Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3000 (5.7.1927)
- Date
- 1927-07-05
- Page
- Seite 5 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 3000 Wien, DisnStag Wiener Morgenzettmtg 5. Intt 1087 seit« 5 »ühne und Kunst. „«toi« ttnD euo.“ Burgtheater. _iiicn Zwischenalt lang tobten Beifallsstürme. So gut hat es dem Publikum gefallen. Darf man die Entzückten durch eine abfällige Kritik verärgern? Die Kinder eine- Gummikömgs nützen den Papa weidlich aus, liegen ihm in der Tasche und sekkieren ihn bis aufs Blut. Aber alle, Töchter, Schwiegersohn, Bräutigam und ein entferntes älteres Familienmitglied erweisen sich insgsamt UW kreuzbrave, im Schweiße des Angesichtes schuftend« Menschen, sowie sie erfahren, daß die Finna Pleite gemacht hat. ES ist ein moralisches Stück amerikanischer Provenienz, dieses Sommersiück des Burgtheaters, von Grey Bolton und George Middleton. Verachtet mir die reichen Leute nicht. Sie prassen, hafardieren, faulenzen, flirten nur linfolange, als sie dem minder bemittelten Nebenmenschen dakarge Brot stehlen würden, wenn sie arbeiteten, anstatt des Vaters Geld hinauszuwerfen. Wenn eS aber nottut, sind sie unverzüglich Schwerarbeiter und bedauern, daß der Tag nur 24 Stunden hat. Ein Angestellter des GummikönigS, den dieser, auf Reisen gehend, als Majordomus eingesetzt hat, erfand die Mär vom Bankerott des Hauses, um die Kinder des Chefs auf die Probe zu stelle». Er hat sich in den Guten nicht getäuscht. Den Privatschatulkeu der Töchter entnahm er rechtzeitig die Perlenschnüre, um die Damen über Wasser zu halten, bis sie im bürgerlichen Erwerb festen Fuß gefaßt hätten. Die jüngere Dochter überrascht ihn beim Bergen des Schmuckes, er gesteht, zu welchem Zwecke er solches tat, und das Mädchen sagt, die ganze reine Seele in ihre Stimme legend: „Nein, die Perlenschnüre werden nicht angetastet, sie bleiben für Papa, bis er zurückkommt." Dem Angestellten der Gummifirma King gehen die Augen über, es muß vor Rührung sein. Und zum Schlüsse hat der treue Diener seines Herrn nicht nur erwiesen, daß di« Familienangehörigen de- Herrn King iwürdig sind, den Namen deverehrten Chefs zu tragen, er wird auch reichlich belohnt, indem er obiges Mädchen heim führen darf. Herr As lau ist Adam, der Prokurist des Hauses King, von weltfremder Biederkeit, eine edle Seele, die nur nicht verficht, sich zum Diner zu kleiden, Artischoken zn essen und Krawatten zu binden. Frau Seidler legt die Eva hin (jene Tochter, welche die Perlenschnur für Papa aushebt), ist einfach goldig und macht sich keinen Augenblick des Abends — nur ein Gott weiß, waS sie das für Anstrengung kostet — über ihae Rolle lustig. Frau Albach-Retty spielt ein verliebtes, lispelndes Hausfaktotum, Herr Hennings und Frau Mayen ergeben ein fesches, junges Ehepaar, die Herren Arndt und Hiäussermann, Pranger und Albach tun verdienstlich mit und iver es wagen sollte, dem Burgtheater ob der Aufführung dieses Schmarren einen Vorwurf zu machen, hat es (siehe oben) mit dem Publikum zu tun. ES hat sein Herz an „Adam und Eva" verloren. O. A. Auszeichnungen in der Sper. Dr. Schipper — Kammersänger. Lücke Weidt — Ehrenmitglied. Dem Bariton Dr. Emil Schipper wurde, wie verlautet, der Titel eines österreichischen Kammersängers verliehen. Kammersängerin Lu eie Weidt, welche nach 26jähriger hervorragender Tätigkeit aus dem Verbände der Staatsaper scheidet, wurde zum Ehrenmitglied ernannt. Ja« Habimah-ßnfemble spielt io Berlin. 