Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3033 (9.8.1927)
- Date
- 1927-08-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seile 2 Gien, Dienstag staaten ihre Schichten gegen jüdische Ltädtchcrr schlüge»:. Tamals ist der Mord in seiner grauenvollsten Form über das jüdische Leben gegmkgen. Niemmid hat Protestiert. Es sind in Ungarn Scheußlichkeiten unnennbarer 'Art von Bekennern des christlich-nationalen Kurses an Inden begangen worden. Die ganze Welt hat davon gehört, hat die Orte der Szenen, die Narncn der Opfer vernommen. Es tvarcn Juden, und so blieb alles ungerührt. Es ist nämlich nicht r«chr, daß es ein einheitliches Enrpfinderr für die Ruchlosigkeit des Mordes gibt. Trifft er in Masse, in der Form der Judenmetzelei auf, so ruft er kerne Aktion und keine Reaktion hervor. Und das ist deshalb, »veil es dem sadistischen Triebe der Masse entspricht, Wehrlose zu quälen imb zu martern. Diese Juden rvaren das Prototyp der Wehrlosigkeit m:d sie mußten verröcheln, tveil in dieser W^lt und in dieser Zeit nur das E'eseh der Gewalt und der Macht etwas gilt. Darum gab es keine Mgenäktivn... Der Urlaub des Bundeslaurlerr. 3m Melker SM. Wie bereits nngekündigt, hat der Bundeskanzler Dr. Seipel gestern einen Erholungsurlaub augetrvten. Er begibt sich, wie wir erfahren, in den nächsten Tagen nach Melk a. d Donau. 8?» Tnmuktgesetz in Borberett«»g. Eure Mtteilimg des Bundeskanzlers. Das Präsidium des Dctaillistenverbandes Oesterreichs, bestehend aus den Herren Kommerzialrat Adolf Spaeth, Rudolf Schuch und Kommerzialrat Alexius S a l z e r, erschien gestern beim Bundeskanzler, um einerseits der Bundesregierung für die rasche Beendigung der Unruhen vom 15. und 16. v. M. den DankderKaufmannschaft auszusprechen und andererseits ein Verzeichnis jener Firmen zu überreichen, die durch wahren der Unruhen vorgenommenen Plünderungen direkt geschädigt worden sind. Sie urgierten zugleich ihre schon im Jahre 1921 erhobene Forderung, durch Schaffung eines Tumultgesetzes nach dem Vorbild des Deutschen Reiches und der Tsechoflowakei der Geschäftswelt Entschädigung und Beruhigung zu sichern. Der Bundeskanzler nahm diese Kundgebung des Detaillistenverbandes zur Kenntnis und teilte mit, daß der vorgelegte Entwurf eines Tumullgefetzes bereits derr Gegenstand eingehender Beratungen der zuständigen Stellen bilde. Polen gegen den Numerus clausus. Ein zklularerlatz des llnterrlAsmimsteriums au die Rektorate! Warschau. 7. August. Die Expertenkommission des politischen Komitees des Ministerrates hat in ihrer Funisefsion u. a. den folgenden Beschluß gefaßt: In der Frage desNuweruselausns erklärte die Kommission, daß bei der Aufnahrne von Hörern in die höheren Lehranstalten kein nationales oder religiöses Moment maßgebend sein darf. Es müssen die entsprechenden Verordnungen erlassen werden, damit dieser Grundsatz Leben erhält, und ne müssen in einem solchen Zeitpunkt erlassen werden, daß di- Mölichkeit besteht, daß sie noch im Schuljahr 1927/28 zur Geltung kommen können. Gemäß dieses Beschlusses hat der Unterrichtsminister in einem Zirkular cm die Rektoren der akademischen Anstalten an den Erlaß vom 20. September 1926 erinnert, wonach bei einer Einschränkung der Zahl der Hörer, wenn eine solche notwendig sein