Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3012 (19.7.1927)
- Date
- 1927-07-19
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 0 Wien. Dienstag 1«. Zuv M Ne. SOI 2 Professor Konto führte dagegen aus, daß er niemalin gehässiger Weise Kritik geübt habe, fordern ganz im Gegenteil oft sehr schmeichelhafte Kritiken über die Bolksoper geschrieben habe. Erst in letzter Zeit, als sich di« Bolksoper der Operette zagÄvandt habe, habe er den künstlerischen Rückgang de- Unternehmens konstatieren müssen. ES sei ein großes Unrecht, ihm nach elf Jahren die Aufführung seiner Oper „Das kalte Herz" vorzuwerfen. Er habe seit dieser Zeit aus Gesundheitsrück» sichten nichts mehr komponiert. Die Ablehnung seines Stückes sei absolut nicht her Grund für seine Kritiken güvesen. Da Direktor Frischler den Wahrheitsbeweis für ffiv.c Behauptungen anbot, wurde die Verhandlung verta-g t. Di« Braut des Mörders Hunger gegen eine Burgschauspkelerirr. Ein seltsamer EHrenbelerdigu-ngSprogeß, bemerke»-' wert durch die Persönlichkeit der Sdrertte'.le, gelangte gestern vor Strafrichter Dr. Wanket zur Austragung. Als Klagerm trat Frl. Elly L. auf, eine Schauspielerin, die wiederholt am Wiener Burgthmter, am Raimundtheater, am Lesstngtheater in Berlin und an anderen bedeutenden Bühnen gewirk>t hat. Beklagt war Leopoldine Weiß, die Braut Ferdinand Hungers, einer der Mörder von der Dabakregie. Anläßlich des sensationellen Kviminalprozesses kam es zwischen den beiden Frauen zu einer Auseinandersetzung, in deren Verlauf die Braut für den ihr nahestehenden Angeklagten Partei nahm, während die L. sich in entrüstete Kritik erging. Darüber geriet die Weiß in große Aufregung und ließ sich schließlich dazu hinreißen, der Schau« spie kenn vorzuwerfen, daß sie einen unsittlichen Le b e n s- Wandel führe. Da die Beschuldigte absolut leine Ehrenerklärung abgeben wollte, wurde sie zu einer Geldstrafe von 20 Schilling verurteilt. Die Ausaleichsverwalter für die Rekonstruktion der A'!4gleichsakttn. Im Einvernehmen mit dem Senatsvorsitzcudell des Ausgleichsgerichtes richtet Herr Franz Wahl an alle Ausgleichsverwalter des Landesgerichtes folgende Mitteilung: ,,Es ist unsere Pflicht, den Gerichten vorläufig wenigstens die Rekonstruktion der laufenden Akten zu ermöglichen, da sich '.n unseren Händen das Material hiezu befindet. Zum Zwecke einheitlichen Vorgehens >'.adc ich die Herren Kollegen für Dienstag, den 2 8. Juli, um 3 Uhr nachmittags zu einer Besprechung im HubertuSleller in der Mariahilferstraße ein." ooooooocxxxxxxxxxxxxxxxxx»ooooooooooooocxxxxxxxxxxxxxxxacoraxxx)ooocoooooooooooo VOLKSWIRTSCHAFT m Der 13. Füll und die österreichische Wirtschaft. Keine Störunge« in de« Wlrtschaftrbetrieben. — Re Schillingnotiernog unveröndert. — Sie Börse znverstchtllch. Anläßlich der Verlobung unseres langjährigen .uisschußmitgliedes Herrn Dow Rosenblum mit Fräulein Berta Reiner gratuliert herziichst die Jüd. Volksbibliothek „Zion“. Der Jugendverein „Erez Israel“ gratuliert seinem Ehrenchawer Dow Rosenblum anläßlich seiner Verlobung mit Frl. Berta Reiner. Wir beglückwünschen unser Gründungsmitglied Herrn Dr. Jakob Stark zu seiner am (5. ds. stattj gefundenen Promotion aufs herzlichste. Klub der Vereinigten Zionisten-Revislonisten. Anläßlich der Promotion unseres Präsidenten Herrn Jakob Stark zum Doktor der Staatswissenschaften gratulieren wir bestens J. A. Juristenverein. Bühne und Kunst. Iheaterdirektor gegen