Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3033 (9.8.1927)
- Date
- 1927-08-09
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Wien. Dienstag Wiener Morgenzeitung 9. August 1927 Nr. 3033 » Seite 6 VOLKSWIRTSCHAFT m Serichtssaal.; „Stehen Ae habt Acht, wenn ich! mtt Ihnen rede". 1 Der Gefreite Josef Mayer des Infanterie-Regimentes Nr. 6 hatte sich gestern vor dem L<M. D r. Ettmayer des Strafb^irksgerichtes 1 wegen S u bo r d i n a t i o n s v e r l c tz u n g zu verantworten. Der Angeklagte bekannte sich nicht schuldig. Er erzählte, er sei am 6. und 6. April auf Urlaub gewesen und sei am 5. in Zivil in Begleitung eines anderen Wehrmanncs in den Kasernenhof gegangen. Er habe mit seinem Begleiter, der etwas schwerhörig sei, gesprochen, und ihm die volle Aufmerksamkeit zugewendet, so daß er nicht l^emerkte. daß sie einem Haupt m a n n begegneten. Sein Begleiter habe gegrüßt, er habe aber nicht mitgegriißt. Kaum ivaren sie einige Schritte roeitcrgegangen, so habe sie der Offizier gerufen: „Hallo! Sie Zweiter, warum grüßen Sie nicht?" Mayer bemerkte darauf: „Ich habe Sie nicht gesehen, ich glaube aber, wenn ich in Zivil bin, nicht verpflichtet zu sein, Sie zu grüßen." Der Angeklagte bemerkte, er habe das in legerer Stellung dem Hauptmann gesagt, da er sa in Zivil war. Der Hauptmann bemerkte darauf: „Sie, wenn ich nrit Ihnen spreche, geben Sie die Hände aus -dem Sack und stehen Sie habt Acht." Der Angeklagte bemerkte, daß er diesem Befehl injofeme nachgekommen sei, daß er die Hände aus dem Sack genommen habe, aber dazu bemerkt habe: „Ich weiß nicht, ob ich in Zivil habt Acht stehen muß." Daraufhin habe der Hauptmann bemerkt: „Gehen Sie morgen zum Rapport." Der Angeklagte habe den Hauptmann aufmerksam gemacht, daß er den nächsten Tag noch auf Urlaub sei, und bemerkte,, er habe gelaubt, daß er den Befehl erst am Tage seines Dienstantrittes ausführen müsse. Es ist ihm nicht eingefallen, -den Befehl zum Rapport zu gehen, nicht zu befolgen. Der Richter, der sich selbst nicht imKlaren war, ob der Offizier berechtigt war, den in Zivil befindlichen Wehrmann zu stellen und ihm einen Befehl zu erteilen, vertagte zur Ladung eines militärischen Sachverständigen die Verhandlung. Sie Gerichte arbeiten. In den provisorischen Räumen des ehemaligen Nationalb ankgebäu des, im Trakte in der Landhausgasse, wo gegenwärtig sowohl der Oberste Gerichtshof, die Generalprokuratur, 'das Oberlandesgericht und das Zivillcmdesgericht untergebracht find, herrscht ffeberhafte Tätigkeit, um die nötigen Räume entsprechend ihren Zwecken auszugestalten. Das Zivillandesgericht hat vorerst eine Einlaufstelle etabliert'. Man rechnet damit, daß noch im August bereits gewerbcgerichtliche Berufungssenate und möglicherweise mich Berufungssenate für Zivilstreitigkeiten in einem p r obi syrischen Verhandlungsraum iverden ' amtieren können. Es dürste sich die Notwendigkeit ergeben, eine' Zeit hindurch die Zivilverhandlungen in den Räumen des Handelsgerichtes in der R i e m e r g a s s e durchzuführen. Das Oberlandesgericht hat provisorisch bereits einen kleinen Verhandlungsraum adaptiert, um dort verhandeln zu können. Am 2. September sollen die ersten Verhandlungen vor dem K a s s a t i o n schofe mündlich durchgeführt werden. Der Oberste Gerichtshof hat seine.Tätigkeit bereits voll ausgenommen. Lesterreichs Handelsbeziehungen zu Ehrten. In den Wiener „Wirtschaftlichen Nachrichten" schreibt Prrvatdozent Dr. Siegmund Schilder: Die Ausfuhr nach Syrien umfaßt nahezu alle Ausfuhrindustrien O e st e r r e i ch s (es fehlen höchstens die Schuhwaren-Erzeugung, die Lebens- und Genußmittel-Fabrikationen sowie die chemischen