Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3009 (14.7.1927)
- Date
- 1927-07-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Das Erdbeben wurde im ganzen Land und in Transjordanien sowie im-Irak verspürt. Der Bevölkerung bemächtigte sich im 'ersten Schrecken eine arge Panikstimmung, die aber heute bereits gewichen ist. Die Negierung, und. die Zionistische Exekutive haben sofort die Hilfe organisiert. In Jerusalem sind zahlreiche jüdische Ärbeiter aus dem ganzen Land konzentriert worden, um mit der Aufräumung zu beginnen. Hier, in der Hauptstadt selbst, ist der Sachschaden sehr umfangreich; ums Leben gekommen ist nur ein Mann; zwölf Personen wurden.verletzt. Dagegen sind in den südöstlich von Jerusalem liegenden kleinen Ortschaften insgesamt etwa 25 Personen durch Einstürze oder Verschüttungen getötet worden. Die hebräische' Universität, die Allenby-Brücke, die Post, das Hausder Zionistischen Exekutive mnd eine Schule . der anglikanischen Mission wurden sehr stärk beschädigt. Das Palais des Oberkommissärs auf dem Oelberg ist zum Teil eingestürzt. Auch das Grab Christi hat bedeutende Mauerrisse aufzpweisen. Är^ den jüdischen Kolonien liegen bisher k'e'pn^M a ch r ichten über besondere Ereignisse vor. In TeIA w i,w wurde, das Erdbeben verspürt, hat aber' leinen Schaden angerichtet. Auch in a f f a und in Haifa ist'., kein Schaden geschehen. ' Schwer betroffen ist Jericho. I wo ein Gasthof eingestürzt ist. Die Zahl der Todesopfer ist noch nicht bekannt. In Amman, der Hauptstadt von Transjordanien, wurde das britische Amtsgebäude durch das Erdbeben zerstört. Acht Personen sind hiebei ums Leben gekommen. In E § S a l t hat sich die Zahl der Toten auf 86 erhöht. zwei Abteilungen der hebräischen Universität singeftllrzt. »Jerusalem, 13. Juli. (Meldung der „Wiener Morgenzeitung".) Das Erdbeben hat hier furchtbaren Schaden angerichtet. In der Universität sind die Gebäude des judaiftifchen nnd des chemischen Institutes teilweise eingestürzt. Das Studienmaterial ist vernichtet. Die Vorlesungen mußten in die Stadt verlegt werden. , In der Altstadt wurden zahlreiche Häuser zum Einsturz gebracht. Im Hause des Oberkommifsärs wurde ein russischer Diener getötet. Die Privatzimmer des Feldmarschalls P l n m e r und feiner Gattin sind nur mehr ein Schutthaufen. Ebenso ist. das Haus des Stadtkommandanten unbewohnbar geworden. 'Auf dem Oelberg sind vier Kinder, in A i n K a r e m fünf Frauen getötet worden. Außerhalb der Altstadt wurde nur leichterer S ch a d e n angerichtet^. Aus Haifa, Jaffa, Tel Awiw, . Trberias und ans den jüdischen Kolonien liegen keine alarmierenden Nachrichten über Banschäden oder Menschenverlüfty vor. - Die Dörfer Oliv et und. Rämalah bei Jerusalem sind zerstört. Das Erdbeben däikerte fast eine ganze Minute an. Im redaktionellen Teil enthaltene entgeltliche Mitteilungen sind durch ein vorangesetztcs E gekennzeichnet. Das Unglück in BalMna. - y, Wien, 14. Juli. Die Katastrophe, von der Palästina heimgesucht worden ist, trifft die ganze Welt. Palästina ist ein Zentralgebiet, mit dessen Schicksal sich alle zivilisierten Nationen - beschäftigen. Das Los dieses Landes ist ein Weltintereffe. Dem jüdischen Volk ist es aber mehr. Palästina ist vom Judentum untrennbar und heute bereits mit ihm identisch. Land und Volk waren durch zweitausend Jahre territorial getrennt, und in dieser Zeit führte das Land nur ein Scheindasein. Ehe das jüdische Empfinden mit neuer ungeahnter Kraft erwachte, war Palästina nur ein ferner Begriff, ein blutloser Schemen. Durch die jungjüdische Beivegung ist es für die Welt — nicht für die Juden :— neuentdeckt worden und was in Palästina geschieht, steht heute in einem der Brennpunkte internationaler Politik. Palästina ist wieder in das Leben der Welt eingegliedert ivorden, die es aber nur als politisch wichtige Stätte würdigen, kann, wenngleich