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Wiener Morgenzeitung · 1927-07-30 · Heft 3023 (30.7.1927) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3023 (30.7.1927)
Date
1927-07-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis «Cg | Redaktion, Administration: Wien, II., Taborstr. 1 Telephon 44-038, 43-3-19 Telephon ab 6 Ohr abends 31-0-86 Serie, ab V»9 Ohr abends 38-5-83. Druckerei: VII., Lerchenfeldorstraße 1 („Inva") Mienec Preise: Wien nnd Oesterreich durch Post oder Verschleißstellen monatL 5 Schilling. Bezugsbedingungen für das Ausland im Innern des Blattes. .Rr. 3023 Wie«, Samstag, 30. 8«N 1027 Soge der Gefahr find aoch nicht geschwunden! c Bürgermeister verteidigt mit diesem Argument die Gemeinden« ache. Stürmische Jebatte im Wiener Gemeinderat. Im Werter Gemeind erat kam es gestern zu stürmischen Debatten. Als der Punkt: „Gemeindewache" besprochen wurde, setztm die Christlichsozialen mit ohrenvctäuvetldem Lärm ein. Stadtrat Kl u nl f ch> a k drohte mit der Bewaffnung von 30.000 Mann, um so der Gemeiudewache gleichwertige Kräfte entgegerrzustellen. Bürgermeister G-e L tz verteidigte die Aufstellung der Schutzwache mit der Begründung, daß die Tage der Gefahr in Wiüi noch nicht geschwunden sind, die Arbeitslosigkeit IV,t bewirken, daß wieder Tumulte entstehen. (Bericht im Innern des Blattes.) Verbot geschloffener AufmSesche ln SteieemaN Graz, 29. Juli. Der Landespressedienst teilt mit: Landeshauptmann Professor Paul hat. folgende Kundmachung .ZrWen: „Mt Rücksicht auf die durch die jüngsten Wien'eti ^Ereignssse geschaffene ge spjt n nie p o Nt PfU'e'' Lag e, die die G e fahr neüer'NcherZusammenstoße in sich birgt, wird, um Ruhe und Sicherheit aufrechtzuerhalten, verfügt, daß innerhalb der nächsten drei M o- L o n d o it, 29. Juli. (Wolfs.) „Westminster Gazette" meldet aus Schanghai: Erst heute sind neuere Nachrichten über das Erdbeben in der Provinz K a n s u vom 23. Mai in einem Brief des Apostolischen Vikars Budde n b r o ck eingegangen. Bier große Städte, darunter Lisiang (174.000 Einwohner), Liangtfcha« (200.000 Einwohner) und Kulang (54.000 Einwohner) seien zerstört worden. y In Liangtschau hätten mindestens 10.000 Personen das Leben eingebüßt. Die Missionäre schätzen d i e G e - samt za hl der Toten auf 100.000. DaS Elend der lleverlevcnden sei nnbefchreiblich. Es handle sich um eine der größten Katastrophen der Weltgeschichte, und Hilfe fei dringend notwendig. Und letzt — 10.000 Atruulene. Schanghai, 29. Juli. (Wolfs.) Nach einer Meldüng des chinesischen Blattes „Shinpao" sind infolge der U e b e r f ch w e m m u n g des über seine Ufer getretenen Kttlingflnsses, 75 Kilometer westlich von Anuch in Tschangtschenflt 10.000 Personen ertrunken und 100.006 obdachlos. Sieben Bezirke sind überschwemmt und ihre Ernte geschädigt. Der Schaden soll 5 Millionen Dollar betragen. Re indische lleberschlvemmungslatastrovbe. umnWlcher Müden. London, M. Juli. (Tel.-Komp.) Die llebcrschwemmnngs- Katastrophe in JMen hat nach den einlaufenden Berichten lngeheure Verwüstungen angerichtet. Mehrere .Städte und Dörfer stehen vollkommen unter Hasser. Zahlreiche Häuser find zerstört, v.ele Meilen nate geschlossene Aufmärsche von Wehrschutzverbänden in Steiermark zu unterbleiben haben. Sollte die Bürgschaft für die strikte Durchführung dieser Anordnung nicht gegeben sein, so wird die Einstellung von Umzügen jeder Art verfügt werden. Sie Personalkommisstou der Skcherheitswache «tsgelöft. An die StcherheitSlvache ist gestern tAn'xageSdefehit ergangen, mit Welchem dis Personallvm Mission a u fgelö st wird. Mt der Fortführung der Geschäfte wurde vorläufig eine unp vlitische Vertretung betraut. efa Am»estie>A«tmg. In: Natioualrat haben die SozihAremoLrateu einen neuerlichen Antrag auf Amnestierung per wegen der Jülieretgnisse in Untersuchung gezogenen Personen eiuge- ’ bracht. . ' .. Ein weiterer Antrag verlangt die.