Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3005 (10.7.1927)
- Date
- 1927-07-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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"iPreiB j Redaktion, Administration: Wien, II., Taborstr. 1 Telephon 44-0-88, 43-3-19 Telephon ab 6 Uhr abends 38-5-80 Serie, ab V-9 Uhr abends 38-5-83. Druckerei: VII., Lerchenfelderstraße 1 Preise: Wien nnd Oesterreich durch Post oder Verschleißstellen monatl. 5 Schilling. Bezugsbedingungen für das Ausland im Innern des Blattes. orgmjeituim sMiurlm .. MÖBELHAUS 7.WÜHL •V. SCHIEIFMÜHLGASIE Nt 3 TELEFON 559» bequeme TEILZAHLUNG! Jlr. 3003 Wie«, Sonntag, 10. 8«li 1037 (10. LHamns 5687). 0. gahrgang Fords Widerruf. Sie Angst vor de« Gerichtrsaal. — SieMlstrung von den Anwälten Schaviroo erzwungen. Aus einer Reuter-Meldung erfährt man die unmittelbare Ursache für die sensationelle Erklärung Henry Fords. Tein Widerruf, ist das Ergebnis von Verhandlungen zwischen seinen juristischen Vertretern und jenen des Rechtsanwaltes Schapiro gewesen. Schapiro hatte Ford wegen verleumderischer Beleidigung auf eine Entschädigung von einer Million Dollar geklagt. Es wird jetzt, wie das Neutersche Bureau berichtet, erwartet, daß es in dieser Sache, die in den Bereinigten Staaten großes Aufsehen erregt hatte, z u keinem Prozeß kommen wird. Henry Ford hat demnach nicht aus freien Stücken, nicht, wie er sagt, als Mann von Ehre seine unerhörten Pauschalbeschuldigungen zurückgezogen, sondern er hat de- und wehmütig depreziert. Er hat jahrelang bedenkenlos die schmutzigsten Lügen verbreitet und er ist nicht imstande, auch nur das geringste zu beweisen. Sie Erklärung wurde nn Louis Marshall gegeben. New D o r k, 9. Juli. Louis M a r s h a l l, der Vorsitzende^ des amerikanisch-jüdischen Komitees veröffentlicht eine Mitteilung über die Umstände, unter denen?ords überraschender Widerruf der antisemitischen Beschul- Sie Wahlen in Rumänien. i statinnu Nt mehr als die Miiettel-ameit Bukarest, 9. Juli. (Orient-Radio.) Die künftige Kammer wird voraussichtlich folgendermaßen zusammengesetzt sein: 328 Anhänger der Regierung, 46 Mitglieder der nationalen Bauernpartei und 13 Vertreter der Minoritäten. Italien annektiert eine türkische Insel. London, 9. Juli. (Reuter.) Die Blätter melden aus Konstantinopel, daß der i t a l i e n i s ch e Botschafter der Angora-Regierung eine Note überreicht habe, worin für Italien die. Souveränität über die Insel C a st e l l o r i z o in Anspruch genommen wird. (Castellorizo (türk. Meis) an der Südküste von Kleina-sien, gehört, zum Sandschak Rhodus und hat 8000 ausschließlich griechische Einwohner, die von der Schwammfischerei leben. Der Anspruch Italiens gründet sich auf die Bestimmungen des Lausanner Friedens über den Dodernes.) * Set stoße öpionasevtoreß in Rußland. Moskau, 8. Juli. (Wolfs.). Vor dem Kriogskollegium deS Obersten Gerichtsrates begann heute der Prozeß gegen den der Spionage und der Herstellung gefälschter Dokumente der Sowjetregierung und der Kommunistischen Internationale beschuldigten Dr u z h i- ' o w s k i. Der Angeklagte gab die ihm.zu Last gelegte Straftat zu. Volvo in Ham. Rom, 9. Juli. Unterstaatssekretär Balbo ist gegen 7 Uhr abends auf dem Flugfeld von Rom gelandet. i digungen erfolgt ist. Marsball sagt, vor einigen Tagen seien zwei Beauftragte Fords bei ihm erschienen und hätten Fords Bedauern über die antisemitischen Ausfälle des „Dearborn Independent" ausgesprochen. Ford habe, so betonten die Beauftragten, von