Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3017 (24.7.1927)
- Date
- 1927-07-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis H§ 0 Redaktion, Administration: Wien, Il.,Tnborstr. 1 Telephon 44-0*88; 48-8-19 Telephon ab 6 Ohr abends 11-0-86 Serie, ab >/,S Uhr abend« 38-5-83. Druckerei VII.', Lorchenfelderstraße 1 („Iuva“) kreise »Vien,and Oesterreich durch Post oder Verschleißsteilen inonatl. b Schilling. Sezugsbedinguriffen für das Ausland im Innern des ' Blattes. orgemeitung BESUCHET »in »lenen “ Köülster Asfentbaltsort. Die Gemütlichkeit der guten alten Zeit. Wer kommt, wird wieder Stammgast I Volkstümliche Preise I Mittags - Menüs L 8 1'60 Direktion: OTTO KASERER SK. 3017 Wien. Sonntag. 24. gNN 1027 0. Jahrgang Ser PottzeiprSfident erklärt: „Kr blieb Mts anderes übrig, «m Wien und die RevnbMr« bewahren, mnßte rum letzten Mittel gegriffen werden/ , Gestern abends hatte der Herausgeber der „Korrespondenz Herzog" eine ‘ Unterredung mit, dem Wiener ‘ Polizeipräsidenten. Schober erklärte u. a..: / „Was zunächst' das Ungewohnte und Un erklär l j ch e an diesen Ausschreitungen betrifft, so glaube ich dahin aufksWen zu können, daß wieder einmal nach lang^p Zeit Demonstranten zu einer Kundgebung ohne jede einheitliche Leitung auf die Ringstraße gebracht wurden, und daß die führe rlosen, vielleicht zu .einer Kundgebung ihrer Entrüst u n g über, ein G e sch w o r e n e n u rt.e i l äusgerückten- Massen e i n e B e u t'e k o mlnru n i st i's ch e r Agitatoren, rgeworden sind. Es lyar, auffallend, daß die Menge sofort mit ungehssnrer. AiMmenz Sicherheitslvachen attackiert hatte', so bei der Univ ersität. ohne daß die Attackierten vbn der Waffe Gebrauch, gemacht hatten. Aehnlich begann es beim Parlamente. . , Dort wurde die Wache mit Steinwürfen, oder —• wie selbst wohlwollende Beurteiler der Hcnrdlungen dev ^emvnMWEMsesten —~ mÄ S ä n d beworfen. AberaRch .Schü§^stnd dort gegen die Wachegefallest, die. sich mitgröjMn Langnntt zurückhiett und — vielrciri)t zu spat — erst die Abwehr der. Angriffe mit r Yen Säbel begann. " Zur Verwe n d u n g von Gewehren kam es -rft dann, als eine große Zahl von Sicherheits- N e w y o r k. 23. Juli. (Tel. Comp.) Der italienische Generalkonsul in Boston hatHeim Gouverneur des Staates Massachuisetts einen Schritt im Interesse der Freilassung der beiden zum Tode verurteilten italienischen Anarchisten S a e c o und B a n z e 11 i unternommen. Der Generalkonsul erklärte, er sei nach eingehender und gewissenhafter Prüfung deS Falles zur UeScrzeugung gelangt, daß'seine Landsleute unfchuldig seien. Der Gouverneur antwortete, er werde erst in einigen Tagen in der Lagp sein,, seine Beschlüsse bezüglich der Begnadigung oder Hinrichtung der Angeklagten bekanntzugeven. ... Es ist klar, daß der italienische Generalkonsul diesen Schritt nicht auf eigene Faust unternommen hat. Zweifellos ist dies der Auftrag der italienischen Regierung, das heißt, M u s s o l i n i.s'B e f e h l. Mit anderen Worten: Der Fascismus setzt stich für die verurteilten Anarchisten ein! Bombenattentate in Buenos Aires. Me für smco und Banzetttr Buenos Aires, 23. Juli. (Reuter.) Bei der Statne <ö?orge Washingtons explodierte eine Bombe, durch die Sockel des Monuments fast gänzlich zerstört wurde. Di« Statue ward« von der ameri-kamschen Kolonie der' argentmifchsn Republik aus Anlaß der Hundertjahrfeier zum Geschenke gemacht. Eine zweite Bombe explodierte vor d«r Filiale der Ford-Automobilwerke. Der Verdacht, diese Anschläge begangen zu haben, richtet sich' gegen die Anhänger Saccos und Banzettis wachen bereits schwer verletzt war unid der