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Wiener Morgenzeitung · 1927-07-26 · Heft 3019 (26.7.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3019 (26.7.1927)
Date
1927-07-26
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 3019 Wien, Dienstag Wiener Msegenzeitung 26. Mi 1VS7 Vd«e S Ae Bluttat van Raabs. Ser Mörder verhaftet. - Me die Verbrechen geschehen find Srdbebea ia Wien. 20 6tMen Sottet. — «ein Sdattn. Wie wir berichtet haben, hat ein ungeheuerliches Ver- . brechen die romantische kleine Stadt Raabs an der! Thaya im Waldviertel und die weitere Umgebung in! furchtbare Aufregung versetzt. Ein» jugendlicher Unter- ' suchungshäftling, der 18jährige Schlosserlehrling Johann S o u r a d a, hat drei Mitglieder der Familie des Gefängnisaufsehers Karl H c r r m a n n in bestialischer Weise ermordet und den Gefangenenaufseher selbst lebensgefährlich verletzt. Mit einer Beute von 102 Schillingen flüchtete der Unhold, wurde aber noch gestern in den Abendstunden bei Jamnitz nach Ueberschreitung der tschechoslowakischen Grenze festgenbmmen. Nach Verübung der furchtbaren Bluttaten beging der entsetzliche Mensch zwei N o tzuchtsakte. Wir erfahren über die Massenverbrechen nachstehende Einzelheiten: Somalia rottet die Familie au». Johann Sourada wurde Samstag nachmittags von den: Gefangenenaufseher Herrmann aus seiner Zelle ge/slt, die er mit mehreren Mithäftlingen teilte, . um die V iige und Kanzleiräume zu reinige n. kr schlich sich in die Kanzlei, ergriff einen schweren eisernen Kleiderhaken und schlug damit unvermutet gegen Kopf und Gesicht dos Aufsehers ein, der blutüberströmt bewußtlos zufammenstürzte. Darauf begab sich der Mörder über die Stiege in das erste Stockiverk, wo er der Frau des Gefangeneimufsehers be- 1 gegnete, die vor dem vlutbqfpritzten jungen Menschen, der ihr entgegenkam, entsetzt mit dem vierjährigen kleinen Karl, den sie auf dem Arme trug, die Flucht ergriff und in das Kellcrlokal eilte. Sourada folgte ihr nach, vergewaltigte die Frau und lötete schließlich Frau und Kind durch Hiebe mit einer Holzhacke, die er im Keller fand. Dann eilte der Mörder in den ersten Stock, drang in die Wohnung des Gefangenenaufsehers ein und e r - würgte den sieben Monate alten Säugling Johann Herrmann mit einer Schnur. Nun durchstöberte er einige Kästen, nahm einen Geldbetrag von. 102 Schilling an sich und ergriff die Flucht, nachdem er sich vom Blute einigermaßen gereinigt hatte. Das entsetzliche Verbrechen wurde erst Sonntag, 8 Uhr früh, entdeckt, als ein Gendarm einen Häftling einliefern wollte. Der herbeigcrufene Arzt konnte bei Frau Herrmann und den beiden Kindern nur mehr den längst eingetretenen Tod kon st a treten. Herrmann selbst wurde im Zustand 11 e f ft c r Bewußtlosigkeit in das Krankenhaus nach Waidhofen an der Thaya überführt, wo an ihm nne schwere Operation vorgenommen werden mußte. zwei Rotzuchtsatte. Sofort nach Entdeckung des Verbrechens wurde die Verfolgung eingeleitet. Dabei ergab sich, daß Sourada auf der Flucht nach dem dreifachen Morde. in dem nahegelegenen kleinen Orte Grossau zwei bestialische Sittlichkcitsverbrechen begangen hat. Er vergewaltigte das 12jährige Schulmädchen Marie B a t r i c in einen: Gebüsch. Das Kind wurde so schwer verletzt, daß es sofort in das Spital überführt werden mußte. Dann überfiel er die 19jährige Anna Gerö, die außerhalb deS Ortes einen Abendspaziergang machte: er versetzte der Unglücklichen zwei Stiche in den Unterleib. Ler Mrd«. Gestern