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Wiener Morgenzeitung · 1927-07-31 · Heft 3024 (31.7.1927) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3024 (31.7.1927)
Date
1927-07-31
Page
– (sequence 1)
Language
German
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| Preis g» a| Redaktion, Administration: Wien, II.jTabofstr. 1 Telephon 44-0-38, 43-3-19 Telephon ab 6 Uhr abends 31-0-86 Serie, ab */i9 Uhr abends 38-5-83. Druckerei: VII., Lerchenfelderstraße 1 (»lnra“) Preise *• Wien und Oesterreich durch Post oder Verschleißstellen monatL 6 Schilling. Bezugsbedingungen für das Ausland im Innern des Blattes. o rgenze itung BESUCHET mh ■inn RathnjlirtUf R§htster Aifentdaltsurt. Die Gemütlichkeit der guten alten Zeit. Wer kommt, wird wieder Stammgast! lätirtii. jm.-liiK i, (5 j äsu. Volkstümliche Preise! Mittags - Menüs ä S 1*60 Direktion: OTTO KASERER 9h. 3024 Wie«, Sonntag, 31. 8nli 1927 9. Jahrgang Das SowjetgebSude in die Luft gesprengt. — IVO Tate. Mr haben vor einigen Tagen eine Meldung über rätselhafte Parten in russischen Zeitungen gebracht. In diesen Todesanzeigen hieß es: „Gestorben int Dienst des Proletariats". -i- Das Rätsel scheint gelöst: Tie nachstehende Meldung hellt das Geheinmis auf — trotz des offiziellen Dementis. Bern«, 30. Juli. Ans Moskau läßt sich die „Tägliche Rundschau" indirekt folgende Meldung übermitteln: Der Svrvjetregierung ist es bisher gelungen, geyrim- Myalten, daß die Mitglieder des Leningrader lPetcr'Sburger) LokalsEjets Opfer eines Attentats geworden sind. Nach den umlaufenden Gerüchten ist das SowjetgebSude i» Leningrad, in dem gerade eine wichtige Sitzung statt-?and, durch Explosion einer Mine vollständig zerstört morden. Man spricht von hundert Toten. Migenblicklich ist es unmöglich, nach Leningrad §u gelange«. , , ein amtliches Iementi. Moskau, 30. Juli. Wie die Telegraphenagentur der Sowjetunion rnitteil't, sind die Nachrichten von einem Attentat gegen den Leningrader Sowjet und einer Zerstörung des Negierungsgebäudes durch eine Mine, hßt hundert Menschenleben zum Opfer gefallen sein sollen, frei erfunden. Saccos und WlltMVVHJ J WW* VIV New Aork, 30. Juli. (Tel.-Komp.) Der Gouverneur des Staates Maffachusets, Füller, hat angekündigt, daß das Schicksal der zum Tod verurteilten italienischen Anarchisten Saeco und Banzetti am kommenden Mittwoch entschieden werden wird. Gleichzeitig hat der Gouverneur die für die eventuelle Begnadigung zuständige Kommission ftir Mittwoch zu einer Sitzung oinSerufen. Aus diesem Umstand glauben die Verteidiger und Freunde Saeeos und Banzettis g ü n st i g e Schlüffe ziehen zu können, weil die Maßnahme überflüssig wäre, wenn Gouverneur Füller die Absicht hatte, das Todesurtell zu bestätigen. Reservistendemonftrattonen in Frankreich. „Mer mit dem Krieg!" Paris, 30. Juli. (Wolfs.) „Humanste" berichtet über weitere Reservistenkundgebungen am 27. Juli in Nimes, wo etwa 90 Reservisten des 19. Artillerieregimentes wegen schlechter Verpflegung die Arbeit verweigert und die Internationale angestimmt haben sollen, unto in Grenoble, wo Reservisten des 4. Piomercegimentes die Internationale gesungen haben. Die Vorfälle im Nesevvistenlager Ruchard in der vergangenen Woche sollen nach der „Humanste" darauf zurückzuführen sein, daß einem Familienvater der erbetene 48stündige Urlaub ohne Begrüngründung verweigert wurde. Als der Reservist daraus „Nieder mit dem Krieg" rief, soll er von einem Offizier geschlagen worden sein, worauf dann andere Reservisten mit den Rufen „Nieder mtt dem Krieg", „Meder mit Paul Boncour", „Nieder mit Paikileve" ihm zu Hilfe eilten. Die Kundgebungen sollen bis 11 Uhr abends gedauert haben. Auf Anordnung des zuständigen Generals sollen die Offiziere daun die Front avgefchritten haben, die an den Zwischenfällen beteiligten Reservisten aber nicht erkannt haben. Nach dem „Echo de Paris" ist gegen einen Buchdrucker in Bouvget ein Verfahren eröffnet worden, weil er Plakate hergestellt habe, die zu den Neservisterckundgebungen Anlaß gegeben haben sollen. Her deutsche kxstonprmz zieht nach Potsdam. Ile Seiler Me« genug non nm. Berlin, 30. Juli. (Tel.