Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2984 (19.6.1927)
- Date
- 1927-06-19
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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€feite 4 w. Jmri'tW? Nr.-2984 Metern in Bremsstellung stehen. Die Vorführungen geschahrn an dem Sonntag des Sarajetvoer Attentates. Kurz vor dem ersten öffentlichen Flug wurde die Schreckensbotschaft bekannt und Lire Vorführungen abgebrochen. Der Krieg verschlang die aussichtsreiche Erfindung und die Nachkricgs- dt hatte nicht die Mittel, das begonnene Werk fortzntzen. Inmitten dieser Verhältnisse arbeitete Cerrry an der -ortführuug seiner Erfindung, nämlich der Neukonstrukdon des Schwnlgenfliegers am fliegenden Motorrad. Eine entscheidende Wendung zur Vertoirklichuug trat ein, als die Gesellschaft der Schwingenfliegcr dem Erfinder Werkstatt und Geldmittel zum Bau einer Maschine zur Verfügung stellte. Hinzu kam, daß auch die Technik ein neues Mittel zur Verfügung stellte, und zwar eine n^ue Metalllegierung vom spezifischen Gelöscht 1.8, also kaum ziveimal so schwer wie das Wasser, das Elektron der chemischen Fabrik Griesheim-Elektron. Beide Umstünde führten dazu, daß die Maschine kurz vor ihrer Vollendung steht. Die gefiederten Außenteile der Flügel bewegen sich irr ditcm Ellenbogengelenk nach allen Seiten. Sie sind voneinander unabhängig, so daß der eine stärker und lveitcr schlagen rann als der andere, wenn einseitig geringerer Luftwiderstand dies notwendig macht. Gleichzeitig breiten sich die Federn aus, wodurch die wirksame Fläche vergrößert wird. Ebenso arbeiten die Flügel und Stabilisatoren einem Windstoß. Daraus folgt der äußerst wichtige Vortell, daß das Flugzeug mit einem neuen Flugzeugführer ebenso gut fährt wie mit einem geschulten. Er kann nicht stürzen, selbst wenn er rvill. Die Landung würde mit abgestelltem Motor erfolgen. Bei günstigem Wind ist selbstverständlich auch die Möglichkeit gegeben, weiterzusegeln, und durch eine Hrlfssteuerung kann man die Fahrtrichtung und Höhe beliebig beeinflussen. Ist der Boden erreicht, wird durch Umschatten dieselbe Maschine als Motorrad zur Heimfahrt benutzt. Das Gesamtgewicht beträgt 70 Kilogramm, die Spannweite 7 Meter. Mit zusammengeklappten Flügeln wird nicht Mehr Raum benötigt als für ein Motorrad mit Beiwagen. Die Verwendung vor: Leichtmetall, besonders aber die künftige Kraftausnutzung durch die bewegten Flügel lassen die Stärke des Motors relativ nahezu auf jene Kraft sinken, welche ein Vogel zu seinem Fortkommen aufwenden muß. I Die großen Vorteile an Leichtigkeit und Billigkeit, die eöt soWes Fahrzeug mit sich bringen dürfte, lasser die VerwrrklfthDNg des Gedankens, daß es möglich sein wird, auf dreft Werse zu einer Art Flugzeug für jedermann zu komme^ als wünschenswert erscheinen, und man hofft sogar, muH dieser Umkonftruktion zu einer Serienherstellung der MaWrw,M>Mlangyr. _ __ 1 Seht Ring mehr durch die Rase. VorrHlag des Kolontalmimtters und des Kvl'Lgsnrmhiers Hirt die französische Regierung alle freiwilligen BerMmMielungen, die Der Negerstämmen in den französischen Kolonien üblich sind, bei Androhung strenger Strafe unterlagt. Besonders in Französisch-Kongo und in Französisch- Westafrrka wurden durch solche Verstümmelungen vor allem die Frauen in unglaublichster Weise gepeinigt. Man durchbohrte ihnen die Nase oder die Unterlippe und feilte ihnen bei Manchen Stämmen die Zähne spitz, was ihrem Schönheitsideal entsprach. Alle Ratschläge nnd Drohungen der französischen Kolonialbeamten blreben wirkungslos. Tie Regierung hat jetzt deshalb eine Verordnung erlassen, nach der solche Verstümmelungen von nun an mit Gefängnisstrafen von Lwei bis.fünf Zähren belegt werden. .Eltern, dre khre^Töchter Jd veKümMeln. werden mW Luchthaus von fünf bis zehn Jahren bestraft. ganz tiefgreifender, reformatorilscher Wirkung. Schon allein innerhalb der wechselnden Moden und Richtungen die wunderbare Entfaltung der schauspielerischen