um 2 Uhr nachmittags wurde Sourada an der Grenze verhaftet und dem Bezirksgericht Jamnitz e i n g e I i e f e r t. Er Ivar all der furchtbaren Delikte sofort g e st ä n d i g, verweigerte aber über die Motive jede Angabe. Das einzige, lvas ans dem Menschen herausgebracht werden konnte, war: „Ich habe es getan, warum, das weiß ich selber nicht!" Die ursprüngliche Vermutung, Sourada habe einen Betrag von 9800 Schilling geraubt, erwies sich als unrichtig. Die 9800 Schilling wurden im Lcderrock des Gefangenenaufsehers gefunden. Geraubt hat Sourada lediglich etwas über 100 Schilling, die er in der Wohnung des Ehepaares erbeutete. La« Borlebea de« Mörder«. Souradas Eltern sind in Brunn am Gebirge bei Mödling ansässig. Kriminalbeamte des Landesgendarmeriekommandos Niederösterreichs begaben sich noch gestern nachts dorthin und veranstalteten Erhebungen. Die Eltern gaben an, Johann Sourada sei nach einer überaus schweren Zangengeburt tief bewußtlos zur Welt gekommen und konnte erst nach einer Stunde zum Leben erweckt werden. Mit vier Jahren erlitt er durch Sturz aus einem F e n st e r der elterlichen Wohnung einen S ch ä d e I b r u ch. Je mehr er heranwuchs, desto schwerer lvar er zu behandeln. Bald zeigte er eine besondere Vorliebe für Räubergeschichten und I n d i a n e r b ü ch e r. Schon in ganz jungen Jahren ließ er sich zahlreiche Verfehlungen zuschulden kommen und legte eine abnormale exotische Reizbarkeit an den Tag. In der Schule und später auf seinen Lehrplätzen hat er nirgends gut getan. Der Mörder hat auch bereits einen Selbstmordversuch durch Erschießen begangen. Das Projektil steckt noch in seinem Schädel. Auch auf einen Gendarmen hat er bei einer früheren Gelegenheit einen Schuß abgegeben. Höhemekord — 16.000 Meter! Washington, 25. Juli. (Reuter.) Wie verlautet, habe der Schiffsleutnant Champion den Höhenwellrekord geschlagen, invem er eine Höhe von 48.000 Fuß erreichte. Unwetter in Norditalien. Sieden Tüte ln BenM. Rom, 25. Juli. (Stefan:.) Ein - neuer, überaus heftiger W o I k e n b r u ch ist über die verschiedenen Städte N o r d- : taliens niedergegangen und hat zahlreiche Menscheno chs e r und großen Sachschaden gefordert. In Venedig ist der große Mast auf dem Markus-Platz niedergeworfen worden. In dieser Stadt sind sieben Tote zu beklagen. In C r e in o n a wurden zahlreiche Gebäude schwer beschädigt. Man .beklagt s:ebe n Tote und 50 Verwundete. In Mailand wurde der Ban der neuen Untergrundbahn ü b e r - tchwe m m t. Wien hatte gestern abends wieder eine jener E r d - erschütterungen zu verzeichnen, die in dem niederösterreichischen Teile, der durch die Linie Semmering — Wien und insbesondere durch die sogenannte Badener Thermallinie begrenzt wird, nicht selten sind. Gestern:, kurz nach halb 10 Uhr, wurden in den meisten Wiener Bezirken, am stärksten im Gebiet von Döbling und Währing, aber auch im erste tt, neunten sowie in einem Teil des zweiten Bezirkes, kurz aufeinander folgende Erdstöße verspürt, deren Dauer insgesamt etwa 20 Sekunden währte. In den Wohnungen lvurde, nach den uns zugekommenen Meldungen, vielfach eii: Schtvanken des Bodens bemerkt, Scheiben klirrten, Gegenstände und Geräte fielen von den Kästen und Simsen, Bilder verschoben sich und Uhren blieben stehen. Die Erschütterung war im allgemeinen nicht allzu stark, jedoch deutlich spürbar. S ch a d e n hat sie anscheinend nirgends verursacht. Das Beben lvar auch in verhältnismäßig lveitem Umkreis des niederösterreichischen