Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3028 (4.8.1927)
- Date
- 1927-08-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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| gQg | Redaktion, Administration: Wien, II., Tabor str.i Telephon 44-0-38, 43-8-19 Telephon ab 6 Uhr abends 31-0-86 Serie, ab '/,9 Uhr abends 38*5-83. Druckerei: VH., Lercheufelderatraße 1 (slnva") Preise ’• Wien nnd Oesterreich daroh Post oder Verschleißsteilen monniL 6 Schilling. Bezugsbedingungen für das Ausland im Innern des Blattes. Wiener Morsemeituns! USUCNfiT mm RfiflHHISiifitlCP Mllstor AMialtsorL Die Gemütlichkeit der guten alten Zeit. Wer kommt, wird wieder Stammgast I NltJri!l.W.-lM!U5|iim. Volkstümliche Preise I Mittags - Menüs ä S 1*50 Direktion: OTTO KASER ER Rr. 3028 Wie«, Sannetstflfl, 4. August 1927 9. Jahrgang Zer Präsident koolidge verzichtet. UederraMmw in Amerika. — Sie revublikanifchen Kreise hoffen den PrSstdenten umzustimmen. 3. AWtst. (Wolfs.) Der Verzicht LWkürgeS auf fefete Moderwahl hat große Ueberrafchung hervorgernftn. Nach dererftenErregung glaubt mau jedoch, daß sich Coolidge dem Rufe seiner Partei nicht entziehen könne, demr er fei der einzige Kandidat, der die überwiegende Mehrheit der Wähler hinter sich haben werde. Ms eventuelle. Nachfolgor Coolidges werden genannt: Handelssekretär Hoover, Vizepräsident Davos und Staatssekretär Hughes. Nach All sicht der „Washington Post" haben sich die Aussichten für die demokratische Partei nicht gebessert, da diese den Zwist im eigenen Lager habe. Die Erfolge der r e p u b l ika irischen Negierung seien zu offenkundig, als daß das Volk einen Wechsel wünschte.; Gerüchtweise verlautet, daß der Entschluss des Präsidenten Coolidge, bei den nächsten Präsidentschaftswahlen nicht mehr zu kandidieren, auf den Einfluß von Frau Coolidge zurückzuführen sei, die bei einer weiteren Amtsperiode ihres Gatten für dessen Gesundheit fürchtet. Man hält es aber für nicht ausgeschlossen, dass di e r e p u b l i k a nischen Parteiführer versuchen werden, Coolidge doch zur Aufstellung seiner- Kandidatur zu bewegen. > ■ ■■ Diesen Wunsch drückt unter anderem die republikanische „N e iw I o r l Tribüne" aus. Es sei aus politischen -M/. ...■' i ■ ■ »■ ««■... N e w y o rck, 3. August. (Wolfs.) Nicolaus Murray Butler, der Präsident der Columbia-Universität, der aus Europa zurückgekehrt ist, erklärt, die wirtschaftliche Wiedererstarkung Europas wurde durch einen übertriebenen, fast hysterischen Nationalismus der neugeschaffenen Staaten verzögert. Was die deutschen Ostgrenzen und O e st e rr e i ch betreffe, so herrschen dort künstliche Verhältnisse, die früher öder später in friedlicher großzügiger Weise geregelt werden muffen. Bei den denkenden Männern rlter Länder würden Befürchtungen .für die wirtschaftliche und finanzielle Zukunft der Welt laut, falls gewisse Bestimmungen des Versailler Vertrages nicht geändert oder ergänzt würden. Die fortdauernde Anwesenheit der alliierten T r u p p e n auf dem rechten Rheinufer geben den deutschen Extremisten die besten Gründe für ihre Opposition gegen die VersöhnungspolM. Die Be endigungderBese tz u.n g würde einen Gewinn für alle Beteiligten bedeuten. Stiles Sauerwein über Den Anschluß. Be r>l iu, S. August. (Tol.