Iustizpala st bereits in Flammen stand. Was die. gegen die Sicherheitswache erhobenen Vorwürfe anbelangt, so sieht die Polizei jeder unparteiischen Untersuchung vollkommen ruhig entgegen. Es wird sich Herausstellen,' daß diese Angriffe unbegr ü n d e t sind und'daß/die Ehre der <Ächerheitswache,. die in diesen kritischen Tagen ün . hingebungsvollster Weise und unter . großen Opfern ihre Pflicht erfüllt hat, . von keiner Blutschande belastet ist. 7 - . ' Auch yiesmal wurde, so wie im Jahre i9'i9/ von der Polizeidirektion und' ihren Organen es verschmäht,'; zu Mitteln ü l i n d er Repression zugreifen : unb bis/an die äußerste Grenze des Möglichen zugewartet, ' 7^ um die letzten Mittel zu vermeiden. Als aber nichts anderes mehr übrig blieb, mußten, um Wien und die ReNnSlM^or weiteren Greueln zü bewahren, eben auch > > letztey/ Mittel ergässsn werden: - . Seit.lstzten'.'SassiStag K ^s.-zn^ ein tz’nf Ruhestöxun- ' gen vön Wien/gekommen und "die langsam wiederkehrende /Beruhigung — auch Po litis Ger Kreise — läßt' die HofNuttg begründet/ erschemen». daß dieser Ausbruch der Zügellosigkeit nicht mehr w i e d e r k e y r e n . 8apa« gegen Sugsand. Ser Streit um die Abrüstung zur See. ... Londo n, 23. Juli. Das britische Kabinett hält gegenwärtig wichtig e Sitzungen in Angelegenheit der S e e a b r ü st ü n g s k r i s e ab; das Kabinett war den ganzen Freitagnachmittag versammelt und wird am Montag neuerlich zusammentreten. Bridgeman und Lord Cecil fahren am Dienstag nach Genf. Mehrere Genfer Korrespondenten hatten angedeutet, daß Genf eine englisch-japanische Annäherung ergeben habe; „T i m e s" bringen aber heute einen langen Bericht ihres Tokioter Korrespondenten, welcher feststellt, daß die antibritische Haltung beinahe in der ganzen japanischen Presse stärk hervortrete, sogar im „Jiji",.der 30 Jahre lang englandfreundlich gewesen war. Die Japaner seien über die britischen Vorschläge zur Seeabrüstung deshalb erbittert, weil dieselben für Japan ein neues Flottenbauprogramm bedeuten würden. Das englische Kabinett soll, wie berichtet wird, auch deshalb einer Erneuerung der alten Beziehungen zwischen England und Japan feindlich gegenüberstehen, weil dies Amerikas Gegnerschaft erwecken und daher zu ' einem neuen Wettrüsten führen würde, dessen Bermeidnng der Hauptzweck der Genfer Konferenz sei. Der neue Strasgesehmtwurf. Dem Nationalrat ist gestern der Entwurf des neuen (mit Deutschland gemeinsamen) .Strafgesetzes zugegangen. Dem deutschen Reichstag ist das Gesetz im Mai 1927 voraelegt worden. Im redaktionellen Teil enthaltene entgeltliche Mitteilungen sind durch ein vorangesetztes E gekennzeichnet. Versäumnisse. -y, Wien, 24. Juli. Ein Komitee bürgerlicher und sozialdemokratischer Personen hatte für heute eine Versanunlung unter der Devise „Nie wieder Krieg!" einberufen. Die Polizei legte den Veranstaltern nahe, das Meettng zu unterlassen und so unterblieb es. Hier gegen den Krieg zu sprechen, wäre auch in diesem Augenblick ein kaum zu überbietender Anachronismus. Tenn die Oeffentlichkeit ist vollauf in M sprach genommen durch die Museinandersetzung/die sich zwischen der. Behörde, in diesem Falle also der Regierung und der sozialdemokratischen Partei über die Verwendung der Dum-Dum-Pätronen entspannen hat. Man kann sich nur schwer etwas Taktloseres denken als diesen Streit. Ta hat man gerade 57, Opfer und am folgenden Tage vier Polizisten begraben und ihre Angehörigen vernehmen mit Entsetzen, daß die Körper durch Weichbkeigeschosse zerfetzt worden sein sollen. Tie /Arbeiter-Zeitung" erhebt die Anklage; die Polizei erwidert gereizt, die Demonstranten