-Komp.) Nach einem Breslauer Telegramm der „Vossischen Zeitung" kommt aus Oe l s die Nachricht, daß der deutsch eExkron Prinz mit seiner Familie SchloßOelsberlassen und nach dem Schloß Cäcilienhof in P o t s d a m ü b e r s i e d e l n wolle. In Kreisen, die dem Hof des Exkronprinzen nahestehen, wird erklärt, daß man sich nicht länger mehr den fortgesetzten Anpöbelungen und Jnsultierungen aussetzen wolle. Demgegenüber berichtet das Blatt, es sei von derartigen Vorkommnissen weder in Oels, noch im übrigen Schlesien etwas bekannt. maus Die Wäscherei der Hausfrauen VI. Mollardgasse 72, TM. 72 57 u. 72 58 Spezialität; Schrankfertige Wollwäsohe / Kostenlose Abholung und Zustellung Im redaktionellen Teil enthaltene entgeltliche Mitteilungen sind durch ein vorangesetztes E gekennzeichnet. «Mchild-Pilirei. -y, Wien, 31. Juli. Das Militär, das einmal in der Lueger-Zeit gegen antisemitische Exzesse ausgeboten wurde, nannten die Christlichsozialen höhnisch „Rothschild-Husaren". Die Sozialdemokraten finden das nachahmenswert und ihr Zentralorgan überschreiüt seinen gestrigen Artikel schlicht und einfach: „Rothschild-Polizei". Hilf, was Helsen kann, und wenn die Bewegung, die in-der Sozialdemokratie entstanden ist, durch die Anrufung des antisemitischen Instinktes ein wenig auf die Juden abgeleitet werden kann, weshalb dieses Mittel nicht benützen? Die „Arbeiter-Zeitung" hat das Rezept rasch gefunden. Tie Wiener Banken haben, wie es heißt, der Polizei einen größeren Betrag gespendet. Unter diesen Banken befinden sich einige, die dem Rathaus sehr nahe stehen und es ist nicht ganz vorsichtig von dem Zentralorgan, diese Butter in die Sonne zu tragen. 'Aber man verstecht, daß eine gefährliche Situation auch geschwinde Entschlüsse verlangt und so wählt die Partei, die jetzt über Denunziantentum, über Verletzung der Gedankenfreiheit Beschwerde führt, den noch immer bewährten Ausweg: Sie leitet auf Rothschild ab, nicht etwa ans eine Person dieses Namens. Nein, auf eine Hsh^inschast, deren Bestand die „Arbeiter-Zeitung" MWwWW als unangenehm empfindet. Ihre Massen werden das genau so verstehen, wie das gemeint ist, und ihnen ist eben Rothschild der' Jud'. Es ist! nicht anj-der 'Jett, Verstecken zu spielen. Nun hat-auch d ie andere Seite das Schlagwort ausgegeben und die Jagd auf das jüdische Wild wird auf den Makaten angekündigt, die' nur mit Erlaubnis des Rathauses angebracht werden können. Die altF jüdische Furckti-on, mit jeder Lumperei belastet zu werden, entwickelt sich zu voller Größe und wir haben wieder das Bild dieser schicksalshasten Tragik vor uns. Die Parteien, die an der Katastrophe die Schuld tragen, suchen nach dem Sündenbock und siehe da, sie haben ihn gefunden. Das Bestreben ist so in die Äugen springend, daß es niemand verkennen darf. Da ist als erster Angeklagter ein jüdischer Handelsangestellter verurteilt' worden, weil er bei einer Verhaftung „Pfui!" gerufen hat. Dann eröffnet ein Jude, noch dazu einer aus Darnopol, die Lhste der unter Brandstistungs- und Plünderungsverdachk Stehenden, die mit gutem Bedacht just in dieser Anordnung dem schmatzenden Haufen vorgelegt wird. Ist das nicht der schönste Stoff für die auf der Straße betriebene Mordpropagandal? Kein Hakenkreuzler kann sich das besser wünschen und eine tiefere Bearbeitung der Stimmung ist kaum denkbar. Tag für Tag alles Jud'. Der Arbeiter, dem doch seine Partei die Demonstranten als lichtscheues Gesindel vvrgestellt hat, prägt sich die jüdischen Namen ein, und dann erscheint sein Zentralorgan und hämmert ihm noch den Rothschild ins Gehirn. So wird's gemacht, so wird für Alibi gesorgt. Jahrelang haben die verantwortlichen Behörden, die Minister Und die Parteiführer die bewaffneten Organisationen g^>uldet, so lange, bis in Schattendorf die Schüsse lvsgegangm sind. Jahrelang.haben die Sozialdemokraten die Methode der Heimwehren und Frontkämpfer nachgeahmt und das Spiel mit dem Gesetz sanktioniert. Jetzt ist es zum Konflikt gekommen und da sucht sich eine jede Seite ihre Juden, auf deren Rücken sie den Streit ffortzusetzen belieben. Das ist eine Konsequenz des Verhaltens der jüdischen Bevölkerung bei den Wählen. Die jüdischen Wähler haben zu einem kleinen Teil die Regierungsliste (inklusive Riehl und Jerzädek), zum weitaus größeren Teil die sozialdemokratische Liste gewählt. Das ist also die deutliche Erklärung, daß sie als Juden nicht berücksichtigt zu werden wünschen, daß sie verzichten und ihre Vertretung der Partei der Freiheit anvertrauen. Damit wurde eine unselige Situation geschaffen. Die Juden werden mit der Sozialdemokratie, nänrsich mit deren Führern, identifiziert und sie bilden für die Sozialdemokratie eine schwere Belastung. Für die Parteien der Einheitsliste, deren Niveau ja der Riehl bezeichnet, ist das eine zugkräftige Parole; die Sozialderuvkratie zeigt den von den rverktätigen Faktoren herarigeschseppteir Mitläufern die kalte Schulter und setzt Rothschild als Typus dem Proletariat vor die Augen. Die Werktätigen haben gute Arbeit verrichtet. Sie hatten ja die historische Mission, die jüdische Vertretung zu zerschlagen. Das ist geschehen. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, dev Mohr kann gehen. Und das Zentralorgan schreit ihm nach ^Rothschild l

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