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Wiener Morgenzeitung · 1927-08-07 · Heft 3031 (7.8.1927) · p. Seite 13

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3031 (7.8.1927)
Date
1927-08-07
Page
Seite 13 (sequence 13)
Language
German
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Nr. 3031 Wien, Sonntag Wiener Morgenzeitung 7. August 1927 SALM TOlKiWIRTSCHAFI Staatsand Privatbetrieb. Mn Bortrag von 8. M. Keynes Preisausschreibens mit, in Fran'krc-.'rh das C o n [ c v Dato: r c National de Mus:k. Außer dem Zehn-iauscn-d-Tc>ll.ir-Pre:L sind weitere dreißig nationale Preise auSgesetzr. Unter den dre'ß'.g preisgekrönten Werken soll sich der Träger des HauptpreiseZ finden. Dieser wird aller nur dann zueVkannt, wenn sich die elfköpfige Ha u p t j u r y einstimmig für eine der Kompositionen entscheidet. Prof. Alois Hofmann, einer der tüchtigsten Wiener Musikpädagogen, ist im Alter von 63 Jahren gestorben. Er begann ferne Laufbahn als Sänger und wirrte später als Regisseur in Frankfurt. 1904 wurde er als Intendant nach Dortmund berufen, wo er arrch die Opernsängerin Frau Mlobrunn ausbildete. Mit großem Erfolg hat er in Italien im Jahre 1913 den damals frei gewordenen „Parftval" ausgeführt. Im Jahre 1921 wurde er an die Wiener Musikaka demie berufen und hier hat er den dramatischen Unterricht mehrerer Opernklassen ausgezeichnet geletter. Reurhardts sechste Inszenierung des „Sommcn.rchtstramn" ist die diesjährige Salzburger Neuinszenierung. Den Rahmen für diese Festaufführnng schafft Oskar Strna d. Ausstattung und Kostüme sind'im Barockstil gehalten. Die Szene wird bei unverändertem Raum lediglich durch Aenderung der Beleuchtungseffekte und Auswechsiung einzelner Versah stücke verwandelt. Ria Thiele brilliert im Josefstädter Theater in den: unverwüstlichen ftanzÄsischen Schwan«! „Theodore & C i e." als Chansonette, nämlich in einer Einlage, die sie als Trägerin der Hauptrolle zum besten gibt und ganz famos bringt. Aber nicht nur als eigenartige Interipretin des Tonzkoiiplet's erfreute sie dar Publikum, auch die schauspielerische Leistung fand starken Beifall. Aus den Theatern. Bolks'oper. Das Singspiel „Ich Hab mein Herz in Heidelberg verloren" bleibt bis auf weiteres allabendlich auf den: Spielplan. Stadttheater. In der Revue „Wien lacht wieder" tritt von nun an täglich Obcrregisseur Emil Ä u t tmann tn der Rolle des Jellinek auf. Theater an der Wien. Der Komiker Hans Moser wurde auch für die nächste Spielzeit den: Verbände der Marischtä-Karczag-BWren verpflichtet. Theater in der Josefstadt. Mittwoch, den 10. d. M., 8 Uhr, deutsche Uraufführung des Lustspiels „Der schlafende Gatte" von Bela Szenes. Regie: Iwan S chmith. Rolandbühne. Das Repertoirestück „Die weihe Sklavin" (Jnl Netz der Mädchenhändler), das Dienstag zum fünfzigstenmal zur Darstellung gelangt, kann nur mehr wenige Aufführungen erfahren, da vertragsgeinäß demnächst die Rcvuekomödie „Der Roman eines Girls" lvrausgevracht werden muß. Vereine, Vorträge und Versammlungen. Klub radikaler.Zionisten. . Monlag, 8 Uhr, im Saale der Jüdischen VMslüche, 20. Bezirk, Klückigasse, Wählerdersammlung. Referenten: Dr. Leo Goldhammer, Hans Kandl, S. Kantor. Thema: „Was bringt der 15. Zwnistenkongreß?" — Hitachduth. Montag, AB Uhr abends, findet im Lokaleder Volksbibliothek Zion, 2. Bezirks Glockengüsse W, eine Wählerdersammlung statt. Thema: Der Kampf gegen die jüdische Arbeiterschaft Palästinas." Redner: Jehnda Meilen, Dr. CH. Tartakower, Moscheh Ungarfeld, Saul Weinreb. Das Agitationslokal der Hitachduth, 2. Bezirk, Ausstellungsstraße 19, ist geöffnet Montag von 5 Uhr nach» mittags 'bis 10 Uhr abends und Dienstag von 2 Uhr nachmittags. — Verband der Zionisten-Revisiomstcn. Sämtliche Mitglieder werden