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Wiener Morgenzeitung · 1927-08-13 · Heft 3037 (13.8.1927) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3037 (13.8.1927)
Date
1927-08-13
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite *2 Wien, Samstag Wiener Morgenzeitung 1Ä. August 1927 Rr. 3037 DszifiSmus amd Demokratie nmchen;mi|jcit, aber das ist nur -ein schwacher Trost. Denn die Dcnrolrmie hat im Wölkeqpuit'd keine Sttitze gefunden, und daS immer mehr verarnwnbe Europa wird der willenlose Sklave des amerikanischen Mannnonisntuö. Das ist das Terrain, auf denk die Ideen mal des Bolschewismus gedeihen must. Das Mort Vom Thermidorkapitel mag insvrocit falsch feilt, als ein russischer Bon^Mrrtisnm^ heute undenkbar scheint und als die inneren Stützen des Systems brüchig geworben sind. iAber doch helfen die Weststaaten indirekt dem Soivjetradrkakismiis und il-re Politik stärkt seine geistigen Vorbedingungen m Europa und in Astert. General SagorM entflohen. Me Daudet-AsiSre in Pole». Warschau, 12. August. Das geheimnisvolle Verschwinden des kürglich aus der Untersuchungshaft des Wrlnaer MMtärgefängnisses entlassenen Generals Zagorski, der seit dent Mai-Umsturz des Jahres 1926 dort interniert war, ist z u c i n e r p o l n i s ch c n Daudet-Affäre geworden. Wie gemeldet, lourde General Zagorski am verflossenen Samstag aus Wilna nach Warschau transportiert. Den General eskortierte Hauptmann M i akowski. Irr "Warschau angekommen, deponierte der General seinen Koffer in der Dahnhofgarderobe und begab sich sodann in ein öffentliches Bad. Bon diesem Zeitpunkte an, fehlt jede Spur von ihm und auch seine Familicnangchörigeit konnten den Aufenthalt des ' Generals bisher nicht ermitteln. Zagorski sollte sich spätestens vis Dienstag . beim Heeresminister Marschall Pilsudski zum Rapport melden, kam jedoch diesem Befehle nicht nach. Ueber das Verschwinden Zagorskis sind in Warschau die wildesten Gerüchte im Umlauf. So meldet die „Gazetta Poranna", daß Zagorskis Leichnam in Rembertow gefunden worden sein-' soll. Die Polizeibehörde hat jedoch von einem Leichenfund keine Kenntnis. Der dem Marschall Pilsudski nahestehende „Glos Pratvdy" verzeichnet hingegen das Gerücht über eine angebliche Flucht des Generals nach Litauen, bezw. Sowjetrußland. Schließlich will der .^Kuryer Poranny" wissen, daß Zagorski Selbstmord verübt habe. . Die militärische Staatsatrwaltschaft hat min die Gen- : darmeriebehörden mit der Ausfindigmachung des Aufenthaltsortes des Generals betraut, der, wie die von der Militärbehörde eingeleitete Untersuchung ergab, imch seiner Ankunft in Warschau auch feine Privatwohnung nicht betreten hat. Bemerkenswert an der geheimnisvollen Affäre ist, daß die Militärbehörden trotz der Alarmnachrichten der ' Presse vollkommenes Stillschweigen bewahren. . Der Prozeß gegen General Atzmlerstk. Warschau, 12. August. Während alle politischen Kreise wegen der Zagorski-Affäre sich in fieberhafter Erregung befinden, läuft vor dem Warschauer Bezirksgericht seit fast vier Wochen ein S k a u d a Ist rozeß gegen einen anderen Pilsudski. feindlichen General, der seit dem Mai-Umsturz seines Amtes e-itsetzt wurde. Es ist der General Zymierski, der. beschuldigt wird, große Summen, die dem Heeresfiskus gehörten, zum. eigenen Nutzen in bedenklichen Geschäften verwandt zu haben. Im Laufe des Prozesses sind auch führercke Männer der polnischen Rechten alS Zeugen vernommen worden, denen zum Teil vovgeworfen wurde, ebenfalls mit ^diesen dunklen Geschäften in Verbindung zu stehen, : so zum Beispiel der r e ch t s st