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Wiener Morgenzeitung · 1927-08-10 · Heft 3034 (10.8.1927) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3034 (10.8.1927)
Date
1927-08-10
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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•Seife 4 Wiener Morgenzettun^ «i. mi Wien, Mittwoch Sie wollte» alle Haupttreffer! Der Lotterleschwiavel in SentWaud. Berlin, 9. August. (Tcl.-Kvmp.) Wie staunt wird, wurde die End ziehu n g bct jetziges preußischen KlasseNlotterie cwsch deshalb um chnige Zeit verschoben, wxil man vermutet, daß auch bei dieser Ziehung Unregelmäßig k ei tyN geplant waren. Es sollen von allen 278.000 Losen, di^ sich noch in der Trommel befanden, neu c Exemplare hergestellt werden. Bei der Nachzählung dxr noch vorhandenen Nummern hat sich herausgestellt, daß. «.in e Losnummer fehlte, mit der wahrscheinlich ein Nyuer Betrug beabsichtigt war. Berti u, Ü. August. (Tel. >',wmp.) Wie jetzt bekannt wird, tviurde bei der Untersuchung durch die Stia^aiovaltschaft einwandfrei ftstgeftellt, daß di.- leiden ve hafwien Lot'<r:ebeamt n auch für die fünfte Ziehung der laufenden und jetzt vertagte,: Klajsenlottcrie ein großangelegtes Betrugsmanöver geplant hatten, das ihnen diesmal alle Hauptgewinne bringen sollte. Sie wollten die Prämie in der Höhe von 5tX).00v Mar?, den Hauptgewinn int gleichen Betrage und mehrere andere größere gewinne ergattern. Einige Wochen nach der Ziehung nwlltcn. sie verstreichen lassen und dann das Ausland aufsuchen, um dort die Früchte ihres Betrügezu genießen. 16. Äugust 1627 Geschäfte mit Schweinen. Wie MyLoütlMWnSre htneingelegt lverven. In der letzten Zeit wurde cin^j ganze Reihe von Wiener und Prager Bic hkomm.issionären sowie Wiener und polnische Banken mit Hilfe gef älschtek Frachtbri efduplikate um namhafte Stimmen geschädigt. Mitte Juli d. I. fragte ein Mann, der sich Zygmont Lax aus Zakopane nannte, bei einer Wiener Bieh- 'kommissionsfirma brieflich an, ob sie bereit tväre, Schw eincsendnngen von vier bis fünf Waggons wöchentlich auf Rechnung der Firma Lax am Wiener Markt zu verkaufen imb die Ware gegen Uebernahme der Frachtbriefe zu bevorschußen. Es kam eine Vereinbarung zustande und dem Lax wurden in Bielitz 30.000 Schilling ausgezahlt. Erst später kam der Betrug auf. An der Kra kauer Filiale einer Wiener Firme wurde von evuemlManu, der sich»alsKasinski aus Prop» czyee telephonisch vorstxflte, ein gleicher Betrug verübt Da ein gewisser Jasiuski tat sachlich zum Kundenkreis der Wiener Firma gehört, und in Tarnow wohnt, wurden am nächsten Tage eiirem intelligent aussehenden iMann mit Hornbrille nlnd Gummimantel, der Frachtbriefduplikat« vorwies, 14.000 Schilling aus gefolgt. In ähnlicher Weise ist auch «ine Prager Firma um 30.000 Schilling und eine zweite gleichfalls in Prag befindliche Firma um eine größere Summe geschädigt. Die Verfolgung dar anscheinend zu einem Konsortium gehörenden Personen ist einge^itet. Industriespionage. Pyramidonrezepte sUrEugland. Frankfurt a. M., 9. August. (Tel.-Komp.) In Höchst am Main wurden drei Arbeiter der I. G. Farbenilwduostrie verhaftet, die sich das Rezept für die Herstellung von Pyramidon in der Absicht verschafft hatten, nach dem Aus lande zu verkaufen. Die Betriebsleitung hatte aber rechtzeitig Kenntnis von diesem Plan ierhalten und ein Chemiker der Werke, der sich als Engländer ausgab, setzte sich mit dem Kleeblatt in Verbindung, so daß die drei Arbeiter, deren Rezept für die Herstellung von Pyramidon ziemlich genau war, verhaftet werden konnten. Bai den Verhafteten fand man cineir Berttagsentwurf, worin.sie einen Betrag von 900.000 