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Wiener Morgenzeitung · 1927-06-05 · Heft 2971 (5.6.1927) · p. Seite 6

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2971 (5.6.1927)
Date
1927-06-05
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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©SPte’6 ggfca» erwartet. Wäbrewd seines Aufenthaltes in Berlin wird Chamberlain (ilast des amerikanischen Botschafters Schurinann fein. Wie das „Berliner Tageblatt" hört, werden st'rmtlichc zur Verfügung stehende Scheinwerfer des Tempel h o f e r Flugplatzes in der betreffenden Nacht in Tätigkeit fein. Ferner werden alle novd- und westdeutschen Flughäfen angewiesen, für die Beleuchtung der Flughäfen Sorge zu tragen, um dem Flieger gegebenenfalls den Weg zu weisen. Sobald Chamberlain die englische und die holländische Grenze passiert herben wird, wird er außerdem durch Bodcnsignale der Lufthansa über beit einzuschlagenden KurS genau orientiert werden. Diese technische Einrichtung ermöglicht es dem Flugzeug, eine bestimmte Strecke mit Sicherheit abfliegen zu können. Nach der Landung soll ihm die Möglichkeit gegeben werden, sich in aller Stille von den Strapazen des Fluges auszuruhen. Unter allen Umständen soll vermieden werden, daß etwa die Autos, mit denen die Flieger in die Stadt befördert werden, gestürnst werden. Es ist vorgesehen, ldaß dem Flieger, wenn die Nacht klar sein sollte, ein Flttgzeuggeschwndcr von vier bis füuf Fliegern entgegengeschickt wird. Nach einem Hamburger Telegramm des „Berliner Tageblattes" Zeigt die Wetterlage ein günstiges Bild über dem Ozean und es befindet sich südlich der Route des Fliegers ein ausgesprrochenes Hochdruckgebiet, das bis zu den Azoren, reicht. Bei diesen befindet sich auf der nördlichen Atlantik ein ausgesprochenes Tiefdruckgebiet. Auf dem Kontinent bis BcrTtn wird jedoch ba§ Wetter morgen im allgemeinen güntig sein. Die Rückkehr Linvberghs. Paris, 4. Juni. Lindbergjh ist heute frich im Flugzeug vor: Le Bourget nach Cherbourg abgeflogen, wo er von der Bevölkerung begeistert empfangen wurde. In seiner Anwesenheit wurde im Hasenbahnhos eine Dafel zur Erinnerung an die Ozeanüberquerung enthüllt. Nach einem Empfang im Nathans begab sich Lmdbergh an Bord des Kreuzers „Mernphis", der ihn sowie sein abmontiertes Flugzeug nach Amerika bringen wird. Das Kriegsschiff ist nachmittags abgegangen. Sin Flug Paris—Tokio Paris, 4. Juni. Die französischen Flieger Coste und Rignot sind heute früh um 9 Uhr zu einem Flug Paris— Tokio, bei dem eine einzige Jwischenlandung vorgesehen ist, ausigestiegeu. Aorbnterkranknngen in einem Hamburger Spital. Hamburg, 4. Juni. In einem der grötzten Hamburger Krankenhäuser sind 16 Aerzte an Tuberkulös e und 14 Aerzte unter Skorbutverdachtserscheinungen erkrankt. Die Ursache der Mastenerkrankungen der jungen Spitalsärzte steht noch nicht ganz fest. Wahrend der Präsident des Hamburger Gesundheitsamtes behauptet, es handle sich überhaupt nur um „Lappalien", sind sämtliche Oberärzte des genannten Krankenhauses der Ueberzeugung, daß es sich bei den Erkrankungen um die Anfänge eines epidemisch austretenden Skorbuts handle. Von parlamentarischer Seite wird als Grund dieser Erkrankungen die völlig unzureichende, vornehmlich aus Konserven bestehende Verköstigung der Spitalsärzte bezeichnet. Kommnnißenverhüftnngen in Prebbmg. Prag, 4. Juni. Wie „Pravo Lrdu" meldet, ist gestern in Preßburg der bolschewistische Emissär aus Wien, E l e o n o s o w i c, angeblich Hausbesitzer in Wien, verhaftet worden. Ferner wurde der Vorsitzende des Bevgrevierrates in Preßburg, M a s a n e c, und die übrigen Angestellten des Revierrates suspendiert, da fe-stgestellt