Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2951 (16.5.1927)
- Date
- 1927-05-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. mi töten, Montag Wiener Morsenzettrmg 16. Mai 1«v Gette 8 sich gegen den Jnstallateurgehilfen Karl Grünauer, der wiederholt vorbestraft ist und bei seinen Verhören leugnete, mit dem Tod de- Brodina im Zusammenhang zu stehen. Es wurden Zeugen anssindig gemacht, die angeben, hast Grünauer unmittelbar vor dem tödlichen Stich in Gesellschaft BrodinaS geweilt hat. Daraufhin bequemte sich der Festaenommene zu einem Geständnis, schiebt jedoch in der Schilderung der Vorgänge, die noch Überprüft werden müssen, alle Schuld aus den Toten. Grünaller ,oird wegen Totschlages dem LandeSgericht eingeliefert werden. Gerichtsaal. Der Prozeß gegen Samuel Bronner. Die Anklageschrift. Heute begann der für vier Tage anberaumtc Prozeß gegen den ehemaligen Vizepräsidenten der im Konkurs befindlichen Adriatifchen Bank A. G. in Wien Samnel Bronner wegen Verbrechens der Veruntreu u u n g und Vergehe ns der fahrlässigen Krida. Vorsitzender des SHöffensenates ist OLGN. Dr. Hellmer, als Staatsanwalt fungiert Dr. N e i t i n g e r und als Verteidiger Dr. Preminger. Die umfangreiche Anklageschrift berichtet zunächst von der Neugründuilg der Adriatischen Bank A. G. im August 1923, die aus der schon im Frieden bestandenen Filiale der Adriatischen Bank in Wien heworgegangen ist. Der neuen Adriatischen Bank in Wien wurde von dem Mutterinstitut ein Aktienkapital von 600 Millionen zur Verfügung gestellt. Wenige Wochen darauf trat die Bank mit Samuel B r o nn e r in Verbindung, dem sie 400.000 Strick Aktien der Adriatischen Bank zum Nominalkurs von 400 Kronen pro Aktie überließ, wogegen sich Bronner verpflichtete, der Adriatifchen Bank bis Ende Dezember 1923 einen Betrag von z e h n M i l X t a r b c n zur Verfügung zu stellen, während das Larbacher Mutterinstitut (Jadranska Banka) einen solchen von drei Milliarden zu leisten hatte. Im März 1924 erwarb dann Bronner noch die restlichen Aktien, so daß er dann das ganze Paket der Adriatifchen Bank besaß. Er wurde auch in ben Vevwaltrmgsrat kooptiert und zum Vizepräsidenten gewählt. Als Bronner im Oktober 1923 die Leitung der Bank übernahm, war sie schon mit mehr als einer halben Milliarde verschuldet (den Aktiven von 4.9 Milliarden standen Passiven von 6.6 Milliarden gegenüber). Die Geschäfte der Bank waren hauptsächlich Geschäfte BronnerS oder feiner Freunde, die für die Bank sehr verlustreich waren. Schließlich wurden die Verluste so bedeutend, daß einZusammenbruchderBankunverweidlich war. Im Jahre 1024 betrug das Defizit m ehr als 2 0^ M i l l i a r d e n Kronen. Die Staatsanwaltschaft führt die Ursachen des Zusammenbruches auf die über Veranlassung Bronners durchgeführten eigenen Effektenspekulationen zurück. Die Geschäfte ergaben einen Vrelust von 8.6 Milliarden, die Francspekuationen einen Verlust von 3.8 Milliarden und die Kreditgewährung an Kommittenten, die ohne S i ch erste l- 1 u n g erfolgten, 1.7 Milliarden Kronen. Da die Bank kein eigenes Geld hatte, um alle diese Spekulationen durchführen zu können, nahm sie Taggelder gegen 160prozentige Deckung in Effekton und gegen 2 Prozent Wochen zinsen auf. Ein Geschäftsbetrieb, der fast ausschließlich auf Taggeldern basiert, müsse, wie die Anklageschrift behauptet, an der Zinsenlast von 100 Prozent im Jahre zugrunde gehen. Die Taggelder üotrugen Ende 1924 11.8 Milliarden Kronen. Für diese Taggelder mußte die Bank, da sie die Gelder nicht rechtzeitig zurückzahlon konnte, große Posten von E f f e k t e n verpfänden. Dazu reichten ihre eigenen und die ihr zur Verfügung gestellten Spekulationseffekteu nicht aus, und es mutzten auch reine Depoteffekten herangezogen werden, worin die Staatsanwaltschaft die