Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3041 (18.8.1927)
- Date
- 1927-08-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3041 Men, Donnerstag Wiener Moegenzettung 1-S. «nguft 1SL7 Getto S Saao und Vanzetti. Anonyme Attrvtattdrohnmeu. Newyork, 17. August. Die Polizei berichtet, daß eine Anzahl führender Persönlichkeiten und Vereinigungen anonyme Androhungen erneuter Bombenanschläge erhalten haben für den Fall, dah Sacco und Vanzetti h i n g e r i ch t e t würden. In einem Briefe wurde damit gedroht, das; ein öffentliches Gebäude oder die Bahnhofanlagen indieLuftgesprengt werden Würden. Kl» Anschlag ln Buenos Aires. Buenos Aires, 17. August. Auf den Leiter der hiesigen Kriminalpolizei wurde heute nachts ein Anschlag verübt. Auf dem Balkon seines Privathauses wurde eine Bombe zur Explosion gebracht. E i n e H a u swandwurde zerstört, verletzt wurde niemand. Die Polizei vermutet Zusammenhänge mit der Saceo-Vanzetti- Angelegenheit. Me Verhandlung der Sderfte« Serlchlrhofes. Das Urteil wird Freitag gefällt. Newyork, 17. August. Heber die erste Beratung des Komitees zur Revision des Prozesses Sacco-Vanzetti wird aus Boston noch berichtet: Das Justizpalais, in dem die Sitzung stattfand, war mit Geheimpolizisten überfüllt. Die Zugänge zum Sitzungssaal waren verbarrikadiert. Nur einige Rechtsanwälte, persönliche Bekannte der Richter, erhielten Einlaß. Auch eine geringe Zahl von Pressevertretern und Zuschauem, darunter auch die Frau Saeco s, waren zugelassen worden. Richter B r a l a y führte den Vorsitz. Zuerst erhielt der Verteidiger Hill das Wort. Altem Brauch gemäß wurde vorher ein kurzes Gebet gesprochen. Die Rede Hills war weniger eine - Vertewigung für . Saeco und Vanzetti als eine dokumentarische Anklagerede gegen den Richter Daher, dem Hill Punkt für Punkt Parteilichkeit nachwies. Hill verlas zahlreiche Protokolle, die Daher im Verlaufe der Verhandlung gegen Saceo und Vanzetti cutsgearbeitet hatte und die er nachher stets wieder in einem für die beiden Angeklagten ungünstigen Sinne änderte. M führte zahlreiche Fälle an, in denen Daher die Zeugen zu ungünstigen Aussagen gegen die Angeklagten vevanlaßte. Hill sprach mehrere Stund en, ohne daß es hiebei zu irgendeinem Zwischenfall kam. Richter und Zuschauer hörten seine Rede mit lautlosem Schweigen <rn.; . - - Nach dem Verteidiger sprach der Generälstaatsanwalt Read ing. Cr vertrat die Meinung, daß die Verhandlung und der Urteilsspruch gegen Saeco und Vanzetti den Gesetzen des Staates Massachusetts völlig entsprochen haben und daß weder Gouverneur Füller noch der Richter Daher sich irgendwelche Verstöße gegen die Gesetze zuschulden kommen ließen. Nach der energisch vorgetragenen kurzen Rede des Gmeralstaatsanwaltes teilte der Vorsitzende Br.ale y mit, kiaffMb UrtellsMWdes Gerichtes nicht sofort erfolgen könne und daß der Gerichtshof am Freitag zur UrteilsMung zusanimentretett werde. Ae Matur des Ku-Klux-Klan. Das Geständnis Stephensons. — Die höchsten Staats - . beamten wie Sklaven gekauft. Aus Newyork wird uns geschrieben: Vor kurzem noch einer der mächtigsten Faktoren des berüchtigten Geheimordens der Ku-Klux-Klan, wurde Dr. Stephenson wegen Ermordung eines Mädchens zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt. Der ehemalige „Grand Dvagoom", wie der Großmeister des Ordens genannt wird, rechnete während des ganzen Prozesses mit Bestimmtheit,, daß ihn seine mächtigen Freunde und ehemaligen Schützlinge in den hohen Staatsämtern vor einer Verurteilung retten würden. Deshalb legte er während der Untersuchung und der Verhandlung Zurückhaltung an den