Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2997 (2.7.1927)
- Date
- 1927-07-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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| Preis 580 0 i Redaktion, Administration: Wien, Il.,Taborstr. 1 Telephon 44-0-38 43-3-19 Telephon ab 6 Uhr abends 38-5-80 Serie, ab V-9 Uhr abends 38-5-83. Druckerei : VII., Lerchenfelderatraße 1 UW) kreise * Wien und Oesterreich durch Post oder Verschleißstellen monatl. B Schilling. Bezugsbedingungen für das Ausland im Innern des Blattes. —1 . 1 IM— _ Nr. 2997 Wien, Samstag. 2. guii 1927 (2. Thamils 5687). Wiener Morgeiyeiluna MÖBELHAtli 7.WÜHL .JfcSSHLEIFMÖHLGAUE Nt.5 TELEFON S592L «CaUEME' TEILZAHLUNG 9. Jahrgang Byros Flugzeug zertrümmert. Die Sreanflieger waren über Paris und haben fich im Nebel verirrt. — Sie Anlassen wohlbehalten gelandet. Paris, 1. Juli. (Havas.) Das Flugzeug „A m e - rica" wurde um 3 Uhr nachmittags aus Land gebracht. A c o st a und Balten wohnten der Abmontierung der beiden Motoren bei. Das Steuer uird der Kielvalken des Flugzeuges sind durch die stürmische See zertrümmert worden. Die Flieger sind überzeugt, daß sie in der Nacht nahe i o n Paris gewesen sind. Sie haben Casu um. 2 Uhr überflogen. Durch die Lichter der H o ch ö f en getäuscht, die sic für die Lichter eines Leuchturmcs hielten, flogen sie gegen das M e e r z u r ü ck, wobei sie sich v o l l st ä n d i g verirrten. Schließlich landeten sic infolge Benzinmangels. Die Flieger gedenken, die Nacht in Bersur-Mer zuzuvringen und dann nach Paris zu fahren, sobald die Abinonticrung des Flugzeuges beendet ist. Eine aus Landlenteir und Badegästen bestehende Menge bereitete ihnen ungeheure Ovationen. Die vier Flieger sind erschöpft, aber sehr befriedigt, daß sie F r a n k r e i ch e r r e i ch t h a V e n. Das Fahrgestell des Flugzeuges, das in brüsker Weise in das Wasser niedertauchte, brach entzwei, das Flugzeug stellte sich - auf. die Spitze.. In tiefer Nacht ließ Byrd zwei Kautschukboote in das Meer, mit deren Hilfe die vier Männer die Küste an einer von «jeder menschlichen Behausung entfernten Stelle erreichten. Z Iv e i F i s ch e r, die das verlasiene Flugzeug bemerkt hatten, verständigten den Gehilfen des Bürgermeisters, der in Begleitung seiner Söhne sich sogleich zur Stelle begab und Byrd und seine Begleiter auf dem Wege traf. Byrd will den Südpol Überfliegen. R-w York. 1. Juli. (SBoIff.).. „kffociaici Preß" verbreitet einen Artikel über die Pläne für die antarktische Expedition unter der Führung Byrds. Ein großer Walfischfänger wird am 6. September von Norfolk nach Stewart Point (Neuseeland) abfahren.?ln Bord würden sich Byrd, sein Gefährte beim Nordpolflug, B e n n e t t und alle Mitglieder der Besatzung der „America" befinden. Zwei Flugzeuge würden lediglich für Kreuzfahrten in der Nähe des Südpols verwendet werden, während das dritte Flugzeug den endgültigen Vorstoß mitBryd als Führer unternehmen werde. (Ausführlicher Bericht im Jnnerrr des Blattes.) Das BAm nach England ausgehoben Eine Mitteilung des Bundeskanzlers Ir. Seipel. In einem Berichtenden Bundeskanzler Dr. Seipel über die Verhandlungen mit den einzelnen Ländern über die Abschaffung der Bisa im Grenzverkehr gestern im Hanptausschusse erstattete, erregte besondere Ausinerksamkeit die Mitteilung des Bundeskanzlers, da; das Visum im Verkehr m i t England a b g e s ch a f f t sei. Wenn auch noch einzelne Formalitäten wie die Genehmigung tut Ministcrrato ausstehen, so hat tatsächlich doch das Visum im Verkehr mit England zu bestehen aufgehört. Der Visnmzwang im Verkehr zwischen Oesterreich und Dänemark tritt (wie bereits bekannt) am 15. Juli außer Kraft. ßtmmfitzimg im preußischen Landtag Die MordaWre von Ahrensdorf. — Feme und Werwolf. — Faufttampf zwischen Deutschnationalen und Sozial' demokraten. Berlin, 