die Gefühle zweier großer Religionsgemeinschaften nach diesem Land gravitieren. Für das Judentum ist Palästina alles, es ist seine Geschichte, seine Hoffnung, seine Zukunft. Und deshalb gehen jedem jüdischen Menschen die Meldungen von der so großen Verwüstung so nahe, die das Land betroffen hat. In einer einzigen Minute sind Menschenleben in die Hunderte, sind Bauten vernichtet worden und hochwertige Institute in Trümmer gelegt. . Die Nachrichten besagen, daß, abgesehen von Jerusalem, alte, dem jüdischen Empfinden, geheiligte Stätten, tote .Sichern (das freilich rücht mehr jüdisch ist) und Jericho -schweren Schaden.. erlitten haben. Die neue jüdische Siedelung im Westen und Norden des Landes scheint glücklicherweise verschont geblieben zu fein. Dagegen sind in Jerusalem lebenswichtige Punkte des jüdischen Aufbau-- Werkes, wie das Haus der Zionistischen Exekutive und die Universität, sehr arg mitgenommen worden. Dies trifft die | jüdische Arbeit außerordentlich schwer. Die ' politischen Schwierigkeiten, von denen sie früher beeinträchtigt war, sind abgeklungen. Aber sie sind durch eine wirtschaftliche Krise abgelöst worden, die fast den Aufbauivillen. lähmt und jedenfalls die jüdische Einwanderung ins Stocken gebracht hat. Diese Entwicklung hat politisch auf die jüdische Position in- und außerhalb des Landes retardierend gewirkt und auch den Elan der zionistischen Aufbautätigkeit zu einem sehr hohen Grade, abgeschwächt. Diese Krise teilt Palästiüa heute mit allen Ländern Europas, und die Keime liegen in der, wirtschaftlichen Verarmung der Welt. Aber sie mußte in Palästina viel, stärker wirken, in einem Lande, in dem die nationale, wirtschaftliche und industrielle Organisation, die ersten Anfänge noch nicht hinter sich hat. Sie ist sehr arg, und dies ist umso verhängnisvoller, weil das Judentum noch wenig Vertrauen zu seiner staatsbildenden Kraft besitzt und weil es so gar keine Freunde auf der Welt hat. Schon heute finden wir in unserer Umgebung die schadenfreudigen Betrachtungen über diese Krise und frohe Hoffnungen auf ein Versagen des.jüdischen Willens. Auch innerhalb des Judentums selbst gibt es, so merkwürdig und unverständlich dies ist, .feindselige Strömungen und Stimmungen, die sich heute nur darum nicht mehr so offen ausdrücken, weil ihnen die stärkste Tatsache entgegentritt, die der jüdische Opfermut gesetzt hat: der jüdische Mensch in Palästina, .der voll eines brunnentiefen Glaubens an der entsagungsreichen Arbeit ist. Es gibt heute schon ein, trotz aller Not, selbstsicheres und selbstbewußtes jüdisches Element in Palästina, das seine Sache nur auf sich gestellt hat. Seine Existenz, sein Idealismus und sein unbeirrbarer Willen sind ein stärkerer Beweis als alle papierenen Memoranden und die sicherste Antwort auf, allen Hatz. Das Unglück des Landes ist ein Unglück des ganzen Judentums. Es ist von Elementargewalten herbeigeführt worden, die der Mensch nicht voraussehen und verhindern kann. Ein deutscher Dichter, Hermann Löns, hat eine Urweltsphantasie geschrieben: „Hub, der Hühne". Er ist ein Gigant, der im Erdinneren schläft. Alle hundert Jahre einmal dreht er sich im Schlaf herum, und das nennen dann die Menschen auf der Kruste ein Erdbeben: Das erinnert uns daran, daß der Mensch doch nur durch seinen Geist und durch seine Arbeit die Erde meistert und daß er kosmischen Ereignissen nichts entgegenstellen kann als den Mut der Geduld, den Willen und das Streben. Die Juden Palästina- Haben voll Mut und heiligen Strebens Besitz ergriffen von der Scholle. Das Unglück wird sie und die gesamte jüdische Welt nicht lähmen und das Streben verdoppeln. Das Land und das Volk sind eins und nichts kann sie mehr * auSeinanderreißen, nicht einmal „Hub, der Hühne". Ferlcho, Sichem und Amman zerstört. bin neuer Erdstoß. Jerusalem, 13. Juli. Im Libanon und im Gebiet von Damaskus