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Wiener Morgenzeitung · 1927-07-20 · Heft 3013 (20.7.1927) · p. Seite 8

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3013 (20.7.1927)
Date
1927-07-20
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Wien, Mittwc Mlsner Wsrg-«-etttmg 20. JuN 1927 Nr. 3018 Seile 9 im D.enste ^e'chrcS stehen. Räh.'re Auskünfte erteilt.-der AuherchandelSd'-enst *vr österrc'.chi scheu Handelskammern, Wien, 1. B«,z„ Stu'!'enrinü 8/10. Insolvenzen. D<t4 Ausgleichsverfahren tMlkde eröffner über: C. F. Wijcheropp ü. Co., Wien, 9. Bezirk. Wasagasse 7; Klischeen>erksbätte für Moderne Illustration B u c* frlia, Seßler u. Co., Wien, 3. Bezirk, Landstraße Hauptstraße 9. Ermötzian,^ deutscher Gütertarife. Aus Berlin wird gnnrldet: Der R?icl>Sersenbaharrat hat heute -u verschiedenen Äendrrungen des Eisenbahw-Normalgütertarifes Stellung genommen, deren Durchführung für die nächst« Zeit in Aussicht genommen ist. Insbesondere sollen Frachten der oberen Wagenladung sllasscrr A bis D, in denen hochwertige VerkehrSgüter enthalten sind, herabgesetzt werden, weil diese Klassen die höchstem Steigerungen gegenüber der Vorkriegszeit austveifen. Der hiedurch für die Eisenbahn entstehende Einnahme-Ausfall belauft sich auf jährlich 70 bis 75 Millionen Mark. Der Reichs-Eisenbahnrat stimmte den Vorschlägen einmütig zu. Besprechungen der mitteleuropäischen Lederindustrie. In Prag fanden, wie von dort gemeldet irnro, Besprechungen zwischen Vertretern der deutschen, der ö ste r r c i 6) i s che n und der tsche-- cho-slowakischen Lederindustrie statt, die vorwiegend die Lederzölle sowie die Frage der Roh Häuteausfuhr betrafen. In den meisten Punkten konnte eine Einigung erzielt werden. Für die Punkte, die nicht einhellig erledigt spurden, haben sich die bei den Verhandlungen anwesenden Vertreter der beteiligten. Regierung die Entscheidung Vorbehalten. In der Frage der Rohhäuteausfuhr ist die Entscheidung ebenfalls noch offen. Ein europäisches Cbemiekartell? W'.e aus London berichtet wird, haben in den letzten Tagen anschließend an die Besprechungen der englischen und deutschen Chcmieindustriellen Verhandlungen zwischen deutschen und französischen Vertretern der chemischen Industrie stattgesunden. Wenn auch ein endgültiger Abschluß noch nicht erzielt wurde, so haben diese Verhandlungen ebenso wie die zwischen den Deutschen und Engländern doch günstige Resultate gezeitigt, so daß in absehbarer Zeit mit der Bildung eines europäischen Cheniiekariells gerechnet werden könnte. Ausbau eures FrellMsens in Srrsek. Aus Zagreb wird berichtet: In jugoslawischen Wirtschaftskreisen hat erne Bewegung im Interesse der Ausgestaltung des Häsens von Susa? eingesetzt. In Susa? soll ein Handewhafen mit einem großen Freihafen ausgebaut werden. Die Zaareber Handels- und Gewcrbekanmrer arbeitete einen detaillierten Plan aus, rn welchem darauf hingewiesen wird, daß der Hasen von Susa? vermöge seiner günstigen. Lage und der guten Eisenbahnverbindungen berufen sei. den Kon- > Drrrenz?antps mit dem Hafen von Fiume aufzunchnren. Novellierung des polnischen Umsatzsteuergesrtzes. Me aus Warschau gemeldet wird, besteht in den polnischen Reaierungskreisen die Absicht, das Umsatzsteuergesetz noch dieses Jahr zu novellieren: man will vorläufig acht Handelskategorien einführen. Eine Aenderung der Umsatzhöhe ist auch vorgesehen und wird bet Artikeln des ersten' Bedarfes nur erne einmalige Besteuerung in Aussicht genommen. Die Fmanzkrife in Japan. Reuter meldet aus T o ko: Infolge der Unmöglichkeit, finanzielle Hilfe zu erlangen, sieht sich die Kawasak'.