Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1927-06-16 · Heft 2981 (16.6.1927) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2981 (16.6.1927)
Date
1927-06-16
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
87% known words query
IRI
…/2979076-2981905-2982069--30367-3018583
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Nr. 2981 Wien, Donnerstag Wiener Morgenzettnng W. Jrrm'WS? SsKftB : JÜDISCHE WEIT ein Mischer Kriegerdenkmal in Prag. Auf dem jüdischen Friedhöfe in Stroschnitz bei Prag fand Sonntag vormittags (wie bereits im Sportteil kurz berichtet) die feierliche Enthüllung eines Denkmals zum Gedächtnis der im Weltkriege gefallenen jüdischen Krieger statt. An dem feierlichen Akte nalMen neben den Bereinsvertretern und Angehörigen von Gefallenen noch viele Personen teil, die in langem Zuge von der Leichenhalle der Abteilung von Soldaten und einer Militärkapelle zum verhüllten Gedenksteine folgten. Nachdem' der Obmann des jüdischen Jnvalidenvereines, Popper, die Erschienenen begrüßt hatte, darunter für die Präsidialkanzlei Dr. Parkanyi und Kapitän Brodin und für die Stadt Kroupa, Dr. Stein, Pacha, Dr. Singer, Dr. Popper, sangen der Oberkantor Strauß und der Chor in -hebräischen Hymnen. Die Gedenkrede hielt Rabbiner Kraus. Hierauf sprachen noch der Ehrenpräsident des Vereines, der die Anregung zur Errichtung des Denkmals gegeben hatte, Herr Ehrlich, und der Projektant des Denkmals, Architekt Kopecky. Die Hülle fiel und cs zeigte sich «in schlichter nnd eindrucksvoller Gedenkstein. Die vielen Kränze, die vor ihm niedergelegt worden waren, beweisen die' große Anteilnahme der Bevölkerung. Am Grabe sprachen noch Kröger für die 22. jüdische Schwadron, 'Altschul für den Irrvalide nvecein und Grünhut für den Verband jüdischer Legionäre. HundertsShrlges Bestehe« des Berliner Mischeu Friedhofes. Die Bvvliiner Jüdische Genre', «de bann in ibjiicfeit Tagen das IVOjÄhvigL Bestehen 'des Friedhofes in der Schönhauser Wee verzeichnen. Ueber 50 Jahre war dies dor einzige jüdische Friedhofs der den ältesten, in der Großen Hamburger Straße befindlichen und 167,1 angelegten nach mehr als 1'övjährigem Bestand ab'löste. Am 9. Oktober 1887 wurde auch dieser, also nach kaum mehr als öOjähwger Benützung, offiziell geschlossen; der neue, noch jetzt im Gebmuch befindliche, aber auch schon Mn größten Teil belegte ° in Weißenfee wurde eröffnet. Indes finden iroch jetzt gelegentlich in Erbbegräbnissen Beerdigungen in der Schönhauser Allee stabt. So wurde erst jüngst die Witwe des hervorragenden Literarhistorikers Professors Dr. Ludwig Geiger dort bestattet. Heworvagende Poliitiöer, die hier ihre «letzt« Ruhestätte fände«, sind: Abgeordnete Eduard L a s k e r und Ludwig Ba mberger; dann Ludwig Loewe, der Begründer der noch heute bestehendvil Welitfivma; Dr. Woffgang' S <traßmann, lanWähriger Stadtverordneteuvorsteher; fermr Hugo Preu ß, der Schöpfer der Reichsoersassmvg; Prof. Lewin Goildschmid-t; Justizvat Hermann Makower, Verfasser eines Kommentars zum Handelsrecht; Pvöf. Tvaugobt Rubo, Amtsgerichtsrut und Universitätslehrer. Van Medizinern sind zu neunen: Ludwig Traube, der geniale innere Kliniker und als Jude erster ordentlicher Professor an einer deutschen Uni- 6ox xrleLt 1027 by B. Lowit Y«rlag, Wien — Leipzig jt Kohlmcrrkt geht in Wäscherin iA Stutzer schleicht -ihr nach; :Cr inöcht sie gern! begleiten, Trum stellt er an sie a Frag'« Deh isschreit glei: „G'fehlter Kintsch -Mitn Tintenrührergstell, iDu überbliebner Dorraukarpf, Du schelch verrenkts Kameel, -Du Mensch geworderter Sonnenstrahl Geh' laß mir jetzt ahn Ruhr, > Du Gigerl mitn Sunntagsgsicht, ,Du Schurster ohne Uhr, -Pojazzer aus'n Zirkus 3kenz Glaubst du ih Hab' ka Hirn, Daß -ih mrh von ahn PfrünÄner Laß nach LLahring ausserführn!" Habns a Idee? Sehng S' dehh is wecmerisch. Hollodevv! sAhn Witz, ahn Kern, so leb'n die Leut' in Wean, > BNr so ahner lAusdrucksweis Ham die Leut' Respekt, So llingt der rechte, unverfälschte Weanerdialekt." —- -Das köstliche Lied hatte alle rebelliert. Si« ließen Gustav nicht mehr zur Ruhd komnren. Er mußte alle Ärophen dieses Liedes singen NtÄ als er geendet hatte nnd wieder bei Dr. Lederer saß, erhob sich Sirowy imb ging — Hb- ■ flecrtb nnd Ledächtigt, als Merlege er — ob er's tun solle -- Ar Gustavs Tisch ürinh sprach halb beionndernd -- halb verlogen: „Wissen S' Herr, alle Achtung! -Mt so VA G'ftM nnid so schön die Mt-Heanerlieder singen und dabei — Seh entschuldigen schio — und dabei — Wiener ---- Kultusgemeinde! — Entschuldigen schon. — Nahn. — Me Achtmrg!" Er schüttelte Gustav die Hand' und ging wieder zu seinem Tisch zurück.-. Dr. Lederer blickte Gustav an. „Nun?" meinte er., ,xHab' ich nicht recht gehabt?" — „Warum? Was ist denn dabei, ivenn er das gesagt hat. Ich bin ja ein Jude H —■ — Alber im Grunde seines Herzeus war es ihm nicht recht; Mr schÄntoersich, dies einZugesteherl. —^— — vc-vsttät; die Professoren Senator, Waldenburg und Josef Meyer. Hier fand sein Grab auch der Kunsthistoriker Prof. Dr. Ju'lius Lessing, der erste Direktor des 1883 ins Leben getretenen Kunstgewerbemuseums. Auch eint Künstler von Weltruf hast hier seine letzte Ruhestätte gefunden: Es -ist dies der in Paris verstorbcme Komponist der Opern „Der Prophet", „Die Hugenotten", „De Afrikanerin" usw., Giaeomo Meyerbeer. Er liegt in dem Erbbegräbnis der Familie Beer, in dom sich auch das leere Grab seines' im München verstorbenen und dovt bestatteten Bruders, des ,Mvuensee-Dichters" Michael Beer, befindet. — Ueber 32.000 Tote birgt dieser Ruheplatz. Der Prstfident des B'nel B'rtth-Srdens kommt na>>8«ropa. Aus Ncw yor k melln» I. T. A.: Herr Alfred M. Cohen, der Präsident des Weltordens Bnei Drith, hat tan Bord des „Leviathan" die Reise nach England angetretcn, um an der in der nächsten Woche stattfindenden Tagung des englischen Distrikts des Ordens teilzunehmen Herr Cohen wird von seiner Tochter nnd deren Gatten Dr. Louis Mann, Professor an der Universität von Chicago, begleitet. Der Sr»e» BrW Mchiim. Am t2. Juni wurde in Saratoga Springs die 41. Jahreskonferenz des Unabhängigen Ordens Brich -Abraham, des größten jüdischen Ordens in Amerika, eröffnet. Rund 1200 Delegierte und tausende Gäste waren anwesend. Richter Gustav Hartmann, der Großmeister des Ordens, führt den -Vorsitz. Cattani Pascha vertritt Aegypten ans dem Handelskongred der Parlamentarier. Der frühere Finanz- und Verkehrsminister Aegyptens, Joseph Cattani Pascha, Präsident der Jüdischen Gemeinde von Kairo, wurde zum Vertreter Aegyptens auf dem im September iht Rio de Janeiro tagenden Handelskongreß der Parlamentarier bestimmt. zwei Wische Studenten in Cambridge tSdttch verunglückt. 