Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3001 (6.7.1927)
- Date
- 1927-07-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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| PreU aOo | Redaktion, Administration: Wien, H.| Taborstr. 1 Telephon 44-0*88, 48-8-19 Telephon ab 6 Uhr abends 38-5-80 Serie, ab V-S Uhr abends 38-5-83. Druckerei: VII., Lerchenfetderstrafie 1 Preiset Wienand Oesterreich durch Post oder Verschleißsteilen monatL 6 Schilling. Bezugsbedingungen kür das Ausland im Innern des Blattes. Wiener MorgenseilunZ ■tditur\_ MÖBE1HAUJ 7.WUHS,!Y. S(HLEIFM0HL6AUE Ui 3 TEUfON 55 9 3S ° _BEQUEME TEILZAHLUNG! Nr. 3001 Wien, Mittwoch. 0. Juli 1027 (fl. Anmns 8087). 9. Mrgnng Sie AvWußfmge. Jas Srgan Herriots protestiert. Paris, V. Juli. Der Chefredakteur des „Quotibien", das Organ Herriots, hält dem Lob, das Tardieu in seiner Sonntagsrede der Politik des gegenwärtigen Ministeriums gespendet hat, verschiedene Fehler entgegen, unter die er in erster Linie die Untätigkeit der französischen Regierung gegenüber der Anschlutzbewegung rechnet. Es fei auffallend, daß die französischen Staatsmänner diese Frage nie öffentlich behandeln, obzwar es doch nicht an gehe, diese ernste Gefahr schweigend abzutun. In Oesterreich stehe die aktive Anschlußpolitik ganz offiziell auf dem Programm. ' Eine Verschmelzung Deutschlands und Oesterreichs sei geplant. Der Artikel verweist auf eine Anschlußrede des deutschen Botschafters jn Konstantinopel. Diese Kundgebung offiziell w Persönlichkeiten für eine Maßnahme, die eine Llohd George und Gred auf gleicher Plattform.;„Jt MffeimnM der Werxlen. Landoit, 5. Juli. (Wolfft) Heute vormittags fand im Rational-liberalen > Klub - eine große liberale Kundgebung gegen die Regierungsvorschläge für die Reform des Oberhauses statt. Es wurde'ein Massenangriff der hervorragendsten liberalen Führer gegen die Regierung unternommen. Zum erstenmal waren Lloyd George und Lord Grey auf derselben Plattform vereinigt. Lloyd George sagte: „Das Gleichgewicht der britischen Verfassung soll umgestohen werden, um die Vorrechte und Mißbräuche von siebenhundert Männern bei einer Bevölkerung von über 40 Millionen zu schützen." Neutsch franröWe Verständigung. Paris, 5. Juli/ , Auf Grund ausführlicher Rücksprachen mit deutschen Verständigungsfreunden hat sich hier em-Kreis gebildet, der unter Mitarbeit hervorragender Persönlichkeiten/ insbesondere aus, Schriftstellerkreisen, im Herbst. eine „Revue Fr an e o - All e m an d e" unter Leitung von Maurice Boucher.und Maurice Betz herauÄgeben wird. In Deutschland wird eine Deutsch-französische Ründschau, deren Mitarbeiter u. a. Professor Ern st ein, Thomas .Mann, Stephan Zweig sein werden, - unter Leitung von Otto G r a u t o f f und H. E. Jakobs herausgegeüen werden. Beide Revuen beabsichtigen eine enge Zusammenarbeit zur Stärkung der kulturellen Bande der beiden Nationen. Ungarische und deutsche Milttär- Attaches in London. London, 6. Juli. (Wolff.) Nach dem „Daily Telegraph" habe die britische Regierung/beschlossen, die trüber feindlicheu Regierungen einzuladen, Militärattaches zn emennen. Man fei der Ansicht, daß gegen. „ fettige Behandlung das einzig mögliche Verfahren ist. Im Laufe der nächsten Woche werde bereits Oberst Hohenl o h e als Militärattache U n g a rns in London eintreffen. Ungarische und deutsche Offiziere halten sich gegensvätiig in England zu Studienzwecken auf. Italien habe nach dem genannten Blatte die gleiche Haltung eingenommen, wie Großbritannien. ie antlsmllischen Äuventeuerreffr in Lemberg. „ Lemberg. 