wurde, daß in den Räumlichkeiten des Revierrates eine geheime kommunistische Kanzlei und ein geheimes Magazin sür politische Druckschriften errichtet worden war. Jas furchtbarste Gefängnis der Wett. Als das furchtbarste aller Gefängnisse der Welt bezeichnet ein kürzlich aus der Mandschurei zurückgekehrter englischer Reisender die Zellen, in denen die Gesungenen in der Mandschurei zu schmachten verurteilt sind. Bon einem doppelten HolKvall umschlossen, sieht mau einen Platz, aus den eine Anzahl von kleinen Kammern mündet, in die niemals ein Lichtstrahl dringt. In diesen verliesartigen Kammern sind hölzerne Käfige übereinander gestapelt, die rund 75 Zentimeter messen. Darin verbüßen die Gefangenen ihre Strafe. Säe tragen schwere Ketten, die am Nacken befestigt sind, und an den Händen Fesseln. Sie können in ihren Käfigen weder sitze» noch ausgestreckt liegen. Ihre Nahrung, wenn die Wärter überhaupt daran denken, ihnen solche zu geben, wird durch ein Loch geschoben, das in die Seitenwand des Käfigs gebohrt ist. In diesem fürchterlichen Raume verbringen die Gefangenen oft ihr ganzes Leben. Sie dulden nicht nur die Qual, ihre Gleider nicht ausstrecken zu können, sondern halten auch die Kälte aus, die hier oft außerordentlich scha'-' Nur ein Mongole ist imstande, diese Dortur cruitzuhMn. Re Juden in der Tschechoslowakei. m Mulsstatiftlk. Bon Dr. Leo Goldhammer. Das Staatsamt für Statistik in Prag veröffentlicht in einem umfangreichen Bande die Ergebnisse der beruflichen Zählung in der Tschechoslowakei vom Jahre 1021. Im nachfolgenden wollen wir diese Ergebnisse, soweit sic die Mische Bevölkerung betreffen, einer kurzen Behandlung unterziehen. Bon der bei der Volkszählung tnt Jahre 1921 ermittelten Gesamtcimvohncrschaft der tschechoslowakischen Republik von rund 13,613.000 Personen waren rund 355.000 Juden, oder 2.5 Prozent der gesamten Bevölkerung. Die jüdische Bevölkerung zeigt den auch überall sonst unzutreffenden Charakter der Konzentrierung in den Großstädten, eine Tendenz, die immer noch im Anwachsen begriffen ist, wie das statistische Amt mit Recht hervorhebt. Es ist daher klar, daß die berufliche Tätigkeit der jüdischen Bevölkerung in der Tschechoslowakei eine solche sein muß, die der beruflichen Gliederung innerhalb einer Großstadt und speziell der jüdischen Bevölkerung einer solchen entspricht. Die nachfolgende Tabelle gibt die a-bso butem Zahlen der beruflichen Verhältnisse bei den Juden im Jahre 1921 wieder. Land- und Forstwirtschaft und Fischerei: Selbständige 71*88, Unselbständige 8714, Angehörige ohne eigenen Beruf 27.149, Hausdienerschaft 210, Gesamtsumme der Berufszugehörigen 43.261; Industrie und Gewerbe: Selbständige 14.907; Unselbständige 19.822, Angehörige ohne eigenen Beruf 43.897, Hausdienevschaft 366, Gesamtsumme der BerufszUgehörigen 78.992; Handel, Geldwesen und Verkehr: Selbständige 35.689, Unselbständige 27.444, Angehörige ohne eigenen Berns 90.802, Hausdienerschaft 1227, Gesamtsumme der Berufszugehörigen 155.162; Oefsentliche Dienste, freie Berufe und Militär: Selbständige 3451, Unselbständige 9037, Angehörige ohne eigenen Berus 14.406, Hausdienerschaft 166, Gesamtsumme der Berufszugchörigen 27.072; Häusliche Dienste und wechselnde Lohnarbeiten: Selbständige 26.849, Unselbständige 1354, Angehörige ohne eigenen Beruf 21.383, Hausdienevschaft 269, Gesamtsumme der Berufszugchörigen 49.855. Es waren demnach von je 100 Juden: Land- und Forstwirtschaft und Fischerei 4.48 berufstätig, 12.20 berufszugehövig; Industrie und Gewerbe 9.80, 22.29; KLUB RADIKALER ZIONISTEN. Mittwoch, den 8. Juni 1927, um halb 9 Uhr abends, Im Caf6 Atlashof, I., Aspernplatz (Klublokal) Klubversammlung- Tagesordnung: , Zionismus und Klassenkampff Referent: J. H e41 e n b er g Freie Aussprache 0$ste wHl'komm&n Handel, Geldwesen und Verkchr 17.81, 43.78; öffentliche Dienste, freie Berufe und Militär 3.52, 7.64; häusliche Dienste und wechselnde Lohnarbeiten 7.96, 14.07. Ein Blick aus die vorhergehenden Zeilen läßt die auch in anderen Ländern gemachte Feststellung konstatieren, daß der Handel unter den Berufen der Juden den ersten Rang einnimmt, an zweiter Stelle folgt dann der Anteil der Juden.an der Industrie und am Gewerbe, an dritter Stelle, anders als überall, die Gruppe der häuslichen Dienste, Lohnarbeiter wechselnder Art, Berufs losen usw. In diese Gruppe gehören diejenigen Personen hinein, die von R'eutep und Unterstützungen leben. Ae Letzteren allein betragen absolut 33.920 Personen von insgesamt 49.665, oder in Prozenten ausgedrückt 68.04 Prozent. Innerhalb der Gruppe Industrie und Gewerbe stehen an erster Stelle diejenigen, die in der Bekleid u n gs-, Nahrungs- und Genußmittelindustrie tätig sind; in der ersten Branche sind von insgesamt 78.992 Personen 28.942 oder 30.30 Prozent, in der zweiten Branche 20.157 Personen oder 25.51 Prozent berufszugehörig; bei den Nichtjuden rangiert da an erster Stelle die Metallindustrie. In der Gruppe Handel, Geldwesen und Verkehr ist der Warenhand elam stärksten vertreten; von den 155.162 Personen dieser Berufskategorie sind '113.084 oder 72.87 Prozent im Warenhand el und 17.426 oder 11.23 Prozent i m Gast- und Schankgewerbe, sowie schließlich 5368 Personen oder 3.47 Pr ozen t im Geldwesen tätig. In der Kategorie öffentliche Dienste und freie Berufe sind von den 27.072 Personen allein 18.240 oder 67.37 Prozent in den freiem Beruf tätig. Interessant ist, daß insgesamt bloß 43.67 Prozent der Mischen Bevölkerung berufstätig sind, während wir in W i e n bei der jüdischen Bevölkerung 54.09 Prozent konstatieren können. Dies dürfte vor allem darauf zurückzuführen sein, daß 11.87 Prozent der gesamten jüdischen Bevölkerung in Orten mit weniger als 2000 Einwohnern sich aufhalten, also aus dem Lande wohnen, wo bekanntlich bei der jüdischen Bevölkerung Frauen und Kinder in dem Berufe des Haushaltsvorstandes nicht mittätig sind, während in den Großstädten die Frauen und Kinder sogar meistens selbständig in Berufen stehen. 'Zum Schluß wollen nstr noch das Ergebnis des Anteiles der jüdischen Bevölkerung in den einzelnen Berufskategorien dem Anteile der nichtMstchcn Bevölkerung gegenüberstellen. Es waren nämlich Juden von je 100: Land- und Forstwirtschaft und Fischerei 0.66 berufstätig, 0.60 berufszugchörig; Industrie mid Gewerbe 1.57, 1.72; Handel, Geldwesen und Verkehr 10.45, 10.69; Oeffentlichc Dienste, freie Berufe und Militär 2.98, 3.61; Häusliche Dienste und wechselnde Lohnarbeiten 3.30, 3.50. Bloß in der Kategorie Handel, Geldw e-is-en und Verkehr waren die Juden mit einem Vielfachen besten beteiligt, was ihrem Prozentsatz zur Gesamtbevölkerung entsprechen würde, während das Verhältnis in den anderen Berufskategorien für die Inden kein abnorm hohes ist. Die Statistik der jüdischen Bevölkerung in der Z^chcchoflowakei ergibt also, wie schon eingangs erwähnt wurde, die wirtschaftliche und soziale Struktur einer großstädtischen Bevölkerung, was noch vor einer Generation nicht der Fall war, und heute der allgemeinen Bevölkerungsstruktur der Tschechoslowakei nicht entspricht. Dar Flugblatt der werktätigen Snfeen. Wie noch erinnerlich, war am 22. April, zwei Tage vor dem Termin für die Wahlen zum Nationalrat und Gemeinderat, ein Flugblatt des Komitees der werktätigen Juden erschienen, welches nebst frechen Verleumdungen der Jüdischen Partei, ihrer Kandidaten und der „Wiener Morgenzeitung" auch