Industrien), namentlich Textilien, Papier, Kleidungen, Holzwaren, Metallwaren. Mit größeren Beirägcit sind vertreten: Mollwaren, Jutesäcke, Wäsche, Zigaretten-, Druck- und Schreibpapier, Pappen, konfektionierter Kautschuk und andere Kautschukwaren. Hohlglas und andere Glaswaren, Cmailgeschirr, Tisch-, Haus- und Küchengeräte aus Eisendraht, mancherlei Kleineisemvaren, eiserne Kaffen, Eisenmöbel, versilberte Waren/ Pumpen und Spritzen, elektrische Meßapparate, Klaviere und Pianinos, Zündhölzer, Patronen. Die mit kleineren Beträgen genannten österreichischen Ausfuhrlvaren auch nur unvollständig aufzuzählen, würde zu tveit führen. Der besonders große Ausfuhrevfolg Oesterreichs in Syrien im Jahre 1926 hängt wahrscheinlich einigermaßen mit dem außergewöhnlich st a r k,e n B e d a r f a tt Waren aller Art zusammen, der im 2. Halbjahr infolge des französischen kriegerischen Einschreitens gegen die Drusen und andere syrische Aufftändische eingetreten ist. Dieser Umstand hat auch noch während des Jahres 1926 längere Zeit hindurch angehalten. Es handelt sich nunmehr darum, die vorübergehende stärkere Durchdringung des syrischen Marktes zu einer dauernden zu. machen. Handelspolitisch ist hier nicht viel zu leisten, da Oesterreich durch seine Teilnahme am Völkerbund ohnehin j schon im syrischen Mandatsgebiet eine sehr vorteil hafte.Stellung besitzt, die jener Frankreichs selbst gleichkommt und höchstens durch die allmählich aufblühende Industrie des mit Syrien zollvereinten Palästina etwas gefährdet wird. Die syrische Industrie selbst ist noch unbedeutend und rückständig; sie wurde durch die Aufftandsbewegung eher noch geschädigt, so >daß die verhältnismäßig nicht sehr hohen Zölle Syriens, abgesehen vom Eingreifen des begünstigten Palästina, fast nur fiskalische Bedeutung haben. Von Oesterreich aus wurde und loird Syrien eifrig bereist. Vor etiva einem Jahre haben sich sogar die Orientreis e n d e n O e st e r r e i ch s im Wiener Verein reisender Kaufleute zu einer besondere n Gruppe zusammengeschlossen, die auch den syrischen Verhältnissen eingehende Aufmerksamkeit widmet. Der Handelsvertrag mit Finnland unterzeichnet. Die feit längerer Zeit über einen Handelsvertrag mit Finnland geführten Verhandlungen sind nunmehr zum A b s ch l u f s e gelangt. Am gestrigen Tage haben Bundeskanzler Dr. Seipel und der zur Verhandlung und zum Abschluß ermächtigte finnische Gesandte, Dr. Harri H o l a s, einen Handels- und Schiffahrtsvertrag nebst Schlußprotokoll uni erzeich n e t. Der Vertrag, durch den Oesterreich in den Genuß der Meistbegünstigung in Finnland gelangen wird, regelt die Behandlung der Ein- und Ausfuhr der beiderseitigen Waren, den Betrieb von Handel und Gewerbe, die Rechte von Handlungsreisenden, die Frage der Verkchrsverbote, eisenbahn- und schiffahrts- sowie konsularrechtliche Fragen im wesentlichen auf dem Fuße der Meistbegünstigung. Der Vertrag enthält außerdem für beide Teils eine beschränkte Anzahl von zolltarifarischer: Bindungen. Wiener Börse. Trotz der sommerlichen Stille zeigte sich gestern eine etwas freundlichere Stimmung. Sie reflektierte aus der günstigeren &&<• staltiuig der internationalen Geldverhältnisse und ans einer besseren Beurteilung der ZinSfustbewogung. Auch gute Erntemelduln-« gen und ElektrisizicrungSaktionen in Ungarn wirkten günstig. In der Kulisse, aber auch im Schranken, jzeigten sich Kursbesserungen. 