Tag, um es fich mit niemandem zu verderben. Als er sich aber von allen verlassen sah und die Verurteilung zu lebenslänglichem Zuchthaus erfolgt war, brach er sein <Aillschweigen und meldete sich selbst zu einem umfassenden Geständnis beim Staatsanwalt. Diese zwei Stunden währende Beichte des Führers der Ku-Klux- Klan im Staate Indiana gipfelte in dem Satze: »Ich habe hohe und höchste Staatsbeamte, die jetzt in die Untersuchung verwickelt sind, gekauft, wie man einst Sklaven auf dem Markt zu kaufen pflegte, ich habe hohe Preise für sie bezahlt und durste damit rechnen, daß sie mich nicht würden ins Gefängnis stecken lassen. Sie haben treulos an mir gehanÄelt, so mögen denn auch sie jetzt für einige Zeit in das Staatsgefängnis wan/dem." - Durch die Enthüllungen Stephensons wurde föstgestellt, daß es im Staate Indiana bis hinauf zum Gouverneur fast keinen Beamten von Einfluß gibt, der nicht von dem Führer des Ku-Klux-Klan buchstäblich ernannt worden wäre und daher völlig unter seinem Einfluß stünde. Eine ganze Anzahl von Verurteilungen und, Morden, deren Hintergrund bisher in Dunkel gehüllt war, wird jetzt auf Grund der Angaben des ehemaligen Machthabers aufgehellt werden, und man erwartet die Verhaftung einer ganzen Reihe von angesehenen Persönlichkeiten im öffentlichen Dienst. Stephenson hatte es mit einer förmlichen Diktatur zuwege gebracht, daß im Staate Indiana k e i n K a t h olik oder Jude eine öffentliche Stelle oder einen leitenden Posten bei Industrieunter ne h m e n bekleiden durfte.. Sein Wort und sein Wunsch waren Gesetz. Heute hat er nichts mehr zu verlieren und gibt daher alle seine Mithelfer und Knechte preis. Für Sport und Reise | Das neue Trikot-Jumperkleid s 8 Im Spezlalhaus für Strlckmodan 8 i M. HOLZER I VI., Marlahilferstraße Nr. 80 (neben Flottenkino) XL, Taboratraße Nr. 18 (Hotel National) Karlsbad, Alte Wiese BBillBMaBHIRBHIlBIRIBBIIIIIIHIHBI Attentatrangst im Pariser Sowlet-Konsnlat. Mißhandlung eines Emigranten. Paris, 17. August. Wie die Blätter erst jetzt berichten, hat Montag abends ein russischer E m i-. g r a n t, dem vom Konsulat der Sowjetrepublik in Paris die Erteilung eines Visums für seine Frau verweigert worden war, einen in ein Zeitungspapier eingehüllte'.' Gcgenswnd, wie skh nachträglich herausstellte, eine harmlose Tasche gegen das Gebäude des Sowjetkonsulats gefchleuo^..... mehrere Scheiben eingeschlagen. Im ersten Augenblick glaubte man, daß es sich um eine Bombe handle. Konsulatsvoamte stürzten sich auf den Emigranten und mißhandelten ihn schwer, bis er von der Polizei aus den Händen feiner Angreifer befreit wurde. Es wurde gegen ihn ein Verfahren wegen Verletzung der Exterritorialität eingeleitet. ' 8ln falscher Landet. Sa. irrt Menehould, 17. August. In der Nacht von Montag auf Dienstag ist ein junger Mann in einem kleineren Gasthof abgestiegen und hat sich im Fremdenbuch als Leon Daudet, Publizist aus Paris, eingetragen. Die Polizei, die sofort verständigt worden war, wecktedenReifendenauf und unterzog ihn einem Verhör. Es handelt sich um eine Mystifikation. Gegen den jungen Mann wurde eine UiÄeAHrmg wegen Irreführung der Behörden eingeleitet. .'£* Der Metallakbeiterstreil in Ungarn. M Verhandlungen dauern kort. Budapest, 17. August. ,(Tel.