Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2964 (29.5.1927)
- Date
- 1927-05-29
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 12 Men, Sonntag Wiener Morgenzertung 29. 1927 Rr. 2964 TOIKSWIRT9CHAFT Unzulängliche Methoden des Wirtschaftsausbaues. - Das Unheil, das die derltschen Börsen heimgesucht hat, ist — wohl ein Unikum in der Börsengeschichte. — ganz zielbewußt, wenn auch dem äußeren Anscheine nach mutwillig, von den verantwortlichen Faktoren unter dem Drucke der Reichsbank hevbeigerufen worden. Es stellte sich zu einer Zeit ein, in der die Staaten und sonstige öffentliche Verbände Mitteleuropas den Anlauf nahmen, ihre Anleihetätigkeit stärker e-inzusetzen, imt sich die in diesem Jahre eingetretene Geldverbilligung nutzbar zu machen. Heute ist es bereits ganz klar, daß zwischen der Abdrosselung der Aktienspekulation in Berlin durch die gewaltsame Kürzung der Reportkredite nnd dein Mißerfolg der . Reichsanleiye 1927 ein innerer Zusammenhang besteht. Sa die Reichsanleih'e nicht das geleistet hat, was man sich von ihr erhoffte, da-die zu den deutschen Effektenmärkten flutenden Geldstrome sich nicht gutwillig auf den inneren Anleihemarkt geleiten ließen, wurde der Versuch unternommen, diese Ströme mit Hilfe rasch improvisierter Staubarrieren zurückzudrängen. Daß diese Methode durchaus verfehlt war, darüber ist wohl, kein Zweifel mehr möglich; sie bewies aber auch, daß große Gebiete Mitteleuropas, so bedeutende Fortschritte ihr Wiederaufbau in dcn letzten Jahren gemacht haben mag, noch lange nicht der auswärtigen Anleihen entrateu können. Man darf nicht, nachdem man jahrelang durch Mißbrauch der Notenpresse und der dadurch hervorgerufenen Entwertung der alten Anleihetitres den inneren Anleihemarkt in einen Trümmerhaufen verwandelt hatte, sich der täuschenden Hoffnung Hingaben, als ob ein- oder anderthaw Jahre ruhiger wirtschaftlicher und staatsfinanzieller Entwicklung und die Beseitigung der stärksten Hindernisse des Anlage-Verkehres schon allein genügten, um nicht bloß die -notdürftigen.Voraussetzungen für einen A-nlageverkehr zu schaffen, sondern sogar schon diesen selbst ins Leben zu rufen. 'Diesen Irrtum der Reichsbankpolitik haben die deutschen Effektenmärkte mit einer schweren Krise zu büßen, und ihm hat es die Reichsbank selbst zu .verdanken, daß ihr die mühevollsten Anstrengungen auferlegt sind, wenn sie ihren Devisenstandard verteidigen will. Bon solchen Illusionen halten sich die maßgebenden Faktoren Oesterreichs allerdings frei. Sie machen ans der Not eine Tugend, denn es ist ihnen wohlbekannt, daß sie trotz aller Fortschritte der Sanierung dom inneren Anleihemarkt nicht, viel zumuten dürfen. Da sie ihm bisher nicht die geringste Pflege an gedei hen ließen — es hätte dies einiger Aufwendungen zugunsten der Inhaber der Vorkriegsanleihen bedurft —, so weisen sie ihm in ihren Bestrebungen, die Sanierungsaktion fortzuführen, auch nicht die geringste Funktion zu. Sie sind daher ausschließlich auf den ausländischen Anleihemarkt eingestellt, und ihr ganzes Sinnen und Trachten ist darauf gerichtet, ausländische Geldgeber zu finden, die ihnen die Mittel zur Bestreitung der den öffentlichen Verbänden obliegenden Aufgaben bereitstellen möchten. Der große Erfolg der Anleihe der Stadt Budapest hat den Anleiheverhandlungen der Gemeinde Wien ein beschleunigtes Tempo verliehen, so daß demnächst bereits dem Gemeinderat über die Anlechefrage berichtet