Kräfte, deren erlauchteste Namen ja jedem bekannt sind unfo deren Stammesherkunft wie die Einflüsse ihres Milieus und ihrer Landschaft ebenso interessant sind, als ihre Entwicklung und ihr Anstieg zum Ruhm, böte ein ungeheures, buntes Ausmaß aufschlußreicher und vergleichender Beurteilung. Am schönsten aber — weil siegreich Wer jeder Spaltung stehend und jeden Einwand, jeden Rassegegensatz, jeden üblen politischen Einschlag glorreich überwindend — ist das ethis che Bekenntnis des Juden zur Kunst, besonders des deutschen Juden zur deutschen Bühne. Ihre magische Anziehung schmückt und bereichert jüdisches Leben feit den Tagen erster Befreiung aufs schönste und unzerstörbarste. Ein wundervoller Zuwachs für Haus und Familie, eine kostbare Vermehrung an Vätererbe Und Vätersitte. Ich habe in dem Kapitel Otto Vrahm meines Buches „Unsterblichkeit des Theaters" ein wenig durch die Fenster und in die gute Stube solcher kunstbeschenkten jüdischen Häuslichkeit blicken lassen. Auch ein wenig den Vorhang aufgehoben von manchem Hevzensgeheimnis, von manchem schmerzlichen Konflikt, wo die allzudichte Verbindung Zwischen Wirklichkeit und Kunst zu Bruch und Riß führen mußte. Väterwille und Kindevwunsch stehen dann oft feindlich gegenüber und Zwischen ihnen eine zarte, sorgenvoll bekümmerte Mutter, hier Vertraute und Trösterin, Dort demütig Herz und Haupt der Last der Vovwürfe beugend und bietend. Die sittliche Sehnsucht, die jeden Juden von Wert seit jeher tief mit dem Theater verbindet, die viele und viele Veste ganz versponnen und dahin gezogen hat, ist das Schönste und Reinste an dieser alten, erprobten Nachbarschaft, und hat beiden Teilen, dem Judentum und dom deutschen Theater, viel Glück und Beglückung gebracht. Jfe schlimmen gudev." Von C. A. Loosli. Der bekannte Schweizer Schriftsteller laßt unter diesem Titel im Verlag des Pestalozzi- Fellenberg-Hauses, Bern, eine „Auseinandersetzung eines Schweizers mit Semiten und Antisemiten" erscheinen» die. folgende Ausführungen über den Anleil der Juden am schweizerisch en Kulturleben enthält. Zu einer Zeit, wo der Dichter Hermann Hesse, den wir Schweizer seit vielen Jahren mit Stolz urü> Liebe zu zu den unfern zu zählen gewohnt sind, noch jung, unberühmt, unbekannt war, stieß er auf -einen deutschen Verleger, einen Juden namens Saul Fischet, der ohne weiteres erkannte, daß der junge Dichter »chtes Gold ausmünzte. Er bot ihm seinen Verlag, damit auch den Weg in die Herzen derdeutschlesenden Völker an, in einer so hochherzigen, so verständnisvollen Weise, die Hoffe selber beschrieben Hat, wie sie sozusagen einzig in der SchristtumsgeschWe unserer Tage dasteht. Damals, als unseren schweizerischen Landschaften durch cmpörcnde Zweckbauten, barbarische Zerstörungen altehrwürdiger Baudenkmä er aller Or!«n, durch Plakatpest Nnd Ungeschmack cix .ijo rettungslose Verwüstung drohte wie heute etwa dem musikalischen und poetischen Feingeschmack durch die Radroseuche, erschallte der Weckruf rittet}-einem Schweizer angeheirateten Französin durch unsere Gaue, dem, kerritivillig begeistert, Künstler, Schriftsteller, Bauleute, Gebildete aller Stande Folge leisteten, zur Gründung eines die Hunnenverheerungen eindämmenden Buttdes. Mer eigentliche Stoßkraft und Wirkung erhielt die Schweizerische Vereinigung für Heimatschuß erst, als der deutsch-jüdische Dr. Baer ihn gliederte, seine Zeitschrift ausbaute,'unserem Volke nicht bloß für die Gebrechen seiner Heimatgesittung die Augen öffnete, sondern auch Wege zu neuen Schönheits- und Schasfensverwirklichungen lvics, auf denen unser neuzeitliches Kunstgewerbc, das des Schweizerischen Werkbundes, sowie unsere zeitgenössische Baukunst, die des Bundes schweizerischer Architekten nnd ihrer Nachfahren fußen konnten. Roch sind es keine zwanzig Jahre her, da galt in deutschen Landen das von Wilhelm Scherer verkündete, von Erich Schmidt ausgebaute und von ihren wenigstbegabten Jüngern eifernd angewandte wissenschaftliche