Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2975 (10.6.1927)
- Date
- 1927-06-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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.» [Preis 20 0 | Redaktion, Administration: Wien, II., Taborstr. 1 Telephon 44-0-38, 43-3-19 Telephon ab 6 Uhr abends 38-5-80 Serie, ab */a9 Uhr abends 38-5-83. Druckerei: VII.. Lerchenfelderstraße 1 („hm") Wdenund Oesterreich durch PoBt oder Verschleißsteilen monatl. 6 Schilling. Bezugsbedingungen für das Ausland im Innern des Blattes. Nr. 2I7S Wiener Morgenzeilung BESUCHET Mt Wiener ßathauskellerl Die Gemütlichkeit der guten alten Zeit. Wer kommt, wird wieder Stammgast f Volkstümliche Preise! Mittags - Menüs ä S 1*50 Direktion: OTTO KASERER Wien. Freitag. 10. gttnf 1927 (10. Siwan 5687), 9. Zahrgang Polens Antwort an Rußland. Weitgehendste Bereitwilligkeit zu einer Kntfchödignng. - Ablehnung jeder Schuld. Hoffnung aut Beendigung der Liskulston. Im redaktionellen Teil enthaltene entgeltliche Mitteilungen sind durch ein vorangefetztes E gekennzeichnet. Ler XV. zionistenkongreß. Genf, 8. Juni. (I. T. A.) Nachdem alle Schwievigkeiten, die der Abhaltung des 15. Zionistcnkongresses -in Basel ircch im Wog-e standen, beseitigt wurden, stsht es nun fest, daß her Kongreß gemäß de>m Beschlüsse des Aktionskomiitees am 30. Augarst in Basel eröffne!« werden im. Der BMerbnndrat und der BalkankonstM. Belgrad, 9. Juni. (Tsch. P.-B.) Nachdem det Völkerbundrat am 11. d. M. zusammentrüt, wird dieser Tag als der letzte Termin für eine direkte' Verständigung zwischen Belgrad und Tirana aufgefaßt. Wenn die Bemühungen Jena Begs auch bis dahin erfolglos sein würden, wird der Konflikt vor den Völkerbund gelangen. In diesem Falle wird der jugoslatoische Gesandte Faire den Standpunkt des Königreiches vor dem Völkerbundrat vertreten. Der Regierungswechsel in Rumänien. Bukarest, 7. Juni. lieber die Persönlichkeit des neuen Premiers erfährt der I. T. A.-Bertreter: Prinz Stirbey hielt sich von je dem antisemitischen Lager fern, er zählt jüdische Persönlichkeiten zu seinen engen Freunden und unterhält apch enge geschäftliche Beziehungen mit Juden. industriellen Betrieben beschäftigt er zahlreiche jüdische Beamte. Der Führer der demokratischen Bauernschaft, Dr. Lupu, verwaltet die Porefeuiilles , für Gesundheiswesen und soziale Fürsorge und provisorisch auch das Portefeuille für Unterrichte Dr. Lupu hat sich wiederholt in schärfster Form gegen Cuza und den Cuzism.us ausgesprochen und hat für die volle Gleichberechtigung der Juden plädiert. Neuwahlen kn Fugoslawken. Belgrad, 9. Jüm. Me di« „Pol-itika" meldet, wird die Rückkehr des Mm Maares nach Belgrad für morgen erwartet. Wie das Blatt aus gut informierten obitischen Kreisen erfährt, wird d'ie Skuptschlna am 1. Juni durch ein kömgKches Dekret aus gelöst werden. Gleichzeitig werden die Neuwahlen aus dem 11. September anberaumt werden. 8iu Bombenattentat in Sofia S o f i a, 9. Juni. Zwei bewassne-te Männer warst« u heute vormittags zwei Bomben gegen ieit Wach Posten vor der Ar t-i lte rlekas-c rne hi Sofia. Die Bomben explodierten, verletzten den Kosten schwer und töteten zwei Kinder aus '-er Straße. Die Atlentät «er e n t k,a m e n. Wieder ein „Attentatsproreh" Mnffolinis. Nom, 9. Juni. Heute begann vor dem außecovdent- |id>eu Gericht zum Schutze des Staates der Prozeß gegen Gin» Luzetti, der am 11. September 1926 bei der Porta Pia eine Bombe gegen das Automobil Mussolinis ßeschlerldert hatte, wobei 8 Personen verletzt tvuvden. Der bekannte Anarchist Stefano Vatteroni ist als Mittäter luigeklagt. Ferner ist ein Kellner des Hotels angeklagt, wo kuzetti in Nom gewohnt hatte. Die Untersuchung hat ergeben, daß Luzetti die beiden bomben vom Kriege her besaß. Er