-Gesellschaft, die größte Reeders', des Landes, genötigt, den Schiffsbau ein zu stellen. Infolgedessen hat es die japanische Marine übernommen, den Bau von Kriegsschiffen, welche die genannt« Gesellschaft gegenwärtig auf Stapel hat, zu Ende zu führen. (gut Handbuch für den polnischen Getreidohandek. In Lemberg ist soeben, mit einem Vorwort von Dr. Paneth (Lemberger Handelskammer) versehen, ein für den Getreidehändler und -exporteur unentbehrliches Handbuch erschienen. Herr I. Narzissenfeld, welcher das über 200 Seiten umfassende Handbuch im Selbstverlag berausgegeben hat, stellt dann in übersichtlicher Weise die Frachttarife auf den polnischen Bahnen bis zu den einzelnen Grenzen zusammen und gibt dem Getrcidchändver einige praktische Winke. Daran schließen sich die Usancen der Lemberger und Wiener Börsen für landwirtschaftliche Produkte, ferner ein Verzeichnis der internationalen Handelsterminologie, sodann Umrechnungstabellen für die im Getreidchandel gebräuchlichsten Valuten. Sine Ueb«rsicht Mer die Notierungen der (KetreideproduKe an der Lemberger Vto-ÄktendStt« Im A»hre 1926 ergänzt 8M Handbuch. Eine Anleitung für daS Termin«schäst rät den Dörsenprotest und bergl. erleichtern dkm GetvelNchänvler'seine Entschließungen in schmteriMr Handelssälien. Praktische landwirtschaftliche Winke kommen dem Getreidehändler ebensogut nne dem Müller und Grundbesitzer zugute. DaS Handbuch Mrd durch eine große Zahl von Brancheadressen abgeschlossen. Ss ist jedem Betrekdevnrfinana bestens zu empfehlen. WirnerHrse. Geschäftslos. — Matt. Di« Börse übte auch noch gestern trotz der beruhigenden Wirkung deS Abbruchedes VerkchrSstreikS Zurückhalturrg, da die Nachbarmärkte flau gestimmt ivaren. Dazu kamen noch Budapests Abgaben in ungarischen Morrtanwerteu und Prager Verkäufe in Poldihütte und Alpine. Dieveranlaßte eine teilweise Mschwächung der Kurse, die auch auf ElektrizitätSwerte Übergriff. Dagegen erzielten Naphthaaktien eine leichte Erholung und auch Staatsbahn zogen an. Der Bankenmarkt zeigte wenig Veränderung. Fm weiteren Verlaufe machte sich di? GeschäftSlosigkeit stark geltend. Die Kurse der ungarischen Montanwerte und auch der Krupp-Aktien ermäßigten sich weiter, ebenso A. E. Ä. Union. StaatSbahn büßten ihre anfängliche KurSbefserung pirc. Im Schranken hielten sich die Kursgewinne und Kurseinbußen ungefähr die Wage. Auf dem Anlagemarkt notierten Rudolf», bahn Schuld 2.35, Rudolfsbahn Prioritäten 12, Wiener BerkehrSanleihe 1.83 Schilling. . Quoten: Franz-Josephs-BahnSchuld 2.20. Kassakurse: Kompaß 11.—, Bankverein 31.90, Boden- Credit 127.25, Ocsterr. Credit 65.10, Niederösterr. Escompte 26.—, Nationalbank 238.—, Nordbahn 1106.—, Nordbahn Genuß 602.—, Lemberg-Cern.-Jassy 61.—, Staatsbahn 31.—, Donau-^Save-Adria 18.70, Clotilde 2.35, A. E. G. Union 31.75, Wiener Gas 62.60, Siemens 22.25, Breitfeld-Danek 110.60, Oesterr. Hofherr 10.90, Waffen 28.—, Waagner 7.—, Leykam 11.90, Galieia 100.—, Mineralöl Floridsd. 21.50, Äwestem 5.60, Neunkirchner Druck 8.25 Schilling. WIR bitten unsere Leser und Freunde, in Kurorten u. Sommerfrischen in allen Restaurants und Kaffeehäusern sowie in Lesehallen stets unser Vlatt zu verlangen! Wiener Warenbörse. Die gestrige Börse war sehr gut besticht, doch wurden grüße« Transaktionen nicht vorgenommen. Bon Kolonialwaren ermäßigte sich Kaffee, in welchem der Markt ruhig lag, in den besseren Sorten um 5 S. ES notierte: Santos faney 665—600 S., Santos Eztra Prime 530—545 S., Santo- Superior^. 