Theaterkritiker Ile Bsllrover entzlm einem «Melle»» Mit« die «tleritlakte». Vor dem Bezirksgericht Margareten fand gestern eine Verhandlung über eine Ehrenbeleidigungsklage statt, die der Wiener Musikkritiker Professor Dr. Robert Konta gegen den Direktor der Volksoper Hermann Frischler angestrengt hatte- Dr. Konta hatte sich bei der Bereinigung der Wiener Musikreferenten darübeir beschwert, daß ihm von der .Volksoper zur Premiere des Stückes „Ich Hab' mein Herzä'n Heidelberg verloren" keine Referatkarten zur .Verfügung gestellt wurden. In einer Zuschrift an den Vorstand der Vereinigung der Musikreferenten Hofrat Karpath antwortete namens der Arbeitsgemeinschaft der Bolksoper, Direktor Frischler, daß die Bolksoper nicht die Absicht habe, Professor Konta zu boykottieren, daß sie aber die Referatkarten nur aus Angst vor den Kritiken Dr. Kontos nicht zur Verfügung gestellt habe, da dieser Reftrent durch seine Kritiken die Exi stenz der Volksoper unterg r abe. Dir B«- sttmmung des Dr. Konta gegen die Bolksoper datiere von der Zeit her, da dessen eigene Oper „Das kalte Herz" von dem damaligen Direktor Rainer Simons zurückgestellt wurde. Diesen Brief machte Professor Konta zum Gegenstand einer Ehrenbeleidignngsklage gegen Direktor Frischler. Der beschuldigte Direktor führte aus, Dr. Konta habe noch der Prenriere erregt angerufen und geftagt, was es für eine Schweinerei sei, daß er keine Referatsitze erhalten habe- Aus die Entgegnung, die Zusendung fei im lAustrage des Betriebsrates unterblieben, habe Dr. Konta erwidert: „Ich kann mir Karten selber kauftn, dann aber werden Sie erleben, was ich schreiben werde!" Es sei festgestellt, daß Doktor Konta in seinen Kritiken in gehässiger Weise gegen die Vvlksoper Stellung nehme. So habe er eine „Faustt'-Aufführung an der Bolksoper mit dem Znaimer oder Jg lauer Niveau verglichen und von einer „Agonie der Bolksoper" gesprochen. Es könne von den Mitgliedern nicht verlangt werden, baß sie dem Krittker, der ihre Existenz untergrabe, durch die kostenlose Zusendung von Karten foen, Besuch des Theaters erleichtere. Die Wiener Ereignisse in den letzten Tagen haben in* folge der durch die Stillegüng der Presse sehr stark genährten Panikstimmung und Gerüchtebildung allerlei Befürchtungen über schwere Einwirkung des blutigen Freitages auf die österreichische Wirtschaftslage laut werden lassen. Diese Befürchtungen sind unbegründet. Dies mutz um so stärker betont werden, als diejenigen Kreise, welche ein politisches Jnteresidaran haben, den Bestand des österreichischen Staates in seiner gegenwärtigen Form mit allen Mitteln, auch mit wirtschaftlichen, zu desavouieren, die Gelegenheit nicht vorübergehen lietzen, trübe Prophezeiungen vom Stapel zu lassen, böswillige Konsequenzen zu erfinden und völlig erlogene Nachrichten auf dem Wege durch die ausländische Presse in die Welt zu setzen. Vor allem ist festzustellen, daß es in Wien keine Ueb erfülle auf fremdes Eigentum gab, datz sämtli ch e Wirtsch aftsb etrieb e in Wien und Oesterreich intakt sind und datz feit Montag früh die Arbeit in sämtlichen Betrieben sich in normalem Gang befinden. Es ist eine der in Ungarn fabrizierten verbrecherischen Lügen, wenn behauptet wird, datz die österreichische Währung unmittelbar bedroht sei. Die reichliche Deckung des Notenumlaufes durch die österreichische Nationalbank ist vollkommen genügend, um den Kurs des Schillings zu hatte». In Zürich war die Devise Wien gestern