Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2981 (16.6.1927)
- Date
- 1927-06-16
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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3&fefter MVLyeryMrms m. JE"W27 Wkm,' Donnerstag Nr. 3981 Jer Prozeß gegen den Warschaner Sefandtenmörder. Ja« Brrfahreu vor dem Standgericht. England in Aegypten. —y, Men, 16. Juni. Der englis^-ägyptiM Streitfall nnrd in aller Ruhe »midiert. Tie Malta-Division, die vor Aleraiidrien steht, soll schM in der wichsten Zeit zurüchnzogett werden. Das Auslaustn der Kriegsschiffe ailo Malta hatte großes A«> sehen erregt, rvell es nur Tage nach dem Bruche Londons ,nit Moskau verfügt ivordcn imr. Es lvlurde als Kriegsmüßrcgrl gedeutet, und Marrnestraiegen der deutschen ReHkspreise wärmten bereits die Geschichte der großen Seeschlachten Ittus. Die Schiffe waren nach?legypteil beordert worden, wo die politischen Verhältnisse wieder in Spamrung geraten waren. Die Kammer hatte das vertragsmäßig zu Recht bestehende Gehalt ftir den englischen Armeekommmidanten gestrichen und die Regierung hätte die Lokalbehövdc eines Dorfes gemaßregelt, well sie derr carglischen Oberkomnnsiär Lord Lloyd Fu freundlich begrüßt hatte. Da? rvareir äußerliche Momente, entstanden ans einer gereizten Stinummg und vtus den sich immer heftiger entfaltendem Unabhängig-' kellstendenzen. Diese Dleußerlichkeiten scheinet^ nmr beigelegt, aber am Wesen des Konflikts ist nichts geärgert worden. ' . Es besteht sicherlich ein 'Zusanmlenhmig dieses Falles mit dem anglo-russischen Konflikt. Die ägyptischen Natiostast listen, die sich ja inr Besitze der Karnmermehrheit befinde.-, sehen England in einer Weise engagiert, die seine gc'antenl materiellen Und politischen Mittel absorbiere und i: rrchme-l die Gelegenheit wahr, an da? von Lloyd George uninittelbar nach dcnr Kriege abgegebene lluabhängigkeitsrersprechyn zü erinnern und die Erfüllung zu betreiben. Es gibt wahrscheinlich direkte persönliche Verbindunsen zn'i'chen der nationalistischen Partei und der Sow etco.ntit foltric zu allen Stellen, die ein Interesse an der Schwächung Englands besitzen. Wer es wäre falsch, eine Ursache mnunehmen, wo lediglich eine Wirkung vorliegt. Die Acgypter wehren sich gegen den Fortbestand der Okkupation, deren Trnppen seit 1882, also fast schon ein halbes Jahrhundert lmrg, inr Lande stehen. Sie empfinden cs schmerzlich, daß die Stellung Englands im Sudan und feine Beherrsch!!,rg des oberen Nils einen stetig ivirkeuden Druck auf Aegypten erzeugt t.at. Trotzdem war es auffälligdaß sich der Führer der Nativ-, nalisten, der alte, wiederholt gemaßregeltd Zaghlul, in dem gegemoärligen Streit um ein Konrpromiß bemühte rmd die von seiner Partei so heftig angegangene Regierung unterstützte. Vielleicht trugen die Kanonen der vor A'eraUdrien liegenden. Dreadnoughts zu dieser Entscheidung bei. mehr aber iroch' die reale Erwägung, daß es England heute mehr denn je auf beit Schutz des Suezianals., ankouune und daß es niemals auf diese Schlüsselstellung 'einer 'Wettmach: verzichten werde. Aegypten allein kann dies nicht ändenr, und ob sich einmal eine. Konstellation ergibt, die Eng Änd aus dem Mittelmeer vertreibt, ist zumindest zweifelhast. Es muß also eine auf die Zukunft bedachte Politik den Weg des Vergleiches gehen und die Mittel suchen, die im Augenblick eine Erleichterung schaffen. Sie scheinen gefunden zu sein, und der Oberkommissär hat, nach einer Londoner 'Meldung, die Erklärungen