Mark für ihren Verrat wfttb die Zusicherung ihrer stlebersiedlung nach England verlangten. Da es sich nur um «inen versuchten Verrat handelte, wunden die dreiLeute wieder enthaftet. Der affprisch-chalvNsche MWusches. Zürich, 9. August». Wegen unerlaubten Gxenzühertrittes und jAufenthaltes in Zürich würde vom Bezirksgericht der falsche rPinz de Barda Ca mbar aus Kleinasien zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt. Äanchar, tzaS, H'Mpt einer internationalen Gauner-« bcmde, trat 1884 beim Völkerbund in Genf als <Prinz und Chef eiinar assyrisch-chaldürsche n Mission auf, die für Flüchtlinge Gold sammeln wollte. Er wurde aber damicks entlarvt und aus der Schweiz ausgewiesen. xxxxxx?c<»pooooo<xyyranra^tt*ra:xxxxx»ogxxx3ooooooooooooocxxx)ooooooooooooooooooo Revolverschietzerei in Sttakttng. am aifßriudjtßQttentat. Die Wilhelminenstraße in Ottakring lvar gestern nachmittags der Schauplatz eurer wilden Schießerei. Der 26jährige Hilfsarbeiter Gustav Bertalan verfolgte die 41jährige Hilfsacbcitcritr Aloisia Z i m m c c nt <x n u, mit der er Beziehungen unterhalten hatte, mit dem Revolver. Ec s ch o s; auf sie und gefährdete auch ganz unbeteiligte Personen. Zum Glück hat k e i n<e der Ku geln getroffen. Bertalan und die Zimmermann hatten einander vor vier Jahren kennen gelernt, waren zusammengezogen, doch durch den leichtsinnigen und wilden Charakter des Mannes gab es oft Störungen in bcn Beziehungen. Die Frau verzieh ihm aber immer wieder, weil er hoch und teuer schwor, daß er sich bessern und von seinen Brutalitäten ablassen Ivevde. Vor drei Monaten war es lvieder zu einer furchtbaren Szene gekommen, worauf die Zrrmnevmann den endgültigen Beschluß faßte, mit Bertalan zu brechen. Er mußte aus dem Hause und nahm ein eigenes Quartier. Der Mann ließ aber nicht ab, sie zur Wiederaufnahme der Beziehungen zu bewegen. Sie blieb standhaft. Gestern um J42 Uhr nachmittags verließ sie in Beigleitung ihrer Mutter und ihrer Schivester ihre Wohnung. Mn der Ecke der Wurlitzergasse und Wilhelminenstraße Lauerte ihr Bertalan mit einem Revolver ibewaffnet auf. Ms sie ihn erblickte, eilte sie in ein GemLschtwarengeschäft, in dem außer der Inhaberin Kunden weilten. Bertalan folgte ihr, sie lies hinter das Pult und von dort in die anstoßende Küche. Der Verfolger gab nun in der Türe des Geschäftes stehend, in rascher Folge sechs Schüsse hintereinander auf die Flüchtende ab. Die Kugeln sanften an ihr und den anderen Personen, die im Laden weilten, hart vorbei, ohne sie zu treffen. Bertalan ließ sich ruhig sestnehmen. Auf dem Kommissariat behauptete er, n i ch t z u w i s s e n, was er getan habe und stellte sich trunken. Er wird dem Landes- »g e r i ch t e eingeliefert werden. Prag-Tokio. Set tfMildje weitfllea« in Smlensk angeummen. Prag» 9. August. (Tsch. P.-B.) Das Flugzeug „S 16" mit Oberstleutnant Skala an Bord landete am 8. d. M. um 14 Uhr in Smolansk» Hauptstadt im gleichnamigen Gouvernement in MttelruMand am Dnxcpr, ohne jedwedon Unfall. Die Luftlinie Prag—Smolensk beträgt 1250 Kilomete r. Das Flugzeug orrckchte eine durchschnittliche Stundengcschwindigkeit von 210 Kilometer. Oberstleutnant Skala ist heute früh in Moskau erwartet worden. (Skala ist Montag um 9 Uhr früh in Prag gestartet.) Fst Hinrichtung Nutzere Gewalt? Ein Bersicherungsprozetz um Leu Mörder Lederer. Budapest, 9. August. Wie die Blätter melden, haben die Gläubiger des vor mehreren Monaten wegen Ermordung des Selchermeisters Kodclka Hingerichteten Gustav Lederer gegen eine Versicherungsgesellschaft, bei der Lederer versichert gewesen lvar, einen Prozeß angestrengt. Lederer hatte sich ausbedungen, das die Gesellschaft seinen