-Kom-p.) Der Chefredakteur des Pariser ,Matin", Jules Sauerwein, hat an die „Vvssische Zeitung" ein Schreiben gerichtet, worin er erklärt: ,Menn ich sage, baß der Anschluß in diesem Augenblick das Zeichen zum Kriegsausbruch wäre, so liegt m'.r nichts ferner, als ein Argument vorzubringen, das als et* »resse rische Drohung gegen Deutschland wirken soll. Selbst wenn das österreichische Bott in feiner Gesamtheit durch eine einstimmige Sympathiewelle für Deutschland getragen würde, könnte kein verantwortungsvoller Staatsmann leichten Herzens den Gintritt eines Verhältnisses ins Auge fassen^ das eine so unmittelbare und st» augenscheinliche Gefahr Pie b« Grieben Europas ist." Gauerweln bezweifelt jedoch, ob dieses Gefühl bei der Mehr- Wl der Ovst^ .icher wirklich bestehe. W. ... i.i . und wirtschaftlichen Gründen höchst erwünscht, dass die Amtstätigkeit des Präsidenten Coolidg-e andauere. „N e w W o r k Time s" schreiben, daß Coolidge nur einen Finger zu heben brauche, um wieder gewählt zu werden. Auch die d e m o k r a t i s che »N c w Park Worl d" teilt diese Ansicht. 6in politisches Manöver? New sI)orf, 3. August. Verschiedene amerikanische Zeitungen, wie z. B. „New Aork Herald", erblicken in der sensationellen Erklärung des Präsirenlen Coolidge, nicht mehr als Kandidat für die PrüsidentschaflÄvahlen des nächsten Jahres anftre-ten zu wollen, nur ein geschicktes politisches Manöver. In einem späteren Zeitpunkt, so meint der „New Jork Herold", werde Coolidge gewiß „den dringenden Bitten seiner Freunde nachgeben" und sich b e r e i t erktä r e n, leinen^ W'.edereinzug in das Weiße Haus vorzubereiten. Für den Augenblick fömtte die Erklärung des Präsidenten möglicherweise das Schicksal der Secabrüstunge'X serene in einem günstigen Sinne beeinflussen. Auf der New Vorfer Börse löste die Erklärung des Präsidenten Coolidge einen starken Kursrückgang ans, der einen panikartigen Charakter onnahm. Werden Sakko und Banrett! hin* gerichtet? Roch immer keine Entscheidung. L o n d o n, 3. August. (Tel.-Komp.) Wie aus Boston gemeldet wird, sind Sacco und Banzetti im Gefängnis von Charlestown in die Zolle der zum Tode Berurteiltenüverführtworden. Döan glaubt jedoch trotzdem, daß Gouverneur Füller einen neuen längeren Aufschub der Hinrichtung anordnen werde, um dadurch auf gesetzgeberischem Wege eine Revision des Prozesses durch den Obersten Gerichtshof des Staates Diassachusets zu ermöglichen. 6in franMcher Protest. Paris, 3. August. (Del.-Komp.) Eine große Anzahl führender französischer Schriftsteller, Künstler und Politiker hat an die amerikanischen Intellektuellen einen Au fruf zugunsten Sacco s und Vanzettis gerichtet. Der Ausruf wurde heute den in Paris weilenden Direktoren von 47 grossen amerikanischen Zeitung e n überreicht. Ueberdies soll der Appell dem Präsidenten Coolidge und dem Gouverneur des Staates M a f s a * ch ns«t s, Füller, zugestellt und in den bedeutendsten Zeitungen der Welt veröffentlicht werden. Die Polizei verhaftete heute eine Schriftstellerin, die das Denkmal Georges Washingtons im Bois de Boulogne mit riesigen Plakaten überklebt hatte, auf denen ,Lm Namen C h r ist i, der g e s a g t. h a t, i h r s o l l t n'. cht töte n" die Begnadigung der b,iden italienischen Anarchisten gefordert, wird. Die Verhaftete wurde nach Feststellung ihrer Personalien wieder entlassen. Borodin als Sessel gefaugea? London, 3. August. (Wolfs.) Der Schanghaier Korrespondent der „Daily News" telegraphiert, daß sich der bekannte rrsHLe Geldgeber Borodin als Geisel in dm Händen^des Genevals Feugbüsiang b'ft ioll. Im redaktionellen Teil enthaltene entgeltliche Mitteilungen sind durch ein vorangesetztes E gekennzeichnet. * Die Konferenz der Drei. —y, Wien, 4. August. Die Seeabrüstungskonserenz in Gens steht vor dem »Abbruch. Sie war eine Besprechung zu dritt. Amerika, England umb Japan versuchten irgend eine Einigungsformel zu finden, die zwischen der militaristischen Tendenz und dem Budget ein Kompromiss Herstellen sollte. Keiner dieser Staaten ivill auf die Seegeltung verzichten, keiner will den anderen als einen möglichen Feind von morgen aus den Augen lassen und keiner will dem pazifistischen Blumenbukett für die Dauer entsagen. Alle wollen einander übers Ohr. hauen, und indem sich jeder irgendeinen Vorteil aus seinen besonderen strategischen und politischen