Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3035 (11.8.1927)
- Date
- 1927-08-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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| Preis «Ogi Redaktion, Administration: Wien, ll., Taborstr. 1 Telephon 44-0-88, 43-3-19 Telephon ab 6 Uhr abends 31-0-86 Serie, ab */a9 Uhr abends 38*5*83, Drnckerei: Vll., Lerchenfelderstraße 1 („lnva“) Preise: Wien und Oesterreich durch Post oder Verschleißteilen monatl. 6 Schilling. Bezugsbedingungen für das A u s 1 a n d im Innern des Blattes. «VWWWMMWWWUWWWWWW Wiener BESUCHET un Rimir Raftiniiiill» Rttlstir Aifontlaftsort. Die Gemütlichkeit der guten alten zeit. Wer kommt, wird wieder Stammgast t rliiSÜ. Dpilfli Volkstümliche Preise I Mittags -Menüs a S 1*60 Direktion: OTTO KASERER Dir. 8088 Men, Lonnerslag, 11. August 1927 ' S. gahrgang Amerika - eia Keeriaarr. Sacco und Vanzetti haben jede Hoffnung aufgegeben. — Re Verteidiger versuche« «och in letzter Stunde die Begnadigung zu erreichen. — Reue Attentate. Newyork, 10. August. '(Tel.-Komp.) Gouverneur Füller hat dm Vollzugsausschuß des Staates ernVerufen, um darüber zu beraten» öS die Hinlrichtmrg von Saeco und Vanzetti aufgoschobeir werden könnte oder nicht. Kriegsbereitschaft. London, 10. August. Nach den aus New Jork eingelaufenen Meldringen gleicht Amerika tatsächlich einem Heerlager» da d?e Polizei die öffentlichen Gebäude aller Hauptstädte, von der Residenz des Präsidentm CoolLdge bis zur Wohnung des Hmkers, der die Hinrichtung Saccos und Danzcttis vollziehen soll, bewacht. Es wurdm Versuche unternommlm, einen Marsch ojuf Boston zu organisie- . rm, aber dtze Polizei errichtete in der Nähe des Gefängnisses Barrikaden; sie wind durch Panzerwagm unterstützt. Eine große Anzahl bewaffneter Polizistm ist ans dem Dache konsigniert, um das Eindringen in . das Innere dos Gebäudes zu verhindern. Sacco rmd Vanzetti habm die Tröstungen der Kirche abgelehnt. ErttM.-amerikanische Blätter, darunter „Ne.w J ork' T i m e s" und „W o r l d", treten - dafür ein, daß das Urteil in I e b e n s lä n g l i ch e Kerker st ras e ab geändert werde. Ser Hungerstreik. Boston, 10. August. (Reuter.) Oberrichber San derson hörte heute mittags die Einwände der Verteidiger Saccos und Banzettis an, die gegen die Entscheidung, daß ein RechtsirrtNm nicht vorliege, Einspruch erhoben. Sacco ist offenbar entschlossen, seinen bereits #tfe! ßWoch'en währenden Hungerstreik so rt zu se tzen. Er hat auch heute abermals.das Frühstück zNrückgewresen, ebenso Vanzetti. - -Die genaue Zeit der Hinrichtung, die erst nach Mitternacht erfolgen könne, ist noch nicht besti mtttl Sacco ist apathisch, Vanzetti unruhig. Beide - geben in keiner Weise der Hoffnung Ausdruck, daß die letzten Anstrengungen der Verteidiger, einen Aufschub der Hinrichtungen zu erwirken, erfolgreich sein könnten. Bestialitäten im Radio. London, 10. August. Die „Daily News" veröffentlichen ein Kablogramm ihres Korrespondenten aus New Jork, wonach alle Einzelheiten der Hinrichtung sukzessive durch Rund funk in alle Welt verbreitet werden sollen. Auch Ford siir Sarro und Vanzetti. ' D e t r o i t, 10. August. Der amerikanische Industrielle ' Ford hat sich■ für eine''Re'vi-D-on'hes.,Prozesses gegen Sacco und Varizetti ausgesprochen, damit der Verteidigungin einem neuen Verfahren Gelegenheit geboten werde, die in letzter Zeit zum Vorschein gekommenen Beweise fiir die Unschuld der beiden vorzubringen. Immer neue Anschläge. New Jork, 10. August. (Reuter.) In Pitch er, einer etwa 12.000 Einwohner, hauptsächlich Bergarbeiter, zählenden Industriestadt, ereigneten sich hegte nachts starke Dynkrnttexplosiimen, durch die zwei Häuser vollständig zerstört und eine Reihe weiterer Gebäude schwer beschädigt wurden.. Etwa sechs Personen habm •» Verletzungen erlitten. MBB Warnungen der „Fswestia" wegen der Wiener BorsSve. — „Unrichtige Einschätzung der internationalen Lage." Moskau, 10. August. (Tel.