Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3019 (26.7.1927)
- Date
- 1927-07-26
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Wien, Dienstag Wiener Morgenzettung 26. Full 1627 Nr. 30-19 gegen ihn die Strafanzeige erstattet wurde, und da er flücktete, das Konkursverfahren eröffnet wurde. Durch die Verfehlungen Goldstaubs wurde ein Kominittent, der Marienbader Zahnarzt Dr. Siegmund Reinhold, um fast 76.000 Schilling geschädigt. Als Dr. Reinhold 10.000 Schilling von seiner Einlage beheben wollte, machte ihm Goldstaub die Mitteilimg, daß er die 76.000 Schilling leider in der inzwischen insolvent gewordenen Allgemeinen Industriebau! eingelegt habe, er haste jedoch persönlich für den ganzen Betrag und folgte dem Dr. Reinhold die von ihm vorläufig verlangten 10.000 Schilling gegen Empfangsbestätigung aus. Die 10.000 Schilling hatte aber Goldstaub nicht mit seinem Gelde, sondern mit dem Gelde der Treditanstalt bezahlt. Die Empfangsbestätigung, die Dr. Reinhold unterschrieben hatte, war, ohne daß dieser es bemerkte, ein mit dem Firmenaufdruck der Treditanstalt versehenes Formular. Als nun die Treditanstalt nach der Flucht GoldstaubS auf Grund dieser Empfangbestätigung beit Unterfertiget Dr. ReinhoL mit 10.000 Schilling belastete, brachte dieser beim Wiener Hmrdelsgericht die Klage auf ungeschmälerte Ausfolguny seines gesamten Wertpapierdepots ein. Das Handelsgericht verurteilte die Credita n st a l t zur Herausgabe der Wertpapiere, wogegen diese die Berufung an das Oberlandesgericht ergriff. Dieses gab der Berufung der Treditanstalt keine Folge und b est a t i g t e das erstrichterliche Urteil mit der Begründung, daß die Bank für ihre Angestellten haften müsse und Dr. Reinhold bei der Unterfertigung der »»»»»»»»»»»»»»»»»»»»»A»»»»»»» Bankbestätigung tatsächlich nicht gewußt habe, daß er ein Formular der Treditanstalt unterfertige. Der Oberste Gerichtshof hat die dagegen ergriffene Revision durch schriftliches'Urteil, das noch vor dem Brand des Jststizpalastes herabgelangt ist, zurückgewiesen. Laß »ich Mt filme«! Prag, 26. Juli 1927. Fräulein Emilie L. hatte einen Chauffeur auf Anerkennung der Vaterschaft geklagt. Der belangte Platzivagenlenker beteuerte, er könne unmöglich der Vater des Kindes sein, da er an dem Tage, da sich das folgenreiche Stelldichein begeben haben sollte, überhaupt nicht in Prag gewesen sei. Er bot sogar einen Alibibeweis durch Zeugen an. Da erinnerte sich Fräulein Emilie, daß es in Prag einen Unternehmer gibt, der die ahnungslosen Fußgänger auf den Prager Brücken filmt. Er hat einen Mann angestellt, der an die Passanten Adresse und Nummer des Films verteilt, auf dem man darauf ist. Man kann den Mm bestellen, muß es jedoch nicht. Auch Fräulein Emilie hatte ihn nicht bestellt, aber sie hatte den Nummerzettel aufgehoben, und tatsächlich wurde der betreffende Film unter der angegebenen Nummer aufgefunden und zeigte den Chauffeur zärtlich Arm in Arm mit der Klägerin. Vor der Beweiskraft dieses Argumentes kapitulierte der Beklagte und anerkannte die Vaterschaft. Das Gericht tat ein Uebriges und bestätigte sie ihm auch noch mittels eines Urteiles. I fOIM»WlRT»CliAfT fntttftief! und Bnrgenland Aektristrlerung. Das Interesse der amerikanischen Baufirma Chapman. Wie Berliner Blätter wissen wollen, soll die „Kreditanstalt für Verkehrsmittel", das Finanzierungsinstitut der A. E. G. und der Siemens-Schuckert-Werke in Berlin, Konzessionen für den Ausbau der Enns- Wasserkräfte und für die Elektrifizierung des Dur genland es erhalten haben, zwei große Projekte, deren Kostenaufwand