V e r u ntreuung erblickt. Nachträglich wurde wohl der größte Teil dieser reinen Depoteffekten durch den Bruder des Beschuldigten, den Berliner Bankier Jacques Bronner, a u s g e l ö st und den Eigentümern ausgefolgt, ehe noch die Anzeige erstattet worden war. Nur die Effekten der F i gli d i E. Z u c u l i n in Triest, die freies Eigentum dieser Kommittenten waren und die einen Wert von 7.2 7 0 Schilling repräsentieren, wurden bisher nicht zurückerstattot, so daß wegen dieses Faktums die Anklage wegen Veruntreuung begründet erscheint. Auf Antrag mehrerer Gläubiger wurde anfangs Jänner 1986 Wer die Bank der Konkurs verhängt. Selbst Lei Gutmachung des Schadens durch Herrn Jacques Bronner, der von dem Verlust von 80^ Milliarden 17 fä Milliarden Kronen für die Bank gezahlt hat, bleibt das Unternehmen noch mit 8.6 Milliarden Passiv. Die Zahlungsfähigkeit, sagt die Anklage, ist durch Mschluh gewagter, nicht zum ordnungsmäßigen Geschäftsbetrieb gehöriger und mtt ihren Bermögensverhältnissen in auffallendem Widerspruch stehenden Geschäfte, ferner durch Inanspruchnahme von unverhältnismähigen und leichtsinnigen Kredits und durch leichtfertige Gewährung von Kredit veranlaßt trwrden. Samuel Bronper, der ständig in der Bank tätig und über alle Vorkommnisse genauestens unterrichtet war, ist für die Mihstände allein verantwortlich, da seine Anordmmgen ausschlaggebend waren Hakoah spielt in Sleveland unentschieden. 1:1 (0; 0) gegen All Star». — Ser Platz ein Kotmeer. Clevcland, 15. Mai. Die Wiener jüdische Mannschaft trug heute hier ihr sechstes Spiel in den Vereinigten Staaten aus. Es endete abermals u n e n t s ch i eden, trotz Uebcrlegenheit der Gäste. Das Spiel ging unter den un gün sti gsten W i t teru n g sverhält n i f se n vor sich. Ein heftiger Regen, der mehrere Tage andauerte, hatte das Spielfeld in ein Kotmeer verwandelt, so daß cs sehr schwer war, halbwegs regulär zu spielen. .Der unmögliche Boden behinderte die Wiener auch in der Entfaltung ihres Kombinationr-systems bedeutend. H a k o a h trat in folgender Aufstellung an: Fabian; Scheuer, Gold; Fried, Güttin ann, Heß; Kovacsi, Häusler, Nikolsburg e r, G r ü n w a l d, Fischer. Die H a k o a h n e r beginnen sofort mit gefährlichen Angriffen und zeigen sich durchwegs überlegen. Die Platzverhältnisse verhindern zunächst jeden gählbaven Erfolg. Nach Seitenwechsel werden Häusler und Guttmann von Wortmann und Feld mann abgclöst. Feldmann spielt Verteidiger, indes Gold den Mittelläuferposten einnimmt. ' Hakoah ist weiter überlegen, bis es Wortmann gelingt einz u senden. Nnunmehr greifen die Heimischen energisch an, doch ist die Hakoah-Verteidigung auf dem Posten, schließlich gelingt es den Amerikanern aber doch, ans einem Durchbruch den Ausgleich zu erzielen, während die Gäste in den: Morast keinen Treffer mehr erzielen können. Infolge des schlechten Wetters wohnten dem Kampf bloß 1200 Zuschauer bei. Fabian, Fischer und Kovaefi bleiben in Amerika? Wie verlautet, haben die Spieler Fabian, Fischer und Kovacsi gekündigt. Sie tragen sich mit der Absicht, in Amerika zu bleiben. — (In hiesigen Hakoah-Kreisen ist darüber nichts bekannt. — Die Red.) und von den Untergebenen befolgt werden mußten. Nach Verlesung der Anklageschrift begann das Verhör mit Hern Angeklagten. Der Sohn des Moses Mautner Ein Wiener Roman Copyright 1937 by R. Löwit Vorlag, Wioa — Leipzig Hingegen war Herr Panigl ängstlich geworden und er erschien au einem Vormittage in Gustavs Werkstütte, — ernst und unbequem wie das mahnende Gewissen: „So geht dehß neht wcidr!" sagte er. „Nahn, Herr Mautner! So geht dehß neht weide! Se sahn mir schtn a Mässa schuld!!" — „Aber nein, Herr Panigl!" — „Mer ja!" — „Wieso beim, Herr Panigl? Ich zahl' doch immer!? — „Ja! Aber a conto und kummen immer mehr auffr!" — „Sie