-Komp.) Die I „I S w e st i a" beschäftigen sich neuerlich mit dem russisch-! österreichischen Konflikt, und erklären» der Schritt der Wiener Polizei Sei dm Handelsgesellschaften „Ratao" und „Rnffawstorg" müsse die Bedenken aller jmer Hervorrufen, die die Anfrechterhaltnng frenudfchaftlicher und norknaler Beziehnitgm. zwischen der Sowjetunion und Oesterreich aufrichtig wünschm. Die Beruftmg ans das Wändenmgsamt und aus die Absicht, den österreichischen Arbeitsmarkt gegen . Ausländer zu verteidigen, sei nicht sehr überzeugend und schaffe dm neuesten Zwischenfall keineswegs aus der Welt. Die öffentliche Meinung der Sowjetunion ertvartet von der österreichischen Regierung; politische Schritte, wodurch alle Zwischenfälle, die Anhaltung verantwortlicher Funktionäre der Berliner Handelsvertretung, die Erklärung des Bigekanzlers H a r t l e b und schließlich die Polizeiaktion bei der „Ratao" und „R u s f a w st o r g" bereinigt würden. Es liege im Interesse Oesterreichs, der österreichischen Industrie und der gesamten Volkswirtschaft, daß die österreichische Regierung den Konflitt durch ernste und konkrete Matznahmm liquidiere. Die Politik der österreichischen Regierung gegenüber der Sowjetunion gche von einer unrichtigen Einschätzung der internationalen Lage ans. Selbst in England mehren sich, wie die letzte Rede Chambec«- lains zeigt, die Anzeichen der Enttäuschung Wer die Polttik der Ueberfälle und des Bruches. Trohkli und Anowiew verwarnt. Keine Ansschlivßmm der Oppositionsführer. Mos k a u, 10. August. Das Zentralkomitee der kommunistischen Partei beschloß, den Antrag auf Ausschluß der Opposittonsfichrer aus der Partei zurückzuzieh en und Stnowjew nnd Trotzkij ekn-on strtmMr Verweis und eine Vorwarnung zu orterben. Der Vertreter der Exekutive erklärte, daß sich die Führer der Oppositton von einer Reihe ihrerAnschauungen losgesagt haben. Es ist sicher, daß Trotzkij trotzdem sein letztes hohes Parteiamt verlassen wird. Dies geschieht, nachdem er mehr als ein Jahrzehnt lang cm führender Stelle an der kommunfftischen Revolutton teilgenommen bat. Im redaktionellen Teil enthaltene entgeltliche Mitteilungen sind durch ein vorangefetztes E gekennzeichnet. Sharlestou. —y, Wien, 10. August. 1 Das Gewissen der ganzen Welt, der Arbeiter und der Intellektuellen, ist wachgerufen worden. Die Bewegung zur Rettung der von der Hinrichtung bedrohter./ Italiener Sacco und Vanzetti ist zu einer mächtigen! Aktion geworden. Wenn ihr ein Erfolg versagt bleiben sollte, so wäre dies verhängnisvoll, für die armen Opfer sowohl wie fiir die Geltung der Bereinigten Staaten und für ihre Beziehungen zur Wrigen Welt. Es wäre das erstemal, daß ein solcher Sturm der menschlichen Solidarität versagen würde. Dem Zarismus wurde seinerzeit der Dichter Gorki durch einen internationalen Protest entrissen und selbst die Sowjets haben im. Falle des Bischofs Cieplak sich der Intervention des Auslandes unbequemen müssen. Wenn die moralische Autorttät der RechilichM aufgeboten wurde, konnte sie bislang noch immer Wer die kalten Prestigeerwägnngen siegen. Es wäre ein sehr böses Zeichen