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Wiener Morgenzeitung · 1927-07-07 · Heft 3002 (7.7.1927) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 3002 (7.7.1927)
Date
1927-07-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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BESUCHET dm Wiener Rathauskeller! Die Gemütlichkeit der guten alten Zeit. Wer kommt, wird wieder Stammgasti Volkstümliche Preise! Mittags - Menüs ä S 1’60 Direktion: OTTO KASERER Preis aog | Redaktion, Administration: Wien, lI.,Tftborstr.l Telephon 44-0-98, 43-3-19 Telephon ab 6 Uhr abends 38-5-80 Serie, ab Vs9 Uhr abends 38-5-83. Druckerei: VII., Lerchenfelderstraße 1 (»Intra") Preise: Wien und Oesterreich durch Post oder Verschleißstellen monatl. & Schilling. Äezagsbedingungen für das Ausland im Innern des Blattes. orgm^eituna Nr. 3002 Wie«, Lounetttag. 7. 8«» 1027 (7. LHamur 8087). England denkt nicht an die Räumung des Rheinländer. Khamberlain erklärt: „Es wird keinem nützlichen Zwecke damit gedient? Brach mit Rußland der Preis für die Räumung? London, 6. Juli. (Wolff.) Im Unterhaus fragte Abgeordneter Harries, ob Chamberlain in der Lage sei, ein Datum für die Beendigung der Besetzung deutschen Gebietes durch die interalliierten Truppen anzugeben, und ob diese Angelegenheit in Genf erörtert worden sei oder - erörtert werde. Außenminister Chamberlain erwiderte: „Die Frage der Festsetzung eines Termines für die Beendigung der Besetzung, des Rheinlandes durch die interalliierten Truppen wurde in Genf nicht erörtert.. Die Bestimmungen, nach denen das Rheinland geräumt werden soll, sind in den Artikeln 423 bis 431 des Vertrages von Versailles niedergelegt. Harries fragte weiter, ob Chamberlain nicht glaube, , daß ein neunjähriger Zeitraumnach de-m W stiblstan d aus r e i ch e nd s e i, u m diese militärische Besetzung zu beenden, die Der Szean neuerlich überflogen. Der Staltener Satcos fliegt non Seim» nach Mo De üaneiro London, 6. Juli. Der italienische Flieger B a r r o s ist heute nachts im Flugzeug ohne Zwischenlandung, von Genua kommend, in Rio de Jane i r o eingetroffm. * Damit ist die bisher längste Flugstrecke über den Ozean zurückgelegt worden, Lindbergh, Byrd und Chamberlin sind geschlagen! 9000 Kilometer hat Barros zurückgelegt, während die anderen 6000 bis 6000 Kilometer durchflogen haben. Ein Fünftel des Erdumfanges — eine Leistung, die unfaßbar erscheint! Rationale Sorgen in Rußland. Der utrainitiftt Separatismus. M osLau, ö. Juli. Die Erstarkung des Nationalbewußtseius in der Ukraine in den letzten zwei Jahren beginnt der kommunistischen Partei ernsthafte Sorgen zu machen, zumal auch in den eigenen Rechen das Vorhandenssin einer nationalistischen Bewegung in der ukrainischen Partei sich nicht länger verbergen läßt. Die ukrainische Partei hält die Gefahr des wachsenden Chauvinismus innerhalb der Partei und der Arbeiterschaft, die Los- >lösungs>bestrebungen von Moskau in sich schließt, für sehr groß. Der Bericht der ukrainischen Partei an die Komintern stellt einen wachsenden Chauvinismus bei den Bürgern und Großbauern fest, dessen Ziel «S sei, die ukrainischen Interessen von den Interessen der anderen Sowjetrepubliken zu trennen und kapitalistischer Entwicklung mld deyt Anschluß an das bürgerliche Europa zuzuftreben. Angesichts dessen erklärt die ukrainische Parteileitung die Notwendigkeit eines energischen Kampfes gegen die Opposition ' des ukrainischen Nationalismus, der in der jetzigen internationalen Lage eine Gefahr darsdelle und jene Kräfte stärke, die im Lande sich gegen die Diktatur des Proletariats organisieren. ' Es unterliegt natürlich keinem Zweifel, daß die Opposition in der ukrainischen Partei völlig