Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3004 (9.7.1927)
- Date
- 1927-07-09
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Sr. 3004 Gien, GamZtag Mkener Mvrge«zOitmtg V. Juli 1827 Sette 8 Whne und Kunst. »Rlnon d«l Rächt.' Lustspieltheater. Auch dem Autor dürfte bekannt sein, daß dieses, nach französischen und anderen Vorlagen gearbeitete „Spiel in vier Bildern" schon dagewesen ist. Aber Raoul Ernst Weiß hat zweifellos Theaterblut, Sinn für die wirksame Szene und ist bereits — das zeigt besonders die Exposition — ein vortrefflicher Techniker. Im Mittelpunkt der Begebenheiten steht ein Backfisch, Typus Wildfang reinen und tapferen Gemütes, bet, sowie der natürlich eingefügte Akt mit Doppelbett anhebt, einen Wirbel a la „Hotel zum Freihafen" verursacht. Es ist wohl die unruhigste Hotelnacht, die. im letzten Jahrzehnt auf dxn Brettern vor sich ging, ohne daß der Mädchenchre Ninos auch nur ein Haar gekrümmt wird. Die junge, talentierte Else Panto „koeppkelt" auffallend und wird gut daran tun, künftig nur aus dem Fundus ihrer persönlichen Anmut und schauspielerischen Begabung zu schöpfen. Um die von Jarno inszenierte Premiere, sie ist frisch und hat Tempo, machen sich noch die Herren Riedl und Massarek sowie Frau Schilling besonders verdient. — Es war M starker Publikumsersolg. A Aus den Theatern. Opern t heo. te r. Morgen Sonntag, Hb Uhr, „D i e ve rkaufte Braut". Burat heute r. Morgen Sonntag, Hb Uhr, ,Foirrte fse M lzzu-nd „Das Veilchen. Deutsches B olksthealer. Als nächste Novität geht am 16. Juli die Detektivkomödie „Der Hexer" von Edgar Wallace in Szene. Tiroler KrmstauSstellung. Heute findet um 11 Uhr vormittags die feierliche Eröffnung der großen Tiroler Kunstausstellung durch den Bundespräindenten statt. Die Ausstellung ist dann täglich von 9 bis 6 Uhr für 'den allgemeinen Besuch geöffnet. Dre Millronenspende eine» amerikanischen Mäzens- Me der ,Fienchork Herald" berichtet, .hat CWrleS Phelps Taft vor ernigen Tagen der Cincinnati-Mufeum-Äisociation nicht nur seinen Palast zum Geschenk überwiesen sondern auch alle darin befindlichen Kunstgegenstände, vor allem seine Gemäldesammlung und seine Sammlung kostbarer Fadencen, deren Wert aus mehr als 2 Millionen Dollar geschätzt wird. Zugleich hat er eine weitere Million dem Sinfonieorchester von Cincinnati mit der Bestimmung überwiesen, daß die Zinsen dieses Betrages vor allem zur Aufführung billiger Bolkskonzerte verwandt werden sollen. Das Jubiläum der Mundharmonika. Es sind jetzt 100 Jahre, seitdem die Mundharmonika erfunden wurde. In den Festschrift, welche in Trossingen, dem berühmten Hauptort der Mundharmo nikaindustrie,herausgegeben wurde, ist Friedrich Buschmann als der Erfinder dieses Musikinstrumentes bezeichnet, das er „Mundärlin" nannte. - Die erste Mundharmonika war ein Wiener Erzeugnis' und.gelangte durch Zufall in die Hände Meßners, des Begninders der Trofstnger Mundharmonikaindustrie. Meßner reparierte zunächst das verdorbene Instrument und wurde durch diese Bastelet der Erzeuger einer stets verbesserten Mundharmonika. ES entwickelte sich eine große Fabrik. Bis zum Jahre 1840 betrieben Meßner und sein Bruder die Anfertigung ihrer Mundharmonika als Geheirnkunst. Gerichtssaal. Sine barbarische Anklage. Frau Maria H. wohnt in einem kleinen Ort in der Umgebung Wiens. Die Frau erkrankte eines Tages so schwer, daß der Arzt ein Rettungsauto kommen ließ und sie zur Vornahme einer lebensgefährlichen Operation nach Wien ins Spital brachte. Die Operation gelang und Frau H. kehrte geheilt in ihr Heim zurück. Da erhielt sie einige Zeit später eine — Vorladung als Angeklagte wegen — verboten er Rückkehr! Denn: Frau H. wurde seinerzeit aus Wien abgeschafst und zog in