25 Mitglieder des Moskauer hebräischen Theaters ,Hav i mah", das in den letzten neun Monaten eine Tournee durch die Bereinigten Staaten absolviert hat, traten an Bord der „Berengaria" die Rückreise nach Europa an.. Sie planen zunächst ein Gastspiel in Berlin. Fräulein R o w i n a und Herr Ts chcnrerinsky sind im Ensemble. Dagegen hat sich Direktor N. Z e m a ch entschlossen, mit acht Mitgliedern des Ensembles in New York zu verbleiben und hier ein hebräisches dramatisches „Studio" zu begründen. Aus den Theatern. Burgtheater. Morgen Mittwoch, halb 8 Uhr »„Adam . uv Eva". Operntheate r. Morgen Mittwoch, halb 8 Uhr: ne val", „Bacchusfest" und „DaS lockende Phantom". Theater in der Jvsefstadt. Freitag, den 8. Juli, abends 8 Uhr Premiere des Schwankes „Theodore u. Cie.". Bis dahin gelangt allabendlich das Lustspiel „Maske und Antlitz" zur Aufführung. WIR bitten unsere Leser und Freunde, in Kurorten u. Sommerfrischen in* allen Restaurants und Kaffeehäusern sowie in Lesehalle!: stets unser Blatt zu verlangen! Lu st spiel theater. Donnerstag, den 7. d. M., findet die Uraufführung des Lustspieles „Rinon bei Nacht" von Paul Ernst Weiß statt. Berewe, Lortrikge uud Bersammluuse«. Verband tm Akontsten-Revisiimisten. Sekretariatsstunden Montag bis Donnerstag den 7. Juli, 7 bis 9 Uhr abends im Cafe Metropol, 9. Bz., Bevggasse 39, Tel. 16-1-57. — MakmonweS-Jnftklttt. Heute Schlußvorträge des Sommersemesters. Dr. A. Kaml'cka, 6 Uhr: „Prof. Gumels Psalmenkommentar"; 7 Uhr: „Die Ethik der Pharisäer im Zeitalter Jesu". — Wiener Beth Hamidrasch. Heqte, 6 bis 7 Uhr, Rabb. Lektor Dr. Gelbhaus: Psalmen. Del Awiw über »Aie Lage in Palästina". Der Bv seit vielen Jahren in Palästina, gehört dem Zionistischen Aktionskomitee an und ist Präsident der Kehilla von Tel Awiw. Der Vortrag findet im mittleren Olympiasaal, 1. Bez., Rothgafle ö, statt. __ Serichtrsaal. Sie unfehlbaren Psychiater. Bor einigen Monaten wurde der Gerichtspsychiater Hofrat Dr. Hoevel in einigen Mener Dagesblättern mit dem Vorwurf angegriffen, er habe die achtzig Jahre alte «Emilie Perlep in einem gegen sie eingeleiteten Entmündigungsverfahren als geistesgestört bezeichnet, während ander e Psychiater an ihr webet eine -Geisteskrankheit noch Geistesschwäche wcchrgenommen hätten. Dr. Hoevel leitete gegen sich bei der iAierztekammer eine Untersuchung ein. Inzwischen aber hat das zivilrechtliche Verfahren seiner Diagnose recht gegeben. Ter Refft des alten Fräulein Perlest hatte den Antrag gestellt, seine Dante zu entmüüdigen. Die Gerichtsärzte Dr. Hoevel und Dr. Äiem/ß bestätigten in ihrem Gutachten, daß die alte Dame an Dementia senilis leide und als geistesschwach zu betrachten sei. Professor Dr. Bischof aber erklärte, daß ke ine Geisteskrankheit vorliege, wohl aber sei es Notwendig, daß Fräulein Perlest jemanden zur Verwaltung ihres Vermögens heranziehe, wobei ihr die jAuswahl der -Person selbst überlassen werden kömre. Das Bezirksgericht Innere Stadt aber stützte sich auf die Gutachten Prof. Hoevels und sprach die beschränkte Entmündigung aus. Gegen diesen Gerichtsbeschluß erhoben Dante und Neffe Einspruch beim Zivillandesgericht und dort wieder erstattete der Sachverständige Professor Doktor Stransky ein Gutachten, wonach Fräulein Perlest zwar nicht schwachsinnig und auch nicht geisteskrank sei, wohl aber infolge ihrer Greisenhaftigkeit als befichränkt zu bezeichnen sei. Noch ein Gutachten folgte. Professor Dr. Meintann erklärte, Fräulein Perlest als geistesschwach, doch stehe die Grenze nicht fest, .