hätten Jagdmunition gestohlen und benützt. Rede und Gegenrede erfolgen in einem aufreizend sachlichen Ton. Es werden Beweise und Gegenbeweise geführt. Und so wird die Aufmerksamkeit geflissentlich vom Kern der Frage abgelenkt, daß nämlich auf allen. Seiten die Gewatt eingesetzt wurde. Wie soll Mirn da über die Purple ,,Me. wie^jMieg!" sprechen und Nachweisen, 'daß ich?ZüsanlMnleDrÄer Menschheit die Wisse niemals eine daueriche ^Entscheidung bringen kann? Das'Gebrüll der Demagogie zerstört |ebe; Möglichkeit einer ruhigen Erörterung. unbestellt die Massen unter den schwersten Terror, unter die Angst vor dem Spitzeltum und der Gesinnungsschnüffelei. Die Reaktion hat —. und das ist die übergroße! Schuld der Sozialdemokratie'— einen vollen Sieg errungen und nützt ihn so aus, wie das eben ihr politischer Zweck erheischt. Für eine ivahre bürgerliche Demokratie ist hier in Oesterreich kein Platz. Die großen Parteien, so bittere Feinde sie weltanschauungsgemäß auch sein mögen, haben sich doch miteinander dahin verständigt, das Volk zu parzellieren. Wer nicht links ist, soll rechts fein. Das haben während desi letzten WahlkampfesbeideParteien ausgesprochen. Sie haben auch ein-Wahlrecht geschaffen, das dem' Bürger die freie Bestimmung nimmt. Verächtlich gehen alle über die Einwände hinweg. Das hat eine namenlose polittsche 'Korruption erzeugt/ Ganze Scharen der Wähler haben sich einfach der Macht, der bestehenden oder der nach ihrer, Meinung kommenden ergeben und dadurch, den Hochmut der Sieger noch verstärkt. Ter Radikalismus ist von beiden Seiten genährt I und geködert worden. Aber das neue Parlament hat keine Hoffnung erfüllt, der nationalistische Terrorismus hat die Gesetzlichkeit zur Kapitulation gezwungen. In diesem Blatt ist darauf hingewiesen worden, daß die polittsche Moral durch die Duldung der. Universitätsexzesse erschüttert wird, daß das Vertrauen in die! Unparteilichkeit der Jüsttz schwindet, und daß weiten und breiten Massen von oben her der Gedanke fei er Selbstjustiz immer mehr nahegebracht wird. Im Falle Rothstvck hat die Justiz den Revolver sanktioniert. Sie hat dies können,, weil keine Demokratie in Oesterreich besteht, die zwischen den Extremen vermitteln könnte und die die Gefahren des Radikalisierungsprozesses erkennt. Hier ist mit der Gewalt Götzendienst getrieben worden. All« Parteien sind daran beteiligt geivesen und ihr System drückt sich nicht bloß in der Aufstellung der Parteiwehven, sondern vornehmlich in der von ihnen gezüchteten Stinrnmng Es. Bei den Wahlen haben wir den so viel berühmten Parteiapparat arbeiten gesehen, der die Boykottdvohung und die Denunziation so gut versteht wie nur irgendwer. Alle haben gezeigt, daß ihnen der Mensch in diesem Staat nichts gilt, sondern nnr seine Stimme, und alle haben gesagt und gezeigt, daß jeder, der nicht ihrer- Nöeinung. ist, kein Recht haben darf. Das ist' am grünen Holz geschehen. Wer kann sich wündern, daß dann das dürre Mstiverk Feuer fängt? Nun wird nach den Schuldigen gesucht lmd dieiveilen noch die Unterhaltung über die Dum-Dnm-Patronen arvdauert, schreien die Sturmtruppen der Reaktion ihr altbewährtes Hepp-Hepp! Sie hashen wieder einmal die Mlfgabe, abzulenkm und den Juden vorzinführen. Sie könnest: das heimnungslos tun. Die bürgerliche Presse kuscht, so weit sie nur kann, die Parteien sind es zufrieden, daß sie> in den Hintergrund rücken können. Die Juden aber sind ohne Vertretung. Heute, wo die -ganze Welt auf Oesterreich sicht, fogu bier ungestört neues Unglück gebraut werden. Nach dem lü t r d." e? Sine und Banzettis. des ttalienifchen Generalkonsuls. ^18406