den kleinen Marktflecken. Als sie nun, zwischen Leben und Tod schwebend, im Wiedner Spital auf dem Operationstisch lag, machte das Spital pflichtgemäß die polizeiliche Meldung, so wie man eben jeden Menschen in Wien melden muß, der hier übernachtet. Folglich war sie für den Paragraphen des Verbrechens schuldig, ohne Erlaubnis nach Wien zurückgekehrt zu sein, und es kam zu einer Verhandlung vor dem Bezirksgericht Margareten wegen verbotener Rückkehr! Es tut nichts zur Sache, daß der'staatsanwaltschastliche Funktionär — natürlich — von der Anklage zurücktreten mußte und der Richter Frau H. freigesprochen hat. Aber, die Möglichkeit, daß solche Dinge im 20. Jahrhundert in Oesterreich geschehen können« ist so unfaßbar, daß einem die Sprache versagen muß... Unmoral!.'#, aber frrigesvrochen. Ignaz G. wandelte durch fünf Jahre illegitim mit der Schneiderin Irma Sch. durch das Leben. Eines Tages flüsterte Irma ihrem Schatz ins Ohr, daß sie etwas Kleines unter dem Herzen trage. Ignaz sagte: „Nein, das kann nicht sein, erst geh mit mir zum Arzt, dann glaub ich die Geschichte." Irma weigerte sich schamhaft, von einem Arzt untersucht zu werden, drängte aber ihren Bräutigam, endlich die Ehe legitim zu machen. Ignaz tvar darob böse, zog sich zurück und nahm eine andere zum.Weibe. Irma klagte nun wegen Verführung unter Zusage der Ehe. Der Angeklagte gab zu, daß er durch fünf Jahre, von kurzen Unterbrechungen abgesehen, der treue Gefährte Irmas in jeder Lebenslage gewesen sei. Er gab auch zu, dätz er ihr ein Eheverfprechen unter der Bedingung gegeben habe, daß er sie heiraten werde, wenn seine hochbetagten Eltern gestorben seien. Die Eltern starben, aber aus Pietät hat er auch dann nicht Irma heiraten können, denn ferne Mtern seien gegen die Heirat gewesen, und er als st r e n g g l ä u b i - g e t Jude müsse den Willen der Verstorbenen auch nach dem Tode respektieren. Der Richter sprach den Angeklagten frei. In der Urteilsbegründung wurde hervorgehoben, daß das Versprechen unmoralisch gewesen sek, denn es habe auf den Tod der Eltern spekuliert. Der staatsanwaltschaftliche Funktionär meldete Berufung an. 1877 Schilling |8« einen Rusen. Bor einiger Zeit brachten die Wiener Blätter die Nachricht, daß bei einer Dilettantenvorstellung im Etablissement Stalehner die 18jährige Toni P. durch den Pfropfen eines blinden Schusses, der auf derBühne abgefeuert wurde, an der- Brust verletzt wurde. Das Mädchen wurde in bewußtlosem Zustande auf die Klinik gebracht, wurde dort operiert und hat nun lebenslänglich einen lädierten Busen. Worauf Fräulein Toni erstens die Alpine Gesellschaft „Hubertus" klagte, sie so schlechte Schützen hat, und zweitens den unvorsichtigen Darstäler Thomas I. Sie verlangte 2000 Schilling Schadenersatz wegen verminderter Heiratsfähigkeit. Die Bereinsfu/nktionäre glichen sich mtt der Klägerin aus, aber der Schütze sagte: „Nein, für einen Busen ist kein Schadenersatz zu zahlen!" Sogar Professor Haberda mußte als Sachverständiger für weibliche Schönheit erscheinen, und er erklärte auch, daß die Klägerin verunstaltet sei und sicherlich weniger Bräutigame finden werde. Das Gericht gab Professor Haberda, der das doch wissen muß, recht und sprach der Klägerin einen Schadenersatz von 1877 Schilling und 60 Groschen zu. (Auf welches Konto die 60 Groschen zu buchen sindbleibt unaufgeklärt.) Außerdem verurteilte dxv Richter auch den unglückseligen Schützen zum Ersatz der Heilüngskosten. Der kühne Weidmann aber rekurierte, das OberlandeSgericht erklärte, daß die Verunstaltung nicht gar so arg sei, und wie der Augenschein bcheuge, der Klägerin noch immerhin die Möglichkeit lasse, einen seien für den nicht mehr ganz idealen Busen zu bezahlen. Da trat Fräulein