-ob der jetzige Zustand fortbestehe, sicher jedoch sei, daß mit einer fori schreitenden Verschlechterung ihres Bestwerts zu rechnen wäre (!). Also lagen dem WiderspruchsgjevW vier: stsychiatrische Gutachten vor, die das Gegenteil von dem aussagtenwaS wiederum die anderen erklärten. Das Gericht aber verwarf den Einspruch lnnd be- Mtigite die beschränkte Entmündigung. Um die AnzeigervrSmie. Sine mögt auf lUOO Swing und eine mische Unterschrift. Der Berfas surrgs Gerichtshof unter Vorsitz des Präsidenten Dr. .Vitorellr beschäftigt sich heut« mit einer durch Dr. Klärma nit vertretenen Klage, welche der Pensionist Robert Schn ei der-Stürm gegen bas Finanzministerium auf Zahlung von 12.500 Schilling angestrengt hat. Der Kläger hat im August £24' gemeinsam mit Herrn >Äeo^g Sebert gegen 'xt Merkurbank eine iWnzeige wegen Uebertretung der Devisen- und Valutenvorschriften bei der Finanzbezirksdirektton Wien erstattet und die Merkurbank hatte au, den Bundesschatz im Wege des Mlassungsverfahrens 150.000 SchMng b^cchlt. Den Anzeigern gebührt als . hnung ein Drittel dieses Be- «ragrL, daher ihm 25.000 Schilling. Er und Sebert erhielten als Vorschuß auf dieft Belohnung 15.000 Schilt.ng. Den Rest der Ergreiftrprämie habe er nicht erhalten. Dagegen erfuhr er im Herbst 1926, daß der Rechtsanwalt Dr. Pius Wackernell auch in seinem Namen wegen des Restes mit dem Bundesschatz einen Ausgleich auf 10.000 Schilling geschlossen und diesen Betrag auch erhalten habe. Er habe Dr. Wrckernell nie bevollmächtigt und deshalb sei seine Unterschrift auf der dem Bundesministerium für Finanzen vovgelegten Vollmacht gefälscht. Ties sei in einem Prozeß gegen Är Wackernell aus Zahlung von 3000 Schilling, die dieser für ihn einkassiert habe, vom Landestzericht festgestellt 'vord»n. Die Klage behauptet nun, daß das Finmtzministerium ialu.-jssig vorgiirg, als sie die Zahlung, an Dr. Wackernc.' leistete, und ihm daher den Rest des auf ihn entfallenden Mzeigerlohnes von 17.500 Schillrng zu zahlen habe. Die Finanzprokuratur tvendete ein, daß der wirkliche .zelger der Prokurist dieser Bank Otto Drukker war, der sich des Klägers und des Sebert nur zur Erstattung der!Mzeige bediente. Daher sei in dieser Sache nur Drucker dispositionsberechttgt. Tatsächlich habe die Mer- «kurbank 150.000 Schilling bezahlt und es seien nur aus Gefälligkeit noch vor dem Entfließen des gesäurten Betrages 25.000 Schilling an die Ergreifer bezahlt worden. Doktor Wackernell habe auf Grund einer mit den Unterschriften des Georg Sebert und den Robert Sturm versehenen Vollmacht Magda Kann Badepest Verlobte Wien, im JaH 1927 Jacques Singer Wien ' r .1' a rr> siche Ermächtigung des allein berechtigten Otto Drucker den Vergleich;-<tt der Finanzbehörde geschlossen. Die Unterschrift des Sebert auf der Vollmacht war echt, die des Sturm unecht. Die Auszahlung sei an die Vorleger