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Wiener Morgenzeitung · 1927-06-20 · Heft 2985 (20.6.1927) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2985 (20.6.1927)
Date
1927-06-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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| Preis 310 y| Redaktion, Administration: Wien, U.- Taborstr. 1 Telephon 44-0*88, 43-8*19 Telephon ab 6 Ohr abends 38-5*80 Serie, ab VrS Ohr abends 38-5-83. Drookerei: VII., Lerchenfelderstraße 1 („Inva“) Preise** «. en und Oesterreich durch Post oder Verschleißsteilen monatl. ö Schilling. Bezugsbedingungen für das Ans 1 and im Innern des Blattes. Nr. 3985 Wien. Montag, 20. gnai 1027 (20. Siwan 5087). MQSCUMUI J.WUHli WA JL** rmtAHLumn 0. gahrgang Die Ankunft der „Miß Columbia". Me amerikanischen Stieger glücklich gelandet. Nun ist die „Miß Columbia" auch in Wien angenommen. Sie trug die zwei tapferen Männer, hie zum erstenmal gemeinsam von Kontinent zu Kontinent ge- .flogen waren. Sie Haben gewiß nicht an Politik gedacht, als sie in New Aork starteten, nicht an die Politiik im landläufigen Siün des Wortes, und die Begrüßungen, die den beiden gewidmet werden, gehen in diesem Punkte fehl. Chamberlin und Levine wollten den Flug vollbringen, mehr nicht. Gerade der Umstand, daß sie nur an ihren Motor und an den Kompaß dachten, nur den einen Zweck im Sinne hatten, zu zeigen, wie der Ozean überwunden wird, ist das Schöne und Bezwingende an dieser Fahrt, die nicht weniger und nicht mehr als eine Leistung des Willens ist. Erst der Rundflug durch Mitteleuropa ist Politiik, aber in einem hohen Sinne. Wo die „Miß Columbia" erscheint, dort grüßt sie das VoK in freudiger Erregung, in dem Empfinden, daß es doch noch ebwas anderes gibt als Parteien und Feindschaft und Haß. Wie ein Bote aus einer anderen besseren Welt, wirkt dieses Flugzeug überall, wo es am Horizont erscheint und in sicherer stolzer Fahrt den großen Sieg des technischen Wissens und der rastlosen Arbeit des Geistes verkündet. Auch in der Technik gibt es nichts Plötzliches. Auch sie muß geduldig aufbauen aus den Vorarbeiten strebender.Men-. schen, die nur zu leicht das Schicksal des Vergessens trifft. Wenige dachten gestern ablends in Wien daran, daß hier Wilhelm Kreß verspottet und verlacht in Armut und Not seine Modelle vor geführt hatte, wenige dachten an den Forstmeister Ressel, der die Schiffsschraube konstruiert hatte. Die vielen, vielen Opfer >auf der Siegesbähn sind verschollen. Sie haben es mit ihrem Leben bezahlt, daß sie zur Höhe strebten. Gestern wurde es jedem sichtbar, daß diese Opfer nicht umsonst gefallen waren und daß jetzt der Weg freigcworden ist. Ein wundervoller Anblick war es, als die „Columbia" kurz nach 7 Uhr abends, umgeben von den Begleitern, sichtbar wurde. Ein Geschwader kam von Nordwesten heran, sechs Flugzeuge, von denen sich unter dem regenvevhangenen Himmel eines löste und allein seine Kreise zog. Es war der amerikanische Gast, der ruhig und sicher seine Fahrt beendigte und in langsamer, imposanter Runde n'iederging. # Auf dem Flugfeld lu Aspern. Die sommerliche Hitze war kurz nach Mittag einer Abkühlung gewichen. Der Himmel umzog sich mit dunkeln Wolken. Die nächste Folge war, daß der erwartete und befürchtete Andrang zum Flugfeld . nicht stattfand. Später setzte starker R-lWn ein, der bis nach der Landung anhielt. Der Bestich w«r sehr schwach. lln den: westseitigen Damm, der für das Publikum bestimmt, var, halten sich kaum 700 Personen eingefunden. Der für die offiziellen Persönlichkeiten.und die presse reservierte Raum vor dem Diroktionsgebäude der Luftverkehrs A.