Toni vor die Schranken des Obersten Gerichtshofes. Und siehe da, dieses Forum konstatierte, daß der Busen tatsächlich stark unschön geworden fei, und das Ende vom Liede ist, daß d«r Jünger St. Hubertus' also 1877 Schilling 60Groschen zahlen muß. (122 Schilling 40 Groschen, die auf die verlangten 2000 Schilling fehlen, wurden anscheinend dM Angeklagten für sein verschossenes Pulver vergütet.) Das HochgeWl de« Herrschen» Uber die belebte nngeMmte Rotnr. Beim Verivaltungsgerichtshofe brachte der Herr auf Schloß Blühnbach, Dr. Gustav Krupp von Bohlen und Halbach, die Beschwerde gegen die Fürsorgeabgabe ein, die ihm von der Salzburger Landesregierung für die Arbetter anläßlich der Herstellung der elektrischen Lichtanlage in seinen Jagdhäusern vvrgeschrieben worden war. Der Verlvaltungsgerichtshof hat der Beschwerde Folge gegeben und die Vorschreibung der Fürsorgeabgabe aufgehoben, weil die eBsitzer ausgedehnter Gamsreviere das Weidwerk um seiner selbst willen betreiben und in der Jagd das Hochgefühl des Herrschens über dibelebte, ungezähmte Natur, allenfalls einen vornehmen Sport suchen, und die sich als Entschädigung für die investierten Summen mit dev Trophäe oder mit dem Bewußtsein begnügen, ihren Gästen das Vergnügen der Teilnahme an weidgerechtem Jagdbetrieb verschafft zu haben. — Aber es wäre doch kein schreiendes Unrecht, wenn man das Hochgefühl des Herrschens und das Vergnügen am weidgerechten Jagdbetrieb auch! noch mit der Fürsorgeabgabe für die im Jagdbereich beschäftigten Arbeiter bezahlt. Vereine, Bortrikge und Rersammlnngen. Zionistische Jugendgrnvpe Leopoldstadt. Heute Sichah aller Kwuzoth. H9 Uhr Hebräischkurs für Fortgeschrittene. Morgen Badeausflug. Treffpunkt: 8 Uhr, Praterstern. Montag, 7 Uhr, Heibräischkurs für Anfänger. 6 Uhr Sichah der Kwuzah „Ales". Dienstag, 7 Uhr, Hebräischkurs, HO Uhr für Fortgeschrittene, 7 Uhr Sichah der Kwuzah ,Menth". Soziale Htlfsgememschast Anitta Müller, 2. Bezirk, Untere AugartensNatze 35. Die hebräischen Ferialkurse haben begonnen und finden an folgenden Tagen statt: Kurs für Fortgeschrittene A: Montag und Donnerstag von 8 bis 9 Uhr abends; Fortgeschrittene B: Montag und Donnerstag von 7 bis 8 Uhr abends. Besprechung für einen Anfängerkuvs: Montag, den 11. Juli, um 7 Uhr abends. Monatliches Honorar entsprechend der Teiilnehmevzahl 1—L S. Anmeldungen Montag und Donnerstag von 7 bis 9 Uhr abends. Die Bibliothek der israelitischen Kultusgemeinde, Wien, 2. Bezirk, Ferdinandstvatze 23, bleibt vom 10. Juli bis 16. August ü.v I. für den Parteienvevkehr g e s ch l o s s e n. Ehegatten zu finden. Nur 877 Schilling und 60 Groschen1 VOLKSWIRTSCHAFT Große Goldbezüge der Rationalbank. Die österreichische Nationalbank ist im Zuge, ihren Bestand an Barren- und gemünztem Gold, welcher im Zusammenhang mit dem Besitz an Auslcrnbsgoldwechseln, die die derzeit etwa 50 Proz. betragende EelmebaWeckung der Nobenzirkulativn darstellen, wesentlich zu erhöhen. Sie hat in der letzten Zeit im!A>usland größere Ankäufe von effektivem Gold getätigt, welche demnächst hieher transportiert werden, um in den Kellern der Bank deponiert zu werden. Das Gesamtgewicht dieses Goldzw- Wachses dtttfte annähernd 10.000 Kilogramm betragen. Kn amerikanisch-russischer Kalivertrag. Die schon des öfteren erwähnten Pläne Sowjetrußlands, die an sich sicher sehr bedeutenden Kalilager bei Solikamsk mit Hilfe ausländischen Kapitals zu erschließen, tauchen jetzt wieder einmal, neuerdings aber in wesentlich bestimmterer Form, ausi Diesmal soll nach Newyorker Meldungen das Bankhaus Dillon Read u. Cv. sich bereit erklärt Haben, die für den Ausbau der russischen Kalilager erforderlichen Geldmittel beveitzustellen. Und zwar verlautet, daß zu