• Erteilung der Jnvalidenentschädigung auf die bei diesen Tumulten verwundeten Personen. Eisenbahrrdämme fortgeftrült worden. Die Stadt Boro da ist noch immer von jeder Verbrndong mit der Außenwelt abgeschnitten. In Anmedaöad sind über 2000 Häuser eingestützt. Me dortigen Daumwollsp'.nnereien und sonstigen Geschäftshäuser sind stMgelcgt. Me 8rde OM «och Immer. Wafhing^n. 28. Juli. (Wolfs.) Ein HeftigeL Erdbeb e n wurde heute früh vom Seismographm der Georgentown-Universität verzeichnet. Das Beben erreichte seine größte Stärke um 11 Uhr 64 Minuten vormittags, das Z entrum des Erdbebens war ungefähr 3700 Meilen südlichvonWashington. * Frankreich gibt dar syrische Mandat Mt auf. Parts, 29. Juli. Der französische Hohe Kommissär m Syrien, .Herr Ponsot, hat, wie aus Beirut gemeldet wird, an die Bevölkerung des unter Mandat stehenden Gebietes einen Aufruf gerichtet, der das politische Programm der Mandatar-macht entwickelt. Frankreich, so heißt es in diesem Aufruf, welches das Mandat über Syrien angenommen hat, denkt nicht daran, auf diese Aufgabe zu verzichten. Die fehlende Uebeveinstinmmng zwischen den politischen und religiösen Gruppen habe die Erfüllung dieser Aufgabe verzögert Frankreich werde jedoch seine Bemühungen zur- Wiederherstellung der Neberetnstimniung fortsehen. Der Overkommisfar kündigt eine Verminderung der französischen Truppen an und eine entsprechende Vermehrung der lokalen Truppenverbände, die von den unter Mandat sichenden Staaten unterhalten werden ic^en. BESUCHST mm Uran RitiuBiIrtUw KnfSW AITratllitSCft Die Gemütlichkeit der guten alten Zeit. Wer kommt, wird wieder Stammgast! ffMtUttl.-ftlllMSgnff. Volkstümliohe Fraise! Mittags - Menüs 4 S 1*60 Direktion: OTTO KÄSEREI! - 0. Fahrgimg Im redaktionellen Teil enthaltene entgeltliche Mitteilungen sind durch ein vorangesetztes E gekennzeichnet. Die Richter. —y, Wien, 30. Juli. Der Aufruf der österreichischen Richter (den wir an anderer Stelle mitteilen) ist eine politische Streitschrift. Niemand kann und darf dem Richter seine politische Meinung nehmen. Jeder Bürger soll Stellung zu den Fragen des Staates nehmen, und je mehr dies tun und sich eine feste und fundierte Anschauung bilden, um so mehr würde das Privileg schwinden, das sich die zwei herrschenden Parteien im gegenseitigen Einvernehmen erbaut haben. Es bleibt aber eine Frage des Taktes, inwieweit der Richter seine politische Zugehörigkeit öffentlich aussprechen kann; wenn aber dies geschieht, dann mutz gerade der Richter, der vornehmste Träger des allgemeinen Vertrauens, die schroffe Stellungnahme vernreiden. Er setzt doch mit seiner Person auch die Institution, der er dient, der Kritik aus. Dies wäre doppelt bedauerlich in einem Zeitpunkt der politischen und sozialen Neberreizung. Es werden Jahrzehnte vergehen, ehe Wien und Oesterreich an die Tage, die hinter uns liegen, mit ruhiger Unbefangenheit werden zurückdenken können. Es dient auch nicht der im Parlament angebahnten Versöhnlichkeit, wenn die