Aegyptens, deren 'Inhalt noch nich: belamit ist/als ziemlich znfriedenstellendbezeichiet. I Verschiedene Presseaußerungen der letzten Zeit lassen annehmen, daß es sich nm die endgültige Bestimmung der Angehörigkeit der Sinai-Halbinsel haridelt. ägyptische Politiker scheinen sich mit dem Gedanken zu befreunden, dieses Gebiet an das palästinensische Mäi'datslcmd abzutreten. Ties würde England die .Möglichkeit geben, die Sicherung der Straße nach-Indien außer Zweifel zu stellen. Damit würde aber Mch für England die Notwendigkeit entfallen, ferne Gruppen für die Zukunft in Aegypten zu belassen und das VerhAtnis zwischen den beiden Beteiligten könnte freier imh unbefangener werden. Da England auch inr Sudan verbleibt,' kann es eventuelle Offensivgelüste seiner Gegner, die sich die arabisch-ägyptische Spannung zunutze machen wollen, jederzeit in Schranken hatten. Eine solche Lösung des Konfliktes isst ziemlich plausibel. Ob sie erfolgt, ist einstweilen noch unbekannt. Sie findet sicherlich auf beiden Seiten Widerstand. Die ägyptischen Araber würden darin eine Stävkupg der jüdischen Position in Palästina sehen, allerdings nur eine sehr akademische. Für die englischen Machtpolitiler wäre ein ähnlicher Grund der Ablehnung vorhanden, beim der Alzug aus Aegypten wäre immerhin ein Abzug, und das ist heute, wo das Prestige eure solche Rolle spielt, eine sehr gowichtige Angelegenheit. Letzten Endes wird aber auch in En £* land das Moment entscheiden, daß die Lebensader des Kanals von Suez ein Opfer an Prestige rvert ist. biue Entkeime Seipel—Benesch in Karlsbad? Prager Blätter verzeichnen di« Meldung, baß Bundeskanzler Dr. Seipel gelegentlich feines Kuraufenthaltes in Karlsbad mit dem tschechosiowakrschen Außenminister Dr. Benesch eine Begegnung haben werde, di« möglicherweise über den Rahmen xinxs Höflichkettsaktes hinausgehen werde. HiM. erfahren wir von wohlinforrmerttw «Aelle, daß das Svmmerprogramm des Bundeskanzlers Dr. Seipel, dessen Befinden übrigens ein ganz vorzügliches ist, im Moment noch gar nicht seststeht. Erst wenn der Natronalrat seine «Sommerferien antritt — und dies dürste kaum vor dem 25. Juli geschehen — wird der Bundeskanzler seine Dispositionen treffen. Entschließt sich Dr. Seipel für einen Kursebrauch in Karlsbad, soküme aber jedenfalls einer etwaigen Begegnung Dr. SpFprts mit Minister Dr. Bom-aW lßdjgEch der Charakter eines H-öPlichfko^tD' besuch^Asu- -- ’ >Wa rf ch a u, 16. Juni. . (Dfch. P.-B.) .Heute um 10 Uhr vormittags begann im Warschauer Bezirksgericht im st a n d g e r i ch t l i ch e n Versah r e n die Behandlung gegen den Mörder des sowjetrussischen .Gesandten Wcxjkow, Kowerda. Den Vorsitz des Tribunals fuhrt der Vizepräsident des Bezirksgerichtes in Warschau, Gaminski. Die Anklage vertritt dar Staatsanwalt des Älppellationsgerichtshofes, R u d n i c k i. Der Angeklagte wird von einem Wilnaer unb dr^i Warschauer Rechtsanwälten verteidigt. Der Gerichtshof hat auf Antrag der Staatsamvaltschaft 16 Belastungszeugen und auf Antrag der Verteidigung , sechs EntliastumgsAMgen, darunter die Eltern des Angeklagten, vorgeladen. Dsr Gerichtssaal ist vom Publikum und den zahlreich erschienenen Vertretern der in- und ausländischen Presse dicht gefüllt. Bei Beginn der Verhandlung teilt der Vorsitzende mit, daß der als Zeuge vorgeladene ehemalige Geschäftsträger in London, Rosengoltz, nach einer Mitteilung des Außenministeriums erst abends in Warschau cintreffen werde. Der Vorsitzende überprust