-G. war groß genug, um die Erschienenen ju fassen. Es waren aber hier keinerlei Sitzgelegenheiten vorhanden und die Leute mußten hier stundenlang stehen. Als dann der Regenschauer!am» sucht« das Publikum in den vorhandenen Baulichkeiten Unterkunft, wurde aber aus einer Baracke, die eben rrst in Stand gesetzt wird, barsch hinausgewiesen. Es kam jiebei zu schärfst» Rekontres /wischen der Wache und den Wartenden, die die Mangel- Lästigkeit der Vorkehrungen lebhaft und laut kritisierten. DaS Ausgebot der Polizei war ein ganz ungchtzuves. lluf je einen offiziellen Besucher kamen drei Detektivs. Knsgchamt waren 3660 Wachleute aus die Beine gebracht vorden und 268 Berittene standen in Reserve. Dazu kam »och eine Brigade des Bundesheeres, bestehend aus Mann Infanterie, Radfahrern und Ordonnanzen. *00 Mann Militär war in Bereitschaft. Die Generalität Mens und seiner näheren Umgebung war vollMlig ^schienen. , Uever den Verlaus des Fluges wurden von Zeit zu Zeit Bulletins ausgegeben. Zunächst hörte man, daß die Flieger verspätet, um 11' Uhr, von Berlin abgefahren waren. Nachträglich wurde bekannt, daß die Ursache eine kleine Drahrerei gewesen, war. Die Flieger und ihre Gattinnen waren Samstag spät zu Bett grganglm. und gestern spät aufgestanden. Die Meldungen von der Flugstrecke lauteten widersprechend. Zwischen Nürnberg u n d M ü n che n war starker Gegenwind aufgetreten, und als sich der Abslug von München^ verzögerte, zirkulierte in Aspern bereits das Gerücht, daß die Flieger nicht nach Wien kommen könnten. Endlich nach %6 Uhr wurde mitgeteilt, daß die „Columbia" München vörlsssen habe. Nun wurden zwei für die Presse bestimmte Aeroplane aus dem Hangar herausgezogen und startfertig gemacht. Als die Nachricht eintraf, daß die Amerikaner Braunau am Inn überflogen hättenstiegen die zwei Flugzeuge auf und verschwanden ' bald in dem strömenden Regen. , ,, ' ^, Einige' Minuten, vor %8 Uhr kaut das. Geschwader 'von 'MordchDr^h^rn-'Slcht^'-Vo.rÄn^ die zwei Flußzeuge der österreichischen 'Lüflverkchrs' A. G., dann dxei Apparate, der deutschen Lufthansa und als letzter •. Hot rmitze Bv.Vl mit Chamberlin und Levine.' Die Flugzeuge landeten, und ' nun gab es e i n w ü st e s D u r che i n a n d e t. \ Alles drängte in den abgesp-errten Raum, wo die offizielle Begrüßung vor sich gehen sollte. Dfe Mfperrung wurde ' rücksichtslos geljandhabt, es gab wieder ärgevliche Proteste (die so laut waren, daß' : man sie sogar in d e n RadioapParaten i n d e r Stadt vernehmen konnte). Levine und Chamberlin wstr- - den, als sie ans dem Flugzeug stiegen, von Umstehenden auf die Schutte«: gehoben. Sie grüßten nach allen Seiten., In unaufhörlichem Regen wurden mm die Bvgvüßungsrsden abtzehaspelt, dann geleitete man die Flieger zu dem bereitstehenden Auto. Herrn Levine begrüßten hier seine Wiener . Freunde. Einer . reichte ihm e in Gla s,B i e r. Levine nahm einen Schluck, und gab dann das Glas a n Chamberlin weiter. Die beiden Dam«:, junge hübsche Amerikanerinnen,' waren inzwischen in die Räume der Luftverkehrsgesellschaft geleitet worden-/ wo man ihnen Blumen übergab. Dann setzte sich die Autokolonne in Bewegung. In Aspern, Stadlau, Kagran und Kaisermühlen stand ein . dichtes Menschenspalier, bas die Gaste stürmisch begrüßte. Auch in der Lassallestraße und in der Pratevstraße wurden sie vom Publikum erwartet. In der Nähe des Hotels Imperial auf der Ringstraße hatte sich eine große Menschenmenge angesanunelt. Als gegen 9 Uhr. abends das Automobil, das mit einer amerikanischen Flagge bedeckt war, erschien, kam es zu stürmischen Ovationen. Der Wachekordon wurde. von den Wartenden durchbrochen. Junge Leute hängtep sich cm das Auto an unter den bimsen: Hoch Ghmnberlin! Hoch Levine! Die Flieger wurden in das Hotel geleitet/ Da die Hochrufe fortdauerten, erschienen-die beiden Herren auf dem HotekbaÄon, winkten hinunter und dankten. Erst - langsam trat wieder Ruhe ein. rer grftrige Lag l« Wes. Während das Asperner Flugfeld schlecht besucht war, .wiesen hie Straßen und Plätze der Stadt