wurde gestern früh e i n n e u e s Erdbeben verspürt, das einige Sekunden.andauerte, aber keinen Schaden anrichtete. . Mehr als 20 Stsivte heimgesncht. Jerusalem, 13. Juli. Wie das Reutersche Bureau meldet, wurden durch das Erdbeben mehr als 20 Städte heim gesucht. Nach behördlichen Feststellungen hat das Erdbeben in Palästina über 150 und im Lande jenseits des Jordans etwa 100 Toto gefordert. Verletzt sind über 500 Mensche». Europäer befinden sich nach den bisherigen Meldungen nicht unter ihnen. Panikszenen. Jerusalem, 13. Juli. In den vom Erdbeben betroffenen Gebieten herrscht P a n i k st i m m u n g. Da die Kirchen, Synagogen und Moscheen zum Teil von Einsturzgefahr bedroht sind, hält die Bevölkerung der drei Konfessionen Bittgottesdienste im Freien ab. Die Verwüstungen, -d.ie das Erdbeben an zahlreichen Privathäusern verursacht hat, sind n a m e n t l i ch i n I erusalem autzerordentlich groß und -für mehrere historisch wichtige Gebäude besteht noch immer Einst ll r z g e f a h r. A e g y p t e n ist b,ei dem Erdbeben nach den bisherigen Meldungen weit gimpflicher davongekommen. Rabl«» und Amman. I e r u s a l e m, 13, Juli., (Wolfs.) Die vom Erdbeben heimgesuchte Stadt Sichem (Nablus) bietet ein furchtbares Bild der Zerstörung.. Viele Häuser,sind zus a m m e n g e st ü r z t. Kein einziges Haus ist verschont geblieben. Die Geschäftsstraßen sind verödet. Die Bevölkerung hat außerhalb der Stadt in Zelten eine notdürftige, Unterkunft gefunden. Unter Leitung der englischen Polizei ist man inmitten der Einsturzgefahr an der Arbeit, um „aus den Trümmer» noch Verschüttete zu retten. Die Haltung der Toten zeigt, daß sie bei ihrer geivohnten Beschäftigung vom Tode überrascht worden sind. Ein Augenzeuge des Erdbebens in Amman erzählt, dah dort Häuser vom Dach b i s z u m E r d g e s ch o ß auf gerissen wurden. Vierstöckige Häuser brachen zusammen und begruben ihre Einwohner unter sich. - Nach anderen Meldungen sollen in N a m l^e h (nordwestlich von Jerusalem) 12 Personen getötet und 25 verletzt worden sein. In Ludd, zwei Meilen nordwestlich von Ramleh, betragen die Verluste 30 Tote und 70 Verletzte. In Ierusalem selbst sind nur zwei Tote zu beklagen, dagegen zahlreiche Verwundete. Die . berühmte Omar- Moschee, eine der Hauptstätten des Islams in der Welt, hat beträchtlichen Schaden erlitten. Diese Moschee steht bekanntlich auf dem ursprünglichen Platz des Salomonischen Tempels., Berlin, 13., Juli. (Wolfs.) Nach.hier vorliegenden zuverlässigen Nachrichten über das Erdbeben in Palästina entfällt nahezu der gesamte Verlust, an Menschenleben auf rein arabische Orte und Dörfer. Die genaue Zahl der Todesopfer steht noch nicht sest, doch ist es als sicher zu bezeichnen, daß die Angabe von 1000 Opfern an Menschenleben übertrieben ist. Die zionistische Siedlung in Emek und das übrige jüdische Kolonistenwerk sind von dein Erdbeben nicht getroffen worden. Bor der Auflösung des Sejm? Ein bedeutsames Schreiben. Warschau, 13. Juli. (Polin' T. A.) Als heute nachmittags im Senat die Beratung über Artikel 26 der Verfassung betreffend die Möglichkeit einer Auflösung des Senates beginnen sollte, . ergriff der Minister des Innern das Wort nnd verlas ein Schreiben des Präsidenten der Republik, womit auf Grund des Artikels 37 der Verfassung die außerordentliche Session des Senates geschlossen wird. Diese Entscheidung hat in Sejmkreisen tiefen Eindruck hervorgernfon, da man der Ansicht ist, Laß sie eine Ankündigung für die Auflösung des Sejm bedeute. Sie Arbeitszeit in Deutschland Berl in, 13. Juli. (Wolfs.) Heute vormittags haben lim RoiWarbeitsministerium die angekündigten Besprechungen mit den Vertretern d^r deutschen eisenschaffenden Industrie über die Frage der achtstündigen Arbeitszeit begonnen, deren Wiedereinführung in der Großindustitzie oiüi GMachten des Me,ick-Wirtsihaftsrates angelegt hat. #