unverändert auf dem Stand von 73.18, ebenso lautete der Schillingkurs aus New D o r k unverändert 1407 und London verzeichnet«, wahrscheinlich infolge der Unterbindung des Arbi- Irageverkehres, welche eine gewisse Knappheit in Devise Wien auf dem Londoner Markt hervorrief, einen etwas höheren Schillingkurs. Die Befürchtung, datz kurzfristige ausländische Kredite gekündigt werden würden,' hat sich bisher erfreulicherweise nicht bestätigt. Es ist auch nicht anzunehmen, daß bei einem normalen Funktionieren der österreichischen Wirtschaft solche Kündigungen erfolgen könnten. Einen Rückschlag könnte nur eine längere Ausdehnung des Verkehrsstreikes Hervorrufen, mit der aber nach der gegenwärtigen Situation wohl schwerlich gerechnet werdet: kanrr. Die Börs' wurde gestern abgehalten, nachdem eine Beratung der Börsekammer stattgefunden hatte, in der beschlossen wurde, die Börsenversammlüngen wieder normal aufzunehmen. Das Geschäft war naturgemäß gering, und zufolge des Fehlens jeder Verbindung mit den Auslandsplätzen bekundete die Spekulation Zurückhaltung. Im allgemeinen machte sich je- . doch eine zu v e r s i ch t l i ch e H a l t u n g d e r Börse bemerkbar, und es gab nur geringe Kursvariationen. Bemerkenswert ist, daß die Völkervundanleihe ihren Kurs um fast ein Prozent erhöhen konnte, was ein deutliches Symptom für die zuversichtliche Beurteilung der Lage in Finanzkreisen bildet. In einer Reihe von Kulissen trüg der Verkehr ebenso wie die Kursbildung mehr nominellen.Charakter. Anfangs gingen einige österreichische Werte wie Alpine, Krupp, Kredit, A. E. G.-Union, etwas zurück, schließlich wurde auch diese kleine Depression überwunden und die meisten der anfangs rückgängigen Papiere, so Alpine, Waffen, ferner Bankaktien konnten den Markt mit wenn auch geringen Kursbesserungen verlassen. Im Schranken, wo die Kurst in der Mehrheit rückgängig waren, war die Abschwächung der Jopyrigfct by Dr. Max Präger, E. Löwit Verlag, Wien. AMERIKA. Ein Roman von Sdialom Asdi. Der Abschied. Meir, der Lehrer, kam erst bei Mbruch der Nacht, i^rdjäjem er sich im Bethause von seinen nächsten Bekannten verabschiedet hatte, nach Hause, um vor der Abreise nach Amerika sein letztes Abendbrot im Kreise der Seinen zu nehmen. Da traf er in der Wohnstube nur seinen Jüngsten an, den sechsjährigen Jossele, der auf einem Holzschemel vor dem gedeckten Tische stand. Ws er den Vater erblickte, klopfte der Kleine hocherfreut mit seinem Löffel auf die Tischplatte und rief mit feinem Kinderstimmchen: i „Weißt du, Vater, was Mutter heute kocht? Kleine weiße Bohnen, weiße Bohnen!" Die Mutter, Hcmnah Lea, steckte schnell ihren Kopf hinter dem Vorhang hervor, der die winzige Küche vom Wohnraum trennte. Ueber ihr schon ganz, ganz welkes Gesicht huschte es wie ein Lächeln stiller Freude, und die Augen deuteten heimlich auf das Kind. Der Vater sagte mit gemacht strenger Stimme: „Du Schlingel, das weißt du, was die Mutter kocht, aber welchen 'Toraabschnitt wir'diese Woche haben, das weißt du sicher nicht." ' . „Doch, ich weiß es," antwortete stolz der Kleine. „Nun, laß hören!" „Geh hin...," lautete die überzeugte Antwort. „Dann mach, daß du tvegkommst, Taugenichts!" i':f Ir* Vater mit derselben gemachten Strenge. „Hab ich's denn falsch gesagt?" rief Jossele voll Eifer. Tie Mutter, die indessen beim Kochtopf stand, das Gesicht Jossele zugekehrt, lächelte das bekannte glückliche Lächeln einer Mütter, das so sehr einem