ein recht lebhaftes Bild auf. Durch die Ravag, die sehr gut arbeitete, wurde man über alle Phasen des Fluges unterrichtet, und nach 5 Uhr sammelten sich an allen Punkten, von denen man freieren Ausblick hatte, große Mengen Neugieriger an. Nach 7 Uhr wimmelte es überall, und als die sechs Flugzeuge über Wien erschienen, wurden sie überall, auch aus der Stadtbahn und der Elektrischen, mit Tüchevschwenken begrüßt I Jm redaktionellen Teil -enthaltene entgeltliche Mitteilungen sind durch ein vorangesetztes E gekennzeichnet. Di« Regierung hatte in der Früh ein Flugzeug nach München entsendet, das dort an dem Empfang terhmhm. Mit diesem Flugzeug fuhr auch der deutsche Gesandte Graf Lerchenfeld, der die rasche Verbindung benützte, um seinen erkrankten Sohn zu besuchen. lllse Usterredssg ml» Levlse. .Ein Vertreter der „Wiener Morgenzeitung* hatte nach der Ankunft der Ozeanslieger eine kurze Unterredung mit L e v i n e, den er als „e r st e n j üdis ch en O ze anflieg.er" begrüßte. Levine sagte: „Den Flug über den Ozean betrachte ich nicht als Heldentat. Ich habe ihn bloß unternommen, um dadurch bern Publikum Vertrauen zur Luftfahrt eiuzuflößen." Tfchangtsolins Malm. P e k i n g, 19. Juni. Dfe Einsetzung des MarschallS T i a ii flts Ulin als D i kt a t o r fand heute nachmittags in der Zeremonienhalle statt, in der früher die Präsidenten eingesetzt wurden. Dsangtsolm legte den Eid ab und hielt eine küi^e Ansprache. Spater fand bei. dem neuen Diktator ein Empfang im Auswärtigen Amt statt, bei dem zahlreiche Vertreter des diplomatischen Korps in privater Eigenschaft .anwesend waren. Nachmittags hat Tsangtsolin die Ernennung Pa n f u s zu m Mini sie r p räsi de uten ver< lanibart. Voisrare Mer des FtlÄes. Paris, 19. Juni. Anläßlich der Gnthüllimvg Äties Kriegerdenkmals in Luneville hielt Mmsterpraswestt Poincare eine Rede, in der er hervortzob, daß derGroll der Lothringer wie der aller Franzosen gegen. DeutWanjd keineswegs ewig sei. ' Wenn Deutschland, die Verarrtwortlichkeit für die kaiserliche Politik zurückweise/WüÄ« niemand das deutsche Volk für das gefallene Regiine verantwortlich nnlchen. FrMtkreich habe stets aus eigenem.Aintrieb dem Besiegten die Hand eMgegeligesiveckt,. wie Genf stnd Locarno beweisen. Deutschland aber habe erst jüngst MH Lissabon ein Kriegsschiff entsendet, das den Namen,Ms^ führt. ' . | ■ SBeitn Deutschland aufrichttz auf E l s a ß - L o t h viu - .gen verzichtet, sich, der Arsenale und Kasernen e n t ä u ß e r e, wäre dies eine Bürgschaft des FvndenA) Frankreich sei durchaus nicht vom Geiste der Rache bqj-elt es hahe niemals etwas anderes als den Frieden gepoll Und werde auch künftig nichts anderes wollen. ' Mexiko botzkottlert smeelksstzche Waren. Mexiko, 19. Juni. Das' Amtsblatt veröffentlicht das angekündigte Verbvt des Präsidenten an die ReNerungsheyörden, amerikanische Waren in den Vereinigten Staaten zukaufen. Der irrdivekte Einkaus buich rnexiÜ» Nische lAgenten wird nicht Unberfagt. Krawalle bei der Thronrede des Königs von »sloarles. Sofia, 19. Juni. Zar Boris eröffneteheute Ulster dem Wichen Zeremoniell di« LS. Nationalversammlung. mg bei der Verlesung der Thronrede der Bar die in OMiuyg verlaufenen Wahlen erwähnte, wurde er durch bchr So^a>' listen Sakaßsof.f unterbrochen. Darauf setzte ß-inohnenb e täu b en de r T u m u l t im ganzen Hanse em. Die Abgeordneten der Mehrheit schrien die Oppofitton Nieder Der König wartete das Ende des Läpmes ah und setzte dann seine Rede fort „Landesverrat" der Sraakfnrter zeltsnß. Berlin, 20. Juni. Wie die Plätter melden« ist Men die „Frankfurter Lteitung" dar Vorverfahren N«- gen Landesverrats s eröffnet worden, Das DWsmch in den Nachdruck von Auszügen aus der DenkfchM des Führers des Jungdeutschen Ordens, 'Mahvayn, erblickt.

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