mehr als hundert Milli o n e n Mark betragen würde. Die Finanzierung dieser Projekte soll in der Hauptsache durch amerikanische Frnanzunternehmungen erfolgen, auch soll ■ die bekannte Bau- und Finanzfirma Capman u. Co. beteiligt sein. Die „Wiener Morgenzeitung" hat schon vor geraumer Zeit die Nachricht über das Interesse der Baufirma Chapman an den Enns-Wasserkräften gebracht und damals hinzugefügt, daß die Firma Chapman in der-letzten Zeit in Europa nach allen Seiten Fühlung nimmt, um Aufträge zu erhalten. Dies besorgt hauptsächlich ihre Berliner Vertretung. Ursprünglich hat sie der Stadt Berlin das Angebot gemacht, 14.000 Wohnungen zu erbauen. Das Angebot wurde abgelehnt. Ferner hat die Firma an die deutschen Städte Hamburg. Frankfurt, Breslau ähnliche Angebote ergehen lassen. Die Firma hat auch der Stadt Prag einen Wohnbaukredit von 10 Millionen Dollar vor- 1 geschlagen, femer der Stadt Warschau, wo bekanntlich die größte Wohnungsnot unter allen europäischen Großstädten herrscht, den Bau von 10.000 Wohnungen offeriert, die nach 28 Jahren in den Besitz der Gemeinde übergehen sollen. In die Reche dieser Offerte und Fühlungnahmen gehört wohl auch das Projekt vom Ausbau der Enns-Wasserkräfte und der Elektrifizierung des Burgenlandes. Wie wir an informierter Stelle erfahren, ist die Durchführung dieser Projekte, bezw. deren Finanzierung noch inkeinakutes Stadium getreten. -er österreichische Anbeahaudel. Das P assiv um der österreichisch>en Handelsbilanz hat sich im Juni dieses Jahres gegenüber dem gleichen Monat des Jahres 1926 etwas günstiger gestaltet. Während der Ueberschuß der Einfuhr über die Ausfuhr im Juni 1926 81.2 Millionen Schilling betrug, hat er sich im Juni 1927 Lei vergrößertem Umfange sowohl der Einals auch der Ausfuhr um etwa 6.6 Millionen auf 74.6 Millionen Schilling vermindert. Die Ausfuhr im Juni 1927 betrug 169 Millionen Schilling, die Einfuhr 243.6 Millionen Schilling. Von deu Eiufuhrläudern Oesterreichs haben im Juni dieses Jahres gegenüber dem Vorjahr die Tschechoslowakei und das Deutsche Reich ihre Stellung getauscht, indem die Tschechoslowakei von der ersten Stelle, die sie im Jahre 1926 innehatte, mit 36.5 Millionen Schilling an die zierte Stelle rückte, während Deutschland mit 38.6 Millionen an der erster» Stelle steht. Mch als Ausfuhrland ist Deutschland mit 28.6 Millionen an die erste Stelle gerückt, während die Tschechosiowakei mit 20.5 Millionen an zweiter Stelle steht. In diesen Ziffern ist die Auswirkung des Vertragslvsen Zustandes zwischen Oesterreich und der Tschechoslowakei ersichtlich, der Ende Mai begonnen hat. Soll««!«« zwischenPolen und den böltifchen Staate«. Aus Kowno tvird berichtet: Anfangs August trifft hier der lettische Außenminister ein, um! mit dem litauischen Ministerpräsidenten Woldemaras Besprechungen über die Mhaltung der Konferenz der baltischen Staaten zu führen. In dieser Konferenz soll der Verkehr zwischen den baltischen Staaten und Sowjetrußland einerseits und zwischen den ersteren und Polen andererseits geregelt werden. Auf der Tagesordnung der Nmserenz steht unter anderem die Schaffung einer Zollunion der baltischen Staaten, welcher in einem späteren Zeitpunkte auch Polen beitreten soll. (Sop.) vom pMftluenfischen Außenhandel. Laut „Commercial Bulletin" weist der Monat April 1927 wie die früheren Monate einen Rückgang der Einfuhr und eine Steigerung der Ausfuhr Palästinas auf. Die Einfuhr betrug 478.502 Pfund (gegen 542.901 Pfund im April 1926). Die Hauptein fuhrländer sind nach wie vor Aegypten, England und Syrien, denen sich an vierter