Verhältnissen zu ergattern strebte, wollte er zugleich dem Freund und Bruder eine Schlappe beibringen. Es ging um beichte und schwere Kreuzer, um Bestückung, Zerstörer, Torpedos und Unterseeboote, wobei jeder der drei für sich alles forderte und für den Kompaziszenten gar nichts zugestehen wollte. Es jvar eine trotz ihrer wochenlangen Monotonie höchst lehrreiche Konferenz, und wenn sie heuteaufgehoben wird, so ist wieder die Unmöglichkeit erwiesen, eine Abrüstung vorzunehmen, wenn die Voraussetzung, der gute Wille, fehlt. Er ist trotz aller demokratischen Tiraden nicht vorhanden. Frankreich und Italien, die der Besprechung serngeblieben waren, ziehen aus ihrem Ergebnis ihre Schlüffe. Die Rüstungen-, werden fortgesetzt. - Die Frage der Seeabrüstung ist nur ein.Teil des Entwa'ssnungsproülems, aber ivohl einer der /umfangreichsten. Denn gerade in der Marine drückt sich das Prestige der Staaten am stärksten aus. Zwar hat der grosse Krieg gegen die Flotten als entscheidende Waffe entschieden. Deutschland und England hielten ihre Jürchtenichts hübsch in den Häsen und setzten sie keiner Gefahr aus. Liefen aber diese Kolosse aus, so gab es die heimtückischen Torpedos und die Minen, die ihnen ein schreckliches Ende bereiteten. Die ganze Unsinnigkeit der wilhelminischen Seepolittk offenbarte sich in wenigen Tagen, mtt ihr die österreichische Nachbeterei. Die österreichische. Flotte war bis pn Ende in Pola und Cattaro versammelt. Horthy führte sie endlich hinaus, und sie kam blutend, zerschossen nach ein« greulichen Nacht zurück, um dann als Geschenk des Kaisers Karl in den Besitz Jugoslawiens überzugehen. Die russische Flotte fuhr nach der Besiegung Wrangels von der Krim durch die Dardanellen ins Mittelmeer und verrostet jetzt im Hafen von Biserta. Ungeheure Kapitalien sind von allen Staaten festgelegt toorden und ungebraucht verdorben. Aber der Marinewahnsinn ist nicht abgeschwächt, Werl er die Fahne am sichtbarsten präsentiert und alle imperialistischen Wünsche verkörpert. Eine Reduktion der Seestreitkräfte würde wohl für den Ernstfall sehr wenig bedeuten, wäre aber fteilich als ein Anfang von höchster moralischer Bedeutung. Sie würde besagen, daß aus dev Politik der beteiligten Staaten der, gemeingefährliche Zug des Mißtrauen und der. Machtgier zu schwinden beginnt. Die Forderungen der Oeffentlichkeit gehen nach dieser Richtung, und dies hat sich in Amerika sehr deutlich gezeigt, wo die Opposition gegen diese Art von Flaggenpolitik anwächst. Die Frage ist sogar eine beträchtliche innerpolittsche Angelegenheit geworden und der Präsident Coolidge war deshalb der . Einbemfer. der Konferenz. Hätte er einen Erfolg gehabt, so wäre dies für die im nächsten Jahre kommenden Präsidentschastswahlen der Schrittmacher gewesen. Der Erfolg hat sich nicht eingestellt und das erklärt auch die Mitteilung, daß Coolidge nicht mehr kandidieren wolle. Für die Binnonstaaten Europas ist die Angelegenheit nicht so bedeutungslos, wie das scheint. Denn es sind ja dis großen Seemächte, die die Weltpolitit beherrschen und alle Fragen der Entwicklung und Sanierung ihrem JntereK unterordnen. Wäre es bei der Konferenz der Drei in Genf zu einer Einigung gekommen, so hätte dies auf die weltpolitischen Spannungen lösend gewirkt. Der Mißklang lähmt alle Bemühungen, auch mit der Abrüstung zu Äcmb und in der Lust Ernst zu machen. Es ist in Genf - mißlungen, weil interessanterweise die Wbrüstungsfrage den Marinecchmirälen andertraut Ivar. Militärs können auch beim Willen nicht aus ihrer Haut heraus, und sie vertiefen sich denn auch sogleich mit allem Eifer in ihre artilleristischen Tcchellen. Es ist darum auch fo ausgefallen, genau, i« wir vor kmUem bei der LandaörüstungS- Sie Allschlllßsmge lebt Meder auf Gewichtige Stimmen über den Vertrag von Versailles.