Evangelium der zergliedernden Schrifttumskunde. Laut dieser war etwa mit Goethe jedes deutsche dichterische Werden schlechtweg ab-, geschlossen. Zn jener Zelt galt Spittele rnicht als Dichter. Das Lebenswerk I. B. W id m a n n s, .ihn seiner Mitwelt zu offenbaren, schien vergeblich gewesen zu sein, und wenn schließlich auch die Schrift ^Weingartners den Schön? Herten der Spittelerschen Dichtungen zum Durchbruch verhaft, so blieb dessen Gemeinde dennoch klein und von den hvchmögenden Schrifttumspäpsten mit Acht und Bann, belegt.' An keiner deutschen Hochschule durste Spittelexs Name, wenn überhaupt anders als mit dem vorgeschriebenen Achselzucken ausgesprochen, in keiner Literaturgeschichte ohne hätnisch herabwürdigende Beiworte genannt werden. Da war es der jüdische Privatdozent, jetzt Prof. Jonas Frankel, der als erster auf deutschem Sprachgebiets von den Spittelerschen Dichtungen begeistert, sich getraute, öffentlich über den Verfemten Kolleg zu lesen, worauf dann, namentlich als der Nobelpreis den Großen, Einsamen in Luzern gekrönt hatte, an andern als der; bernischen Hochschule seinem Beispiel gefolgt wurde, so daß auzunehm-en ist, mit der Zeit könne Spittelers Werk auch einmal geistiges Gemeingut des gesamten arischen Schrifttums, der ganzen gebildeten Welt werden. , Gottfried Keller, den wir so gern als unseren größten Natioklaldichter ansprechen, liegt seit 36 Jahren im Grabe. Sein schriftlicher Nachlaß dagegen auf der Zürcher Was ich hier ails erster unternehmen und gestalten will, ist Kulturgeschichte, die das Bilid durch das Spiegelbild ersetzt, die große Allgemeinheit, die bei der Fülle der Erscheinungen heute nicht mehr zu erfassen ist, durch einen schmalen Ausschnitt und engen Winkel menschlicher wie geistiger Kräfte in ihrer vielfachen Verbindung und Auswirkurrg. Dazu ist das Theater, weil es ja selbst ein solcher Spiegel, eine solche abgekürzte Chronik, und zwar die spannertdste und loahrste ist, ein ungemein anziehungsvoller Tummelplatz. Nur zu wohl weiß ich, wie leicht-man sich solcher Unternehmung, die ein ganzes künstlerisches Volksschicksal bedeutet, vermißt — und wie selten man die Schwierigkeiten, die hier nach allen Seiten behindern, völlig ermißt. Nichts darin soll Apologie, bloße Verherrlichung, oder gar Ueberschätzung sein, noch weniger allerdings ein Verkennen der unerschöpflichen Verdienste, die sich Juden als Schaffende, Vermittelnde und Empfangende um Auf-- stieg und Blüte des deutschen Theaters erworben. Aber es ist ein seltsam reizvolles Ziel, das mich seit Jahrerr anlockt, und dessen Verwirklichung ich mich nun endgültig nähern möchte. Ich suche dafür nicht nur den verstehenden, mitheftenden Verleger, der dieser zumindest kühnen und neuen Idee reales Leben verleihen will, sondern mehr noch wurde er mit mir nach heutigem, traurigem Muster das Publikum suchen müssen, das sich noch genug Schönheits- und Opfersinn bewahrt hat, um über hohe Vergangenheiten zu jenen Quellen zu steigen, wo uraltes Menschen- und Geistwesen sich den jüngeren, aber nicht miyder tiefen Kräften des erlvachenden deutschen Volles in freiwilliger Hingabe und sittlicher Glut vermählt hat. Ein solcher Augenblick ruhigen Gedenkens, Berweilens und Beschauens mag auch heute und vielleicht gerade in einer Zeit, die Gefüh'öe nicht liebt und gerne darüber hinwegWvmt, als kurze Selbstbesinnung rötlich und förderlich sein. « SCHKA die f^aike des eleganten Herrn VII., Kaiserstraße 123 iX., Alserstraße 6 Stadtbibliothek, wohlgehütet, wohlverwahrt. Unzählige Bände sind über den Dichter lund feine Kunst in all diesen langen Jahren veröffentlicht worden. Drei Geschlechter von Sprachgelehrten haben sich an der 'Züricher Hochschule mit ihm befaßt, haben seine Werke herausgegeben, sie haben über ihn viel Kluges und auch noch viel anderes geschrieben — ihnen allein Iwar der Nachlaß zugänglich Und nun, nach 36 Jahren, kommt Frankel und findet in diesem Nachlaß die bisher