlamentarischen Konferenz soll neben einer allgemeinen Diskussion über die politische Situation folgende Fragen umfassen: Gründung einer europäischen Zollunion, Herabsetzung der Rüstungen, Wdifikationsmethoden des internationalen Rechts und schließlich Mittel zur Bekämpfung der Ge nußgifte. Man rechnet mit einer Beteiligung von zirka 600 Delegierten. Wiener Morgenzeiturrg Maßregelung von Aeltnngeu in Syrien. F e r u s a l e nt, 22. August. (Wolfs.) -Aus Beirut wird gemeldet, daß die französische Regierung nach dem Verbot einer arabischen Tageszeitung und einer t(ftt= Inerten Wochenschrift numnehr zwei arabische Blätter für zwei Wochen, ein nxiicn’3 B'att für circ unbestimmte Zeit und e i n c f r anzösi s ch e Tageszeit u u g fi'tr einen M onat verboten hat. Ein Grrttw für diese Maßnahmen wird nicht angegeben. ‘ ein Sakenkreuzler-Sonverrug verhaftet. Be rli 7r, 22. August. Ein Sonderzug, der Teilnckhaner an der Nürnberger Bundestagung der Nationalsogialiistischen dculischen Arbeiterpavtoi von Nürnberg nach Berlin brachte, wurde heute morgens auf der Station Teltow kontrolliert. Es wurden zwei Dolche, ein feststehendes Mess er, ein To t s chläger, ein Schlagrkn-g, ein StahlLnüppel, ein Beil und eine Alarmprstole vorgefunden. Die Fahrgäste des Zuges, sämtlich Nation aliftlzialistcn, wurden Mang-Zgcistellt und zur Untersuchung auf W-afifen in den mktgeWrten Tornistern und auf Papiere, die auf eine Fortsetzung der verbotenen Ortsgruppe Grelß-GerRn der obengenannten Partei hlndeuten, dem Polizeipräsidium zugeführt. Es handelt sich.insgesamt um 435 Personen, von denen die Mitglieder Nkchtberliner Ortsgruppen wieder entlassen wurden. Die Durchsuchung nach Waffen und Papieren ist noch nicht beendet. Die Verhaftungen naiv vem 18. gurr. In einer längeren Erklärung tritt der PollzeipvLstdem Dr. S ch ober den gegen ihn von Sorte der „Arbeiter- Zeitung" erhobenen Angriffen wegen der nach den Juli-Ereignissen vorgenommenen Verhaftungen entgegen. Es wird auSgeführt, daß die Pollzei-direMo-n die PMcht habe, allen Derbrechen und Vergehen nachzuforschen, daß sie sich jedoch hiebei nicht von Rache oder Haß leiten lasse« Zwischen der Polizei und Alexander Weiß oder seinen Organen bestehe keine Verbr-ndung und insbesondere seien chm von der PolizsidiveMon keine Mitteilungen über die Unterredung zwischen dom Abgeordneten Dr, Daune- Lerg und Dr. Schwer gemacht worden. (Die „Freiheit" 'hatte et^ählt, Dr. Dcmneberg habe «dem Polizeipraßdenten für den Fall, als er vor der gemenrderäÄichen Untersuchungskommlifsion erschiene, die Uebernahme rn den kommunalen Dienst angeboten und Dr. Schober habe .ihm darauf die Tür gewiesen.' Red.) Die Mitteilung in dem Blatte 'habe Unrichig-keiten enthalten, die iht einem amtlichen Commurrique berichtigt wurden. Da e-in parlamentarischer Untersuchungsausschuß abgelehnt wurde, habe nach Ansicht des Polizeipräsidenten die Regierung darüber zu entscheiden gehabt, oö er vor dom gemeinderötlichen Ausschuß erscheinen solle. Schließlich verwahrt sich der Polizeipräsident . gegen den Vorwurf, daß er. an seinem Posten Möbtz. Dr. Schober habe nach dem Zusammenbruch der Monarchie