hatte sie auf der H o chtb e n e v on As tag o g e f u n d en und mit nach Hause k-enommen. Luzetti hatte sich seinerzeit vor den Verfolgungen der Fasei st en nach Frankreich t ü chten müssen. Er arbeitete eilte. Zeitlang an der ranzösischen Riviera und kehrte >im Mai 1986 nach Italien zurück. Luzetti erklärte bei seiner Einvernahme, er habe lein e Komplizen gehabt und'sein Vorhaben keinem k>tcisscheu mitgeteilt. In den Jahren 1923 bis 1926 habe »r auf einen Aufstand des italienischen Volkes gegen den s?astismus gehofft. Als er jedoch eingesehen habe, daß feine Hoffnungen trügerisch feien, habe er sich dazu entschlossen, nach Rom zu reisen, um das Attentat cmszuführen. Warschau, 9. Juni. Die bisher durchgaführtL Voruntersuchung über div Hintergründe des auf de« Sowjetgcisandt.M W o j i >o fto verübten Anschlag!.'s hat noch nicht viel Material zutage gefördert. Nach einer Meldung aus Wilna hat die dortige Polizei angeblich eine festgefügte terroristische, monarchistische russische Organisation aufgedeckt, an deren Spitze ein gewisser Jakowloff steht, der gestern verhaftet wurde. Angeblich hat auch d>er Attentäter Kowerda dieser terroristischen Organisation arpge- «hört. Bisher ist noch keime endgültige Entsch!.i>dun>g «darüber getroffen wordrm, ob Kowevda dem normalen ,G e r i ch t s v e r f,a h r e n unterworfen oder vor ein Standgericht gestellt werden wird. In dar Antwortnote, die heute von -dem polnischen Gesandten in Moskau dom stellve'rtrietendein Vol>kskc«mmissär für Auswärtige AnZ,elegenheitem überreicht wurde, -drückt die polnische Regiegierpng ihr tief st es. Bedauern über die Ermvr.dung des Gesa ndten Wojkv w aus und ge-dmikt in wärmen Worten der Veodiemste, die sich Wojkvw bei der Ausvechterhaltung der b-isherijgen guten Beziehungen zwischen den beidcn Staaten erworben hatte. Die Beschuldigungen der russischen Regierung werden m der Note zurückgewiesem-.. Der Täterseiein Russe und seine Tat wevde sowohl von der polnischen Regierung, wie von der ganzen, öffentlichen Meinung Polens schärfstens ver-urteilt. Aus die Fra,ge der cusssschikn Emigration in Polen übergehend, führt die Note aus, daß die ruM-chen Emigranten in Polen wohl ein Asyl finden, aber keine Mö-glichle'it haben, irgendwelche politische oder propagandistische Aktionen gegen die Nachbarstaaten Polens zu entfalten. Die Tat des Studenten Kowevda ist rein individuell. Die polnische Reigierung trifft keinerlei- Verantwortung für düse Tat, ebensowenig wie der polnischen Regierung Vorwürse über eine unzulängliche Bewachung des Sowjet.gesandt.en Wojkow gemacht werdenkönnen, der alle Vorschläge der polnischen Behörden bezüglich eines Mnfangveicheve'n Sicherheitsdienstes für seine Person stets kategorisch albgelch-nt hat. Wojkow reiste in ganz Polen umher, ohne die Behörden von seinen Reisen zu benachrichtigen, die auch Wer die Durchreise des gewesenen Londoner Geschäftsträgers Rosengoltz durch Warschau nicht informiert wurde. Die Note bringt die weitgehende Bereitwilligkeit der polnischen Regierung zum Ausdruck, den HnröerbUoüsiwn des eikmordotvn Gesandten eiw: Ent- ' schädigung zu gewähren. Zum Schlüsse betont die Note nochmals, daß die polnische Regierung sich im Zusammenhang mit dem tragischen Ende des Gesandten Wojkow k e i n e r S ch u l d b e w u ß t sei. In Warschauer politischen Kreisen 'ist man der Ansicht, daß mit der lieber re ichnng der polnischen Note die durch die Note Litwinows hervorgevnfene Diskussion zwischen den -beiden Regierungen beendet ist. Nach einer Meldung aus Moskau hat die Sowjetregievuug heute ein Communiqne veröffentlicht, in demdie Ermordung Wojkows als ein Glied - in einer Kette von Ereignissen bezeichnet wird, W in ihrer Gesamtheit eine immer stärkere Bedrohmlg