1. Juli. Letzten Sonntag ist, wie berichtet, in Ahrensdorf ein von Reichsbannerleuten besetztes Lastauto von einem nationalsozialistischen Sturmtrupp überfallen norden. Die Hakenkreuzler feuerten Salven ab. Ein I9jähriger Arbeiter wurde erschossen, mehrere schwer verwundet. Dieser Vorfall kam heute im Landtag zur Sprache. Der sozialdemokratische Abgeordnete Krüger führte aus: Der Fall in Ahrensdorf ist nur ein Glied in der Kette der vielen p o li t isch en Mo rde, . die die Feinde der Republik auf dem Gewissen. haben. Hinter diesem Mord stehen der Junker Udo v. Al wen sieben und der alte S ch m e lzer als intellektueller Urheber. Udo v. Alwenslvbens ist uns aus den Verhandlungen über die Fememorde bekannt. Er hat Roßbach-Leute auf seinem Gut beherbergt, er ist „Werwolf"-Führer des Bezirkes 10 und hat auf seinem Gut S ch i e ß st ä t t e n zur Ausbildung der Dorfbewohner im Gebrauch der Waffen eingerichtet. Die Deutschnationalen scheuen bei ihrem Kampfe gegen die Republik nicht der B egünstigung feiger Mörder zurück. Fm redaktionellen Teil enthaltene entgeltliche Mitteilungen sind durch ein vorangesvtzteS E gekennzeichnet. t Bei diesen Worten entsteht auf den Bänken der Deutschnationalen große Unruhe. Der dentschnationale Abgeordnete Siede mann ruft dem Redner wiederholt zu: „Unverschämter Kerl! Unerhörte Unverschämtheit!" Die Abgeordneten der Linken wollen auf Siedemann eindringen, die Deutschnationalen bilden einen Ring um ihn. Nun kommt es zu einem wilden Faustkampf, in den besonders die deutschnationalen Abgeordneten Siedemann und Könnecke, der Abgeordnete Meier (Sozialdemokrat) und Abel (Kommunist) verwickelt sind. Inmitten der Schlägerei unterbrach Präsident Bartels gegen 11 Uhr die Sitzung. Der Aeltestenrat trat sofort zusammen und beschloß, den Wgeordneten Siedemann zu rügen. Noch immer der BalkankonM. Jugoslawien urglert dle Durchführung des llederelnrommens. Belgrad, 1. Juli. Der unerwartete Aufschub der Freilassung des verhafteten Dragomans Djuraskovic und damit die unvorhergesehene Hinausschiebung der Wiederherstellung normaler diplomatischer Beziehungen' zwischen Jugoslawien und Albanien beginnt in Jugoslawien wachsende Mißstimmung gegen die albanische Regierung hervorzurusen. In jugoslawischen Regierungskreisen wird erklärt, das Nachgeben der jugoslawischen Regierung sei unter der Voraussetzung erfolgt, daß die Großmächte durch ihre Vermittlung auch die Verantwortung für die loyale Durchführung des von ihnen in Vorschlag gebrachten Kompromißes übernommen haben. Minister des Aeußern Dr. Marinkovic hat die diplomatischen Vertreter Jugoslawiens in Paris, London, Berlin und Rom beauftragt, die Aufmerksamkeit der betreffenden Regierungen auf das Verhalten Albaniens zu lenken und sestzustellen, daß die jugoslawische Regierung auf der Durchführung des getroffenen Uebereinkommens bestehen müsse. Daudet aus einer Vergnügungsreise? Paris, 1. Juli. (Eigenbericht der „Wiener Morgenzeitung".) Es verlautet, daß Leon Daudet sich an Boxd der Jacht des Herzogs von Guise begeben hat und unter englischer Flagge eine BergnügnugSfahrt auf dem Müttelmeer unternimmt. Weißer und roter Terror. —y, Wien, 2. Juli. 'Seit Wochen weiß der "Draht ans'Moskau nichts anderes zn berichten als Justifizierungen. Mitte-Juni wurden, knapp nach der Ermordung des Gesandten Wojkow, in Moskau zwanzig Konterrevolutionäre erschossen. Dann in Odessa wieder zwanzig Geiseln, darunter Frauen und Kinder. Vorgestern starben zehn Spione, gestern elm Frau. Das sind Meldungen ans kaum zwei Wochen und aus der Zentrale. Wieviele so nebenbei in der weiten Provinz als politisch Verdächtige ans den Kerkern geholt und an die Wand gestellt wurden, das erfährt inan nicht. Das, was berichtet wird, ist arg genug. Es 'wäre freilich ein arger Fehler,: wollte man aus diesen Vorfällen schon einen