werden dürfte. Obwohl nun die Gemeinde Wien umso pieles reicher ist als Budapest, zeigt es sich doch, daß sie ln der Gunst des Auslandskapitals stark hinter Budapest zurückgeblieben ist. Es wird wohl nicht möglich sein, die Anleihe einem vielgliedrigen gemischten Konsortium zu übertragen, wie dies bei der Budapester Anleihe der Fall war, die von dem Bankers-Trust übernommen wurde, weil man bei der neuen Wiener Anleihe darauf Bedacht nehmen muß, daß allfällige Versuche, die Anleihetitres später bei der Klientel des ausländischen Konsortiums zu placieren, auf dem Einspruch bestimmter Finanzkreise stoßen könnte. Es sind dies vor allem die Schweizer Finanzkreise, die Ansprüche hinsichtlich der Wiener Jnvestitionsanlelhe vom Jahre 1902 — einer ausgesprochenen Goldanleihe — geltend machen und sich vor einer Revision des von der Gemeinde Wien mit einzelnen Gläubigergruppen über diese Anleihe getroffenen Abkommens beharrlich weigern, an einer Anleihegewährung an die Gemeinde Wien in welcher Form immer, mitzuw'vken. Die Realisierung der Anleihe ist daher von einer Konstruktion abhängig, bei der der Anleihcvermittler auch bis zu einem gewissen Grade dauernder Anleihegeber bleiben, und er darauf verzichten würde, die Titres beim Publikum im Ausland zu placieren. Aus diesem Grunde kommt als Anleihegeber fast ausschließlich Harrrman in Betracht, der ohnehin mit der Niederösterreichischen Eskomptegcsellschaft, der Wiener Bankverbindung der Gemeinde Wien, eng liiert ist, für den daher die Gewährung einer Anleihe nur eine Erweiterung seiner bisherigen — allerdings nur indirekten — Geschäftsverbindung mit der Gemeinde Wien bedeuten würde. Das gleiche Problem bei der Aufnahme einer Anleihe umdie Klippe der mit inflationistischen Mitteln durchgeführten Abschüttelung der alten Schulden herumzukommen, erwächst auch dem Bunde, soferne er die wahrend des Wahlkampfes gegebenen Versprechungen, alle in seinen Bereich fallenden Investitionen, die auch künftigen Generationen zustatten kommen müssen, nicht mehr ausschließlich mit Steuern zu finanzieren, realisieren will. Für den Bund ist das Anleihoproblem sogar noch dringender, da ihm nicht so viele Resiourcen zur Verfügung stehen, wie der Stadt Wien. Er hat seine Reserven in den verlustreichen Spekulationen der Postsparkasse vergeudet, ja es stellt sich erst jetzt heraus, daß die Verluste statt, wie ursprünglich angenommen wurde, 105 Millionen, in Wirklichkeit 120 Millionen Schilling ausmachen. Er steht aber auch vor der Erschöpfung der letzten in den Resten der Bölkerbundanleihe liegenden Kreditreserven, so daß es kein Wunder ist, daß er schon jetzt Vorbereitungen trifft, um den Völkerbund, bezw. alle bisherigen Garanten der Völkerbundanleihe für eine «neue große österreichische Anleihe empfänglicher zu stimmen. Mitten im Zuge dieser Vorbereitungen erwachsen der Regierung ernste. Verlegenheiten aus dem im Nationalrat von den Sozialdemokraten eingebrachten Aufwertungsontwurf. Eingedenk der den Kleinrentnern für die Wahlhilfe gegebenen Versprechungen/ verlangen sie eine Auf-. Wertung der im Besitze von inländischen „Opfern der Geldentwertung" befindlichen öffentlichen Anleihetitres durch Ausgabe von Goldobligationen, für deren Verzinsung eine besondere Abgabe von allem Vermögen ei-ngehoben, werden soll, und zwar zu Sätzen, die von 5 bis 20 Prozent ansteigen. Obwohl gar keine Aussicht besteht, daß der Entwurf die erforderliche Mehrheit findet, ist