4. . Juli. (I. T. A.). Die seit.mehreren . :u.andauernden , antisemitischen Exzesse der nationali- :\\ Studentenschaft nahmen wieder gefährliche Formen 2* ha %Xab - ieka- Gasse kam es zu einem ernste Verletzung des Vertrages von VerefailleS darstellen würde und den mit so vielen Opfern errungenen Sieg zunichte machen.müßte, bilde eine Herausforderung. Man müsse die Regierung fragen, warum sie auf solche Herausforderungen niemals antworte. Man müsse sie weiter fragen, ob sie nicht die Gefahr erkenne, diese Propaganda stillschweigend wachsen zu lassen, oder ob sie erst dann protestieren werde, wenn sie vor vollzogenen Tatsachen stehe; dann wäre es zu spät. - Auch die „Liberte" und der „Homme libre" befassen sich mit der Anschlußfrage. Die Stellungnahme der französischen Presse ist darauf zurückzuführen, daß der französische. Gesandte in Wien seiner Regierung einen Bericht erstattet hat, in welchem er die Anschlußpropaganda behandelt und auf ihre besondere Aktualität hinweist. scharfen Zusammenstoß zwischen polnischen und jüdischen Studenten. Die Polizei ließ alle in dieser Gegend befindlichen Synagogen bewachen. . : - ' In der Legionengasse, wohiü die antisemitischen Studenten 'ein8raü'tz'ey/-'MiürifWstt' hte jüdischen Fuhr--' teilte und Fleischergesellen eine Abwehrttuppe, die die Eindringlinge zur Räumung des Viertels zwang. Im Kaffeehaus „Warszawa" wurden sämtliche Fenster-, scheiben eingeschlagen. Mehrere jüdische Kaffeehaus" giiste wurden verletzt. Eine Abordnung Wischer Studenten führte vor dem Wojivoden. Klage über die unaufhörlichen Angriffe, denen die jüdischen Hochschüler ausgesetzt sind. Der Wojwode gab ihnen den Rat, die Korporation 3 z eichen niederzulegen. Die Abordnung erwiderte, die betreffenden Korporationen seien von der Universitätsbehörde legalisiert, die jüdischen Studenten werden sich ihres Rechtes, Couleur zu tragen, n i ch t b e g e b e n. An neuer monarchistisches Attentat in Moskau. Moskau, 5. Juli. Die staatliche politische Verwaltung veröffentlicht Mitteilungen über die Verfolgung dreier Spione und Terroristen, die in der Nacht zum 3. d. M. ein Haus neben dem Gebäude!5-e* staatlichen politischen Verwaltung zu sprengen versuchten. An der Spitze des Attentats standen die Monarchisten Suchartschenkv und Schuch; ihre Mithelfer waren ein ehemaliger Angehöriger der Sawinkow-Gruppe namens Operput, der von Finnland aus den Dienst leitet, und ein gewisser Woslvissenski. Nachdem, der Attentatsversuch mißglückt war, flohen die Verschwörer in das - Gouvernement Smolensk, wo sie rm Kampfe mit ihren Verfolgern fielen. Ein Arbeiter, ein Bauer und ein Soldat wurden dabei verwundet. Ein Chauffeur tvnrde getötet und sein Gehilfe schwer verwundet, weil sie sich geweigert Hatten, die Flucht der Terroristen zu unterstützen. Konstanttnopel: „Kemali". Stamensaneeruna zu Me« stemm WtiM. Paris, 5. Juli. (Wolfs.) Nach einem Telegramm des „Matin" aus Konstantinopel soll die türkische Regierung beschlossen haben, der Stadt Konstanttnopel von nun ab zn Ehren Mnstapha Kemal Paschas den Namen K e* Mali zu geben. Lie deutsch-tschechoslowMchen Paßverhandlauge«. ' Prag, 4. Juli. Wie verlautet, steht die deutsche Regierung auf dem Standpunkt der tschechoslowakischen Delegierten, wonach der Visum zwang im Verkehr zwischen beiden Staaten erst am 1. Jänner 1928 aufgehoben wechen soll. Im redaktionellen Teil enthaltene entgeltliche Mitteilungen sind durch ein vorangesetztes E gekennzeichnet. Die Arbeitsgemeinschaft des Pogroms. -y, Wien, 6. Juli. Mrüerthalb Monate nach den Wahlen erhält die Einheitsliste einen höchst merkwürdigen Fortsatz: die Einheitsfront der furiosen Mrtisenriten. Es haben sich die Radikalen der chriftlichsozialen Partei, die Radikalen der grohdei^scheu Partei und die radikalen Nationalsozialisten (nämlich jene Gruppe, mit der sogar der Hitler nichts zu tun haben will) zu einer iMbeitsgemeinschaft verbunden. Ihre Aufgabe ,oll es sein, in den nichtmarxistischen Parteien den antisemitischen Gedanken