1 Zwei jüdische Studierende der Universität .Cambridge, der 24jährige Israel Brodetsky vom Caius College uud die 19jährigci Olga Libovrtz vom Girtou College, wurden bei dem Auto zusammen stoß in der Great North Road getötet. Zwei andere junge Studierende, Grace Cohen vom' Girton College und Osja Girsavicius vom Caius College, die sich ebenfalls in dem Unglücksauto befanden, erlitten schwere -Mrletznngen und wurden ins Krankenhaus gebracht. Der getötete Israel Bcodetsky ist ein Bruder des bekannte«! Zionisten Prof. Selig Brodetsky von der Universität Leeds. Girsavicius ist . der Sohn des litauischen Generalkonsuls in Berlin. i Der Westjrrde, besonders' der in -Wen geborene WestjMe, ist ein eigenartiges Geivächs. Er hat durch unbewußte lAissimilation seine Ursprünglichkeit verloren. Vielleicht nie besessen. lEr q'uält am Scheidewege: ob Jude oder Wieners vergebens sein zerrissenes Herz. — Warum? -- Es ist so einfach iünd doch so schwer zu sagen. —: Es steckt, es lebt in jeden: Menschen, sogar in dem verstocktesten IMristokraten ein Trieb znm Einfachen und Natürlichen. Natürlich und echt ist aber nur das Volk. — — Wohin soll nun ein Wiener Jude — soferne er nach inn«n blickt siüchten? Wohin anders, als züm Mener Volk? Denn -— wir Westjuden haben kein Volk! — — Wißt Ihr, was ich unter Volk meine? Das Edelste, das Beste. Jenes Volk, das wegen seiner darben Geioohlnheiiten von der Gesellschaft gemieden und — wenn der Mensch sich erheben! will — wieder gesucht wird: In seinen Liedern,i in seinen Märchen, Sagen und sogar — wie sonderbar ist der -Mensch -— in seinen Gebräuchen! I Volk — in diesem Sinne — Men wir Westjuden nicht; weil wir entwurzelt sind. — Die Ostjuden' — ja, die haben ein Volk. — Zunächst macht es dem Ostjuden keine Beschwer nnd keine Gedanken: Ob und daß er ein Jude sei. — Er kann nichts anderes sein. Das Nationalbewußtsein ruht in chm, wurde mit ihm geboren und durch die Bolksgebräuche — die M-- dischen Bolksgebräuche — verstärkt und verankert. — Das Nationalbewußtsein des Westjuden — wenn er schon eines besitzt — wurde ihnr aufgezwungen, weil ihn di« „Deutschen" nicht mochten! — — Die Bemerkung Sirowy s — so lieb Nnd Armlos sie auch gemeint war — hatte Gustav verletzt. — „Wavmn sprichst du nichts?" fragte Dr. Lederer. „Was soll ich denn reden?" antwortete Gustjav. ' -Dr. Lederer, toar — trotz seinen kleinen Bosheiten — ein guter Mensch. Er begriff die Verstinnnung Gustavs ünd fühlte mit chm. -- Er rückte näher zu chm nnd sprach innig Nnd mit Teilnahme: „Ich geb's ja Kn. Die .Mener Am besten sind doch die Ceschka-hüte VII., Rahersfrefii 1*3 WIEN L.,I Alsersfrafie Nr. 6 Lieder sind schön und du singst sie gut und du lebst dich wirklich hinein! Mer warum? Warunr — Mäutner! Warum — Mautner! in etwas Fremdvs hineinleben, warum nicht in die Kunst unseres Volkes? Sind unsere jüdischen Volkslieder nicht schön genüg?" — „Was soll ich ttüt diesen Liedern anfangeu?" rief Gustav. „Sie sind mir fremd, so wie die polnischen Juden!" — „Was? Deine Brüder sind dir fremd?" — „Ja. Weil ich ihre Sprache nicht verstehe. Ich kenn' ihr Leben nicht. Ich weiß nichtwas sie denken nnd fühlen und..." — „Das brauchst du auch gar nicht! Ihre Lieder sollst du singen." „Mer Mensch! Mensch!" rief Gustav heftig, denn mm loar der Künstler bx ihm enipört. „Mensch! Hast du denn gar keine Mhnuug, was Kunst ist! Me kann man denn ein Lied singerr, wenn m-air darin nicht zu Hans ist? Verstehst du das nicht? — Ta in Wien bin ich zu Haus, da Hab' ich kals Kind gelebt, in Erdberg bin ich m die Schule gegangen; ja sin iErdbevg..." wiederholte er Nnd es durchzuckte ihn ein tvenig Schmerzlich die Erinnerung an. den ersten Schultag. „Und spater bin ich in die Tanzschule gegangen Und dann! bei den Bolkssängern und wo immer ich gewesen bin, war ich unter Wienern und M' wienerisch gesprochen! -— Und den Jargon? — — Ach Gott! Den Jargon versteh' ich gar nicht.