weitgehenden 'Schluß auf eine besonders aktuelle/innere 'Gefahr ziehen. "Ms ist im Verlauf von zehn Jahren schon oft geschehen und jedesmal hat das geschwinde Urteil getrogen. Ein System der Macht, hinter der doch auch die Jjdise steht, bricht nicht so schnell nieder und in der russischen Masse reifen revolutionäre Entschlüsse sehr langsam. IWer trotzdem istl nicht zu verkennen, daß. der. Brnschewismus ün zehnten Jahre seiner Herrschaft sich so . schweren Spannungen gegenWersieht, daß er zu den ältesten Mitteln des Herrschens gyüfein muß, daß er Furcht und Schrecken' verbreitet und daß er zugleich att den militaristischen Instinkt appelliert. T'as Dokument, in welchem die Führer der OWosllron im Zentralkomitee mit der. Wsschließung 'bedroht werden., beginnt charakteristischeriveise mit den Worten: „,Jü dem Augenblick, wo ein Krieg'droht." Dies« Gefahr besteht.nicht, auch nicht von der englischen Seite' her. Der!AMrüH der Beziehungen allein hat genügt, die russische SMung- M isolieren.' Der von den Konservativen betr^bene Plan der antibolschewistischen Front ist'nicht zustande gekommen und er erweist sich auch als "unnötig. Der Mt Englands hat Vor allem in Rußland' selbst gewirkt und die Schwäche der radikalen Diktatur aufgezeigt. Die Vorstöße lder Opposition wurden schärfer und tiefer, je mehr sich die äußere ’ Lage verschlimmerte. Heute ist bereits das Projekt der Revoluftonierung Chinas zurückged'rangt, und wenn auch England dein Prestigeverlust für lange hinaus.nicht Nnholen "kann, sir kann doch Rußland den erhofften Gewinn nicht ernstreichen. 'DK: Reisen Tschitscherins nach Paris Und Berlin konnten nW's retten, und vom deutscher: Kanzler erhielt er im Namen der Genfer Mächte eine wohlwollend gehaltene, aber deutliche Warnung, das Spiel mit der verantwortlichen Regierung und der urw ercmtwo Eichen Konrmtern m der bislang beliebten Praxis fortzusetzen.. . Tie äußere Verschlimmerung wird durch die inneren Schwierigkeiten ergänzt. Rußland macht. wiÄer einmal eine Zeit des wirtschaftspol'tischen 'Experiments' mit, indem 'die von Lenin eingeleitete „neue Politik" wieder umgestellt.wird. Das schafft wieder neue Verlegenheiten, neue Feindschaften und neue innere Zwistigkeiten. Die Nervosität der Machthaber wird danach wohl verständlich, und da 'jie doch immer nur die Kopisten des 'Zarismus bleiben, begreift , mm: ä auch, daß sie den Galgen und das Exeku tronskommcmdo ausreichend verwenden. "Neu ist nur die Hinrichtung von Geiseln, einer der niedrigsten >Atkte, zu denen sich je einig Regierung darf hinreißen lassen. Diese Maßregel, die doch naturgemäß Personen trefsen muß, deren Schuldlosigkeit seststeht, hat mehr über Rußland rmd sein inneres Glück, ansgesagt, als dies tausend konrinunistische Pvopagandabvoschüren tun könnten, und sie liefert allen Reaktionären in der ganzen Welt willkommenes Material zur Hetze gegen jeden Versuch einer sozialen Neuordnung. 'Das Rüstzeug "des Regier ens bleibt immer dasselbe,'mid die verhüllte oder unverhüllte Diktatur, das Eingeständnis der Schwäche uüd politischen Gedankenarmut,, hilft sich heute wie mir sie mit den Mitteln der Tyrannei, als da sind: Unterdrückung der geistigen Freiheit, Unterbindung der Meinungsäußerung Nnd schließlich als inappellable Instanz der Henker. Die russische ist auch nicht anders und es klingt nur inr ersten Augenblick seltsam, wenn Rykow im Nanren der Regierung den Protest der englischen/Arbeiter gegen die Hürrichtnngen5 dahin beantwortet, das sei doch dasselbe, was die europäischen Regierungen täten. Diese Entschuldigung, die also den weißen Mord für den roten Terror heranzieht, schließt sich sinngemäß an die Füsilierung vor: Geisel»:, unter denen Ivanen und Kinder waren. "" ■. .. ,... „.y. ■ Original englische Stoffe zu aufsehenerregend niedrigen Preisen bei der 6., Mariahtlserstraße Nr. 3