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Wiener Morgenzeitung · 1927-08-03 · Heft 3027 (3.8.1927) · p. Seite 8

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3027 (3.8.1927)
Date
1927-08-03
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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S Nr. 3007 Wien. Mii^l''eck> Morgeozeiltmg 3. August 1927 »ME.«««!, .»'»HWMBWMrfte mmSd VOLKSWIRTSCHAFT Jas kranke Kuropa. m Bericht der Belgrader Handelskammer. Belgrad, 2. August. In einem in -er Plenarsitzung der Belgrader Handelskammer erstatteten Referat ihres Sekretärs M a r o d i c wird feftgestellt, daß Europa in wirtschaftlicher Beziehung ein Schwerkranker sei, der sich -an den während des Weltkrieges erhaltenen Wunden nicht wholen könne. Abhilfe könnte durch die Beseitigung der bestehenden Zvllbarrieren und der Ausfuhrüezw. Einfuhrverbote geschaffen werden, doch müßten in dieser Hinsicht die großen Staaten mit ihren: Beispiel vorangeheiu »t der Frage derHerab s e tzung des Zinsfußes seitens der jugoslawischen Nationalbank legte der Präsident der Handelskammer, Radojlovic, dar, daß die Nationalbank den jugoslawischen Banken einen Kredit im Betrage von 870 Millionen Dinars gewähre. Außerdem verfügen die Privatbanken über vier Milliarden Dinars an Spareinlagen und eineinhalb Milliarden Dinars aus laufenden Rechnungen. Die Nationalbank strebe die Herabsetzung des Zinsfußes an, doch werde er durch die zahlreichen kleinen Banken auf einer unberechtigten Höhe erhalte,:. Mt internationale Kohlenmarkt. Die weitere Verschlechterung auf dem englischen Kohlenmarkt Hai sich auch auf die kontinentalen Reviere ausgewirkt. Fast in allen Revieren sino Förderung und Export rückgängig, und wo eine geringe Besserung einige* treten ist, bezieht sich diese nur auf den Jnlandsabsatz. Englands Kohlenförderung ist auf 4.8 Millionen Tonnen per Woche gesunken, rmd die Belegschaft mußte gegenüber dem bisherigen Höchststand nach dem Streik bereits um 30.000 Mann reduziert werden, so daß sie gegenwärtig noch rund 1,000.000 beträgt. Me Juniausfuhr war wieder stark rückgängig und belief sich auf 4.31 Millionen Tonnen Ladekohle gegen 4.8 Millionen Tonnen im Mai laufenden Jahres. Besonders hervorznheben ist jedoch, daß der durchschnittliche Exportpreis für englische Kohle im Vormonat einen sehr scharfen Rückgang erlitten hat; der Ausfuhrpreis stellte sich auf 17 Sch. 11 d. pro Tonne, gegen 18 Sch. 4 d. im Mai taufenden Jahres. Der Juniausfuhrpreis ist der niedrigste seit dem Kriegsende. Es sind vorderhand keine Aussichten für eine Besserung im englischen Kohlenabsatz vorhanden. In Deittfchland geU der Streit um die Preiserhöhung weiter. Zweifellos ist die Lage des deutschen Kohlenbergbaues noch relativ am günstigsten, da die Industrie sehr gut beschäftigt ist und sonach der Export vernachlässigt werden kann. Allerdings sind die Gestehungskosten durch die letzte Lohnerhöhung nicht unbeträchtlich gestiegen, zumal eine weitere günstige Auswirkung der Rationalisierung kaum mehr zu gewärtigen ist. In Frankreich machen sich die Regierungsmaßnahmen zugunsten des Bergbaues einigermaßen bemerkbar. Der nordfranzösisch: Zechenverband hat wider Erwarten seine Preise ab 1. Juli nicht ermäßigt, sondern unverändert gelassen, und nur für Anthrazitkohlen iveicken unter der Harck Preisnachlässe gervährt. Trotz der Einfuhrbeschränkung und der etwas gedrosselten Förderung nehmen jedoch die Haldenbestände der Gruben wieder zu. Ausländische Kohlen sind von allen Seiten reichlich angeboten. In Belgien hat das lebhafte Hausbrandsohleugeschäst bereits einigermaßen nachgelassen, zumal auch die Bevorrätigungsaktion für den Winter noch nicht eingesetzt hat. Von