Stelle Deutschland mit, etwas über 50.000 Pfund anschließt. Der Export Palästinas betrug im April d. I. 168.144 Pfund (gegen 122.366 Pfund im April 1926). Ungefähr zwei Drittel des Exports gingen nach England; für zirka33.000 Pfund wurde nach Aegypten, für zirka 9600 Pfund nach Syrien exportiert. Unter den Exportartikeln Palästinas nehmen auch im April Orangen den ersten Rang ein. Es wurden in diesem Monat für 122.687 Pfund Orangen (gegen mODOD IBiaglffltemiaaailMllillffllMllii Bezogspreise der „Wiener Morgenzeitung“: Monatlich Wien und Oesterreich.8 5— Tschechoslowakische Republik. ........ Kö 22'— Jugoslawien.Dinar 60 — Polen.Zloty 6 — Deutschland.Goldmark 4*— Palästina. sh 4'— England.. . sh 4'— Frarikreich, Belgien.Pres. 35' | Italien.Lire 20 — Rumänien . .Lei 170 — Bulgarien .Lewa 100*— Amerika. Dollar 1'— Schweiz und das übrige Ausland.Franken 5 — Oesterr. Postsparkassenkonto 150.693. lÄÄSSVSSSSMKMSSSWMVM (7. Fortsetzung) »pjiltkt ly Dr. Mtx fxtgnt, B. UhrtCYeriag, Wira. AMERIKA. Ein vornan von Sdinloni Asm. Die Debatte fliegt auf einen anderen Gegenstand. „Und was macht meine Mlhme," ruft plötzlich einer dazwischen. Wle drehen sich um. „Wer ist seine Muhme", fragt Joel, indem er den Fragenden mit den Blicken sucht. ,MH st», die die Beile!" * ' Meir wollte auch nach den Semen fragen. Mer die Menge hatte sich so dicht Um Wattmacher geschart, daß er tzar nicht an ihn herankommen konnte. Jeder einzelne fragte nicht nur nach seinen eigenen Angehörigen, sonderm auch % nach Bekannten, und es gab auch manche, welche gar zu 'gern wissen wollten, was aus gewissen Gassen, Häusern, ja aus dem und jenem (Pferd oder Ochsen in Leschna geworden sei. Einer, ein älterer Mann, mit einem dicken und reich mit Gold behängenen 'Bäuchlein, an den sich Meir noch wie traumhaft erinnerte — sie nannten ihn hier den Ml- Righter" — fragte irgendetlvas ivegen einer „Jahrzeit", Kr der er nach Leschna.heimfahren wollte. Und dann fragte er nach einer Anzahl von (Jugendbräuten, die er in Leschna Kurückgelassen hatte, und von 'denen.er in einem Tone sprach, akS ob sie auch Heutes noch alle junge Mädchen wären. Wattwacher hatte bemerkt, daß alle einen gewissen Respekt vor dem ,Ml-Righter" hatten, darum antwortete er ihm vor dßtn unb sehr ausführlich. Es stellte sich heraus, daß alle die gewesenen Bräute heute schont bejahrte Mütterchen roarcn mit verheirateten Kindern und Enkelkindern, und der ,Ml- Righter" machte ein Gesicht, als hörte er etwas Uebernatürliches. Aber gleich darauf erzählte er selbst, daß eben dieselben ehemaligen Bräute ihm setzt ihre erivachsenen 'Söhne Herüberschickten und für jeden Kuß, den er ernst von de» Müttern empfangen,jchrtlohne er jetzt die «Söhne mit Zehn- Dollar-Nvten. Äe Menge lachte laut; Meir aber wurde ganz verschämt und zog sich in einen Winkel zurück. Die heitere Stimmung, nr die der ,Ml-Righter" die Gesellschaft gebucht hatte, wurde noch gesteigert, 'ckls er nach Bier schickte. Jetzt fing man an, eine Unmenge alter Geschichten auszupacken.. die sich vor Jahrzehnten im Städtchen ereignet hatten, Namen wurden genannt, deren Träger längst unter der Erde schliefen, Häuser und Gassen, von denen die jetzigen nichts mehr wußten. Mosche, der Kosak, den man schon in Leschna als Schalk und Künstemacher gekannt hatte — er soll damals Theater gespielt haben, hier war er Friseur, unterhielt aber auch Beziehungen zum Theater — stellte sich nun breit hin und begann nachzuahmen, wie der alte ,Mckmck" mit quiekender Stimme vorgebetet hatte, wie Ehaje Rebekka auf Hochzeiten zu tanzen pflegte und wie Lea