den Artikeln Vorhernichts gewutztund seidasOpferder Herausgeber des Blattes geloorden. Er hätte sich nunmehr davon überzeugt, daß alle Anwürfe gegen die Juden grundlos waren. Zu dieser Fordschen Erklärung ist darauf hinzuweisen, daß die fraglichen Artikel durch neun Jahre inr „Dearborn Independent" erschienen sind, ohne daß Ford jemals sich gegen die ihm allgemein zugeschriebene Autorschaft gewehrt hat. Seine jetzt vorgenommene Verleugnung entspricht der Haltung im Falle deS Buches „Der internationale Jude", das jahrelang als sein Werk mit seinem Namen verkauft und sogar verschenkt wurde. Marshall antwortete, er. fordere eine schriftliche Erklärung, die von Ford unterzeichnet sein müsse. Diese Erklärung habe er erhalten und er habe sie dann Arthur Brisbane.zur Veröffentlichung übergeben, die dann im „Newyork American" erfolgt ist. Bulgariens auswärtige Politik. Sofia, 9. Juli. (Bulg. Tel.-Ag.) Außenminister Burow erklärte in seinem Expose, daß die Außenpolitik unverändert bleibe ünd der einmütigen. Billigung aller Parteien begegne. Bezüglich der Frage des Ausganges zum AegäischenMeere bestehen gegenwärtig zwischen den Auffassungen der beiden interessierten Regierungen (Bulgarien und Griechenland) tiefgehende Meinungsverschiedenheiten,^ daß er es vorziehe, dieses Problem nicht aufzuwerfen. Ebenso finde er es unzeitgemäß, die Minoritätenfrage und die. Frage der obligatorischen Heeres - Rekrutierung zu berühren. Zum Schluß erklärte der Minister, daß Bulgarien Verhandlungen zum Abschluß eines Handelsvertrages mit der.Türkei begonnen habe. Demnächst würden Verhandlungen mit Jugoslawien aufge- . nommen werden. Hierauf würden ähnliche Verhandlungen mit den übrigen Mächten folgen. Steigern«» der tschechoslowakischen Handel»' bilanz. Prag, 9. Juli. Nach dem Ausweis des statistischen Staatsamtes über den' Außenhandel betrug der Gesamtwert der Spezialeinfuhr in der Periode Jänner-Juni 1927 .7542 Millionen, der Wert der Spezialausfuhr 8977 Millionen. In der Periode Jänner bis Juni 1926 betrug der Wert der Einfuhr 7510 Millionen, der Wert der Ausfuhr 7907 Millionen. Daraus ergibt sich für die tschechoslowakische Handelsbilanz im Monat Juni 1927'ein Passivum von 18 Millionen gegenüber einem Passivum von 169 Millionen im Juni 1926. In der Periode Jänner—Juni weist die tschechoslowakische Handelsbilanz ein Aktivum im Betrag von 1435 Millionen gegenüber einem Mivum von 396 Millionen in der Periode Jänner—Juni 1926 auf. Bit Wascherei der Hausfrauen VI. Ilollardgasse 72, Tel. 72-57 u. 72-58 Spezialität: Sohrankfertige Wollwäsohe / Kostenlose Abholung und Zustellung Im redaktionellen Teil enthaltene entgeltliche Mitteilungen sind durch ein vorangesetztes E gekennzeichnet. Feig und dumm. -y, Wien, 10. Juli. Man muß heute den Fall Ford schärfer ansehen. W liegen aus Newyork Mitteilungen vor, die dieser Ge" schichte ein ganz anderes Ansehen geben, als sie noch vorgestern hatte. Fords Erklärung ist der vollständige Zusammenbruch eines innerlich verlogenen Menschen. Er wagt es nicht, in den Gerichtssaal zu gehen, um das, was er gegen Aron Schapiro ausg checkt hat, persönlich zu vertreten. Er hat sich den Rechtsanwalt Schapiro aber nicht als Person und als Einzelerscheinung vorgenommen. Die Beschuldigung gegen diesen war ein Jllustrationsfaktnm in der von Ford seit etwa. zehn Jahren geführten Kampagne gegen das gesamte Judentum. An dem Rechtsanwalt Schapiro wollte er zeigen, daß die behaupteten Unredlichkeiten aus seinem Judentum fließen, daß ev