-Komp.)Me Vormi-ttlungsv erhandlungen zwischen den Arbeitgebern und den Arbeitnehmern der Metallindustrie, die ,, seit gestern unter Leitung des BolkswohlfahrtZministers Dr. B aß stattfinden, werden heute abends fortgesetzt werden. Da das zur Beratung stehende Material viel zu umfangreich ist, um heute erledigt werden zu Wunen, und isie von den Arbeitern für die Annahme der Lohnforderungen gestellte 48stimdige Frist morgen früh 6 Uhr Mänft, wuvdr zwsschen den beiden Parteien stillschweigend vereinbart, die 48stündige Frist zn verlängern und den ©öfeH nicht wieder zu beginne«, umsomehr, als die VermiWungSvechandkmMrlDWn baldigen Erfolg versprechen. Rechenschaft über Bücher. Liebe — wenn es die Liebe ist — ist unsterblich'! Einmal hat mich D. tz. Lawrence gewonnen, mit seinein „Regenbogen" meinen Kopf, mit seinen „Söhnen und Liebhabern" mein Herz.., In Frankreich gibt es, seit Flanbert, wieder einmal ein ewiges Buch: die „Einöde der Liebe" des Mauriot. In England gibt es, trotz Galsworthy, einen großen Dichter, der dem Volk erst später aufgehen Wird, wenn die 'Galsrvorchy-jBevblendung abgenvmmen hat, eben diesen .Lawrence! Jcht erscheinen seine „Liebenden Frauen" (Insel-Verlag)/ Sechshundert lebengetränkte Seiten, Diese Zeit, das Heute sieht uns daraus surchtbarherrlich zwiespältig an. Ar vielen Romanen gibt es den — Rummel von heute, den Betrieb, das Tohuwabohu, hie Masken und Entblößungen alles Leiblichen. Mer hat mm dieses Buch gelesen, glaubt nran, znm erstenntal von der Zeitseele gelesen zu haben.. Der MiaNn ist, trotz Titel!, 'Inhalt des Roinans und die Liebe des Dichters. Ein liebender .Engländer! iDas bedeutet fast: Vollkomnrenheit. Höchste Kultur des.Erzählerischen und ein glühendes Herz, ein leidenschaftliches Gefühl. Das Dichterisch) vieler Nationen hat sich.in Lawrence vereint. Liebe ist unsterblich: Das letzte Buch, das ich einnml, ehe alles vorüber ist, aufschlagen Möchte, bleibt „Sühne und Liebhaber". Mas in uns beunruhig^ und bewegt. Wird, glättet sich behaglich, Wenn.man das berühmte holländische Ronianwerk der Jo van Ammers-Küller liest, „Die Frauen der Covrnvelts" (Grethlein, Leipzig), die Geschichte der Frauenemanzipation als amüsanter Roin-an, 'die Sägä vom Weibe, das sich vorn Vorurteil befreit, ein Abriß der Geschichte von 1840 bis 1922. Und alles jst dieser tüchtigen Schriftstellerin gleich gut gelungen, die alte wie die neue Zeit. Sie ist in allem so heimisch und kann so klug, so gemütlich, sv witzig und herzenswarrn davon erzählen, daß wir mit ihr sofort zu Haus sind in diesem lleinen iFamilienkosMos. Es sind Frauenbilder in dem Roman, dieuns vertraut bleiben wie eigene Großmütter, Danken und .süße Cousinen. l lAus Behaglichkeit wird!Gelächter, lwenn Man dann Modehauses „Nimrods Dochter"liest (DH- Knaur, Berlin), ein humorgesättigtes Buch von einem tollen jungen Kerl, der die Welt lauf den Kopf Mt, um sie ins Gleichgewicht zu bringen Immer handelt es sich eigentlich um ein Nichts, und du lachst laut heraus. Englischer Witz von amerikanischer Trockenheit, Karikierung aus Zärtlichkeit, echt' angelsächsische Fabulierkust und -Verschwendung! Nichts für die finsteren Ernsthaften, die zwischen zwei Leinenrücken hohe Literatur und strenge' Kunst verlangen. Mer für uns Leichtfertige und Lachlustige ein gefundenes Fressen! .«Dazwischen eine Reist. Zu Dämonen, Göttern und Götzen. Mit dem geehrten,' dennoch frischen, wortslinken, weltstohen I.!G. Anderssvn. Nach China: „Der Drache und die fremden Teufel" nennt er verheißungsvoll sein Buch (BrockhaNs, Leipzig), und er enttäuscht nicht. Ich kann mich nicket entsinnenin novellistischer, heiter zugänglicher Form 'jemals sv eindringlich und weitblickend ins Chinesische geführt worden zu sein. Land, Leute, Politik, Geologisches und Archäologisches wird da, bunt bebildert, llug und einsichtsveich gegeben; so persönlich, daß es künstlerische Note erhält; so Ms dem' Wesen des sternden Landes heraus, daß es