500—516 S., Rio VH uverändert S. 447.50. Tendenz stetig. In Zucker war Nachfrage nach Wiener Lagerware und notiert; Raffinade Kristall 92 S. (ch 0.50), Würfel IM S. (-!- 0.50) per 100 Kilo, tschech». slowakische Ware blieb unverändert. Tendenz stetig. Gewürze, Kaka opr odukte, Reis, Tee. und Südfrüchte (hatten Hei unveränderten Pretzen sciMrches Geschäft. In Schweinefetten bestand reges Interesse für Wiener Stadtware, dessen Preis sich um 6 S. auf 276 S. erhöhen konnte. Amerikanische und Budap^ter Provenienz sow'.e Talg und die übrigen Fette und Oele verblieben unverändert auf dem Stande der Vorbörse. Textilien erhöhten.sich in fast allen Positionen um 1 Punkt. Die Tendenz in Chemikalien war nicht einheitlich. Während einige Sorten billiger erhältlich waren, wie z. B. Die'.« glätte zu 128 S. (— 7s, Bleiweiß 146 S. (— 7), Minium 128 S. (— 7), hatten andere Artikel erhöhte Notierungen zu verzeichnen. Es kamen zum Ausgebot: Schellack T. N. orange zu 1000 S. (4- 20). Terpentinöl, inländ., zu 175 S. (+ 6). Alle übrigen Chemikalien, ferner Leder blieben unverändert. Am Rohhäute-Markt erhöhten sich Kalbfelle auf S. 3.75 (-f 0.06) per Kilo und Rößhäute auf S. 27.50 (4- 0.60) per Stück. Heute Mittwoch, 11 Uhr vormittags, gelangen zum öffentlichen Verlauf: 270.3 Meter diverse Tuchstoffe, Vadium 300 S. Mener Bichmärkte. Rindermarkt. Aus dem am Montag äbgehaltenen Rindermarkt wurden ausgetrieben: 2362 Stück Mastrinder und 707 Stück Beinlvieh. ES notierten: Ochsen 1.10—1.60, Stiere 1L0—1.6ö, Kühe 1.15—1.45, Be'.nl« vieh 0.75—1.10 das Kilo Lebendgewicht. Bei schleppendem Verkehr notierten Prima-Ochsen unverändert, mindere Qualitäten um" 5 Groschen, teilweise auch um 10 Groschen tiefer, Stiere, Kühe und Beinlvieh blieben im Preise unverändert. — Bo rst e nvi e h mar k t. Gestern wurden anfgetrieben: 7477 Fleisch- und 3813 Fettschiveine. Es notierten: Fleischschweine 2.10—2.60, Fettschwe'.ne 2.00—2.30 per Kilo Lebendgewicht. Bei sehr lebhaftem Verkehr verteuerten sich Fleischschweine um 20 Groschen, Fettschweine um 15 Groschen per Kilo. — Pferdemarkt. Austrieb: Gebrauchspferde 79, Schlächter- Pferde 340, aus dem Schlachthaus 20 und aus der Kontumaz« abteilung 254. Es notierten: Kutschpferde 600—1200, leichte. Zugpferde 300—1200, schwere Zugpferde 600—1400 Per Stück; Schlächterpferde, Prinra (Fohlen) 0.85—1.05, Sekunda 0.70— 0.80, Bankvieh 0.66—0.65, Wurstvieh 0.35—0.50 pro Kilo Lebendgewicht. Markwerlauf lebhaft. Wiener Börse für landwirtschaftliche Produkte. Unter dem Eindruck der letzten Ereignisse und infolge der in- Mischen eingelangten Auslandsnonerungen haben sich die Getretdepreise ermäßigt. Mats liegt ebenfalls ruhiger, Hafer hat nur geringes Geschäft. Es notierten pro 100 Kilo tn Schilling: Weizen, int. 38.60-39.25, Ungar. Theiß 80/W. 42.60—43, Roggen, Marchfelder 3Ö-LÜ.50, Ungar. 35.25-^.50, Mais 26«)—27.50, Hafer, inl. 32-33, rumän. 29-29.50. Budapefter Getreidetermin,markt. Bei matter Stimmung haben sich die Kurse abgeschwächt. Die Notierungen lauten in Pengö: Oktoberweizen 29.88, Oktoberroggen 25.60, Marzvoggslr 28.