Jndustriekohlen sind nur Fettkohlen besser gefragt. In Polen ist eine geringe Besserung des Jnlaudabsatzes zu bemerken. Im Export zeigt sich in ostoberfchlesischer Kohle wie auch in tschechoslowakischen Marken keine besondere Veränderung. Dagegen bezieht die Tschechoslowakei seit einiger Zeit erheblich größere Mengen deutscher Steinkohlen, während die Importe an polnischen Kohlen gleichgeblieben sind. - Zu den Meldungen über die beabsichtigte Gründung einer internationalen Kohlen Handelsföderation ist zu bemerken, daß die Aktion vom deutschen Großhandel ausgeht. Diesem ist es gelungen, eine Arbeitsgemeinschaft zwichen dem Groß- und Platzhandel herzustellen. Der Zentralverband der Kohlenhändler Deutschlands hat nun mit den Handelsorganisationen einzelner Nachbarstaaten (namentlich der Tschechoslowakei und der Schweiz) in dem Sinne Fühlung genommen, eine Regelung des Platzhandels und der gesamten Händlerfrage wie in Deutschland herbeizuführen, um dann zu einer internationalen Organisation zum Schutz der Kohlenhändlcrinteress.en zu gelangen. Auch mit den österreichischen und holländischen Händlern wurde bereits Fühlung genommen. Zunächst soll! ein laufender Informationsdienst zwischen dm Händlerorganisationen der einzelner: Länder angestrebt werden. , Allerdings glaubt man in Kreisen des deutschen Kohlenhandels, daß späterhin auch die Verbindung mit den Produzentenverbänden und Kohlenkartellen, soweit solche in den Staaten bestehen, gesucht werden müßte. Die Insolvenz »er Bozener Weinsirma Mover S Co. D-e »Korrespondenz Herzog" melde, aus Bozen: Durch .den finanziellen Zusammenbruch der Weinsirma M a ye r &. C o. sind mich zahlreiche andere Weinfirmen in Mitleidenschaft gezogen worden. An erster Stelle rangiert b.:c Bozener Ze n t ra l kasse, die sich seinerzeit an der Gründung der Firma aktiv beteiligte und heute an die Firma Mayer ein« Forderung von e-ner Million Lire hat. Während der Wert dieser Million zur Zeit 8er Begebung 228.385 S. betrug, handelt es sich bei dem heutigen Kurse der Lira um 880.000 S» so daß sich aus diesem Kursverluste allein ein Defizit von über 182.000 S. ergibt. Einen weiteren Kredit hatte die Firma Mayer & Co. bei dem Bankhaus« Ernst &, Co. -n der Höhe von 180.000 Schweizer Franken ausgenommen, der heute unter den Schulden mit 210.618 S. zu Buch steht. Als drittes Finanzinstitut kommt die Tiroler Landes bank in Betracht, die auf Kontokorrent iwt 120.000 S. in Abbruch genommen wurde. Die Gläubiger haben die Eröffnung des Kontur s * verfahrenbeantragt. Ser Handelsvertrag LeMands mit Sefterreich. Im lettländischen Außenministerium erfolgte der Austausch der Ratifikatim'lsurkundeu des lettländisch-vsterreichischen Handelsvertrages. Der Austausch der Urkunden wurde von Außenminister Z e e l c n s und dem österreichischen Gesandten Minister Post vorgenommen. Minister Post ist nach Warschau zurückgereist. 8t» neues Konkursgesetz in RnmSnien Ausdehnung des Moratoriums auf das ganze Laitd. Der Berbaird der rumänischen Handelskammern arbeitet derzeit an einem Gesetzentwurf über den ZwangSauSgleich und die Konkursreform. DaS Präsidium deS Verbandes wird den @ni* Wurf noch dieser Tage dem Justizministerium vorlegen. Das Gesetz kann daher noch im Oktober vom Parlament verabschiedet werden. Zu erwähnen wäre, daß der Gnttourf daS Moratorium', das bisher nur für das Altreich 'galt, auf das ganze Land ausdehut. ' > Könrgs- und LauraWttc. Wie uns auS Berlin gemeldet wird, haben die Verhandlungen zwischen dem Großaktionär der Vereinigten Königs- und Laurahütte mit den Käufern des aus dem Boselschen Besitz starui-s menden und kürzlich im. Wege der Wiener Post? sparkasse an eine internationale Gruppe Mergegangene-n