Genendel am Sabbat nach dem etwas zu reichlichen Mittagessen ihren „Cholera-Ainfall" bekam und Jtschel, der Feldscher, mit seinem Riechfläschchen.hergevannt kam — alles Personen, die längst, längst verstorben waren und von denen nur einige Cder ältesten Leschnaer hier im Stübchen noch etwas wußten. Während Mosche Kosak sein PuMkum köstlich unterhiell, rückte Meir still an Wattmacher heran und fragte nach den Seinen. Joel drehte sich um «und erkannte Meir. ,)MH, Ihr seid es, willkommen! Euer kleiner Junge — wie heißt er doch gleich — Jossele glaub' ich — hat ja schon einen Namen im Städtchen — ist nrir beim Abführen nachgelaufen und hat mich gebeten, ich soll Euch einen Gruß bringen — er lernt recht fleißig, sagt er, und wartet nur darauf, daß Ihr ihn prüfen sollt. — Richtig, er hat nur ein Zettelchen mitgegeben" — Wattmacher suchte in den Taschen — „ja, er hat mich gebeten, 'Euch zu sagen, daß er jetzt beim Lehrer schreiben lernt, und er schickt Euch ein Matt, das er ganz allein geschrieben hat" — Joel zog ein zerknittertes Blättchen hervor — „Der kleine Junge hat mich so gebeten, ich könnt' es chm nicht ab schlagen." Mir zog sich in eine Ecke zurück und glättete das Pcvtzierchen. Es war eine Seite aus einem Schreibheft mit breiten Linien, und darauf war in kindlicher Schrift geschrieben: Ich will mein Bä—ter—chen se—Herr. Ich will mein Väterchen sehen nsw., eine Zeile nach der anderen. Meir blickte lange auf das Papier, und las immer wieder eine Zeile nach der andereit. Eine Weile saß er dann nachdenklich da, das Blättchen in der Hand. Dann schritt er mit dem -Ausdruck eines wohlüberlegten Entschlusses! auf Ehajes ältesten Sohn zu, der schon ein ganzer Amerikaner war, vollkommen englisch sprach und alle Neuankömmlinge unterwies, wie sie sich halten sollten. Vorsichtig fragte er ihn: , Man sagt mir, daß man 'Schiffskarten auch auf Wzahlung bekommen kann — stimmt das?" „Wie, wollt Ihr dieEuern herüberbringen?" ,^Jch weiß nicht recht," antwortete Mir ungewiß — „was meint Ihr?" Der Brref. Halmah Lea wickelte sich in das neue Sabbattuch, nahm Jossele bei der Hand, und führte ihn zum Gehilfen des Rabbi, der mit den „Wahrheitsfreunden" am Sabbat-Nach- ''mittag blie Schrift studierte. Sie schickte Jossele, der fein! Buch unterm Mm hatte, hinein und ließ bitten, inan möge den vaterlosen Jungen prüfen. Zu ihrem Schwager hatte sie ihn nicht führen wollen, überhaupt zu keinem Verwandten, damit „ihre Feinde -nichts von ihrem Unglück erführen". Denn obgleich der Schwager mit seiner Frau bei Meirs Abreise zum Mschiednehmen dageivesen war, hielt Hannah Loa sie doch für Feinde. Und daß Jossele nicht von feinem Vater, sondern von anderen überhört wurde, hielt sie für ein Unglück, „über das sich die Feinde freuen würden". Mit der „Bande", ihren zwei größeren Jungen, wußte sie sich nicht zu helfen. Sie gingen in die Schule, wann sie gerade Lust hatten, obwohl sich alle Leute in der Straße für verpflichtet hielten, auf die „vaterlosen Knaben" achtz'nWen. Wenn nur irgendeiner einen der Jungen aus hex Straße sah, griff er ihn auf und schrie ihn an: „Marsch in die Schule, Taugenichts du!" Aber die Jungen hielten sich dennoch frei, strichen ganze Tage in den Feldern herum und spielten, und das ganze Städtchen hielt sie für verloren und bedauerte Hannah, Lea, di« atme Mutter: „Da sieht man, was aus Kindern' wird, wenn kein Vater da ist!" Zwischen Hannah Lea uub der „Bande" gab es ständigen Krieg. Sie versstloß Brot und Stiefel im Schrank, abetz die Jungen wußten iimner wieder beides heranszukrieM. (Fortsetzung folgt.)