—. Auswärtige Börsen. Berlin. Im Bormittagsverkehr hatte sich eine frennvlichece Grundstimmung durchgesetzt. Die Beilegung des Streiks in Wien hatte eine wesentliche Beruhigung zur Folge. Der Ordereingang bei den Banken ist normal und die Spekulation auch zu den ersten Kursen auf sich angewiesen. Die Kursentwicklung war nicht einheitlich. Während Nebemverte ein bis drei Prozent fester einsetzten, zeigten die Häuptspeziakpapiere gegen Montag nur uMvefentliche Veränderungen, gegen die Frankfurter Abendbörse jedoch eine Erholung. Zur Zurückhaltung trug die noch immer angespannte Äeldmarktlago bei, doch hyfst man für morgen auf eine Erleichterung. Im Zusammenhang ist auch auf den weiter nachgebenden Dollar hinzuweisen. (1. Fortsetzung.) ÖoPjrigbt by Dr. Max Prftger, E. Löwit Verlag, Wian. AMERIKA. Ein Roman von Sdialom Asdi. Onkel Chaim ivar i:er jüngere Bruder Meirs. Er hatte nicht standesgemäß geheiratet, und dazu war es eine geschiedene Frau, die er genommen hatte. Dafür aber besaß er jetzt einige tausend Rubel. Meir hielt sich bis zuletzt fern von seinen! Bruder. Ms er aber seinen Krainladeu nicht mehr halten konnte und der Unterhalt seiner Familie ihm aus keine Weise mehr gelingen wollte, mußte er 'sich wohl oder übel an seinen „reichen" Bruder um Hilfe wenden. Viel half das allerdings nicht. Und so kam cs schließlich, daß Meir, der nur sein Städtchen und darin fast nur den Weg in die Synagoge kannte, sich entschloß, nach Amerika auszutvandern, wie es vor ihm schon so viele andere getan, die nichts zunr Leben hatten, darunter auch manche seiner Verwandten. Und nun wollte er sich die letzten fünfundzwanzig Rubel, die ihm noch zur Schiffskarte fehlten, vom reichen Bruder leihen. Als ihm das gründlich mißlang, griff er zum letzten Mittel: Er schickte sein ältestes Töchterchen Rachele zum Onkel hinüber. Das Kind war "trotz seiner zehn Jahre von einer im ganzen Gäßchen berühiüien Beredsamkeit und hatte schon mehr als einmal dem Vater in solchen Fällen aus der Not geholfen. Und tvie nun heute Meir mit leeren Händen nach Hause kam, nahm sie ihr Tüchlein, das ihr als Mantel und Kopfbedeckung zugleich diente, und lies fort: Sie iverde nicht nach Hanse zurückkehren, schwor sie in kindlichen: Ernst, bevor sie beim Onkel' die fünfundzwanzig Rubel herausbekommen habe... Meir zögerte noch, sich zu Tische zu setzen; er ging durch das Zimmer, zupfte an seinem Bart und warf den Kopf nervös hin tund her, als wollte er düstere Gedanken abschütteln. Schließlich wandte er sich an die Jungen: „Berel, Chaim, ihr sollt der Mutter gehor-chen, hört ihr? Ihr sollt der Mutter gehorchen und fleißig lernen, dem: wenn ich nicht mehr da bin, rver wird daiui..." Er wollte schon ein mildes Wort sage» >vas eigentlich seinem Charakter entsprach; war er doch iu eine tveiche Stimmung versetzt durch den Gedanken an die Reise und sein ältestes Kind, das jetzt vor dem harten Onkel stanjd Und sich die Zunge aus dem Munjde redete wegen dieser jämmerlichen fünfundzwanzig Rubel. Ms er aber sah, wie Berel dasaß, das eine Bein nach hinten gedreht, auf dem anderen kniend, schrie er zornig : „Schau mal, wie der Kerl sitzt, schau mal! Herunter mit den: Bein, du...! " „Ja, ja, freilich werden sie mir gehorchen, natürlich! Zugrunderichten werde:: sie mich! Bei wem läßt du mich zurück!"