des Friedens bedeuten. Die Sowj.et>re>gieru'Ng gibt im Zusammenhang damit eine Reihe von Tatsachen bekannt, die die unterirdische Arbeit der en-Mchen Regierung gegen Rußland <mfd« ckten. Darin wird sine Reihe von Attentatsversuchen ehemaKg-er Mitglieder der Armeen Petljuras, Koltschaks -und Derrikins aufgezählit. L i t w i n o w hat honte an den Außenminister Za- , lesii eine Depesche gerichtet, worin er ihn ersucht, der polnischen Regierung den Dank der So W j e t s für das anläßlich der Ermordung Wojkows ausgedrückte Beileid zu übermittln. Neuerliche Ruffenverhaslimgen. Warschau, 9. Juni. In der verflossenen Nacht sowie tagsüber haben die Polrzoiovgane die Verhaftnngm unter den russischen Monarchisten fortgesetzt. Unter anderen wurden einige bekannte russische Monarchistenführer in Bialystok, Grodno und Brest Litowsk verhaftet. Die Witwe nach dem ermordeten Gesandten Wojkow hat die Zivilklage gegen den Attentäter .eingebracht. TWWeM in Berlin. Berlin, 9. Juni. Dar russische Bolkskomimissäv für auswärtige Angelegenheiten T s ch i t s ch e r 4 n . ist heute früh, von Baden-Baden kommend, hier eingetroffen. Er wird morgen eine 'Zusammenkunft: mit dem Reichsauß enminister Dr. Stres eim affin h aben.; Ser Mörder Koverda. Warschau, 9.'Juni. Im Laufe der Verhöre erklärte der jugendliche Mörder des russischen Gesandten Wojkow Boris' Ko werda, dah er drei Tage hintereinander am Bahnhof dem Gesandten aufgelauert habe, doch sei es chm erst am Dienstag gelungen, das Attentat auszusühren. Er hatte die Absicht, nach Rußland zu fahren, uw dort gründliche Arbeit zu 'leisten, und weil chn der Gesandte Wojkow durch Verweigerung des Msums hierin behindert habe, beschloß er, chn zu ermorden. Kowerda zeigt nicht die geringste Spur von Reue und gibt als Grund für sein Attentat an, daß er nicht habe ertragen können, daß das russische Volk durch Juden gepeinigt und regiert werde. Kowerda ist Mitglied jener russisch-invnarchistischen Verschwörung^ die in letzter Zett in verschiedenen Teilen Europas sich wieder regt und durch Attentate und Ueberfälle auf russische Beamte oder auf ehemalige linksorientierte russische Politiker, die gleichfalls als Emigranten im Ausland leben, bemerkbar macht. Sie zustllnde in Kowno. Eür jüdischer Grvis auf der Straße erschossen. Kowno, 8. Juni. (I. T. A.) Am Morgen des ersten Schswnot-Tages hat ein Wachsoldat den 70jährigen Leiser G r ü n st e i n, Pflegling des Jüdischen Gveisenasyls, auf der Straße erschossen, als sich dieser in die Synagoge begeben wollte. Auf die Kownoer Judenschaft hat dieser Fall erschütternd gewinkt. Empörung weckt die offizielle Erklärung, die das Verbrechen nicht verurteilt, sondern es damit entschuldigt, daß der Greis zu verbotener Stunde die Straße betrat. Von 1 Uhr nachts bis zum Morgen ist nämlich infolge des Kriegszustandes das Betreten, der Straße ohne besonderen Erlaubnisschein verboten. Sine ganze Semeindeverwaitnng im Arrest. Prag, 9. Juni. Wegen einer in scharfen Worten gehaltenen Entschließung gegen die S p r ach e n v e r o r dnung mußte die gesamte Gemeindevertretung von Pech grün bei Ellbogen in den Arrest ivandern. Gegen die Gemeindevertretung, die aus acht Kommunisten, drei Sozialdemokraten und drei deut- ' scheu Agrariern besteht, wurde wegen des Inhalts der Resolution die Anklage nach dem Republikschuhgesetz wegen Störung der öffentlichen Ruhe und Ordnung erhoben. Sämtliche 13 Gemeindevertreter wurden in erster Instanz zu A r r e st st r a f e n von acht Tagen Vis drei Wochen bedingt verurteilt. Das Overlandesgericht in Prag hat über Berufung des Staatsanwaltes die bedingten Stta- .fen in unbedingte umgewandelt und die 13 Gemeinderäte inußten fünf Tage nach der Entscheidilng die Strafe a n t r e t e n. 1 (