dieses bewußte Zurückgreifen aus die alte Vermögensabgabe, die so schmählich Schiffbruch gelitten hatte, doch geeignet, im In- und Auslande >dem Kapital die Besorgnis einzuflössen, daß in Oesterreich eine unentwegte Kapitals¬ und Produktionsfeindschaft herrscht, die nur immer auf die Gelegenheit lauert, um die Sozialisierungsexperimente von neuem zu beginnen, was wohl kaum geeignet ist, das ausländische Kapital in Oesterreich ansäßig zu machen. Lesterreichlsche NaNonalbauk. Anhaltender Rückgang des Wechseleskonts und des Notenumlaufes. Nach dem Ausweis vom 23. Mai sinsd in der dritten Maiwoche vom Devifenschatze 4.4 Millionen al ge o en worden, so daß er sich zu dieser Zeit auf 409.2 Millionen Schilling belief; der Goldschatz weist wieder eine mäßige Zunahme um zirka 18.000 Schilling auf rund 57 Millionen Schilling auf.. Die Nostrod-evisen erfuhren eine Steigerung um 3 auf 168.1 Millionen Schilling. Rück geströmt sind Wechsel im Betrage, von 19.3 Millionen, so daß das gesamte Wechselportefeuilte auf 69 Millionen Schilling gesunken ist; dagegen, ist der Lompard um 88.000 auf rund 582.000-Schilling gestiegen. Die Verbind'ichkeiten ans dem Giroverkehr haben um 17.6 auf 85.7 Mi lionen Schilling ' zugenommen. Ms all diesen Vecänd-erun M ergab sich eine Abnahme des Notenumlaufes üm 38.2 auf 798.2 Millionen Schilling. Seit dem Ultimo April ist der Notenumlauf Um 120 Millionen Schilling der Wechseleskont um 44.5 Millionen Schilling, zurückaeganaen SCHUHMODENHAUS DORN Taborstfaße » Echte Schlangen- Eidechsen.Krokodll- -!6ereil uve ,49-49« IHetne atu echtem franläs ZMode-Chtsvreaux hergesiellien Srükfahremodolle legen Zeugnis ab vom Schönheitssinn und edlsn Geschmack. Herren- Schuhe in fabelhafter Ausführung und Auswahl Diese Produktionsfeindschaft vermag allerdings in anderen Fällen sehr wohl in den Mantel der Produktionsfreundlichkeit zu schlüpfen. Man darf sich jetzt, nach der ersten Lesung der Zolltarifvorlage, keinen Illusionen darüber hingeben, daß die Opposition ernste Anstrenstrengungen machen würde, um die Vorlage zu Falle zu bringen. Die Gewerkschaften sind nicht so schutzzclb feindlich, wie es scheinen mag; sie erhoffen sich von einem Schutz des Jnlandsmarktes eine Verminderung der Arbeitslosigkeit, und so kann es sich bei der Erledigung der Zolltarifvorlage nur darum Händeln, die Agrarzölle gegen entsprechende Jndustriezölle zu kompensieren. Dc-r parlamentarische Handel wird sich gewiß schwierig gestalten, aber das Problem ist, da bei Feind und Freund so ziemlich die gleiche Mentalität herrscht, nicht unlösbar. Die Feiertagsstimmung der Genfer Weltwirtfrhaftskonferenz mit ihren schönen Kundgebungen für die Zusammenarbeit der Volker ist verflogen und eingezogen ist der nüchterne Alltag mit all seinein breiten und Nimmersatten Egoismus, der überzeugt ist, daß das, was du Volk im Güteraustausch verdient, für das andere ein Gewinnentgang sei, und der daher unter allen Umständen entschlossen ist, seine War^n für den Verkauf bereit zu halten, selbst aber womöglich gar nichts zu kaufen. Die Woge des Protektionismus steigt immer höher, und es ist nirgends der ernste Wille vorhanden, ihr tatkräftig zu begegnen. Der Widersinn eines forcierten Horhfchutzzolles erhellt am deutlichsten bei der scheinbar nebensächlichen Position der Trockenplatton. Hier ist eine 130prozentige Zollerhöhung geplant. Da es ganz ausgeschlossen ist, daß die heimische Industrie die weltbeherrschenden, in