ein Bild enthielt, welches darstellt, wie Oberbaurat Stricker einen Arbeiter anspuckt. Da auf diesem Flugblatt der Bovsttzende dieses Komitees, Kultusrat Dr. Edwin Bader, als für 'den Inhalt verantwortlich genannt war, wandte sich Herr Stricker in einer in der „Wiener Morgenzeitung" veröffentlichten Erklärung gegen ihn und bezeichnete Bild und Text als Verleumdung. Kultusrat Bader antwortete in Zuschriften an die „Arbeiter-Zeitung" und die „Wiener Morgenzeitung", daß das Flugblatt ohne fein Wissen und ferne Zustimmung gedruckt worden sei und daß er Erhebungen über die Person des Verfassers anstellen werde. Er Hat nun am 3. Juni an Herrn Stricker: einen Brief des folgerten Inhalts gerichtet: An Herrn Oberbaurat Robert Stricker, Men. Ich teile Ihnen mit, daß ich mit dem in der Druckerei vorwärts" gedruckten Flugzettel, der ehrenrührige Anwürfe gegen Sie enthalt, nichts zu tun habe. Ich habe ihn weder verfaßt, noch vor Drucklegung gelesen, noch jemanden autorstiert, meinen Namen als verantwortlicher Redakteur unter das Flugblatt zu setzen, was mißbräuchlich geschehen ist. Es ist mir trotz eingeleiteter Untersuchung nicht gelungen, den Berfaster des Flugblattes zu eruieren. Ich stehe nicht an, zu erklären, daß ich die im Flugblatt enthaltenen An* würfe für völlig ungerechtfertigt halte. - . Hochächtend Dr. E. Bader m. p. Herr Strecke r hat diese Erklärung mit folgendem Brief zur Kenntnis genommen: Wien, am 3. Imst 19?" Herrn Dr. Edwin Bader, Wien. In Ihrem Schreiben vom 3. Juni 1927 stellen Sie fest, daß das von Ihnen gezeichnete Flugblatt, welches gegen mich gerichtete Beleidigungen enthält, ohne Ihr Wissen und Ihre Zustimmung verfaßt und verbreitet wurde, so daß ein Mißbrauch Ihres Namens vorliegt. In Erwiderung dieser Erklärung ziehe ich den meinerseits erhobenen Vorwurf der Verleumdung und Lüge als gegenstandslos zurück, und derselbe fällt auf der: bisher leider nicht eruierten Verfasser und Verbreiter des oben erwähnt«?' Flugblattes. Hochachtend Robert Stricker m. P. Die Pensionen der Petljnra-Lente in Polen. Die durch den Schwarzbarth-Prozeß aufgerollte Diskussion über die Schuld des Atamans Petljura an den furchtbaren Judenmetzeleien in der Ukraine, hat auch eine politische Seite. Mehrfach wurde im Laufe dieser Diskussion darauf hlingewiefen, daß Petljuva und seine Armee mit den Geldmitteln ftemder Staaten, vor allem Frankreichs, erhalten wurden, und es ist bekannt, >jdaß die Söldnerführer Petljuras, Buljak'- BalachowDcz, Peremikin u. a., Verbündete der polnischen Armee im Kriege gegen die Bolschewiken waren. Das waren dieselben^ militärischen Formationen, die, wie heute uwzweifelhaft feststcht, auf ausdrücklichen Befthl Petljuras und der anderen militärischen Führer in jüdischem Mut wateten. Die Erinnerung an diese politische Seite der Angelegenheit wird gegenwärtig dadurch lebhaft ausgefrstcht, daß, Wie aus Warschau gemeldet wird, der polnische Mimsterrat letzthin beschlossen hat, den früheren Militäriperfonen der Petljuva-, Balachowtcz- und PeremiNn-iArmeen, die im Kriege gegen die Bolschewiken invalid wurden, Entschädigungeil im selben Ausmaß zu bewilligen, wie sie die Angehörigen der polnischen Armee erhalten. Diese Invalidenrenten werden auf Grund von Bescheinigungen der betreffenden Armeekanzleien, die in Polen noch immer arbeiten, ausgofolgt. Die Kanzlei des Bulad- Balachowiez hat mit der Ausfolgung dieser Scheine schon begonnen. Der Beschluß des Ministerrates hat die Zahl dieses Renten begrenzt, und zwar auf 1000 für die ehemaligen Angehörigen der Petljura-Armee, auf 400 für die'des Balachowicz und aus 100 für die des Peremikin.

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