Richter, denen ja in den kommenden Prozessen das letzte Wort zufällt, jetzt einen Ton anschlagen, als hätten sie sich bereits festgelegt. Man kann es gewiß verstehen, wenn die Richter die Niederbrennung des Justizpalastes als eine schändliche Tat empfinden. Mer dieser Akt hat an sich nicht das geringste mit Politik zu tun. gehabt. In der Parlamentsdebatte ist dies bjs zuv ^rbenz festgestellt worden, und die Sozialdemokraten HabÄr j?te Brandstifter von sich abgeschüttelt. Deshalb ist die von der Richtervereinigung lancierte Verlegung der obersten Instanzen in eine kleinere Stadt eine viel zu weitgehende Forderung. Es besteht kein Grund zu der Befürchtung, daß sich eine solche Emeute wiederholen könnte. Regierung, Parteien und Bevölkerung sind auf das Lebhafteste an der Aufrechterhaltung des Friedens interessiert. Bedroht wird er heute allerdings noch, aber von dem rechtsradikalen Flügel, .von nationalistisch-antisemitischen DesparadoS; sie sind in voller Tätigkeit, und wir wollen annehmen, daß sich die von den Richtern vorgenommene Brandmarkung der Preßhetze auf diese Elemente bezieht, die aus dem großen Unglück, aus den hundert Toter: und tausend Verwundeten ein profitables Kolportagegeschäst machen. Es ist sehr wahr, wenn der Aufruf der Richter sagt: „Der Friede kann nicht als gesichert erkannt werden, solange diese verbrecherische Verhetzung andauert und sogar diesem Treiben Rückhalt und Ernmnterung geboten wird." Diese Verhetzung streut tatsächlich Gift in das gepeinigte Volk, aus Machtgier, aus Erwerbsgier und nicht zuletzt, um von der eigenen Blutschuld abzulenken. Das ist das Wesen der Verhetzung, die seit dem Kriegsende bis heute andauert und die Blutsaat ausgestreut hat. Es haben sich in Oesterreich — was ja auch den Richtern bekannt ist — mehr minder geheime Verbände gebildet mit dem Programm des Judenmordes und der Vernichtung aller sozialen Errungenschaften, der Auslieferung der Republik an ihre Feinde. Es sind in Wien Arbeiter erschossen worden, und es ist jetzt vor zwei Jahren zu Stratzenkrawallen gegen den Zionistenkongreß gekommen, die die Polizei mit dem Aufgebot ihrer ganzen Macht bekämpfen mußte. Es wurden Zeitungen geduldet, die die genauen Wohnungsadressen der ihnen mißliebigen jüdischem Persönlichkeiten verschiedenster politischer Richtung veröffentlichten. Diesen Erscheinungen gegenüber hat die Justiz nicht die notwendige Energie aufgewendet, und sie trägt sehr viel Schuld daran, daß sich die öffentliche Moral verludert hat. Es ist heute 'eine sehr beliebte Sache, die Geschehnisse entweder als für sich selbst bestehend oder sehr einseitig zu betrachten. Weite Kreise der Bevölkerung haben gesehen, daß es möglich ist, einen Teil der Einwohnerschaft wegen der Naseund der Haarfarbe außer Recht zu stelle«:, und das hat die'Achtung vor dem Gesetz eingeschränkt. Der Aufruf sagt, daß sich die Richterschast weder vor Betbrechern noch vor ihren Hintermännern beugen wird. Das nehmen mit uns alle zur Kenntnis, gegen die die Hintermänner zu Verbrechen an feu ern. Es gibt nichts, was iricht geplant wäre, und das mindeste, was begangen wird, ist die tägliche Ehrabschneidung an der jüdischen Gemeinschaft, an jüdischen Institutionen und allen Einzelpersonen, die mit der Oefsentlichkeit in Berührung kommen. Das vollzieht Ach Nie größte Katastrophe der Weltgeschichte. Ei« Erdbeben in Sbina am SS. Mai. — 100.000 Tote.

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