sodann die.Personalien des Attentäters Kowerda, der unter anderem erklärt, er wisse nicht, welche Staatsbürgerschaft er besitze. Auf die Frage des Porsitzenden, ob er sich schuldig bekenne, antwortete Kowerda mit lauter und fester Stimme: Ich bekenne mich zur Tötung Wojkows, atzsr nicht zu dür Schuld. } Der Angeklagte schildert hieraus den Verlauf.des Attentats und erklärt schließlich,'er haÜe Wojkow für d a s g e t ö t e t, w a s d i e B o I s ch e w i sten in Ru ßl a n d getan habe n. Nach dem Verhör Kowordas begannen die Zeugeneinvernahmen, die um 3 Uhr beendet waren. Kowerdas Vater erklärte in seiner Aussage, daß er-.nach Kriegsende von der bolschewistischen Regierung mobilisiert wurde und in den Reihen der Roten Armee gegen Polen kämpfte. Nach dem Rigaer Frieden habeer sich nach'Polen begeben, wo sich seine Familie befand. Früher habe er London, 12. Juni. (JT.-A.) Zu Ehren des hier wellenden Präsidenten des American Joint Distribution Committee nnd Mitglied« der Jewish Agency-Kommisfion für Palästina, Herrn Felix M. Marburg, gab die Zionistische Exekuttve ein Frühstück. Die Veranistaltung wude von Dr. Eh. Weizmann geleitet. Man bleckte unter den Anwesenden den früheren Brzekönig von' Indien Marquis vvn Reading, den früheren Oberkommissär von Palästina Sir Herbert Samuel, den früheren brttischen Innenminister Sir Alfred Mond, ferner den Unterstaatssekretär für die Kolonien Sir John Shuckburgh, James de Rothschild, Bernhard Baron, I, Cowen, Dr. M. D. Eder, Dr. Berthold Feiwel, Dr. G. Halpern, I. Raiditschp Dr. Felix Rosenblüth, Pinchas Ruthenberg, Otto M. Schiff und I. Sprinzak. Auf die Begrüßung durch Dr. Weizmann erwiderte Herr Marburg mit einer Ansprache, in der er auf seinen ersten Besuch in Palästina, als noch Sir Herbert' S amuel Oberkommissär war, zu sprechen kam. Er habe damals mrchhaMgo Eindrücke empfangen, die während d es zw eit«n Besuchos, den er eben in Palästina gemacht hat, noch'v er stärkt worden sind. Sie wissen, meine Herren, fuhr er fort, daß ich gerade eine Welteise beendet habe, die mich auch nrach der Krim . geführt hat. Ich werde zwischen der jüdischen Arbeit in Palästina und derjenigen in der Krim Vergleiche nicht anstellen. Ueberall könnten und sollten wirtschaftliche und hrrü>- wkrtschastliche Arbeit von Juden gemacht worden,, abpr nur in Palästina verbindet man diese Arbeit mit geistiger Wilodergeburt. > Ich war selbst in der Lage, den großen Fortschritt sowohl in der landwirtschaftlichen Kolonisation wie im geistigen Leben Palästinas feststellen zu können; ein leuchtendes Beispiel ist die Universität zu Jemsalom. - ' j Herr Marburg bemerkte, er sehe unter den Antdefenden mit Freude Herrn Ruthenberg, der das Werk der ElektrifiLterrmg Palästinas leitet, ein Werk, das allen Einwohnern nnmtbchrlich ist und auf das niemand mehr wird verzichten tvollon. freue ihn auch, zu wissen, daß dre erst«Gruppe der Sachverständigen der Gemeinschaftlichen Palä- Mabmünisfion Leretts im Lände N In ihrem Bericht wftt> die Kommission ein Programm für larllMyrtschast- Wche-«»d.andere Unternehmungen anfftellen, dw j**~i tuairfiüfw At&m «Vofeiwt D»M'''WW>WW der russifchar sozial - revolutionären Partei an gehört und war.auch einige Zeit Mitarbeiter von Doris Sa Win« k ow gewesen. Der Redakteur der Zeitung, in tvelcher Kowerda Mitgearbeitet hat, stellte dem Angeklagten den besten Leumund aUs. VN; Nach Wiederaufnahme der Verhandlung wurde der Angoklmpte Komerda «ernommien, der unter anderem