seine Entlassung erbeten und er sei nur in seiner Stellung verblieben, nachdem u. a. Viktor Adler ihn darum ersucht habe. Seither habe der Präsident mehrfach um seine Entladung an-. gesucht, und auch jetzt liege beim Bundeskanzler Dr. Seipel ein schon seit längere m eing.e'b ra ch des Pensionicrungsgesuch. Die Erklärung Dr. Schobers schließt mit «den Worten: „Es bedarf wohl keiner Versicherung, daß. dieser Posten in der heutigen Zeit der Entartung des politischen Kampfes kein begehrenswerter ist, eine Kette von persönllichen Entsagungen sowie die Aufopferung der ganzen Persönlichkeit für den Dienst mit sich bringt mrd daß die Vorsehung, der Stelle des -Chefs der Bundespolizeibehörde in Wien bei d-e r Politischen Eeguerfchpfit zwischen Bundesregi-erung und Landeshauptmann einen übermenschlichen Nervenoerbrauch zur Folge 'hat -und überdies einen ganz außergewöhnlichen persönlichen Takt erfordert, den zu besitzen bis zum 16. Juli 1927 auch die „Arbeiter- Zeitung" dem gegenwärtigen Polizeipräsidenten abzusprechen nicht gewagt 'hat." Irmonstratiomtt arge« MrgrmMer Zeitz i« Arol. Vn unerwünschter Sonmwrgckst. Gegen Bürgermeister Seitzwurden in St.. Anto n <rm Arlberg, wo er gegenwärtig seinen Urlaub verbrintzt, Demonstrationen veranstaltet und Flugzottel vertM, in denen der „rote Bürgermeister" aufgefordert wurde, das Land Tiwl zu perlassen. Für Samstag abends war eine Katzenmusik vor dem Hotel, in welchem Bürgermeister! Svitz wohnt, geplant, doch griff die Gendarmerie rechtzeitig ein, so daß es Nur zu einer Unbedeutenden Denwnstaäion kam. Todesstrafe für Schmuggel. Moskau, 21. August. Der'Oberste Gerichtshof Kr Weißrußland hat in einem 'Prozeß gegen eine Gruppe von Zollbeamten und Kaufleuten aNSMinfk tvegen SchnruH-gelei und Beihilfe dazu^Lmf Angeklagte zum DoÄ« und mehrere 'andere zu 'Gofängmsstmsen von drei bis sieben Jahren 'verurteilt. 23. August 1927 Rr. 304$ 3n New York. Me die Pariser Blätter aus New Nork .melden, ist dort Sonntag starker Schneefall eingetreten. Ela solcher Fall hat sich um diese Jahreszeit zum erstenmal seit Menschengedenken ereignet. Stümr Im «Mül. London, 22. August. Aus allen Dellen des Landes wird heute stürmisches und nasses Wetter gemeldet, wie es seit 50 Jahren im August noch nicht 'vovgetommen ist. Im Kanal wütet nach wie vor heftiger Sturm. Alle Ueberksahrlien nach der Insel Wight sind eingestellt worden. / Wieder ei» rumänisches Munitionsdevot explodiert. ' Bukarest, 22. August. Gestern nachts ist das Mruintionsdepot Alba-Julia explodiert. Es ist dies das dritte Munrtionsdepot, das innerhalb von zwei Wochen explodiert ist. Die Eisenbahnstrecke wurde beschädigt, so daß der Zugsverkehr eingestellt ist. Die Zahl der Opfer ist noch nicht feststellbar. -Die Ursache der Explosion ist wahrscheinlich wieder verbrecherisch Die Behörden haben zur Aufdeckung der wahrscheinlichen Zusammenhätrge zwischen den einzelnen Explosionen eme Untersuchung eingeleitet. Brand im rumänischen Senat. g«r»lchtUr Archive. — WM ln Wlareit. Aus Bukarest wird gemeldet: In der Nacht auf dert 20. August brach! im Senatsgebäude ein Brand aus, welcher verhängnisvoll für die ganze