andere Grundlagen hat als die Opposition TrotzkiS und SinowjewS in der allrussischen Partei. Es ist nicht ausgeschlossen, daß aus der Parteikonferenz entsprechend dem allgemein verschärften Kurse, der bei dem Wbxuch der Beziehungen zu England einsehte Europa daran hindere, zu fühlen, daß sich die FriedenSatmosphäre Bahn gebrochen habe, und ob Chamberlain nicht gkmbe, daß diese Frage erörtert werden müsse. Chamberlain erwiderte: „Nein, ich glaube nicht, daß irgend einem nützlichen Zweck gedient wäre, laeittt diese Frage gegenwärtig in Genf erörtert würde. Sie wird von niemandem sonst aufgeworfen, und ich nehme an, daß andere derselben Meinung sind!" j Ta y l o r (Arbeiterpartei) fragte, ob es wahr sei, daß Chamberlain dem deutschen Vertreter vorgeschlagen habe, daß die deutschen Regierungskreditpläne für deutschruffische Handelsorganisationen aufgegeben werden sollen und daß es vielleicht möglich sein werde, deutsche Wünsche im Rheinland zu befriedigen. Chamberlain erwiderte: „Daran ist kein - Wo r t wahr." und sich Mit dem Kreml-Manisesi, Todesurteilen, Masse nver« Haftungen und Kriegsgetöse dokumentiert hat, auch e i n neuer verschärfter Kurs in der Nationalitätenpolitik propagiert werden wird. Freundlichere Stimmung zwischen Rußland «ud Polen. Poleks Bericht ia Warschau. Marsch au, 4. Juli. Die Beratungen, die nach dem Eintreffen des polnischen Gesandten in Moskau, P a t e k, begonnen haben, werden für die weitere Entwicklung der polnisch-russischen Beziehungen von größter Bedeutung sein. In Warschauer politischen Kreisen wird erwartet, baß nach der Rückkehr T s ch i t s ch e r i n s nach Moskau und Nebernahme der Leitung der Sowjetaußenpolitik die fowjetruffifche Regierung alle unnötigen aufreizenden Akte im Verhältnis zu Polen vermeiden wird, und daß die feit längerer Zeit stattfindenden Garantiepakt-Berhandlungen nunmehr in einer freundlicheren Stimmung fortgesetzt werden. Gesandter Patek wurde sofort nach seiner Rückkehr vom Außenminister Zaleski in Audienz empfangen. Im Laufe des heutigen Abends findet eine gemeinsame Konferenz im Belvederepalais unter Vorsitz des Ministerpräsidenten Marschall Pilsudski und unter Teilnahme des'Außenministers Zaleski und Gesandten Patek statt. SeutWand in der Mandatskommission. Genf, 6. Juli. Die Mandatskommission des Völkerbundes hat einen endgültigen Beschluß bezüglich der Er- ' Nennung eines reichsdeutsch en M i t g l i e d e s der Kommission gefaßt, indem sie auf die Anfrage deS Rates dje Antwort erteilte, daß sie, abgesehen von politischen Er- Wägungen, gegen die Ernennung eines solchen Mitgliedes durch den Rat nichts ein zu wenden habe. (Wir haben bereits am Montag mitgeteilt, daß als Vertreter Deutschlands der gewesene Gouverneur von Deutsch-Güdwestafrika Dr. S ch n e e im Herbst in die Mandatskommission berufen werden wird. — Red.) » 0. Ahrgaitg Im redaktionellen Teil enthaltene entgeltliche Mitteilungen find durch ein vorangesetztes E gekennzeichnet. Was die andern sagen ... -V. Wien, 7. Juli. Im nächsten Monat wird in Zürich eine bemerkenswerte jüdische Tagung stattfinden, die Konferenz zum Schutze der jüdischen Rechte. Sie ist in gewissem Sinne Vorläufer des nach Genf einberufenen Kongressesder organisierten nationalen Minderheiten Europas, greift aber Der dessen Rahmen hinaus, da sich in Zürich auch Vertreter des amerikanischen Judentums einfinden werden. Es wird somit die Lage des Judentums eingehend besprochen werden, und naturgemäß wird das Zentrum aller Beratungen die Tatsache bilden, daß die in den Friedensverträgen vorgesehenen Bestimmungen restlos auf dem Papier geblieben sind und daß das jüdische Recht irgendwo in der Luft hängt. Die Kontrollinstanz des