folgendes erklärte: Als der bolschewistisch!' Umsturz erfolgte, besuchte ich das Realgymnasium in Samara. Im Jahre 1919 bin ich nach Polen zurückgekommen. In W i l n a geriet ich in eine k o m m u n i st i s ch e Umgebung, und lernte dort die negative Seite der bolschewistiischen Ideologie kennen. In dieser Zeit entstand in, mir die Absicht, den Kampf gegen den Bolschewismus zu beginnen. Im vorigen Jahre wollte ich zu diesem Zwecke nach Rußland auf illegalem Wege zurückkehren. Da dies nicht gelang, war ich gezwungen, mit einem legalen Paß Rußland zu tt* reichen. Als dieser mir abgeschlagen wurde, beschloß Ich, zum Zeichen des Protestes, den Gesandten Wojkow zu töten. Ich b c d a u e r e sehr, diese Tat in Pole« voWracht zu haben, denn ich wollte Polen, das ich al? zweite Heimat betrachte, in keine VerlegenHeit bringen. Meiner politischen Gesinnung nach bin ich kern Monarchist, sondern Demokrat. Ich ziehe jedoch in Rußland jede andere Staatsform dem Bolschewismus vor. Nach der Vernehmung KowerdaZ trat eine Verhandlungspause ein. Nachher «begannen die Plädoyers. Eine Hinrichtung in Minsk. Berli n, 15. Juni. Wie die Blätter melden, ist nach einer Nachricht aus Minsk der polnische Oberleutnant I a n i, der der Urheberschaft an der E r mo rd u ng d es Leiters d er G. P. U. (Dscheka )und der Spionage zugunsten Polens beschuldigt trnttbe, zum Tode verurteilt und gestern früh h i nge rich t e t worden. zu begründen fern werden. Zur Ausführung NesK Werkes im nächsten Jahrzehnt wird sich di« gesnmle JMdenheit vereinigen könneru . ' i Ich stehe unnftttelbar vor meiner Rückkehr nach i!LM)vrk und werde bei meinem Eintreffen dort sicherlich keine lAustvengungen scheuen, um das von Dr. Weizmann erfolgreich begonnene Gmgungswerk fortzuführen. Sir Mfred Mond erklärte, es sei kein Geheimnis, daß Dr. Weizmann und seine Mitarbeiter durch di« üb«--rgroße Knappheit der finanziellan Mittel' in ihrem Werk behindert sind. Sie haben eine wirkliche iWministration gesch>affen, ohne das Mittel der Besteuerungsondertz auf der Gruridlage freiwllliger Spenden. FrorwMge «Subskriptionen sind aber unsicher. Wenn schon unter solchen schwierigen Umständen soviel geleistet wurde, so muß mav zugeben, daß Dr. Weizmann, der nun au uns herantritt und an unseren Beistand appelliert, damit er das W«rk sortsühren könne, nun ohne jeden Bm^ug und ohne Ernschrünkung die geforderten finanziellen Mittel erhalten müsse. Dem Lunch ging eine kurze Sitzung der Exekutive der Zionistischen Weltorganisation voraus^, an der Herr Marburg teilnahm. PalWna ans dem Zuternationalen Gewerkschastrlongreß. Jerusalem, 13. Juni. (I.T.A.) Die allgemeine palästinensische Arbeiterföderation (Histadmth) wird auf dem am 1. August in Paris zu eröffnenderr Internationalen Gewerkschaftskongreß durch Ben Zwi,, Ben Gur-ion und Dr. Arlosoroff vertreten sein. Bon Pcnüs begeben sich die palästinensischen Arbeitervertreter nach «Stockholm zur Teilnahme an dem Jnternattonalen Kongreß der Berufsgenossenschasten (Kooperativen), der am 16. Mgust erSffnrt wrw.; , Republikanischer Sieg in Frland« London, 14. Juni. Das endgültige E-rgoLni s der irischen Wahlen mit Ausnahme der, Wahlresultate . der beiden Universitäten, di« morgen bekanntgegeben werden, ist folgendes: Regienmgspartei 43 Mandats Republikaner 44, Arbeiterpartei 23, Unabhchlgige 12, Faxmev 11^ NeLnere Gruppen 1LsOj L%n Felix Marburg bei der zionistischen Äekntive. Sine Rede Wer dar PaMiuawerk und die Slnignug der Zudeuhekt. «0