'Oesterreichische Ztktien, insbesondere Krupp, erfreuten sich in- und ausländischer Kaufaufträge. Später entwickelte sich eine.Aufwärtsbcwcgnng für Rima. Gegen Schluß der Börse sind Aussiger Chemische um 3.55, ,Urikanyer um 3.50 gestiegen. Urikanyer erreichten 220.50. Die Kulissenpapicre fanden spärlicheren -Verkehr, haben aber ihre Kursbesserungen festgehalten. Krnpp-Mtien blieben auf 24, A.E. G. auf 41. Die Aktien der Banken hatten geringen Anteil an der festeren Stimmung. Portlandzement befestigten sich um 2, Wiener Lokomotivfabrik um 2.25, Gösser Brau um 6.05, -L-eoben-iBordernbergsr Aktien verloren 1.03. Aus dein A n l a g c m a r k t notierten Rudolfsbahn-Schuld 2f50 und -Prioritäten 12, Wiener Verkehrsanleihe 2, Wiener Anleihe, Emission 1917, 0.50, Emission 1918 0.33 uiib Emission 1921 2.70. Die Rcntenkurse besserten sich, ohne daß eS zu Abschlüssen gekommen wäre. Kassakurse: Konipaß 1, Landerbank 19.05, Böhmische llnionbank 70, Bodeucredit 126.50, Anglobank 6.10, Niederösterreichische Escompte 24.50, Nordbahn 1100, Pcrlmaoser 304, Hauser u. Svbotka 10.40, Koliner Spiritus 468, Stern u. Hafferl 46.40, % E. G. Union 42.75, Wer. Elektr. 48.60, Siemens 26.50, Stewcog 27.80, Körner-Werke —.85, Nordböh'in. Kohlen 588, Obcrung. Berg et . (Hütten 56.25, Steir. Magnesit 65, Mannesmann 38.60, Simureringer 16, Zielenieivski 14.50, Felten 52/ Oesterr. Hofherr 10.20, Kabel Draht 26, Krupp 24.20, Rima 158, Waffen 27.95, Styria Dürkapp 15.25, Karpathen 30.50, Landeis 1.20, Mioo-Werke 14, Gerngroß 20,80, Teppich Haas 6.10, Senlperit 17.; i Gremium österreichischer HandelsiverLreicr, reisender Kausieutc und Kommlssionäre in Wien. Donnerstag, den 11. August, 8 Uhr abends, ftndet int Wiener Bürgercafe, '2. Bez., Praterstraße 11 (Handelsvertreter-Halle), ein Gremialtrefftag statt. Tagesordnung: Stellungnahme zum Preisdiktat des Mühlenkartells: internationales Handelsvertreterkongreß in Men; die Novelle des Handelsatzentengesetzes: Wiener Messeangelegenheiten. ' Der' KonkurrenMmpf rn der polnischen Petroleum» rndnstkle. Die gegenwärtige Lage in der polnischen Petroleumindustrie ist außerordentlich schwierig. Seit der Auflösung des Naphthakartells arbeitet jede Raffinerie auk eigene Faust und die einzelnen Raffinerien stehen in hartem Konkurrenzkampf gegeneinander. Der Hauptgrund für (20. Fortsetzung) Copyright by vr. Sfix Pr&ger, R. LOwit Verlag, Wien. AMERIKA. Ein Roman von Sdialom Asm. Er war schon überall in der Welt gewesen, kannte Afrika wie ferne fünf Finger, alle Orte, die nur je ein Mensch betreten, schien er zu kennen. Nach einiger Zeit, erklärte er, habe er immer den jeweiligen Aufenthaltsort gewechselt und sei weitergezogen, nicht weil es ihm etwa schlecht ging, — denn überall könne er sein Stück Brot verdienen, — sondern weil er nirgends Ruhe finde. Nichts bindet ihn an irgendeinen Ort, sagt er. Er koinmt irgendwo hin, Maut sich um, findet Arbeit und bleibt einige Monate, höchstens ein halbes Jahr, packt dam: seine sieben Sachen und ist schon fort. Ms kleines Kind hat er das Wandern begönnert. O, er wäre schon sv reich wie Rothschild geworden, hätte er irgendwo bleiben wollen. Aber er kann nicht; etwas in ihm gibt ihm keine Ruhe. Jetzt fährt er zurück nach Rußland, nach der Kleinstadt, woher er stammt, um das Elterngrab zu besuchen. Er hat den Vater im Zuatme gesehen, daher weiß er auch daß der Vater tot ist. Allerdings, sicher ist er nicht, ob Rußland ihn hineinläßt, — denn seinerzeit f)&t er sich nicht zum Militärdienst gemeldet. Freilich riskiert er sein Leben, aber er muß feines Vaters Grab besuchen, sonst findet er keine Ruhe. Alle hörten ihm artsmerksam zu nub schauten etwas ängstlich auf seine schwarzen Augenbrauen, äls ob sich in ^sjeönen Augen ein Tropfen des unendlichen Ozeans ver- ^steckt hätte, der von einem Weltende zum anderen feine Ungeheuren Wasser wälzte. „Auch in Afrika gewesen?" fragt eine Frau aus einer Ecke heraus. „Gewesen", antwortet