sollte, genau entsprechend dem Punkt 86 des Gesetzes über die höheren Lehranstalten vorzugehen ist. Weiters erinnert der Minister an das Zirkular vom 26. September 1926, welches feftstellt, daß die vonr Gesetz zugelassenen Aufnahmsbeschrankungen nicht nach nationalen oder religiöser Gesichtspunkten behandelt werden dürfen. Sie litauische« Gemeindepolizifteu. Kowno, 5. August. (I.T.A.) Die antisemitischen Exxzesse in verschiedenen litauischen StLdte«, die durch Anxteilnahme der Ortspolizei charakterisiert sind, nehmen kein Eüdr. In den letzten Wenigen Wochen fanden solche GMsse in Ponietoesch, Kralkian, Pikwischok und zuletzt in Krau statt. Auch in den Kownoer Polizeibezirke»: wurden in der letzten Zeit viele Juden durch Polizisteil schwer mißhandelt. Die „Mische Stirne" fordert die Regierung auf, gegen den überhandnehmenden Hu.liga.nlsm.us entsprechend vorzugehen. , Gestern hat die Polizei vier jüdische junge Leute vechastet und im Gefängnis unmenschlich mißhandelt und gepeinigt. Der Kcdvnoer Polizeichef versprach, die schuldige« Polizisten zu bestrafen. Unter dvr jüdischen Bevölkerung ist die Stimmung sehr erregt. Ae jüdische Nationalversammlung in Palästina. Jerusalem, 8. August. Der jüdische Natko-nalrat (Waad lettmi) hat beschlossen, die Nationalversammlung (Affefach haniwcharirn) für den November einzuberufen. Wiener Morgerrzeiturrg 9- August 1927 fHt. soss Neue Proteste, neue Attentate. Panik in ganz Amerika. - Reberhafte Erregung in a»er Welt um Saero und BanreM. Paris, 8. August. (HavaS.) „New ghttl Herald" meldet auS New Dork: Irr San Diego (Kalifomrien) ereignete sich eine Explosion, durch die das dritte Stockwerk eineö Gebäudes erschüttert »vurde. Eine Person kam hiröer umS Lebern Die Eifmbahnbrücke bei M a t a w a n (New-Jersey), ist durch eine Feuersvrunst, die infolge einer Explosion entstand, beschädigt wordm. In der Nähe der Brandstätte fand man die Reste einer Bombe. Keine Spur von de» Mer«. New Park, 8. August. (Tel.-Komp.) Der Polizei ist es trotz der größten Demühungon noch nicht gelungen, die Urheber der Bombenanschläge aus die Untergrundbahn zu ermitteln. In Boston und Baltimore fanden Demonstrationen für die Begnadigung Saccos und Vanzettis statt. Der Pfarrer der kürzlich durch eine Bombe schwer beschädigten Kirche in Philadelphia erhielt Zuschriften, in denen er mit dem Tode bedroht wird. Die Polizei von Buffalo hat die Vorkehrungen zum Schutze des Prinzen von Wales, des Prinzen Georg, des Premierministers B a I d w i n mb des Generals Dawes verdoppelt. Nach einer Meldung aus Buenos Aires haben die Eisenbahner für Mittwoch einen Proteststreik gegen die Hinrichtung Saccos und Vanzettis beschlossen. Das Zugspersonal wird 15 Minuten, die Werkstättenarberter 24 Stunden streiken. Protefte, Proteste... London, 8. August. (Tel.