ersucht, sich sofort im Wahllokal, 9. Bezirk, Berggasse 33 (Cafe Metropol), zu melden, wo auch Stimmzettel für die revisionistische Liste erhältlich sind. Montag, A9 Uhr, im Cafe Metropol Wählerversammlung. Redner: Michael Gurari, Siegfried Graubart, M. A. Tenenblatt. Der bekannte englische Volkswirtschaftler John Meynard K e y n e s hat dieser Tage in Cambridge einen Vortrag über „Staatliche und private Konzerne" gehalten, Obzwar die liberalreformistischen Ausführungen des Referenten auf die englische Wirtschaft zugeschnitten sind, erscheinen doch seine Vorschläge, die Verwaltungsorgane nur nach dem Gesichtspunkt der Qualifikation anszuwählen, auch für andere Staaten und für Verbände mit halbstaatlichen Funktionen beherzigenswert. Keynes erklärte: Die Abgrenzungslinie zwischen den Bereichert der Staats- und Privatbetriebe ist entsprechend den praktischen Bedürfnissen des Tages, in stetem Fluß. In die Frage, wo diese Linie exakt gezogen werden sollte, kann kein prinzipielles Problem verflochten werden, weshalb auch eine Betrachtung vom Standpunkt des Individualismus o>dcr Sozialismus untunlich erscheint. Im gegenwärtigen Augenblick sind in England nicht weniger als 3.6 Milliarden Pfund Sterling in staatlichen, halbstaatlichen und staatlich kontrollierten Betrieben investiert, das heißt in Unternehmungen, für die der private Gewinn ganz oder teilweise als treibender Faktor ausgcschaltet worden ist. Davon entfallen rund 100 Millionen auf Docks und Häfen, wo alle Kennzeichen des Privatbetriebes verschwunden sind; 60 Millionen lverden kirchlich verwaltet, 100 Millionen sind angelegt in Colleges, Schulen, Universitäten; etwas über 100 Millionen in Wohltätigkeitseinrichtungen; von Baugesellschaften sind über 200 und von anderen Genossenschaften weitere 200 Millionen Pfund verwaltet ufw. Dieser Betrag von 3.5 Milliardett Pfund stellt volle zwei Drittel des in britischen Grvßunternehmungen investierten Gesamtkapitals dar. Konservative und liberale Negierungen haben also England bereits zu zwei Dritteln „sozialisiert". Labour bleibt höchstens noch Aufräume-Arbeit zu tun übrig! Eine solche Weitevfiührung der Sozialisierung eöetrfo wie eine prizipielle Privatisierung des Großkapitals — bezeichnet Keynes als ein ganz unreales Problem. Die Frage des Tages sei: die besten Methoden für die öffentliche Vevlvaltungspraxis zu finden. „Wir haben allen diesen Konzernen gestattet, aufzuwachsen, ohne sie wirklich bewußt zu betrachten." Der Weg zu einer Nationalisierung dieser großen Wirtschaftskörper müsie nun bestritten tverden. Als Hauptgesichtspunkte für das „managing public concerns" (die Verwaltung der Staatsbetriebe) entwickelte sodann Keynes: Die Kabinettsminister müssen so wenig als möglich mit diesen Konzerns zu tun haben; ihre Finanzen sind ganz getrennt vom Staatsbudgetzu verwalten; als Berwaltungsinstanzen sind Aemter zu empfehlen, deren Glieder nur im Hinblick auf ihre Geschäftstüchtigkeit gewählt werden, die angemessen honoriert sind und wie Verwaltnngsräte privater Unternehmungen arbeiten, während heute die höheren Posten nicht unter dem Gesichtspunkt der Geschäftstüchtigkeit besetzt werden, wodurch den untern Angestellten die Aussicht auf Karriere versperrt wird; „wir müssen allen unseren Talenten eine anziehende Karriere in den Zweigen der Geschäftsvcvtvaltung erschließen"; dann erst wevde aus dem ganzen Volk heraus ein tüchtiger Stab zur Vertvaltung der öffentlichen Wirtschaftsbetriebe rekrutiert werden können; besonders Tüchtigen müsse raschester Aufstieg möglich gemacht werden. Zu den P r i v a t - K o n z e r n c n übergehend, kennzeichnete Keynes als die größte Gefahr das immer stärkere Auseirtanderklaffen zwischen der unpersönlichen, ins Breite gehenden Eigentümerschaft (Aktionäre usw.) und der besoldeten Beamtenschaft. Denn die letztere unterstehe stärkeren Einflüssen, als denen aus der Masse der Aktionäre. „Eine Gesellschaft mag 20.000 Aktionäre haben; die treibende Kraft, das sind die Finanzleute im Hintergrund." Der Kern des Großgeschäfts werde immer mehr zu einem geheimen Austausch von Informationen unter Ivenrgen Eingeweihten. Die theoretisch gerühmten Vorteile der Privatuntcrnehmung seien hier gar nicht mehr vorhanden. Trotzdem gebe es noch Leute, die meinten: es ftage sich, ob das Wirtschaftsleben nach dem Vorbild des Postamtes oder dem einer Rasierbude gestaltet werden solle! Als Abhilfsmaßnahmen schlägt Keynes vor: „Die traditionelle Verschwiegenheit des britischen Geschäftsmannes muß niodergebrochen werden." Die Aktionäre haben Anspruch - auf eine drastische A e nd er u n g der veröffentlichten Abrechnungsberichte. Das Publikum als Käufer ist berechtigt, zu wissen, welcher Gewinn erzielt wird. Heute ist Mißtrauen deshalb so verbreitet, weil dem Publikum nicht erkennbar ist, welche Firmen übermäßige Gelvinne machen,' und welche nicht. Der größte Beitrag zur industriellen Befriedung wäre eine genaue Bekanntgabe der industriellen Gewinne. „Oeffentlichkeit würde die Gefahren der Monopole Sekänlpsen. Ich möchte nichts verbieten, aber alles publizieren. Die öffentliche Meinung würde dann, in nenn von zehn Fällen das UeVrige tun." Aufgabe des englischen Liberalismus sei: den Tatsachen, wie sie sind, realistisch ins Auge zu blicken. „Laßt uns die Preßluft vermeiden, mit der die Kampfhähne der beiden^ anderen Parteien sich gegenseitig zu ersticken versuchen!" schloß Keynes seinen Vortrag. (18. Fortsetzung) Copyright by Dr. Max Frlger, It. LOwit Verlag, Wion. AMERIKA. ein Roman von Sdialom ilsdi. * Einen Moment standen sie borde da, wie selbstvergessen, durch den großen Schmerz und das große Mitgefühl ganz vereint — und vielleicht war es der eiirzige Mgenblick so innigen Vereintseins in ihrem ganzen Zuasainmenleben. „llnd wo sind die Kinder?" besann sich Mir nach einer Weile. „Weiß ich's denn?" anttvortete Hanuah Lea schuldbewußt. In diesem Moment ging die Tür auf, und man führte die Kinder 'herein. Als die „Banditen" Vater und Mütter sahen) vergaßen sie alles, und so lärmend war ihre Freude und so laut bas Weinen, daß Beamte von allen! Seiten herbeicilten, um sie zu beruhigen. Hannah Loa aber wollte mit dem Schluchzen nicht aushören und schrie, sich mit den Fäusten an die Stirn schlagend: ,/Jossele, Jossele, mein armes Kind!" Mir aber sprang plötzlich auf, ließ alle stehen und lief t ie Treppe hinunter zum jungen Rechtsbeistand und schrie: ,^Jch verlange, Ihr ssollt nur einen Brief an den Präsidenten selbst aufsctzen, Ihr sollt ihm sagen, das ist, das ist... " Weiter konnte er kein Wort Herausdrillgen. Der junge Mann hob die Augen auf und zog sich erschreckt vor ihnr zurück. Meirs Gesicht war weiß getvorden wie Leinwand, die Augen funkelten, Und die Zähne bohrten sich tief in die Lippen. Kein Wort konnte er sprechen, aber über seinem Gesicht lag ein solcher Schmerz und ein so. erbitterter Zorn, daß der junge Rechtsbetstand ganz gut verstehen konnte, was den Mann da getroffen hatte und sich wahrhaftig vor ihnr zrr ängstigen begann. Jossele saß indessen in einem großen 2uu .ueu einer Menge von Leuten und wartete auf die Mutter. Er hatte nicht geweint, noch hatte er versucht, die Mnhter zurückzuhalten, als man sie davonholte. Er sch.vieg vonr ersten Moment an, seit ihin das große Unglück passiert war inid fühlte sich so, als ob er die Schuld irgendeiner verborgenen Sünd zu büßen hätte. In dem jüdischen Kinde war die ganze Ergebenheit und Demut erwacht, mit der sein Volk alle Leiden erträgt. * Und er fühlte sich vorbereitet für solche