Aktienpakets zu dein Ergebnis geführt, daß beide Aktionäre gruppen d:e Verwaltung der Gesellschaft nach gemeinsam aufgestellten Richtlinien besorgen werden. An der bis-i hengen Gestion wird sich in Hinkunft nichts ändern« ebenso sind keine Veränderungen im Aussichtsrat in StuSM > sicht genommen. (Der Boselbesih an Aktien der Königs^ und Laurahütte belief sich' auf rund 13.5 Millionen: Mark Nominale und ist in: Wege der Wiener Postsparkasse an e:ne von der Internationalen Bank te Amsterdam geführte Gnchpe übergegangen. Die seit längerer Zeit zwischen diesem Konsortium und dem Großaktionär Weinmann gepflogenen Besprechungen haben nun zu einer Einigung über d:e Führung der Gesellschaft geführt, wobei allerdings unbekannt ist, ob Weinmann seinen Aktienbesitz pergrötzert hat.) Gegen das Paßvisum. Die Handelskammer in RaaL richtetean die ungarische Regierung ein Memorandum, tu welchem diese ausgefordert wird, Schritte bei den Regrerungen der Sukzessionsstaaten zwieW Aufhebung des VisumzwangeS zwischen diesen Ländern zu (14. Fortsetzung) 'opyrißht by Dr. Max Pilger, R. Lö-wlt Verlag, Wien,. AMERIKA. Ein Roman von Schalem Asch. ,/Meine Tochter hat sie mir mit gegeben auf der: Weg — damit mir ein bißchen, fröhlicher zumute wird," ant'.vortet die Frau wie selbstverständlich. Und ein paar Minuten später saßen schon diese Juden aus verschiedenen Gegenden und Ländern, die sich gestern noch nicht gekannt hatten, mit ihrer: Kindern um einen Tisch herum, aßen von einem Teller, teilten miteinander die Bissen und fühlten sich wie die Mitglieder einer Familie, wie alte, alte Freunde von langer, tanger Zeit her, die sich schon gekannt hatten, als :wch das hohe Heiligtum des Tempels stand, die zusammen ins Exil gezogen Ivarerr und sich nun hier trafen, um ir:s neue Exil zu ziehen, nach Amerika. Nur Josfete war bei all dem nicht dabei. Vergebens zupfte ihn seine Mntter am Aern:el, als der Kantor vorbetete. Wo blieb Josseles schönes „Auren", sein lieblicher Segensspruch, der im Städtchen so berühmt gelvesen? Jossele hatte offenbar altes ganz vergessen. Seine großen gläwzenden Augen blickten jetzt durch die Schiffslukei: in die Nacht hinein auf'das breite große Meer. Da ist el* das große Mer, von den: in der Bibel geschrieben steht, das kein Ende hat, bei dem die Himmel anfangeir und in das die Welt lmtertaucht. Dunkel ist es und schweigsam, kalt und ernst breitet es sich aus und strömt dahin, wert, weit. Aus der tiefen Finsternis steigt ein Walfisch empor, mächtig ist, es, ein furchtbares Angetüm, das mit schrecklichem Schnaufen herankommt. Es gibt dem Schiss einen Schlag, und jetzt hat es das' Maul ausgerissen, um das Schiff zu verschlingen. Und alle, das Schiff und die Menschen, wären von ihm auch wirklich verschlungen woroeu, doch Gott erhebt seine Stimme und ruft: Nein! Und voll Wut dreht sich der Walfisch mit einem mächtigen Wurf nach der anderen Seite und verschwindet im unendlichen Meer ., . , , Die Himmel lassen sich nieder aufs Meer. Und siehe, jetzt sheigt dqs Meer in die Hinunel auf, und Dunkel ergießt sich über bewe, und plötzlich entzünden sich mitten auf den: Meere Flämmchen und schweben in der Luft zwischen Wasser und Himmel, zuerst ein Paar, dann ganze'Reihen, hunderte, tausende, und nun sehei: sie aus wie Sterne — was ist es? Feiert man dort auch das Lichtersest, hat das Meer seine Lämpchen angezündet, oder sirrd das die Himnvelslichter, die durch seine ^Fenster leuchten schon von jenseits des Meeres? .... Es war still geworden in der jüdischen Abteilung. Da und. dort hatte sich schon eine Familie auf den Strohsäcken hingestreckt und war eingeschläfen. Manche saßen noch vor dem Rest des langsam zu Ende brennenden Chanukkalichtes und