-Komp.) Etwa 1000 der urvabhängigen Arbeiterpartei angeschlossene Arbeiterorganisationen haben an bei Präsidenten Coolrdge ein Telegramm gerichtet, worin gegen die Bestätigung des Todesurteils gegen Sacco und Vanzetti protestiert wird. Wi-e ans Buenos Aires gemeldet wird, wurden im Lause neuer Kundgebungen zugunsten. Saccos und Vanzettis die Fenster mehrerer Straßenbahnivagen durch Stemivürfe zertrümmert und etlna 20 Fahrgäste verlieht. Die Polizei nahm zehn Verhaftungen vor. Zahlreiche Maueranschläge fordern zum Boykott nordamerikamscher Erzeugnisse auf. Aufru? Kart« Michaeli»'. Karin Michaelis veröffentlicht folgenden Protest: „In tiefster Verzweiflung schleudere ich noch einen letzten Protestschrei in die Welt. Schwestern und Brüder, laßt die Kirchenglocken aller Länder unaufhörlich Sturm läuten, um zu verhindern, daß Sacco und Bauzeit i am 11. August trotz der unumstößlich bewiesenen Unschuld ermordert werden. Geschähe dieses, gäbe es keine blutige Rache, die nicht gerecht wäre. Tiefer Mord müßte den Anfang des Unterganges des amerikanischen Volkes bilden. Die Unschuldigen müssen, müssen befreit werden. Es gibt keine Gefängmsmmiern, die standhalten können, wenn vernichtete, verzweifelnde Gerechtigkeit, zertretene Menschenwürde sie niederveißen werden. Laßt alle Glocken der Welt Sturm läuten, noch ist cs Zeit. Ich bitte jede Zeitung, diesen Hilferuf abzudrucken." Neuorganisation der Polizei. Panzerwagen und GummlknvUel. Wie verlautet, hat der Ministerrat bereits einen großen Betrag der PvlVeidirektion zur Ausgestaltung der Schlagfertrgkeit der Wiener Polizei zur Verfügung gestellt. Dazu erfahren wir von unterrichteter Seite: Die Jnliereignisse haben die dringende Notwendigkeit erwiesen, eine teilweise Umorganisierung und Neubewaffnung der Wiener Polizei vorzunehme»v um in Hinkunft für alle Fälle bereit zu sein und Ausschreitungen, wie jene am 16. Juli schon im Kelche zu ersticken. Es finden gegenwärtig in der Polrzeidrrektion tagtäglich Beratungen und Besprechungen statt, die diese Frage zum Gegenstand haben und man kann bereits Mitteilen, daß die Anschaffung von Panzerautos in ernste Erwägung gezogen ist. Allerdings steht die Zahl der Pan-- zerautos noch nicht fest. Mit Gewehren tocrr die Wache auch schon früher ausgerüstet. Die erforderliche Anzahl wird im Wege des Hseresminrsteviums beschafft werden. Mit H and Ma schine nge wehre n ist die Polizei seit dem Umsturz ausgerüstet und sie verfügt auch über die zur Bedienung notwendige, ausgebildete Mannschaft. Die Polizei hatte ober erfreulicherweise bisher keinen Anlaß, Maschinengewehre emzusetzen. Die nötige Anzahl ist vorhanden. Was die Ausrüstung der diensttuenden Wachebeanrten mit Gummiknütteln anbelangt, wurde schon im Frieden die eventuelle Einführung dieser Art Waffe erivogen, doch glaubte man damals, daß bei dem Volkschcrrakter der Wiener, der mit einem G-ummiknüttel bewaffnete Wachmann weniger Autorität haben ioürde, als der mit einem Säbel ausgerüstete Polrzeimann. Die Sachverständigen behaupten, daß der Schlag des Gummiknüttels von momentan starker Wirkung sei, aber in seinen Nachwirkungen weniger gefährlich als ein Säbelhieb. Da nun der Gummiknüttel in fast aelln Nachfolgestaaten emgeführt ist, liegt natürlich auch seine Einführung in Wien nahe, doch habe Präsident Schober noch keine Entscheidung getroffen, da -die Beratungen der Experten noch nicht beendet sind. Die Ereignisse des 15. Juli haben auch gezeigt, daß die Zahl der Mannschaftswagen der Polizei zu klein ist, infolgedessen werden eine Anzahl neuer Personenkraftwagen angeschafft werden. Die Durchführung der in Erwägung gezogenen Ovganisationspläne wird natürlich nicht in letzter Linie von den Mitteln abhangen, die die