schärfer zürn Ausdruck zu bringen. Das will besagen, daß die radikalen Elemente der beiden regierenden Parteien sich offcit auf die Basis des Pogro/ms stellen. Das isf von ihrer Seite aus teilte Verleugnung oder Milderung ihrer Grundsätze. Man muß bett Jerzabek und Riehl zubilligen, daß sie unter Politik und besonders unter österreichischer Politik nie etwas anderes verstanden haben als die Haranguierung der Massen zusm Zweckendes Judenmordes, der Beschlagnahme des jüdischen Vermögens und der Verdrängung der Juden aus dein Leven der Gesellschaft. Das Programm ist einfach, erfordert kein Gehirrr, sondern nur Schlagringe und Guunniknnppel. Tie Bestrebungen zur Schaffung einer so ausgestatteten Arbeitsgemeinschaft haben nie geruht und sie erhielten öfters aus verschrienen Quellen, insbesondere aus Deutschland, vielleicht auch aus Amerika Minzinjektionen. Tie offizielle Sanktion brachten'ihnen die Wahlen, bei denen der Bundeskanzler den Riehl als antisemitischen Kandidaten präsentierte. >. Diesen Wahlen ivar nun, das ist ja noch erinnerlich, ein Kommentar vvrangegangen, mit welchem' der Bundeskanzler das antisemüische Programm versah. Es war ein hübsches Einerseits — Anderseits mit dem Reftain: Juden, wählet die Einheitsliste! Denn Doktor Seipel ist zwar der Chef einer antisemitischen Partei, aber er ist auch Bundeskanzler und wird nie eine Verletzung des Staatsbürgerrechtes dulden. Seine Partei ist zwar antisemitisch und ihr Chef ist verpflichtet, die der Partei durchzuführen. Mer da er auch Bundeskanizler ist . . . siehe oben! Da die Kandidatur des Riehl im JudenbHirk zuviel!Aergernis erregt hatte, zog ihn Herr Seipel zurück und stellte ihn dem sechsten Bezirk vor. Richk lief, ,'icf) „..ryckzieheu und vorstellen. Tann sie''>.,ch jetzt schreit er nach Räche. Und siehe da, die v radikalen der regierenden Partei, ge- - führt von Jerzabek, schließen sich ihm an. Sie haben eine (nicht sehr zahlreiche) Versammlung abgehalten und ihr Reden serviert, die an die schönsten Zeiten Luegers erinnern. Einiges sei hier zitiert, um das 'Kulturniveau zu zeigen: Asiatische Pest, geistige Exkremente, jüdische Kanaille, 'semitischmongolisches Mischvolk. Es gab ja noch mehr dieser Sorte und.drei Redner gossen ihre Jauchenkübel aus. Mt solchem Elan, daß aus der Versammlung geschrien wurde: Tod den Juden! Das ist nun eine Parole, die wir nicht zu unterschätzen wünschen. Was an den Hochschulen iu Wien vvrgeht, das ist ja bekannt, und jeder Drg kann eine neue iMußerung des antijüdischen Furors, bringen. 06 Hn erreichbarer Zukunft das hübsche „Vater, lech mir die Schere"-Spiel zwischen dem Larckeshauptmaun, dem Polizeipräsidium,'dem akademischen Senat und dem'Bundeskanzleramt schon beendigt sein wird. und mit welchem Ergebnis, das weiß niemand. Einstweilen hat irgend eine ehrenfeste Verbindung, Barden , oder Nibelungen, des Nachts nach einer lustigen Kneipe auf der Straße einen Juden blutig verhauen. Die Jünglinge sind tapfer und schnellfüßig. Sie sind auf den antimarxistischen Geist eingeschworen Md das „Erschlagt's den Juden!" gehört nun einmal zur Erziehung, der die maßgebendst Persönlichkeitelt mit lächelndem Wohlwollen zusehen. Diese maßgebenden Persönlichkeitelt sind mit jenen identisch, die den Staat. leiten,' die Programme ausarberten und endlich und schließlich cnlch ausführen.. Wenn bei den Wahlen so ein (Programm rasch definiert und umgebogen wird, so ist das ein taktischer Zug. An der grundsätzlichen Einstellung ändert sich nichts. Urkund dessen diese Mbeitsgetneinschaft, die sich doch nicht ohne Borwissen der leitenden Faktoren bilden kann. ' Diese Einigung gegen die Juderr vollzieht sich mit Genehnnguüg der maßgebenden ^Personen, die, wie eine oft Und gern angewendete Phrase besagt, auch die Verantwort-