e h e u d e Führer der Nationalen Arbeiterpartei Popiel und der frühere Kri.egsmiDtister General Malezewski. , Die Belastung des Generals Z h m i e r s k i, der unter Anderem große Summen für eine G asm aske.n -- ßabrik hergegeben haben soll, die noch gar nicht besteht, ist durch zahlreiche Zeugenaussagen ziemlich schwerwiegend geworden. Besonders haben eine Anzg h l V o n D a m e u, mit denen der Generäl'Beziehungen unterhielt, recht ungünstig gegen ihn ausgesagt, Hlinka gegen Lord Rothermere. Ae Slowake» wolle» nicht mehr mogharisch werden. Prag, 12. August. (Tel.-Komp.) Hlinka hat , seinem ersten Artikel über Lord Rothermere. eine.n zweiten folgen lassen, worin er daran erinnert, -aß im ehemaligen Ungarn über zwei Millionen -Slowaken lebten, - ohne daß diese zwei Millionen mit den slowakischen Auswanderern nach Amerika sogar drei Millionen — in Ungarn eine einzige Volks- oder Mittelschule besessen hätten. Wenn der Weltkrieg anders ausgefallen tväre, hätten die Slowaken sehr Schweres zu erdulden gehabt. Wenn sich die ungarischen Politiker darauf beziehen, daß doch in Ungarn zwei kirchliche Würdenträger aus der Slowakei stammen, nämlich Dr. Prohazka und Kardinal Fürstpcimas Cs e rn och. so müsse dem entgegengehalten werden, daß die Leiden Kirchenfürsten die Rolle der magyarische« Janitscharen spielen muhte«. Sie müßten überall öffentlich den einsprachigen magyarischen Staat bekennett, gegen die eigene Ueberzeugtzng und das eigene Gewissen. Im Interesse und um der Ruhe des Staates wAen müsse Rothermere gesagt werden, daß die Slowaken nie wieder die Kultur, Integrität Urft HegeMwnie -er < MaLtzaren wümfchen. Das Schicksal der beiden Verurteilten. Am Montag tritt der oberste Gerichtshof zusammen. — Sie Verteidiger hoffen auf Wiederaufnahme de» Verfahrens. Paris, 12. August. (Tel.-Komp.) ME Meldung auS Boston zufolge wird der Oberste Gerichtshof des Staates Massachusetts an: nächsten Montag zufamumrtreten. Dke Derterdiger von Sacco und Banzettf hoffen, daß der Gerichtshof diesmal.in diie BehnndluMg des Falles eintveten werde, während er dies bisher a-blehnte und sich nur auf formale Fragen beschränken wollte. Der Arzt ln der zelle. CP-rlcftvn Massachusetts), IS. AuM (WM.) Als heut«früh der GefängnisarzjllSacco und Vanzetti auffuchtc, fand er Sacco mit Schreiben beschäftigt, während Vanzetti schlief. Sacco stand auf, ging zur Tür und unterhielt sich mit dem Arzt etwa fünf MMten. Der Arzt erklärte später, Sacco habe sich ohne sichtbare Asjnstrelnswckg aufrechterhürlt^U! könaüm. Aus die Frage der Möglichkeit einer ZlvangsernLHrung erklärte der Arzt den Zeitplmtt für noch nicht gekommen. DK Schwester Banzettls. Pari s, 12. August. Die Schwester Vanzettis wird sich viovgen von Cherbourg aus nach Amerika einschiffen, wo sie drei Tage vor Abli auf der den Verurteilten zugestandenen Frist anzukommen hofft. Reue Lynamitattentate. Newyvrk, .12. August. (Tcl.-Kmup.) >JnDoylesdoivn.(Pennsylvauieu) ereigneten sich fünf DM<nnttcxMfÜ7NLn, tkMrrch diy Fensterscheiben der benachbarten .Hauser zertrüimnert Duiden^ len, schm kamen nicht zu Schadeil. Weber die Tiber ist uWst bekannt geworden. '! Aanentow zum Lw verurteilt. Moskau, IS. August. (Äck.^Ag. v. .Gowjedunrom) In dem ProM gegen den ehemaligen - General Wu n!.