Gebietes zu . spüren, . am stärksten, nach den bisher vorliegenden Meldungen, in Lilienfeld. Doch wird aus keinem der Orte, von denen Meldungen über Erdstöße eingelangt sind, eine schädigende oder verheerende Wirkung des Bebens mitgeteilt. Die Wiener meteorologische Zentrala n st a l t registrierte auf ihren seismographischen Apparaten das Beben um 9 Uhr 36 Minuten. Der größte Ausschlag betrug 6 Millimeter. Es wurde ein Haupstoß registriert, dem mchrere Nachschwingungen folgten. Das letzte Erdbeben in Wien war ungefähr vor genau einem Jahr (im Juli 1926) verspürt worden; auch damals handelte es sich um eine leichte tektonische Erderschütterung, die von kurzer Dauer war und keinen Schaden anrichtete. Schwere Erdstöße in Steiermark. Graz, 25. Ju'li. (Eigenbericht.) Um MIO Uhr abends verspürte man in Graz ein heftiges Erdbeben. Ans Leoben und den steirischen Jndustrieorten wird gemeldet, daß das Beben so heftig war, wie man es seit Menschenge > ' v nicht zn verzeichnen hatte. tzrdftöße i» Belgrad. Aus Belgrad wird gemeldet: Im Laust besSvnntags verzeichneten die hiesigen Erdbebenapparate eine Reihe von schwachen Erdstößen, von benot vier in Belgrad verspürt wurden. Der Hauptherd deS Bebens war der Berg Rudnik, der 80 Kilomvtec sübllch von Belgrad gelegen ist. Sie Waldbrande in Bosnien. Das Feuer — gelegt. S a r a j e w o, 26. Juli. Die Untersuchung der Behor-. den über die letzten Waldbrände in Bosnien und der Herzegowina ergab, daß das Fener von entlassenen Arbeitern gelegt wurde. Im Zusammenhang damit wurden bereits 16 Personen dem Gerichte eingeliefert. Der gesamte Schaden, der durch diese Brände verursacht wurde, wird auf eine Viertelmilliarde geschätzt. Panoptikum. Von Heinrich B Kranz. Im Wurstelprater, zwischen der großen Grottenbahn mit dem feuerspeienden Drachen und einer winzigen Schießbude liegt einer vor Sehnsuchtsorte der kleinen Dienstmädchen, der neugierigem Kinder. Dennoch hat er nicht seinesgleichen, er ist Auferstehung und unheimlichstes Wunder, eine große, wilde Welt: Panoptikum. Hier zaubert die Phantasie Vergangenes und Fernes, Märchenstimmung urck sentimentale Exotik in eine seltsam ferne Gegenwart. Wachsmodelle gebe:: vollendetste Täuschung. Schauder und Ehrfurcht erfüllen das Herz, Nervenkitzel und Lächerlichikeit entfesseln die Brust, Geschichte wird lebendig. Es ist zuviel um sechzig Groschen. Man tritt beschwingten Schrittes ein unb bleibt dann zögernd stehen. Kalte Lust drückt auf die Brust, als ginge es in eine Totenkammer. Dann hebt man den Blick und sieht sich von hunderten Menschen umringt. Menschen? Nein, man weiß, es sind nur Wachsmodelle, mit Zierat und Bändern, bunten, muffigen Kleidern und trttem, künstlichem Haar geputzt. Aber deniwch — di« Täuschung ist so vollkommen, daß man erschrickt. Der Fuß will nicht vorwärtsschlreiten. Eine Nacht allein urtter diesen lebendig-toten Puppen — entsetzlicher Gedanke. Sind sie denn wirklich tot, bewegt sich nicht da nebenan eine Hand, ist kein Hauch in diesem Mörder drüben mit den drehend geschwungenen Brauen? Ein Mädchenlachen flattertauf. Man fährt zusammen, sieht sich verwirrt um, sucht die AuSgangstüre mit dein Blick. Mer dann atmet man lächelnd auf: Zwei junge, blonde Dinger in verwaschenen Kleidern, Hand in Hand, stehen Vor der Gruppe „DaS Urteil des Paris" und biegen ihre jung«: Körper in ausgelassenem Lachen. Die ' drei sizitianischen Schönheiten, c»ie den „Don Juan vom Lande" umringen, sind nicht nach ihrem Geschmack. Vielleicht