Weinen ähne't. Nicht.: so sehr zu ihrem Gesichte wie gerade dieses Lache'n. Denn der Ausdruck von Trauer, der immer auf ihrem Gesichte lag, hatte ewige Tränenfurchen darin eingegraben, so daß jede Veränderung im Gesichte wie eine neue Borbereitung zum Weinen aussah. i Wie sie so dastand und sich Wer die Klugheit des, Kindes freute, vergaß sie ganz ihren Kochtopf, in dem esi plötzlich zu brodeln anfing und endlich überkochte. Das gab ihr einen ordentlichen Stoß, und sie schüttelte ihren Aerger darüber in Scheltwörter: auf den Jungen aus, als ob er die Schuld trüge. '• „Wie viel er sich aus dem Essen macht! Molkt er lieber so viel Eifer beim Lernen zeigen!" > lAber was die Mutter da sagte, stinnntie nicht ganz. In den sechs Jahren seines Lebens hatte Jossele viel Kt wenig gegessen und zu viel gelernt. Und überhaupt war sein kleines Leben durchaus nicht nur auf Rosen gebettet. «Seht Körperchen, an dem das Hervorstechendste zwei große leuchtende Mrgen waren, bestand gerade aus Haut und Knochen und zeigt die Spuren nicht weniger Krankheiten. Alle Evidennen, die durchs Städtchen zogen, pflegten zu allererst bei Jossele vorzusprechen und sich da einzuquartieren. Aber durchgeschlagen hatte er sich doch, durch Typhus, Masern und Scharlach, und war jetzt mit seinen sechs Jahren ein kleiner, aber ganzer Kerl, der schon lesen, ap> seinem Gebetbuch beten und natürlich auch nnt seinem Lössel Spektakel zn machen verstand. Ter Vater nahm Jossele bei der Hand, bettachtete mit einem sich in seinem langen Bart verlierenden Lächeln sein Gesicht und ftagte: „Weißt du, Jossele, wohin ich fahre?" „Nach Amerika," antwortete das Kind. „Und wo liegt Amerika?" forschte der Vater tveiter. „Weit, sehr weit" — und Jossele machte eine weit ausladende Hand)ewcgung. Ter Vater ttäuselte ihm die Stirulöckchen, streichelte das Gesichtchen Und setzte ihm den zu «den Festtagen angeschafften neuen Hut tiefer auf die Ohren. Diese Zärtlichkeit vergaß Jossele während der ganzen Zeit nicht, die der Vater fern war. i Plötzlich ging mit großem Geräusch die Tür auf, und zwei Jrmgen von etwa acht Jahren, die in ihren ganz gleichen langen Röcken wie Zwillinge aussahen, stürzten fröhlich mit Lachen und Gepolter ms Zimmer, verstummten aber augenblicklich, wie sie des Vaters ansichtig wurden. ,Mha, da ist f<i die Bande", — begrüßte >sie die Mutter hinter dem Ofen.hervor.' Die „Banditen" setzten sich ganz artig an den Tisch. „Warum schon so früh heute?" fragte der Vater. „Der Lehrer hat uns heute früher nach Hause gelassen, damit wir Abschied nehmen können,'" antworteten beide nv flieidjÜ Einen Augenblick herrschte allgemeine Stille. Jossele, der sich hier als Jüngster und als ausgesp > chener Liebling fühlte, rief bald freudig: ,Mater fährt nach Amerika, Vater fährt nach Anten'a ,Mrch eine große Freude!" sagte die Mitter und sie U. den Suppentopf auf den Tisch. „Meir, tvasch' dir die Hä es ist angerichtet," schloß sie den Satz. „Und auf Rachele willst du nicht warten?" „Ich weiß nicht, wo sie so lange bleibt."... „Wahrscheinlich kann sie mit dem Onkel nicht jo».,, werden... Ist auch keine Kleinigkeit — so ein Dickkops!" sagte Meir, hastig durch den Bart streichend, was bei ihm Mitleid mit dem Kinde andeuten sollte. > Tie Mutter blieb mit dem Sttppenlöffel in der Hand stehen, so überraschte sie der Don tiefen Mitempfindens tu Vaters Stimme, der sonst nie ein weiches Wort für die Kinder übrig hatte. /Fortsetzung folgt.)