... fuhr plötzlich das Weib auf. Die beiden achtjährigen Jungen saß still und hatten das Gefühl, als ob sie die Mutter geschlachtet hätten. Vor lauter Angst rührten sie kein Glied. Nur der kleine Jossele mit dem beschmutzten Gesichtchen und dem langen schmutzigen Röckchen klopfte mit dein Löffel und rief freudig: „Vater fährt nach Amerika, Vater fährt nach Amerika!" Nach einer Weite öffnete sich die Tür und Muhme Scheindel kam hereineingehüllt in ein großes Kopftuch. Die roten Flecken, die auf ihren knochigen "Wangen 'brannten, zeigten an, daß ihre Lunge nicht ganz in Ordnuing war... Im Städtchen aber hieß sie um dieser Röte willen allgemein das „Rotbäckchen". Sie trat ein mit einem Gesichtsausdruck, als gelte es, einen Toten zu beklagen. Mvor sie noch „Guten Mend" sagte, reckte sie die Schultern in die Höhe, hüstelte und warf einen verstohlenen Blick umher, als ob sie die Wände etwas zu fragen hätte: „Ist Rachele noch nicht zurück?" (Das garrze Städtchen wußte von den fünfundzwanzig Rubeln und Racheles Mission.) Ohne die Antwort abzuwarten, stellte sie schon eine zweite Frage: „Habt ihr noch nicht gegessen?" Und kaum war diese Frage gestelllt, hatte sie schon eine dritte bereit: „War Leibusch nicht da?" Für diese Frage hatte ihr Bruder Meir schon etwas inehr Aufmerksamkeit als für die anderen. Leibusch tvar ihr Mann, sein Schwager. Er hatte die Gewohnheit, stets mit ihm zu grollen, obwohl sie in derselben Synagoge beteten und zu ein und demselben Rabbi fuhren. 'Denn Leibüsch hielt sich Und seine Abkunft für etwas Besonderes mid behauptete noch inuner, daß der Schtviegervater ihn betwgen. habe, indem er ihm iveder die ganze Mtgift, noch alle die „Kostjahre" die er versprochen, ausgezahlt hätte. Und obwohl das eine alte Geschichte war — denn der Schwiegervater war schon seit achtzehn! Jahren tot — trug er es noch bis jetzt der Familie und seinem Weibe nach. Er war nach außen ein kalter Mensch, der wenig sprach. Dennoch nahm er tvarmen Anteil an allem, tvas die Familie traf, und war der erste, der da war bei fröhlichen unid, Gott bewahre, traurigen Anlässen. Und auch ^jetzt tvollte er, wie Scheiwdel andeutete, hierherkommen, um Mschied zu Nehmen, obwohl er gewöhnlich kein Wort zu Mir sprach, trotzdem sie sich täglich trafen. Es dauerte nicht lange, so wurde die Tür hastig geöffnet, und Rachele, ganz cnrßer Atem, trat ein. .Die Locken flogen ihr hinterm Tüchlein den Nacken hinunter, in der Hand aber hielt sie fest umklammert einen zerdrückten Schej^ Mt triumphierender Miene rief sie dem Vater zur . „Er mußte es geben!" Alle stürzten mit einemmale vor, den zerdrückten, schniUt» zigen Schein zu sehen. Der Vater nahm ihn an sich, mit aufgeheitertem 'Ausdruck im Gesichte, und streichelte unwillkürlich das Köpfchen des Mädchens. Das war etwas so Ungewöhnliches bei diesem strengen Vater, und für Rachele war es dermaßen überrascherid, daß sie, plötzlich ganz verschämt, über und über rot wurde. Die Mutter nahm sie bald in ihre Ecke, und sie flüsterten dort irgendwas zusammen; die Muhme aber -schaukelte den Oberkörper, vhn« daß sie wußte warum, bis dann der Vater zu sprechen begann: „Und die Tante, tvas hat die gesagt,- he?" begann er und seine befreite Genrütsstimnmng drückte sich so aus, daß er Jossele auf ft|eit Arm hob und ihn hinten mit leichten Klapsen bearbeitete. 'Jossele gefiel das öfseirbar sehr gut, denn er blickte die ganze Zeit dem Vater tief in die AugM, so als ob er sich überzeugen wollte: MeiM er es im Ernst so? „Der Tante Hab ich gar nichts gesagt. Ich Hab' de« Onkel vor der Tür abgewartet, als er dort mit andere« Leuten stand, und dann Hab' ich zu sprechen begonnen, st» laut ich nur konnte, darnit alle es Höven können. O! f» dumm bin ich nicht, daß ich zur Tante himmfgjche^^ — erklärte sie mit noch kindlich freudigem Stolz. ' (Fortsetzung folgt.)'

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