schrieben einen „letzten Gruß vom Schisst an ihre Angehörigen. Jossele aber saß noch immer an Mutters Seite auf den: Strohsack und blickte mit seinen großen Augen in die Nacht hinaus miss Meer. Ein tiefes und schweres Dunkel lag auf den Wassern und man hörte nichts als das dumpfe Anprallen der Wogen an die Schiffswände. Jossele dachte darüber nach, woher die Wogen kän:en — wohl aus der Finsternis der Tiefe, noch weit, >veit hinter den Lichjtern, dort, wo der Leviatan liegt, auf den: die Welt ruht und der nur eine:: Ruck sich gebe,: müßte, und: die ganze Welt würde zusannnenstürzen. Gott aber spricht, Du sollst dich nicht rühren, und der Leviatan liegt regungslos da. Er sah' ihn jetzt wirklich und wahrhaftig in der .Dunkelheit, den Leviatan, da den Kops und da den ungeheurer: Rumpf und nun den riesigen Schwanz, und jetzt reicht« er schon bis an dieses Schiff heran und nur ein Ruck, >und alles stürzt in die Tiefe des Meeres. „Mutter!" schrie Plötzlich Jossele mit so herzzerreißender Stimme, daß Hannah Lea entsetzt aufschrack, sich irren Blickes umsah, wo sie eigentlich sei, dann Josseles Kopf irrster rhr Tuch nahm und darunter.barg. „Bete, Jossele, und schlaf' ein!" Küste Amerikas entgegen. Es war ein schöner Tag. Die Sonne strahlte. Im vollen Glanze strahlte sie nieder aufs Meer, und als ob sie sich einmal im Leben in ihrer ganzen Größe ansdehnen wollte, ohne daß Dächer urrd Türrne ihr im Wege ständen, entfaltete sie auf den: Wasser ihre endlos leuchtend« Herrlichkeit. Wohin das Auge reichte, sah rrran hohe, langgestreckte, schinrmerndc Wellen so stark vom Sonnenglanz durchleuchtet, daß das Auge davon geblendet wurde. Immer wieder versuchte! das Schiss, die blinkenden Wo gor: zu zerstäub en und konnte! es nicht, denn sie liefen ihn: der: ganzen Weg voraus und! schleuderten beim Vorwärtsspringen ihrer: Gischt hinter die Schiffsräder . . Auf dem Schiffe war Festtag! . . * Wan näherte sich der Küste Amerikas; zwar sah man sie noch nicht, aber : man fühlte sie, und man erwartete jeden Augenblick, daß Land in Sicht käme.; Schon einen Tag vorher hatten^ die .Matrosen das ganHej Schiff gereinigt. Schon einen Tag vorher zeigten sich Möwen, die von der Landseite hergekourmen Ware,: und nun' die ganze Nacht über das Schiff rnit eintömgem IGekrächgej begleiteten. Schon Tage vorher waren zahllose kleine Schisst! aufgebaucht. Und schon am Vorabend hatte man durch alle Kajüten gerufen: Klar zur Landung!; Die. Fahne Amerikas auf 'de-m> Mastbiaume flatterte stotz über den: Meer. Alle traten aus ihren Kabiner: anfs Ver-. deck, um die Küste jAImerikas zu begrüßen. "Jeder holte aus' seinen: Koffer die besten Sachen Und klekdete sich festtäglich^ Und nun standerr sie hier, Angehörige aller Völker dev Erd«, und schauten mit Blicken voll banger Erwartung nach dem! großen Hasen der neuen Welt aus. Dia und dort sieht nmn kleimussische Bauern in roter: Hemderrl und mit schwarzer Mütze stumpfsinnig auf das Wasser blicken. Seine Frau neben lchm, Ms deren Auger: die Angst spricht, drückt, ein! Gebet murmelnd, das metallene Kveuz baild ans Herz, an den Mund. Eine polnische Gruppe im wterr Nationalkostürn sMwrelt die Kinder unrl sich. Ein hoher, breitschultrig aer Italiener mit einem roten; Halstuch hält eine Mandoline in der Hand. Er hat nichts weiter hinüberzubrirrgen, auÄ seinem reichen Lande als seinen .Gesang Und sein Jnstrumerrt^ lAjus dem Meer von "Farben' .leuchtet grell ein farbiges Duh Mf den: Kopfe eines spanischen Mädchens. Mn blasser! Christuskopf, umrahmt von den: schwarzen 'Barte en:es Pwb< nischen Jllden, hebt sich aus >der Masse von Menschenköpstm! hervor. ' 1 (FortsetzMg folgt.) i

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