Kulturdokument wird. Spannend, oft austegend zu lesen, so die Reist nach der Wüste Gobi, auf dein Gelben Fluß. Und belehrend, oft erschütternd, zu verfolgen, wie sich uralte Kultur und traditionelle Seelenverfassung unserer Motorenwelt anzupafse» versucht. Das alles ift aus Selbsterlebnis entwickelt und erfaßt, daher der eigene Reiz dieses gewichtigen Buches. Es ist nicht aus historischen Quellen gespeist und literarischen Zeugnissen, sondern von Auge und Herz. Und so entstehen die liebenstverten Dinge. Wie zahm sind diese Drachen und Teufel der Volksvorstellung gegen das Untier im Menschen! Da ist ein Buch des amüsanten, einfallsreichen Fabulierers A. M. Frey: „Arabellas Opferung" (Hovodisch u. Marx, 'Berlin), und — ich möchte lieber nicht davon sprechen.., Oder eine psychoanathtische Broschüre darüber schreiben! Eiir Buch ftir starke Nerven. Ein Buch für,Psychiater. Interessant tmch zwei Seite«!: durch den Inhalt und dm Verfasser. Diese Novelle — in der Jch-Form! — hat nie jemand erlebt, und doch ist sie Erlebnis Ihres Verfassers. /Er ist fast merkwürdiger als sein Stoff. -Tenn — Aber: ich käme in die Broschüre. Nur: laßt euch gewarnt sein! Ihr seid dieser Geschichte nicht gewachsen! Ich — ich will jinchts gesagt hab^n als: ich Me sie gelesen. Mt schaudernder BeMnjdvrmrg. Denn — — Halt! Keine Bro°« Noch eine Besessenheit. Vom .Gott wtd Mrstl sin einer Person!) der Kunst. S v me rset -M a U g ham s „Der Besessene" (Drl, Wen)'. Ä weiß, daß er das Leben eines wirklich Gewesenen schildert, aber auch ohn? dieses Wissen ist der Roman saszinierend, weil es endlich einmal keiner ist! Darum ist er auch so unwahrscheinlich. Ihr würdet ihm seinm Helden einfach nicht glauben, wenn man euch nicht zuflüsterte: es ist ... Gianguin! Dokumentarisch belegt! Das Buch ist rein schriftstellerisch große Leistung urrd mmschlich ein schmrig-schönes Zeugnis. Die letzten Kapitel — aus DahM — sind fast exhrvitionistsisch. ' Mm verhüllt die Augm. ,Mm sieht Verbotenes. ^. Es bleibt rmauslöschlicher Eindruck. ' '. : ' ' Befreiend und entspannend, hinterher «Wallace zu lesen, dm berühnrtm Wgar lWalüroe, dessm dramatisierte Romane jetzt auch das TheaterplchMnn versiöreu Nnd hiureißen. Dieselbe Wirkung haben seine Mcher, sie betaub'-u mit Verwicklungen, Mord, Diebstahl, lasterhaften und heiligm Leidmschasterl, sie foltern mit Spamrungerc und Ent- Läuschungerr, die einen. 'Das sind seine Kriminalromane, von dmm eben ein neuer, „Die Bande des Schrakkens", erschienen ist (Goldmann, Leipzig). Und di^anderen, in ganz anderer Hemi- und' Atmosphäre spielendseine afrikanischen Romane, ergötzm mit Men Hnmioren, verblüfft« durch die Gegmwärtigkeit und Wahrheit ihrer Negerlebenschilderungm, entschleiern uns das Geheinmis des schwarzen lAfrika wie keine Literatur Zuvor. Der letzte Mud dieser Serie, „Bones vom Strvm", ist ein!Genrisch von Naiver Tragik und Heiterkeit, die richtige Lektüre ftir alle, so Nmtt lmd müde von Zeit, Geschäft, Geist mchs Enröpa sind. Dieselbe Erholung komnrt von einem Manne nanMrS DolleMa, einmr holljändischsn Jicgenieur, her zwischen Reise und Arbeit einen sollen Roman schreibt: „Der Berggeist von Menkanang" (Scherl, .Berlin), Abenteuer inr indischen Archipel, Kmnpf nur Zinnadern, Kamps mit Geistern, Eingeborenen, Naturgelmlien rmd Leidenschsasten. Mitten darin glaubhaft Menschenschicksal, HerzenserlchUis. Mr haben — zu Zeiten! — 'genug, das reine Menteuer erleben zu können. Mnn — wie hier — rroch Charakter und jMenschlichkeit hinzukonnnen, wollen wir getrost dies« „Untechaltn ngsliteratllr'^ den geeh"^n SHvestettr xküreihm. , Kurt -Winzer.