* — „ Es sind doch deine Brüder." ~ (Fortsetzung folgt.) . Bühne uud Kauft. Ferdinand Crl — der neue Letter de» Raimund-Theaters. In dei gestrigen Ausschlußsitzung des RaimundHeatervereines wurde die Mitteilung, daß in der kommenden Spielzeit inl RaimundHeater das Volks stück gepflegt werden soll, zustimmend zur Kenntnis genommen; ebenso auch die Mttteilung des Direktors Dr. Bee-r, daß er als künstlerischen Leiter Direktor Ferdinand Exl bestellt habe, der mit seinen Schauspielern dieses Programm verwirklichen wird. Me Eröffnung erfolgt am 2. September mit Langmamrs Bolksstück „Bartel Turaser", daran schließt ein sich üher drei Monate erstreckender An zengruber-Äyklus. Es sott ein eigenes Monnement aufgelegt werden, das zu außerordenttich günstigen Bedingungen monatlich den Besuch zweier Vorstellungen im Rainnrndtheater und einer Vorstellung im Deutschen Bolkstheater -ermöglicht. Renaisfancebühne. Vom LustspiwWoaitLr in die Renvissancebühne verpflanzt, hat auch hliar der dsvö-lnstige Bauernschwank „Die Keuschheitskommission" dir Pflicht eines Sommerstückes Midlich erfüllt. Der Grundgedanke wörkte durch iriine Oril-ginalAät, dir mitunter sehr gewagten Spässe und Emdeuitigkri'tM wurden von dem zahlrröchrn PuD-Wum, das sich ausgezeichnet unterhielt, mit stüvm'ischer Heiter-keit und Befall quittöerlt. Bon den Akteuren zeichnstan sich besonders Hansi Niese-Jarno Äs prächtige Kellnerin Leni und Hugo R'ied'l als biederer Dorfpfanrer aus. Schuleraüend Viktor Fuchs. Der treffliche Gesangslehrer und Stimmbildner veranstaltete im Kleinen Musiweremsfaaile feilnen zweiten diesjährigen Schülembend, der hohes. Niveau hatte. Besonders hervorzuheben ist die schon' reffe Gesangskunst der Frau Eugenie Kreitler, die mit dem Bortra-ge von zwei Liedern Erich Hillers großen Erfolg hatte. Aber auch die anderen Darbietungerc des Llbends, insbesondere die Lieder¬ und Arienvorträge o-er Herren Eislitzer, Frankl, Grünborg und Pechaczek, sowie -der Damen Butschet, JeII i nek, Singer mrd Szameik, fanden verdiente» Beffall. Aus de« Theater«. i Buvtzt'yeater. Morgen, halb 8 Uhr Chairolais" (Theatergemeinde S^ie C). , Operniheater. Morgen, 7 Uhr „Dite Züüber»- flötc" mit Gitta Alpar von der Stawsoper in Berlin als Gast. Theater in der Josefsiadt. Die nächste! NovLät ist das Schauspiel „Maske und iAntlitz" von Luigi CMärei li. Kamm erspiele. Infolge technischer -Borüeroiturtzen für dis Freitag-Premiere von „Ein ganzer Mann" findet heute keine Vorstellung statt. Die für die Donnerstag Vorstellung gelöster Karten werden gegen Karten für die Premiere am Freitag umgetanscht. e Post nach Pole« befördern Sie am sichersten und schnellsten als Anst-po st. Een Brief kostet 60 Groschen. Die Luftpost kann bei allen Postämtern und am Abflugtag« bis 7.20 früh beim Hauptpostamte aufgogeben werden. Bisher 305.000 Briefe befördert. ' WIR bitten unsere Leser u« Freunde» in Kurorten u. Sommerfrischen in allen Restaurants» Kaffeehäusern und Lesehallen stets unser Blatt su verlangen ^eeeeeeoeeeoeooooeoooeoeoooooeijeeeeeoeeeaoeoofweeQocioeeoeeeeooeoeieeeqeoeeeoooe» Der $ohn des Moses Mautner Ein Wiener Roman von Leopold Hichler, (59. Fortsetzung.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.