haben sie auch eine Ähnlichkeit mit irgendeiner mißliebigen Freundin entdeckt, sie sind sehr vergnügt und pressen die roten Hände an den blutleeren Mund. Nun wandert man von Gruppe zu Gruppe, von Bild zu Bild. Was für wundervolle Welten tun sich auf! Eine „Braut iu Indien" auf ihrem Lieblingselefanten lächelt leblos und doch reizvoll, „Hansl und Grell im Pfefferkuchenhaus", „Aschenbrödel" und ,Mapperstorchs Musterlager" führen in die Märchen der Kindheit, „Der Schrecken Sibiriens" ergrdift mit wundervollen Bildern, „Der kranke Dackl", von kleinen, süßen Kindern im Wagen zum Doktor geführt, löst wehmütiges Lächeln aus. Dann wird man in fremde Länder entführt. Bild Nr. 76: „Die balancierende Orientalin". Was sagt der Führer: „Graziös wiegt sich der Körper der schjönen Orientalin hin und her, indem sie auf ihrer Stirne das Schwert balanciert. (Mechanisches Kunstwerk.)" Das da ist nicht mehr lebloses Wachs, von KÜnsllerhand geformt, das ijV blutvolles Leben, diese zarte Rundung des Oberarms, dieser duftige Hauch des Teints, diese roten, feuchten Lippen, sich zn einem Lächeln öffnend — verzückt starrt ein schmächtiger Gymnasiast zur Heldin seiner Träume empor. Nie sah ex ein schöneres Wesen. Aber sie hat > eine Rivalin. Dort drüben im Glaskasten auf weinrotem Samt ruht eine bezaubernde Rotblondine. ES ist „La bette Irene", die tätowierte Amerikanerin, ein Weltwunder. Pfauenfedern, Goldreifen, Blumen, blitzende Stein«, alles ist künstlich und doch echt, schimmert im Lieht, funkelt und Acht — eS wird hier nicht gespart, um auch Große zu entzücken. Ein Schritt nach links: Der deutsche Riese, genannt der „lange Peter", über zwei Meter grok. blickt majestätisch über unsere Köpfe; zu seinen Füßen: Prinz Kolibri, der lleinste Mensch der Welt; sie führen zur Galerie berühmter und'berüchtigter Menschen, die hier einer staunenden Nachwelt lebendig werden. Vielleicht ist man erst wirklich großwenn man hier wieder auferstehen darf? Wer wurde würdig befunden? Natürlich: Goethe und Schiller, dann Voltaire, Luther, Richard Wagner, Papst Pius X., Lassalle, neben ihm Johann Strauß, Fürst Bismarck, Admiral Togo, Graf Mvltke. Und dann Li- Hung-Tschang? Man erinnert sich nicht dieses Namens. Man blättert im Führer: „Der chinesische Bismarck", B^ekönig der Provinz Petschili, verfügte über ungeheuren Reichtum. General Joubert? Hier ist man bewanderter: Der Burengeneral. Anschauungsunterricht in Geschichte. Und dann wandert man noch an vielen österreichischen Fürsten und Generalen vorüber; die Gedichte, die man einst zu ihrem Lobe lernen muhte, hat man vergessen^ jetzt leben sie wieder auf: im Panoptikum. „Prinz Eugen, der edle Ritter..." Hier sind die Helden, drüben die — Verbrecher, einige Schritte entfernt. Eine unheimliche Versammlung: Der Massenmörder Schenk, Haarmann, der Knabenschänder, Czolgosz, der anarchistische Mörder Mae Kinleys, sind die Protagonisten des Theaters. Zu viel Schauder in einem engen Raum. DaS Auge wird mit Schreckensbildom erfüllt, man hört Blutrauschen, Opferschroie, Stöhnen — entflieht. Und ist dann entronnen, steht wieder mitten rm Leben, im Prater, Orgeln kreischen- Lichter blitzen, Menschen lachen und rufen, das Riesenrad dreht sich majestätisch-stumm und führt den Blick zum sternenbesättn Himmel, wo Ruhe und Friede wohnt. Nein, ein zweites Mal gehe ich nicht ins Panoptikum. Aber einmal muß man doch seine Zauber und Schauder erlebt habent

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