Völkerbundes funktioniert nicht. Das Beschwerderecht wird umgangen oder kann sich in bezug auf die jüdischen Minderheiten nicht auswirken. In der letzten Session des Völkerbundrates hat Deutschland die Sache der Memel-Deutschen gegen die litauische Mehrheitsnation geführt. Die Mische Bevölkerung hat keine als Staat organisierte Mutternation, die sich für eine Minderheit einsetzen könnte. Das verhindert es auch, daß eine jüdische Minderheit von -der jMursmöglichkeit an den Völkerbund den notwendigen Gebrauch macht. Denn bei den bureaukratischen Gepflogenheiten, die vor allem die Obrigkeit und ihre Auto- , jXÜfit im Auge haben, wind jede Beschwerde an die betreffende Regierung zur Gegenäußerung geleitet, unh Welche Folgen dies für den .jüdischen Vevöllerungsteil hätle, ist unschwer -auszumalen. Sie. würde als Hoch- und Landesverräter, der'' das Ausland anruft, stigmatisiert und dem nationalistischen Pöbel preisgegeben. Die Furcht vor dieser Eventualität hat in Ungarn, in der Türkei und letzthin in Rumänien zu sehr unerfreulichen Erscheinungen geführt und diese Furcht wirft auch ihre Schatten auf die nach Zürich einberufene Konferenz. Während man es in aller Welt für selbstverständlich findet, daß sich die deutschen oder magyarischen Minderheiten miteinander und mit dem Mutterbolk verständigen, daß ihr nationales Bewußtsein unter allen Umständen zum Ausdruck kommt, hat sich das Judentum mangels der primitivsten Ansätze zu einer jüdischen gemeinsamen Politik zur Aktionsuntätigkeit verurteil! Es besitzt keine Initiative und hat das Gesetz des Handelns verloren. „Was werden die anderen dazu sagen?" ist das Leitmotiv, und so wird der Schaden täglich größer. Was die anderen sagen werden, das wissen wir schon langst, und es kommt ihnen nicht darauf an, ob und welchen Vorwand sie entdecken, um ihre Lügen yerauszuschmettern. Es ist ein beschämender Zustand, sich vom Gegner die. Haltung diktieren zu lassen. Wenn man dies aber durchaus tun will, weshalb denn nicht nach der Seite der Aktivität hin? Auch wer nicht jüdischnational empfindet, fühlt doch die. antisemitische Schlammflut und merkt, wie die Totfeindschast Überall in die Gesetzgebung und in die Verwaltung eindringt, wie sie ein Stück nadj dem andern von unserer Position abschwemmt und wie die nächste, zur politischen Führung berufene Generation sorgsam für den Mord am, jüdischen Recht präpariert wird. Die Gegenanstrengungen in den einzelnen Ländern bleiben isoliert und darum fruchtlos. Aber da heute das Antijudentum bereits interstaatlich arbeitet, weshalb ihm nicht in der gleichen Weise entgegentreten? Wenn dann in Wien oder in Budapest oder in Warschau oder in Detroit irgendein Lump ein neues Buch über die jüdische Geheime schreibt, was liegt daran? Die Hauptsache ist doch die Aktion, die Schaffung einer öffentlichen Meinung im Judentum, die Organisierung einer bewußten und schlagkräftigen jüdischeil Presse; die Hauptsache ist die Schaffung des energischen. Willens zur Mivität, die Festsetzung -der Ueberzeugung, daß wir nicht so wehrlos -sind, als,es-den Anschein hat und daß wir von der Waffe dev Oesfentlichkeit rücksichtslos Gebrauch machen wollen. Es ■ muß für uns nebensächlich bleiben, ob uns. irgendwer Mangel an Patriotismus vorwirft, und geschieht das, dann mag ihm die Verachtung antworten. In dem Gebiet der gegen Juden begangenen Rechtsverletzungen bilden die Minoritätsbestimmungen nur einen geringen Teil. Auch der Jude als einzelner hat unter der antisemitischen Beeinflussung der Gesetzgebung zu leiden und die Frage des Hochschulstudiums, der Anstellung von Juden im öffentlichen Dienst, die Vexationen der Mischen 0

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