der Zeit, wenn diesmal ■ allesvergebens bleiben sollte. In dem Vorhanhjünsemi ' einer solchen unsichtbaren Instanz lag eine gewisse Beruhigung, daß Exzesse der obrigkeitlich auftretenden Justiz hintangehatten werden können und daß sie vor dA sittlichen Empörung der «Menschlichkeit zurückweichen. Freilich! hat sich ein erschwerendes «Moment eingestellt. Die Attentate der Anarchisten haben eine PanifftttmnMgj . m Amerika erzeugt. Es sind' Bomben geworfen worden, bV — welcher Wahnwitz — als Protest gegen das Todesurteil unschjuldige Menschen getötet haben. Es mußte MUtär aufgeboten werden, welches große volkreiche DistMe in ein Heerlager vevwaickelt; in Newyork fahren Panzerüutos der Polizei durch« die Straßen, die iMannschafteni sind mtt Gewehren und Handgranaten ausgerüstet, ganze Korps von Machten sind zum Schutze der öffentlichen Gebäude, der Eisenbahnen und der Geldzentralen ausgestellt worden, das Gefängnis, in dem die beiden Italiener sich befinden, ist durch, Barrikaden und Maschinengewehre gesichert worden. Die grausame Ironie des Schicksals fügt es, daß der Ort, wo das entscheidende Urteil gefällt würbe, den Namen Eharleston führt, eines die Jugend vernegerndeN Jazztanzes, und tatsächlich scheint in Amerika ein blutig stprkopierter Tanz alle Vernunft zu umnebeln. Bisher setzt die Führung der amerikanischen Politik allen Interventionen die Hinweise aus das Prestige entgegen und beruft sich auf die Sinnlosigkeit der Attentate, denen nachzugÄen eine schwerwiegende Schwächlichkett wäre. Das ist noch immer das letzte Wort der Macht gewesen, Wer auch das gehört - zu ihr, daß ihre Anwendung dttjReaktion einer anderen Machjt hervorrust. Hier hat die- Propaganda der Tat diese Funktion der Antwort übernommen. Wer es ist doch so, daß die Anwendung der Bombe gerade in Amerika leine Seltenheit ist nnd es existiert eine amerikanische Statistik, der man entnimmt, daß von 1905 bis 1911 nicht weniger als 71 Dynamttanschläge gegen Bauten zu verzeichnen waren. Die Attentäter 'Mac Namara haben um 1910 in Kalifornien ein Eisenwerk und ein Zeitungsgebäude aus Motwen sozialen Radikalismus Ln die Lust gesprengt. Attentate sind, wenn sie sich häufen, immer ein polittsches und soziales Symptom der Unausgeglichenheit und in Wirklichkeit stchen ja in Amerika die Welt der Arbett und die Welt des Besitzes einander ohne Vermittlung gegenüber, wozu noch Ämmt, daß die Erttwicklung des Proletariates mit der des Kapitalismus nicht Zeichen Schritt schalten hat. In vieler Beziehung ist Amerika noch immer ein Kvlonialland und neben einer umfassend organisiertem chrrttativen Hilfsbeveitscha-st zeigt sich eine erschreckende soziale Rückständigkeit, die alle Rücksichtslosigketten des individuellen.und k0lhekttvistischen Egoismus ermuntert. > Rechnet man noch dazu den Hochmut, mtt dem der Dollar, der sich alles zu kaufen vermißt, auf . die geistig« nnd gesellschaftliche Kultur Europas hevabsicht, mit der er ßn Verachtung der amerikanischen Geschichte die Einwanderungssrag« behandelt, denkt man an di« tausend ungesühnten Akte der Lynchbarbarei gegen Neger, besieht man sich die ganze vom Imperialismus durchsetzte polWsche Geschichte Amerikas seit dem Kriege-, so erhält man ein beiläufig entsprechendes Bill» der Zustände Nnd der Stimmungen. . < > ' Der Fall Saeco und Vanzetti ist, einer der krassesten Vorfälle, aber er ist nur einer von vielen. Die empörenden Begleiterscheinungen, die Folter der zwei Arbeiter, ihre fortgesetzte seeliMr Mißhandlung, die kein« noch fo, harte 17 54