ihrer Qualität unübertrefflichen deutschen und englischen Marken verdrängeil könnte, bedeutet die Zollerhöhung eine sinnlose Verteuerung des Materials, die sich bei den derzeitigen wirtschaftlichen Verhältnisien in allen Betrieben katastrophal auswirken müßte. . Dieser Tage fand eine Versammlung des Qesterreichischen PhotohändlerverbandeZ statt, in welcher die von der Regierung systematisch vorbereitete neuerliche Teuerungswelle als Vernichtung jeglicher gedeihlicher Entwicklimgsmöglichkeit des vcrarintcn Landes in erbitterter Weise gekennzeichnet wurde. Der Vorstand wurde aufgefordert, sich an alle politischen Parteien zu wenden, damit die jeder Sachlichkeit hohnsprcchende Zollevhöhung auf Trockenplatten verhindert werde. Der Vorstand dürfte wohl wenig Glück haben, denn war schon je Glück demjenigen beschieden, der nur Vernunft und Einsicht ins Treffen schicken kann? . Die Macht ist in diesem Lande bereits . verteilt — der Handel, ob in photographischen oder anderen Artikeln, ist leer ausgegangen. Heber ihn wird hinweggeschritten. Er darf nur das Odium aller nicht von ihm, sondern von den Mächtigeren heraufbeschworeneil Teuerungswellen tragen. Denn der Handel ist doch, nicht wahr, jüdisch? Und jüdische Proteste gelten nicht! Es wird ein eigenartiges Schauspiel sein, wenn in wenigen Tagen eine neuerliche große Versammlung stattfinden wird, in welcher sich die Krankenkasien, Spitäler, Bildunzsanstalten, die Berufsphotographen, die Amateurvereine usw. zu einem gemeinsamen scharfen Protest vereinigen werden. Die Proteste werden so gewiß ungehört verhallen, als, wo immer die Wiffenschaft, die Bildung, die Humanität ihre Stimme erheben, der begründete Verdacht besteht, daß man es mit einer verderblichen jüdischen Mache zu tun hat. der Ansturm ans de» Barschatz der Reichrbank. Der gestern veröffentlichte Mustoeis der ReiclMank vom 23. Mai verzeichnet eine Abnahme des Goldbesta tt* des um 32.6 Millionen auf 1.81 Milliarden Reichsmark; an der Abnahme partizipiert dbr Go'dkassenbestand mit mehr, als einer halben Million, während bas bei ausländischen Zen-t tralnotenbanken erliegende Go-bdepot sich um 32.1 Millionen auf 69.1 Millionen vermindert hat. Der Bestand an dekkungsfähigen Devisen hat gleichfalls abgenommon, und zwar um 13.9 auf 92.2 Millionen Reichsmark. Der Betrag an umlaufenden Noten hat sich um 169.8 Millionen auf 3.19 Milliarden, vermindert. Dagezeu haben die GiroverbiMichkciten um 103.4 auf 728.6 Millionen zugenommen. Der Notenumlauf inkl. Gireverbindlichkeiten erscheint demnach Idiurch Gold und Devisen nur noch mit 48.2 Pro-» zerrt gedeckt. Die Devisenpreise. Auf dem Devisenmarkt verzeichnete Mailand einen Kurs von 28.40 gegen Zürich, Bukarest hat sich auf 3.13Vs abgeschwächt, Madrid hat dagegen weiter angezogen. Insolvenzen. Das Ausgleichsverfahren wurde eröffnet gegen Ing. Arnold List, registriert unter der Firma Burian u. Co., Wien, 3. Bez., Rennweg 21. Versteigerungen. Am 30. Juni, halb 10 Uhr vormittags, beim Bezirksgericht Meidling, Zimmer Nr. 128, Bauarea samt MittekhauS. 12. Bez., Meidlinger Hauptstraße Nr. 54. Geringstes Gebot 8640 S. - Am 31. Mai. nachmlL tagS 6 Uhr, 2. Bez., Obere Donaustraße 99, 1 Personenauto,' nachmittags 5 Uhr, 10. Bez., Pernerstorfergasse 25, diverse Maschinen, Bureaueinrichtung, Handwagen, eiserne Kasse ustv.r nachmittags 6 Uhr, 18. Bez., Rathstraße 1, GasthauSeinrichtung, leere Fässer, 4 Faller Weluwein. 1500 Lttc