nrit Sichwh-eit der Schwarze. | ,-Jch habe dort einen Sohn", sagt die Frau. „Habt l Mr ihn vielleicht gesehen?" I. „Sicher gesehen, aber wie soll marr das jetzt rroch feststellen?" ,Am Lande Israel icmch gewesen?" fragt ein alter Mann aus einer Ecke heraus, der von-Amerika nach seinem! Heimatsort zurückfährt, um (dort zu sterben. „Jawohl", antwortet der Fremde. „Und Mütter Rahels Grab gesehen?" ,^Jawohl, gewiß >var ich dort, habe auch Sternchen vom Grabe gesammelt", antwortete der Freinde und holt aus einer Tasche in der Weste ein Säckchen, mit Erde hervor, das er buchstäblich auf dein Herzen, trug. „O, o", staunen alle. „Bei meinen: Leben, das ist wichtiger, als nach Amerika zu fahren", stöhnte der alte Mann. „Hätten meine Knochen, lieber das Glück gehabt, dort begraben zu fein, als daß sie nach Amerika reisten, —- wenn nran schon über das große Wasser muß." ,Llch trag' es immer auf dem Herzen. Man weiß nie, wo man zu liegen kommt. Vielleicht gar irgendwo unter Nichtjuden. Und das" — er zeigt auf das Säckchen — „soll man mir auf die Augen legen, das ist dann, als ob man im heiligen Lande.Israel läge." „O, so ist es, so ist es! Hätt' ich es nur . gehabt, besser war' es, als in Amerika gewesen zu sein.", stöhnt der Sflte, der nach der Heimat zurückfährt, um dort z'ui sterben. „Zwölf Jahre lebt' ich bei meinen: Sohn in Amerika, goldene Ringe, einen goldenen Stock, gab er mir, und damit" — er zeigte ,auf die Ringe — „soll ich nun begraben werden." „Vielleicht, - wenn du ihn recht bitten wirst, wird er dir ein wenig von der Erde geben", sagt eine alte Frau, die neben ihm sitzt, offenbar seine Frau. „Was, ein solches Geschenk? Es ist doch kostbarer als Gold und Diamanten, und das toegzuschenken?" beinerkt eine Frau daneben. „Es kostet doch kein Geld. Jeder, der ivill, kann es nehmen." .Man muß aber dort.gewesen, sein." Es erwies sich, daß der Frenid-e durch die Worte des Alten so gerührt war, daß er ihm etwas Erde aus seinem Säckchen auf die Hand schüttete. Mit großer Sorgfalt tat sie der Alte in sein Tüchlein und blickte den Fremden mit solcher Dankbarkeit an, bis dem die Tränen in die Augen kamen. ‘ „Vielleicht war mein Waten wie Ihr", sagt der Fpemde. ,,^Jch habe doch meinen Vater nicht geseherr. Wenn ich einen alten Juden sehe, ist es mir, als sähe ich meinen Vater." „Und ich möchte nicht, daß n:ein Heimatland mir verloren gehe;was auckssiein möge, es ist dvchi das Heimatlaich'." Alle blickten nach der Richtung des Sprechenden. Wer war das, der sein „Heinratland" nicht verlieren wollte? Es zeigte^ sich, daß es ein noch junger Märm war. „Und," sagte er ein werüg posierend, „obwohl ich weiß, daß man mich zum Militär nehmen wird, gehe ich! dennoch nach Rußland zurück. Ich will nrem Heimatlarch nicht verlieren." „Ach was, Heinmtland! Ich iveiß gar nicht, ob man mich in mein „Heimatland" hineinlassen wird." „Warnm sollte nran Euch denn nicht hineinlassen!?." „Ich habe nreinen Paß erriem anderen abgegeben, und jetzt schickt mich Amerika zurück." „Wieso wird nran dich nicht emlassen? Wer denn sollte dich nehmerr, du bist doch ein Russe." ,^a, aber Rirßtand, was kann den: nicht alles tzinsallen?" Bei diesen Worten regte sich etwas in der Ecke. Ein Mädchen von zwölf Jahr-en näherte sich zaghaft der Gesellschaft. Ihre schwarzen Augen rnusierten ängstlich-forschend die Gesichter der Unrsitzenden. Darm tva:rdte sie an eine in der Nähe stehende Frau. „Was nröchteft du?" fragte die Frau.' „Man hat wem Brüderchei: zurückgeschickt. Ich fahye jetzt mit ihn:. Warun: sagt denn der Mann, daß nüm in Rußland lücht wieder eingelassen toird?" „Haft dn auch einen Paß?" fragt die Frchi. Fortsetzung folgt:) _ f