der Bescheinigung erfolgt und da Dr. Wackernell die Bollnracht des Otto Otto Drucker hatte, sei auch seine - Rechtshandlung für den Kläger wirksam und es sek für die Finanzbehörde belanglos, ob die Unterschrift auf der Vollmacht gefälscht war. Die Echtheit der Unterschrift auf einer von eurem Rechtsanwalt vorgelegten Bollnracht zu überprüfen, habe die Behörde keinen Anlaß. Da der Kläger die Anzeige unter dem falschen Namen Robert Schneider erstatte, habe er schon -gemäß § 303 der Zoll- und Staatsmonopvlvrdnung die Anzeigebelohnung verwirkt. Ta im Falle der SachfäNigkeit der Bundesschatz Regreßansprüche gegen Dr. Wackernell hat, wurde diesem der Streit verkündet. .Gegen Schneider-Sturm beantragt die Finanzprokuratur die Abweisung der Klage. Der ssVerfassungsgerichtshof wird sein Urteil Donnerstag publizieren. Billig in der Auslage — teuer im Geschäft. l Beim Schneidermeister Aldolf Bürger, der auf der Favoritenftraße ein Geschäft betreibt, glaubten die Leute, besonders gut kaufen zu können. Herr Bürger tat nämlich alles Erdenkliche, um ihnen das einzureden. Er gab auch in seine iAUslage neben einen herrlichen Stoff einen Zettel, worauf zu lesen stand, daß der schönste Mzug nach Maß nur 98 Schilling koste. Ties erschien einem Vorübergehenden äußerst preisiv^t und er wollte so einen!Anzug haben. Der Geschäftsmann aber erklärte ihm, daß ser so einen.Anzug wohl haben könne, allerdings koste er nicht 98, sondern 175 Schilling, der Zettel in'der lAuslage beziehe sich auf ganz etwas a m ffter es. Mm versteifte sich.aber der Kunde gerade ans einen 98-SchillingÄnzng und holte einen Wachmann, der Bürger zwingen sollte, ihm so ein Gewand zu machen. fD^ Schneidermeister mußte den Auftrag annehmen und ausführen. Wie er dies aber Machte, Mn vor dem Favvritner Strafrichter Dr. Kaltenb ruuner zutage, vor dem sich Adolf Bürger wegen Betrüge s zu verantworten hatte. Dort erzählte Herr Meis, der der iAfuslagereklame des Schneiders Mfgesessen war: „Gemacht hat er den Anzug, aber wie. In. den Aer- Meln war kein Futter drin, der Schneider hat g'sagt, Futter braucht nicht sein, das ist seine neueste E-rsindung!" Der Beschuldigte behauptete in seiner Verantwortung, der Preiszettel über 98 Schilling habe sich auf DiamenkoMnre bezogen. Richter: ,/AVer es wird behauptet, baß der Preiszettel so angebracht war, daß jeder glauben mußte, der Meis beziehe sich auf Herrenanzüge.'" "' Much der zum Ginschroiten Mlfgejorderte 'Wachmann^ bestätigt den in der lAuklage behaupteten Tatbestand des Betruges. Desgleichen einige andere Zeugen, die ebenfalls beinahe Opfer des erfinderischen Schneidermeisters geworden wären. Er würde schließlich des Betruges schuldig erkannt und zu drei Tagen Arrest verurteilt. ■ ■ ■ SHe besten JZeuersctkeinungen der 1 modernen JÜteratur stets vorrätig IW JOHN OALSWORTHY: Der silberne Löffel, L=J geb.. S 9-50 bii 0 EDMOND FLEQ: Der kleine Prophet, geb. S 8*10 sUI r=-i MARTHA OSTENSO: Erwachen Im Dunkel M S 11-60 geo. TITAYNA: Rund um meinen Geliebten, geb. S 6*60 COLETTE: Mitsou, geb. . . ..S 5-50 SCHNITZLER: Spiel im Morgengrauen, geb.S 990 GUSTAV MEYRINK: Der Engel vom westr=i liehen Fenster, geb.S 15*30 1H bei üSudlAqndlun^ K JEihvit, Wien, I. 0tatenturwnstw;€M£ie riiriifiiriiriiriiwriiriiri¥iiri¥5iri¥iCTiiriim Li