Erben im Falle seines Ablebens 1600 Dollar ausbezahle, hingegen 3000 Dollar, wenn er infolge äußerer Gewalt den Tod finden sollte. Die Gesellschaft hat mm die Bezahlung der höheren Summe mit der Begründung verweigert, daß Lederer auf Grund eines rechtskräftigen Urteils hingerichtet worden sei, die höhere Versicherung aber nur für einen tödlichen Unf all. gelte. Der Gerichtshof, der die Verhandlung des Prozesses auf den Monat September anberaumt hat, wird zu entscheiden haben, ob die Versicherung sich auch auf den Fall des Ablebens infolge Hinrichtung bezieht. VIVIL DAS PFEFFERMINZ das wunderbar« Mittel GEGEN fcJITZE Ae Sagen der Juden. Von Kurt Münzer. Das große ' Sammelwerk der jüdisch«» Legenden, Mythen, Auslegungen und Fabeln, das der Fleiß, die Literaturkenntnis, das historisch« Genie des Micha Josef binGorrvn zustanbegebracht haben, ist nun auch in bec schönen, stilgerechten deutschen Ausgabe zur Vollendung gekommen. Nachdem die ersüen drei Bände schon vor dem Kriege Vorlagen, sind nun der viert«! und fünfte erschienen*), in derselben Sorgfalt, sprachlich ausgezeichnet übertragen, vom Verlage mit der bekannten Erlesenheit ausgestatt«t. Bor einem Buch« wie diesem schweigt zuerst aller Streit ums, aller Kampf gegen das Judentum. Dem sonst Einsichtslosesten geht hier auf, daß hier ein Volk Literatur macht, die unsterblich ist, und daß es ein wahrhaft „auserwähltes" Volk sein muß, das diesen Mythus voll Gestatt und Gedanke, Empfindung und Gläubigkeit schaffen konnte.' Der blindeste Hasser wird jene Kultur gelten lassen müssen, von der solche fünf Bände Zeugnis ablogen. Eine Kultur, die mit der griechischen und römischen Vorbedingung und Mutterboden unserer Welt Überhaupt gewesen ist. Ohne sie wäre das Denken heut in seinem Ausmaß nicht möglich, sie hat unser Weltbild mitbosttmmt. Und es ist nun — jenseits hon Historie und Wissenschaft r— für jeden reizvoll, in tneses Urjudentum unterzutauchen. Der nicht hebräisch sprechende Mensch hat kaum eine Ahnung von der heroischen Literatur der Hebräer. Was außer der Bibel ist wohl von ihr unter die Völker gedrungen? j> „Heroische Literatur," sagte ich und dachte an solche, hinter der ein Mensch, also ein Heros, steht. Gveche sagte einmal zu Eckermann, daß die Deutschen „die Produktivität der Tai" nicht verstünden. Er dachte dabei an Napoleon, aber sein GÄumke war wohl Ergebnis seiner deutschen Erfahrung überhaupt. Produktivität der Tat: Idee in sich verwirklichen, Persönlichkeit sein. Lebendige Kraft, bildende Wirkung, die vom Schöpfer, »licht von der Schöp- *) Die Sagen der Juden. Gesammelt von Micha Joses bin Gorlon. Uebersetzt und herausgegeben von Rahe! und Ettlanuel bin Gorivn. Rütten & Loenina, Frankfurt.«. M. 1866/27. Band 4: Mose. Band 5: Juda un!> Israel. 416'mrd 498 Seiten. Mark 8.— <11.—) und Mark 0.— (12.—). fung ausgeht. Deutsche Bücher haben selten einen Autor hinter sich. Wohl aber französisch«, immer aber hebräische. Solche Bücher sind vielleicht gar nicht mehr richtig literarisch zu werten. Sie sind Bruchstücke! eines großen schöpferischen Wesens. Etwa Spinoza, Voltaire, Rousseau, die uns selbst mehr angehen als -ihre schriftliche Hinterlassenschaft. Man liest SMtaice aus Kuriosität. AVer irr «len Kulturen ist Voltaire selbst ein wirkender Begriff; er hat Weltanschauung Mitgebildet. Das Schriftliche solcher Genies ist fast schon ein Irrtum. In diesem Sinns nennt Renan das Neue Testament eine ,LKerzerrung Jesus . ES gibt schon Länder, in denen die Mbel abgeschafft ist, aber Moses kann nie abgeschafft werden. Ens geht der „Gmiile" schon längst nichts mehr an, aber Rousseau wird unsterblich sein. So ist die Bibel kein