ein Betrüger sei und nichts anderes fein könne, weil er ein Jude ist. Ford hat eine Unmenge jüdischer Persönlichkeiten angegriffen, um sie als Beweismittel für seine aus deutschen Quellen hergeholte These von der besonderen sittlichen Verkommenheit des gesamten Judentums aufzuführen. Die jüdische Moral, sagte Ford, steht im diametralen Gegensatz zu dem, was der arische Christ als ethisches Ideal betrachtet,' und deshalb muß der Träger dieser jüdischen Moral, das ist das Judentum, im ganzen und im einzelnen, rücksichtslos ausgemerzt werden. Diese Fordschen Grundsätze sind nicht Theorie geblieben. Sie sind indie amerikanische Gesetzgebung eingedrungen, Und ' die drakonische Anwendung der ErnwanderungsbestimmuU-» gen auf jüdische Immigranten ist einer, der Erfolge des Detwiter Dollarmilliardärs. Die amerikanische Gesellschaft ist heute.von den Fordschen Anschauungen durchseucht, der Kükluxklan beruft sich auf Ford, der für die innere Entwicklung Amerikas eine Art arischer Monroe-Doktrin aufgestellt hat. Er hat das Hakenkreuzprogramm amerikanisiert, uiü> deshalb ist sein Zusammenbruch eine sehr weitreichende Affäre. Es ist kein Widerruf, sondern ein Zusammenbruch, der auf das lebhafteste an den Kanonikus Rohling erinnert, der sich gleichfalls dem Gericht nicht stellte, um seinen „Talmudjuden" zu vertreten, und an den Wiener Pfarrer Deckert, der seinen Kronzeugen, den Paulus Meyor- Bnmanus, hilflos stammeln sah. In diesen beiden Fällen hatte Dr. Josef Bloch aber doch wenigstens die öffentliche Verhandlung erzwungen. Ford hat in der unwürdigsten und unmännlichsten Art eine Erklärung abgegeben, die noch durch ihre Unwahrhaftigkeit hervorsticht und diesen Apostel des Hasses zu einem lächerlichen Fant abstempelt. Er nimmt es nicht auf sich, zu widerrufen, sondern er belastet seine Angestellten. Die frechen Artikel seien ohne sein Wissen und ohne seinen Willen erschienen. Der tapfere Mann vrrkrixcht sich hinter Personen, die seine Anonymität für Geld decken mußten. Henry Ford ist dev Götze der Kreise, die vor dem Dollar auf dem Bauche rutschen. Die „Neue Freie Presst drückt ihn in schluchzender Rührung ans Herz und verzeiht ihm. Sie. gehört ja zu diesen Kreisen, die miteinander daran schuld sind, daß dieser Henry Ford so lange und so viel Unglück aussäen konnte. Er ist der Mann des Erfolges, der glückliche Patriarch mit dem geschwollenen Geldsack, der reichste Automobilfabrikcrnt im reichsten Land der Welt, der Erfinder immer Neuer ReklametrickS, der auch die Politik sich dienstbar gemacht hat. Er hat nicht nur Antisemitismus gepredigt und dm Pogrom souteniert, er hat aus dem Blut und Gistdunst des Weltkrieges dicke Profite gezogen. Er hat die politische Atmosphäre Amerikas verpestet und eine Stimmung geschaffen, die alle Freiheitstraditionen zum altm Eisen wirst. Er hat auch nach Europa hrnübergegviffen und die Mordpropaganda finanziert. Die Weism von Zion hat er in die Volks- Phantasie eingeführt. Aus dem Geld, das er seinen Arbeitern und' Angestellten herauspreßte, hat er die blutrünstigste Hetze bezahlt, und wenn die Ritualmördcr von Europa zu ihren schwarzen Messen gegangen sind, dann war ihr erster Gruß dem Meister i» Detroit gewidmet. Auch die wandernden Judm, die in den Häfen der .Antillm verfaulen oder an dev Mexikanischen Grenze, haben seines Geistes Hauch verspürt. Er wird wohl in das Dunkel eines behaglichen Alters zurücktreten. Aber der moralische Schaden ist nicht zu heilen. In Tausenden von jungen Köpfen sitzt die LHtz