«.n kaw mrd seinen Stabschef DtznisqW wurden Nach nslnzehnlügiger VeehaM«Ug bÄde ÄMkülgtett gu m Mvde Verurteilt. Sie haben ein 'Gnadengesuch erngeveiH^. ^OOOOOOOOOOOOOOOOOOCOOOOOOOOOO^OQOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOCOOOQOOOOOQOCOOCXXi Der getaufte Profeffor als Mifemit. Ministerialrat Hau- Goslar über ve« Fall Lubarsch. Im Pat'holo-gischen Institut -der Berliner . - Ghavttee veranstaltete, wie wir berichtet haben, dessen Direktor, Geheimer Medizinalrat Professor Lubarsch, am Schlüsse einer Vorlesung noch eine Demonstration von Organen einer Leiche. Dabei bemerkte er: ,^Jch sche-ue mich nicht, Ihnen, d-err Namen des Verstorbenen zu nennen. SS ist Herr Iwan KutiSker, oin Ostjwde, der, wie Ihnen allen wohl bekannt ist, .zu fünf Jahren Zuchthaus ' verurteilt wurde. Er hat sich mit zwanzig Jahren syphilitisch 'infiziert un-d rauchte, wie es >bei Ostijuden Sitte ist, täglich 87 bis 40 Zigaretten?-. Dazu hatte das .^berliner Tageblatt" bemerkt:.,Offenbar weiß Herr Lubarsch -mcht, das; er sich mit dieser Namensnennung eures schweren. Bruches, des ärztlichen Berufsgeheimnisses schuldig gemacht hat, das auch dem Toten gegenüber zu wahren ist.' Auch mit der. Wahrheit hat er sich in . Widerspruch gesetzt. Denn Kutisler starb nicht als bvstvasier ' Mawi, sondeni als UntersuchungS- Mfangener. Herr Lubarsch ist ein neuer lebender Zeuge dafür, dsiß dte ätzende Satire Börnes über . die.„Neophyten des Glaubens", obwoR 'bereits ein Jahrhundert seit ihrer Veröffentlichung verstrichen ist, auch heute noch zu trifft. Herr Lubarsch sieht sich anschsineyd veranlaßt, von Zeit zu Zeit Diraden vorr sich' zu geben, um seine eigem Abstammung zu verschleiern." Hiezu schreibt Min istertalrat Hans Goslar im Hamburger isrvelitiischen Familienblott u. a. folgendes: Bisher ist keinerlei Berichtigung dieser Notiz erschieneni Herr Professor Lubarsch hat g e s ch w i e g.e n.. Wemt aber in der bedeutendsten Berliner Tageszeitung noch daztl in dieser Form eine Anschuldigung gegen .einen Beamten erscheint utrd er keinerlei Anstalten macht, sich dagegen zu wehren, so ist wohl ohne weiteres cmauneäjtnett, daß der Tatbestand als richtig zugegeben wird. Es kommt hinzu, daß es sich hier um keine getvöhnliche Zeitungsnotiz handelt, sondern daß der alte Dr, Isidor.Kästan, einer der angesehensten und vornchmstcn PMizisten Berlins, Ehrenmitglied des Vereins Berliner Pressen selbst im gerechten Kämpferzom in die Arena yeruntergestiegen ist imd m i t s e i n e m N a m e n für die Notiz einsteht. In einem solchen Fglle darf-man wcchl also mit vollem-Rechte mtnehmen, daß Herr Professor Lubarsch den Jtchalt nicht bestreiten kann. Wir sind also befugt, schlechchin von einem «Falle Lubarsch" zu sprechen, denn es stellt einen «Fall^, ein außergewöhnliches rmd aufsehewerregendeS Vorkommnis dar, wenn ein Professor der Medizin öffentlich das ärztliche Berufsgchemrnis verletzt, noch dazu >, amtet Beglettumständen wkß den oben geschilderten. Der § 300 des Strafgesetzbuches bestimmt, daß Aerzte usjtv.. wenn sie unbefugt Privatgeheimnisse offenbaren, die ihnen kraft ihres Amtes, Standes oder Gewerbes anvertraut sind, mit Geldstrafe bis zu 1800 Mark oder mit Gefängnis bis zu drei Monaten bestraft werden.- Goslar behandelt sodann die j u r i st i s ch>e Seite der Affäre eingehender, erinnert damn, daß ein großer Vorgänger des Herrn Lubarsch, Birchow, gegen solchen Mißbrauch des Lehrstuhls die allersschärfften Worte in der Oeffentlichkeit gefunden hätte, und fetzt fort: Nun aber ein Wort zu der jüdischen Seite . der Angekegimhett.. M deutsche Juden verbitten wir es uns auf das schärffte, daß von irgMiMlior Sette, und anöge sie meinet' wegen wissmschaftlich so Hoch stehen, wöe sie wolle, der völkische AntifemttkSmnS, der in dm letzten Jahven an den Nnivsrsitätm Orgien geftifert hat,dadurch etwa noch legalisiert werden soll, daß Proftssoren