Buch, sondern eine Tat! Sie ist Literatur von Heros, Bericht von den ewigen Persönlichkeiten. Ihren Mythus spinnen weiter auS die „Sagen" des bin Govion. Sie heben aus den unermeßlichen Schatzl gewülben einer ganz verborgenen Literatur köstliche Dinge hervor. Sie bauen die Bibel aus, sie paraphrasieren und kommentieren sie. Es gibt talnmdische SchuLdialoge in der Sammlung, aus denen der ganze sttrrrilo Humor, die jüdische Spitzfindigkeit und Verstandese^ichung offen wird. Ueber den gewaltigem dräuenden Fundamenten d?r Bibel erhebt sich ein Aufbau, orientalisch bunt, leicht, durchsichtig, spielerisch, doch fest gefügt in feiner Anmut und Zierlichkeit wie seine Basis. Me, die wir aus der Bibel kennen, unsere alttzn, unvergänglichen Begliettew, durchs ganze Leben, werden hjer — aus Sjchouette und Profil — runde Gestalt. Namen, die dort nur eben Namen sind, werden hier Mensch, Wandel und Stimme. Im Band „Mose" haben wir eine regelrechte Heldeilbiographie, doppelt erzählt, erst an Hand der Thora, dann nochl einmal nach den Quellen der Midrasch. Immer runder lvird die Figur. Gleichnisse umspielen sie, Bariativnen der Begebenheiten, Sinngedichte. GS gM vvy der Geburt bis zum tragischen Heldentod. Der Gottesdiener und -Verkünder lvird schließlich von Ihm verlassen, sein Werk vollendet sich nicht, fein Grab bleibt unbekannt. Tiber was ist das anderes als letzte irdische Entrückung des Propheten? Kern ^Zweiter stand aus wieder. Zaubers voll listder Band,Mvse". Endliches Märchen,, tiefsinniges Gleichnis, WundorLügende und phantastisches Fabulieren: wirklich: dieses Buch ist kein Buch. In einzelner: Stücken ein Katechismus, Aufgang treuen Ostjudewums, Frage und 'Antwort, um den Lernenden und Lauschenden KUttesst die Geschehnisse ernzuprägen. Es ist die jüdische Ge schlichte! AVer diese Sagen lösen sie nicht in reine Mythe auf, sondern verdichten nur ihren tatsächlichen Kern. Jenseits der ranonifierten Bibel lernen wir hier die „mündliche Lchrv"^ kennen, die Ueberlieferung der Lehre, der Gesetze und Geschichte von Geschlecht zu Geschlecht, wie man eS den Kindern erzählte, wie man es in Talmudfchulen diskutierte. Und also kommt zu dem Stoff der Erzählungen noch das Schönste hinzu: die Empfindung des Lehrers und ErzMers, die persönliche Sehnsucht nach dem >Messias, die eigene seelische Bewegtheit, Schmerz und Lust d^r gebundenen Existenz. Aus all dem stvigt drei inbrünstigste Phantasie. Sie durchblutet diese Legenden. Aumial bk um IMosxs, da die Urgeschichte natürllch am reinsten Mythus ist. Im letzten Band „Juda und Israel" stehen wir da-, gegen auf historischm Boden. Da sind wir mitten in der jMschm Geschichte, in der Zeit der Helden und Führer und ihrer Kämpfe mit- und gegeneinander. Bon Josua bis Esther. Staatssvagen tauchm auf. Neben dem! Einzigen Gott die Götzen Baal und Moloch, das goldne Kalb, Mchas Heidenglaube. Der schlchte Glaube zerfällt, Theologie entsteht, wichtiger als Gott wird die Frage, von welchem Berg herab Er Seine Gesetze gab. Was mtt der Spaltung in Samaritaner und Juden endet. iMJ der Vielfalt der Begebenheiten und Sagenstoffe luandelt sich auch die Form und der Stil der Wiedererzählmvg. .Bald sind «'s Hymnen und» lyrische Ekstasen, bald Psalmen, WeisheitSfprüche, sachlicher Bericht. Aber atteS etnt sich zum Reinklang: jüdische Welt. Me Widersprüche leben in ihr Md sind doch Harmonie. Bon allen Menschlichkeiten geschüttelt, ruht sie doch in göttlichem Gleichgelvicht. Jüdische Welt — verlorene Welt? . . . Wem sie in diesen Büchern anfgeht, weiß, daß sw unvergänglich ist rvie Gottes Raum, in den: sie sich belvvgt.

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