unbeachteten, übersehenen Perlen der lyrischen Dichtkunst Kellers, setzt uns einen ganzen wohlbeleibten Band vom Besten, das Keller geschrieben hat, vor, verheißt noch mehr und bietet uns, zum ersten Male, eine sorgfältige, wirklich fachkundig und gewiffetchast bearbeitete Gesamtausgabe seiner Werke, die uns Keller erst recht offenbart, die ihn nicht bloß zum schwHze.tPchfin Volksgut, . sondern zum geistigen Schatz der ganzen deutschen gebildeten Welt erst eigentlich umprägt. Statt daß wir nun dem still emsigen, grüMichen Forscher den Dank des Volkes und der schweizerischen Geisteswelt fvohen Herzens darbringen, tnschelt's und wispert's laut und leise um seinen Name» Herum: — Haut den Juden! — Den fremden Juden, der der erste war, der sich getraute, an einer schweizerischen Hochschule über schweizerisches Schrifttum zu lesen, von dem Spittelerin seinen letzten Lebensjahren bekannte, er g« be keine Zeile zum Drucken, welche nicht vonseinem treuen Freund und Gehilfen Jonas Frankel gutgeheißen worden wäre. , ' i .Die Schweiz hat ihren jüdischen Hochschullehrern allerlei zu verdanke^ Welcher gebildete Schweizer gedächte in diesem ÄlsarnmenHang nicht auch des jüdischen Professors- Alfred Stern an der Eidgenössische. Technischen Hochschule in Zürich, auf den sie stolz sein darf nnd dessen zehnbändige Geschichte Europas im 19. Jahrhundert als eine wissenschaftliche Großtat unserer 'Zeit angesprochen zu werden verdient. Alle haben junseven kulturellen Besitz um rin Erkleckliches gemehrt, viele amten noch heute in belüundernswert umsichtiger, uneigennütziger Weise an unseren hohen Bildungsanstalten, wie etwa der treffliche Pros. Singer in Bern, der tot der Spitze unseres bernischen Vereines für Volkskunde 'sicht. Nach diesem allem, das nur eine hastige Auslese dessen ist, das sich jedem denkenden und beobachtenden Schweizer Bürger, der nicht voreingenommen ist, ohne weiteres aus der Fülle seines Gedächtnisses mit mehrerem aufdrängt, halte ich dafür, daß schon etwas',Mehr als bloße Gedankenlosigkeit dazu gehört, sich über die Verjndung der Schweiz auf irgendwelchem Gebiete zu besagen. .Man inannte d böswilllgen Undank! El« gioiliftenfresser. Herr A. Ehrenft ein wendet sich in einem umfangreichen Aussatz erbost gegen die Zionisten. Mitschuldig an dieser sehr prosaischen Auslassung des Lyrikers ist der Unterzeichnete, der vor Jahresfrist im Feuilletonteil dieses Blattes' Chrensteins Buch „Menschen und Assen" besprach („Wiener. Morgenzeitung" vom 17. Juli 1926). Zwei Zitate aus Ehrensteins bemerkenswerter „Mftrtigung": ,r . . Daß ich Jude bin . . . hat nicht verhindert, daß ich . . . der deutschen Sprache, ja sogar des Denkens in einer kritischen Art und Weise mächtig wurde, die bei getverbsmäßigen Zionisten Aergernis erregt. Bei Filzläusen der Koscherliteratur, denen begreiflicherweise jedes Haar Beer- Hoffmanns bekannter sein mußte als die Gesetze der Logik und Grammatik. Ein Wesen namens O. Abeles beherzigte keineswegs meine Warnung: „Jedenfalls haben Zionisten unrecht, sich an der „Uoberfremdung" der deutschen Literatur zu beteiligen; sie wären konsequenter, wenn sie ihre Schriften jiddisch .oder Wräisch abfaßten." Der Herr ließ sich nicht warnen» versuchte, ,poutsch" zu schreiben, in einem Blatte, das sich ässimilantisch „Wiener Morgenzeitung" nennt, warf er mir unter wüsten Schimpfereien und absichtlichen, frechen, kaum durch Unkenntnis der deutschen Sprache allein hervorgerufenen Mißverständnissen, in einem Satze, der analphabetisch von „dieser Aphorisma" spricht, präpotentes Jüngeltum vor. Dem AffeleSkult ergeben, könnte er sich die Möglichkeit, in zwei Worten das Opfer solcher Druckfehler geworden zu sein, freibleibend offenhalten, aber als treuer Eckart möchte ich ihm doch lieber raten, zuerst einen daitschen Sprachkurs zu absolvieren und sich hernach mit ftineSgleichen privatim auszuschmusen, ohne den Zionismus oder mich je wieder öffentlich zum Gegenstand der Denk- Ich jeden-