Hauptstadt hätte werden können. Das Feuer griff rasch um sich und zerstörte in wenigen Minuten das oberste Stockwerk mit dem Dachstuhl. Dem Brande sind zahlreiche Archi-ve sowie verschiedene, andere Dokumente zum Opfer gefallen. Der Schaden ist sehr groß und wird auf Millöv-nen geschätzt. In der Stadt herrschte eine ungeheure Panik,, die sich erst spät nach Mitternacht legte. Menschenopfer sind nicht zu verzeichnen. Die Aushebung der Notensälscheowerkstatte in Eichgraben, in der der Jassy er Kaufmann Sisu <ST >r'll nberg und der Ma-schinentechniker Karl Weiß aus Graz die Vorbereitungen für die H e r st e l l u n g von H u n - d e r t - L e i - N o t e n getroffen hatten, ^at zu einer dritten Verhaftung geführt. Der . Photograph Jakäb A i s i c, ein Verwandter des Grünberg, , wurde in Hast genommen, da erhoben wurde, daß er in der von Grünberg erworbenen kleinen Villa in Eichgraben geweilt und eine photographische Aufnahme beider Seiten einer echten Hundert-Lei-Note gemacht hat. Die Poligei nÄnmt an, daß noch aNdvve Porsonen in die Angelegenhert verwickelt sind. Bon den bisher Verhafteten ist Grünbcvg Eigentümer einer großen Geschirrhandlung in Jassy,.wo er nach seiner Behauptung z>w ei H anse r besitzt. Cr war der Finanzier des geplanten. Fälfcherunternehmens und will nicht weniger als 50.000 SchMing für die Vorhoveitung der Notensälschnngen verausgabt haben. Nach den ausgefunbenen Vorräten an Banknotenpapier zü schließen, sollten mindestens 20.000 Stück Noten zu 100 Lei erzeugt werden, bei deren Ausgabe sich die Investitionen des Grünberg reichlich hätten lohnen können, zjmnal nach den Vorgefundenen Utensilien zu schließen, die Falsifikate wahrscheinlich von echten Noten schwer unterscheiden gewesen wären. Die Fälscherwerkfiätte in Eichgraben scheint die am besten eingerichtete -au fein, die seit Jahren ausgehoben wurde. Ser dekiebten de« Hals durchgeschuitten. Selbstmord des Täters. In-UMt«v-ÄV«K-bach bei Rotz-tchrrde Sonntag sin furchtbares Berbvejchon entdeckt. - Kon Reisenden des vovbeifahcenden fZchneltzugjeS wimrde ein junges Mädchen in einer Blutlache liegend bemerkt. Der Zug Wurde angehalten und dir Passagiers eilte» zu der UnglückSMte, wo sie ein Wädchrn mit einem S chni tt im Halse in ihrem Blute liegen sahen. Neben der Leiche saß eiu. zweijähriges Ktindi. Die sofort eingeleitewn Erhebungen tzvgabolr, daß daS Mädchen die 19jährige Therese F o r stmer war, dir mit dem Knecht Ernst Moyerh ofvr aus Klei n- Höfletn ekn Verhältnis unterhalten hatte, dem auch das jetzt zWeiMrige Mnd entsprossen war. Der Verdacht lag nahe, daß Mieyorhoftr, dor im Ort ials Gewalttäter bekanntHar, mit der Muttat im Zusammenhang stehe. Sein« Verfolgung wurde eingtleUet, doch konnte die Gendarmerie den Mörder nur mehr als Leiche außftnden. Gr hatte sich nämlich im Weinkeller seines Vaters, eines geachteten Bürgers, erhängt. Man nimmt an, daß er dein Mädchen im Verlauf eines Streitemit einem Masiarm«^s«r dm Hals durchgeschnitten habe. Di« Gchw»- ßer der Ermvrdt'tml ,'lauo gu Meyechvfc - ebenifalls in Beziehu: gen und wurde von ihm geschwängert.

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