Regierung, bezw. das Finanzministerium zur Verfügung stellen wird. Zionisten! Wenn Ihr für die Erhattung der Organisation seid Wählt n«r Lifte Nnmmerzwei! Dr. Leo Goldhammer. Das Erdbeben in Palästina. kiue 1000 Lollar-Spende zum Aufbau der llniverstliit. Warschau, 8. August. Wie der „Haink" meldet, hat die Leitung der Gesellschaft „Freunde der Universität Jerusalem" in Warschau beschlossen, für den Wiederaufbau des durch das Erdbeben beschädigten Gebäudes der Hebräischen Universität Jerusalem 1600 Dollar nach Palästina zu überweisen. Der Beschluß ist bereits zur Ausführung gelangte Ae Mische Hilfeleistung in Rabl«,. Jerusalem, 8. August. Der sozialistische „Dcrwar" veröffentlicht einen Bericht über dm Wiederaufbauavbeiten in der von der Erdbebenkatastrophe in Palästina am schwersten heimgesuchten arabischen Stadt Nablus und schreibt darin u. a. über den Eindruck, den die tätige Mithilfe der Juden an diesem Werke auf die Araber ausübt: „Die Hilfe der Juden für die Notleidenden hat auf die Einwohner von Nablus einen tiefen Eindruck gemacht. Ucberall bezeichnet man dieses Verhalte»; als eine außerordentliche Großherzigkeit, und viele bereuen ihre frühere Feindschaft gegenüber den Juden und schieben die Verantwortung dafür auf ihre Führer, die sie durch unwahre Vorspiegelungen irre, geführt hätten. In der Stadt sind auch Gxrüchte verbreitet. daß j ü d i s ch e Da « gesellfchaften nach Nablus kommen werden, um dort Häuser gegen Ratenzahlungen zu erbauen." Sie englische Mifeleistuug. London, 8. August. In einer der letzten Sitzungen des Unterhauses richtete Kenworthy an den Kolonialminister die Anfrage, ob beabsichtigt sei, die durch das Erdbeben in Palästina Betroffenen irgendwie gu entschädigen. Der Unterstaatssekretär im Kolonialministevium Ormsby Gore erwiderte, daß der Oberkonrmissär keine Eingabe an die englische Regierung wegen finanzieller Hilfe gemacht habe. Der High Commissioner werde zweifellos die ganze Angelegenheit prüfen und der Regierung solche Vorschläge unterbreiten, die er für ratsam hält. Glücklicherweise sei k e i n e s derhistorischenGebäude ernstlich durch das Erb-- beben beschädigt worden. Das unter dem Patronat der Negierung in Jerusalem gebildete Hilfskomitee für die Erdbeben-Geschädigten besteh/ aus vier Unterkomitees, und zwar: 1. DaS allgemeine Komitee, bestehend aus Aivölf Mitgliedern, darunter zwei Juden, 2. das Kreditkoinitee, bestehend aus vier Mitgliedern darunter einem Inden, 3. das Unterstützungskomitee, bestehend aus fünf Mitgliedern, darunter einern Juden, 4. das Wiederarlfbaukom>!tee, bestehend aus fünf Mitgliedern, darunter einem Juden. Ser Beamtenablmu bei der Sioniftischen PalSftina«8rrkuttve. Jerusalem, 8. August. Im Zusammmchang mit den SpiarsamkelkSmaßnahnren, die von der Zionistischen PalLstlnÄlejeftttit» dnrchgefüHrt werden, wurden insgesamt 17 Beamt« entlassen, davon 6 im Glrüvanderungsbu reau kn Jaffa, 5 im Ein» wailderungsbureau in Haifa, 3 fan Jmm igrationSdepcrrtemient der Zentrale, je 1 im Informativ,rSbursau in Alexandrien und im politischen Departement in Jerusalein, eicdlich 2 im Departement für städtische Kolonisation. Die Presseabteilung wurde gänzlich grschlossen. Wnie Anzahl der Bean»- tet» wurde von anderen Departem-entS übernpmnisn.