Leiden, als ob seine Eltern und Ureltern diesen Weg für ihn geebnet hätten. Sttll und in 'sich gekehrt' hatte er 'bet seiner 'Mutter gesessen wie ein Erwachsener, als ob er alle diese Dinge ioie ein Philosoph betrachtete und sich nur darum grämte, weil man feine Mütter von ihm fortriß und weil seinen Brüdern die Freude des Wiedersehens mit dem Vater gestört war. Das Zimmer, in denn er sich befand, hieß in der Volkssprache die „Träneninsel". Und das ivar es wirklich. Term hier hielten sich alte die auf, die verurteilt waren, mit dem Schiffe zurückgeschickt zu werden, mit dein sie angekommen waren, oder solche, über-deren Schicksal noch Verhandlungen mit Washington sHvebten. Meistens waren es elende, vereinsamte Menschen, die feinen Bertvandten, keinen Freund gefunden hatten, der sie hätte vom Schiff holen können. Ganz alte oder ganz junge Menschen, die mit ihrem eigenen Körper, ihren eigenen Kräften nicht gut für sich Zeugnis ablegen konnten, und die der Bürgschaft irgendeines anderen -Menschen bedurften; aber sie hatten keinen. So sahen siel wie „Reste" aus, wie einzelne Gerstenkörner, auf dem Boden, die daneben fallen und liegen bleiben, Ivenn man das Mtrelde von einem Schiff aufs andere verstaut .... Es waren darunter auch solche, die noch Hoffnung hatten, daß nmn sie einlassen! werde. Sie hatten Ungehörige irgendwo am Lande, an die geschrieben wurde. Sie waren glücklicher, reicher als die anderen und versprachen diesen Hilfe: 'Wenn Gott ihnen beistehen und Amerika sie aufnehmen werde, dann würden sie sich bemühen, daß auch den anderen geholfen werde. Besonders zeichnete sich in dieser Hinsicht eine ältere Frau aus, eine „Ullerwelts-Tante", die einen Reffen m Chicago Chatte, einen ganzen Kerl und Amerikaner. „Laßt ihn nur kommen,",sagte sie, „er wird schon alle freikriegen." Und jeden, der aufs Schiff kam und den sie aUf den: Wege nach dein großen Speisesaal traf, fragte sie nach ihrem Neffen, als ob '.jeder ihren Neffen kennen müßte, der ein ganezr Kerl und Amerikaner war . . . Die anderen waren still. Me Juden, die ihre Kinder noch nicht hatten finden können, saßen und lasen Psalmen. Frauen weinten und Kinder «kauerten verschüchtert in den Ecken. Mus allen lag der Fluch der ,/Ausgestoßeuen" und lastete die Furcht vor der Wiederholung der Seereise, die sie kaum erst uberstanden hatten, und die noch schwerere vor der Rückkehr ins Elend. „Mir ist alles gleich, sie können mich nach der Wüste schicken, ist nur auch egal — zu wem soll ich jetzt znrücksahren, Wen Hab' ich dort?" klagte eine Frau einer anderen. „Vater im Himmel, zurück!" jainmerte eine zweite, „nach dein du das» bißchen Bettzeug verkauft und dich in die Iveite Welt eingeschifft hast." r „Ich sagte dir aber gleich, du sollst nicht fahren. Sarah, sagt' ich, geh' nicht! Der Junge ist) wer weiß wo," sagte der Mann, sein Psalmenlesen unterbrechend, in einem Tone, als ob an der Existenz Amerikas selbst Zweifel in ihm aufgestiegen wären. „Was Bettzeug! Ach!'.Hat er beim überhaupt eine Wohnung, einen Platz, wo er den Kopf hinlegen könnte? Zu wem sott er denn hinfayren?" antwortet die Frau und zeigt' auf den Mann, als ob sie selbst wer weiß wie gut versorgt geioesen wäre. Während die Frauen so voreinander ihren Janvmer ansschütteten, hatte Jossele einen kleinen Freund gefunden. Es lvar ein Junge, ungefähr in feinem Mer. Sie hatten einander schon lange! bemerkt, wollte.l zueinander mck» schlichen umeinander herum,/von einer gewisstu Schamhaftigkeit zurückgehalten. Zum Schluß über näherten sie sich doch, reichten sich die Hände 'und setzten sich in eine Ecke, um wie Große ihre Lage' zu'' besprechen. „Schickt man dich auch zurück?" „Ja, und dich?" (Fortsetzung folgt. \

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