die Lokchienrestv eines amglücklicheil Ostjirdear dazu benützen, mn ihre MndmlwttiMtAheMi.m nt, erweiftn. Wir verlangen von Herrn Lubavfch' schon gar mcht einmal mehr Respekt vor einem Toten — das ist ein Begriff, den er leider nicht zu kennen scheint -—, aber tote können von jedem Menschen, der selbst Anspruch daraus erhebt, ernst genommen und persönlich geachtet zu werden, zunächst einmal verlangen, daß er nicht Fehler eines einzelnen Ost-; jubett in einer Form in der Oeffentlichkeit behcmdaft, die bei der Art seines Auditoriums öh n eweit er e g ge n —. rellherab f e tz e n d wir k e n m u ß, ohne däber de« \ Tatsache zu gedenken, daß es in jeder Gomernschast ehrewi hafte und unehrenhafte Elemente gibt. Ein Lyisiearschaftler zumal, der gewöhnt sein sollte, geistig diszipliniert - und historisch geschult zu denken, sollte auch -wissen, daß' kaufmännische Entgleisungen und Verfehlungen unter Oftzuden leichter zu erklären sein sollten als anderswo. Fünf Jahre Krieg haben genügt, um unzählige üble ^Schmarotzerpflanzen . und Schädlinge in dem Lande der vormals müsteachästesten 'Ordnung, in Deutschland, cmffpriehen zu lassen. Seit Hunderten von Jahren aber, zum mindesten seil der, Zeit der Kosakenkriege, leben die Ostjudenin e i wenn dauernden Kr iegszu stau d entsetzlichster Art, und durch das Zertrünunern der Wirtschaftsbasts des Gebietes, in dem sie lebten, durch die furchtbaren KriegZschicksale ist ihre Notlage so ins Riesenhafte gewachsen, daß Berfehluitgen einzelner Elemente, die durch 5katastrophen der letztett zehn Jahre, aus ihrem Milieu herauSgeschleudert sind, zwar niemals verzeihlich, aber doch wirWastNch rmd psychologisch eher verständlich werden. Das alles, waS hier gefatzt wurde, tzalt'd'M Professüv Lubarsch. Nim aber behauptet Kaftan — und auch da hat Lubarsch nicht wi-derspröchen — daß Lnövrfch als getaufter Jacke tvohl narr dir Tendenz verfolge, durch anttsemttische Entgleisamgen seine eigene Aöstammamg vergessen zu aackchen. Trifft das zu, so gibt es kein Wort der. Krttik, das scharf genug wäre, um das Verhalten eines Mannes, zu geißeln, in dem keine Spur mehr von der menschlichen Solidarität und dem Verantwortungsgefühl lebt, das beispielsweffe selbst noch jenen Wiener katholischen. Geistlichen Und getauften Judm I(Domherr V,e i t u- Red.) beseelte,-, als er sich auf die Kanzel des StephanSdomos stellte rmd dort, während in der Stadt die Ritualmordlegende die Seelen der Massen bis zur Weißglut erhitzte, vor dem 5lruzifix schwor, daß die jüdffche Gemeinschaft, der er entsprossen sei, rem und fleckenlos unschuldig dieser Mordlüge gegeniWerstände. Wir wissen nicht, wie weit Herr Lubarsch, der Mann jüdischen Blutes, jemals in seiner Jugend jüdische Eindrücke empfangen, jüdisches Wissen, jüdische- Lehre pnd Ethik in? sich aufnehmen durfte. Wäre auch nur eine Silbe, auch nur j ein Stimmungsabglanz davon in ihm haften. geblieben — er wäre di es er in ne p en m en schlich en Roheit, er wäre dieser antisemitischen Handlung nicht fähig gewesen. Dieser M«mr hat sich nicht tut* äußerlich, er Hat sich fürwahr auch mtt allen Fafem feiner Soele von dem, waS jüdisch ist» losgesugt. ES ist ihm restlos gelmtgvn, und es scheint ihm leicht gewmcken zat sedt. Und Wenn w i r ein Bedauerit aufsteigen fühlen, dann nicht darüber, daß dieser Mann, aus unserem Blute. auS uafferem Kreise hervovgegangen, unsere Reihen verlassen hat, sondern nur darüber, daß er überhaupt noch mit einem Schein des Rechtes Ms zugevechnet werden kann. VIVII» MWt " ' Ä ill'UN' 4

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