diesem Zwecke eine Obligationsanleihe vo n 5 Millionen Dollar von einer unter Führung von Dillon Read stehenden Gruppe in Amerika untergebracht werden soll, und Weiterhin der russischen Regierung eine Anleihe von 21 bis 25 Millionen Dollar für die AuSbeutekonzession in Aussicht gestellt sei. Ob es sich hiebei nur um eine lose Fühlungnahme der russischen Regierung handelt oder ob bereits tatsächlich ernsthafte Verhandlungen im Gange sind, läßt sich von Hier aus nur sehr schwer nachprüfen.! Abgesehen von der rein wirtschaftlichen Seite dieses Problems, dessen Lösung sehr erhebliche technische und TranSportschwierigkeit e n entgegenstehen, gewinnt die vorstehende Meldung wegen ihres stark politischen Einschlages Bedeutung. Angesichts d«S völligen Stockens des englisch-russischen Handelsgeschäftes, das die politischen Differenzen verursacht haben, hat die Regierung Sowjetsrußlands ein starkes Interesse daran, anderweitige wirtschaftliche Beziehungen zum Ausland herzustellen, bezw. zu fördern. Ganz besonders ist ihr aber daran gelegen, Verbindungen mit dem kapitalkräftigen Amerika anzubahnen. Rnßlmid» BefteMten ln gcanlteim. Aus Moskau wird gemeldet: Wie verlautet, ist von der russischen Industrie eine Reihe von Bestellungen auf elektrotechnische Einrichtungen, Metalle, W e r k z e u ge u>m. nach Frankreich vergeben worden. Die Bestellungen, die einen Wert von ungefähr drei Millionen Rubel darstellen, waren ursprünglich für England geplant. Den Sowijetorganisationen sind von den französischen Firmen die nöttgen Kredite gewährt worden. Ile rnssisch-amerttanlschen Petrolenmverhand- Inngeu. Vorläufig ein Kommissionsvertrag. Aus Moskau wird gemeldet: Es bestätigt sich nunmehr, daß das russische Naphtha-Syndikat mit der Standard Oil in New Jork einen fünfjährige« Vertrag unterzeichnet hat, wonach die letztere Schiffsbrennöl ön den türkischen Häfen, in Port Said, in Colombo und in Ceylon liefert, aber nur 100.000 Tonnen jährlich. Dabei übernimmt die Standard Oil das russische Oel nur in Kommission. Immerhin handelt es sich um die erste Anknüpfung eines Geschäftes, von dem Hier gute Wirkungen aus die noch ßchwelbenden wichtigerem lVerhanidkungsem erwartet werden. Direkte Tarife Wischen Oesterreich und Jugoslawien. AuS Belgrad wird berichtet: Das jugoslawische Vera Leyrsministerium wird im Laufe des Sommers mit der Direktion der österreichischen Bundesbahnen in Verhandlungen wegen der Einführung des direkten Tarifes zwischen Jugoslannen und Oesterreich treten. Am 16. Oktober tritt der neue jugoslawische Personentarif, welcher eine unwesentliche Bewilligung der Fahrpreise vorsteht, in Krafit Aktken-Notierungs- und Livserungsändenmg. Ab Montag den 11. Juli, sind Stamm- und Prroritäts-Mtieil der Steierl märkischen Wasserkraft- und Elektrizitäts-Gesellschaft gleich mäßig lieferbar und erfolgt für beide Kategorien nur mehr ein« einheitliche Notierung. Eine Amerkva-Anieihe der deutschen Renteudanken. Aus Berlin wird gemeldet: Dem Vernehinen nach stehen die Behandlungen über die 30-Millionen-Dollaranleihe der Deutschen Rentenbank-Kreditanstalt unmittelbar vor dem Abschluß. Der Zinsfuß dürste 6 Prozent betragen. Die allgemeinen Bedingungen sollen etwas günstiger sein, als her der letzten im September 1921 abgeschlossenen Anleihe. Dre neue Stickstossabrik in Marienberg bei Mährisch, Ostrau wird, wie aus Prag berichtet wird, anfangs 19M die Produktion aufnehmen. Das Aktienkapital beträgt, laut „Tribuna", 40 Millionen Kronen, Hanptakttonüre sind die Berg- und Hüttenwerksgesellfchast, die Witkomitzer, der Aussiger Chemische Verein, die Tschechoslowakische Explosivstosiabriks A. G., die Kohlengruben Orlau» Lazv-Donlvrau, die Larisch-Mönnichschen Kohlemverke, die