irm Ihn er, .Herr Panigl!" — „Nahn! Jh irr näh lieht! Da S' her' .'Hab' ih's muimg'stelsi: lieber ine schuldi ch!" — ,ftinmögchou so! Sehng S' — von Leopold Hichler. (34. Fortsetzung.) zwahicm'en') Gulden sahn jöf sich, Herr Panigl!" ,,--s dehß fummt davon, weil Sie u a conto und a con'o! — ö ihr abrechnen tahn! Immer Drum bin ih jetzt Herkummen zu Ihn er, weil ih ohrechuen will!" — „Jetzt kann ich nicht, .Herr Panigl. Nächste Wochen. — Da mach ich Bilanz und barm wern mr bestimmt abrechnen!" — „Nahn- So lang wart' ih neht. — Jhner Bilanz geht mih nix an! — 'Jetzt glei wern mr obrechnen.!" — „Jetzt? Mitten im Geschäft? Dehß is doch unmöglich, Herr Panigl!" — „Also guhrd. Kummen S' auf d' Nacht zu nur!" -- „Ja, Herr Panigl." — „Aber — Herr Mautner: Dehß sag' ih Jhner glei: Entweder Se kummen ans d' Nacht und» rechnen ab, oder ich gib Jhner ka Fleisch mehr! Anßerzihrgn lass' ih's neht mehr!" — „Jh will ja gar neht außerzihrgn, Herr Panigl! Ich Hab' nur bis jetzt nicht die Zeit gehabt!" — Die Zeit! Wieviel wird auf ihrem breiten, gediMgen Rücken gesündigt! — Jeder Mensch hat Zeit, sofern er nur will und wenn er nicht will — konstruiert er geschickt den Mangel der Zeit! — Gustav fürchtete das Resultat der Verrechnung mit Herrn Panigl und er fürchtete auch den Abschluß seiner Bücher; deshalb verschob er die Arbeit — Ein Wahn! Und doch so menschlich! -- Fast jeder von uns hat eine Art Rumpelkammer fernes Geistes, worin er alles Unbequeme und Störende nicht vergrübt — v ein — nur zu anderem Reifen, noch tzu Erledigendem mit tiefer, innerer Befriedigung schiebt und heuchelnd sich selbst ein Bedauern vortänscht, daß die Erledigung augenblicklich unmöglich sei! ES ist wie ein unauft geräuimter Schrank. — — — Keimt Ihr, liebe Hausfrauen, kennt sJhr, meine Herren Junggesellen ' solche Schränke? —* Täglich öffnest du den Schrank — fcte3 Ordnend halber ünd Grauen faßt dich beim Anblick! Du willst ordnen und weißt nicht: wo beginnen! In der Verzweilung wirfst du noch ein Stück dazu urld gelobst: „Mioo-> gen. Morgen ganz sicher imd bestimmt. Morgen wird's geordnet!" — — — Aber in dein Schoss: des folgenden „Morgen" liegt verlockend lächplnd ein neuer „Morgen"! — — — So erneuert sich täglich das schöne Spiel, bis der Staub die Motten lockt, diie fleißiger als wir, sogleich mit der Arbeit beginnen und zerstören, was wir einst mühsam erworben! — Wenn's nur bloß Schränke und Kleider wären! -~ Häufig vernichtet die Lässigkeit des Menschen B-Hienteirderes und viel Elend und viele Existenzen liegen am Grunde solcher Rnimpelkannnern! — — — Die beiden Herren Panigl, Vater Und Sohn, saßen! am Abend dieses Tages in ihrem schön eingerichteten Jagpp zimmer und warteten. — Es war bereits sieben Uhr abends als außen au die Türe des JaMzkmmers geklopft wurde: Schwach, schüchtern und bescheiden. Beide Herren riesen: „Herein!," Gustav trat ein und der junge Panigl sagte rasch NNd leise zum Alten: „No sikst! Jh hab's g'wußt, . er kulmuden wird! —- Er halt sei Murt!" — >„Vterrr Ma erscht sehngu!" erwiderte skeptisch Und leise d>er alte Panigl. — Seitdem er vom Geschäfte zurückgetreten, war er — man wußte nicht warunr — ein Gegner Gustavs' geworden. — „No?" rief er. „Was bringen S' änsf?!" Gustav ging zum Tisch, an dem die beiden Herren saßen,, legte mehrere Rechnungen nnd Zettel darauf und dev junge Panigl fragte: „Also stiimnt's?" — „Ja. — Ich Hab' wirklich nicht geglaubt, Herr Panigl, daß so viel sein wrrdEH — „Also, wie viel bringen S' außer?" — hVierbcmsenbtz ztveihuNdert Kronen." — Herr Panigl junior «»hob sich, ging zu seineim Schreibtisch', blickte in ein kleines Büchq lein und sagte: „stimmt. Ahnazwanzkhundert Gulden stchn S' nm schrsidich!" Hierauf machte er pme kleine Pause und blickte zu seinem Vater hinüber. -- Dieser Wmeg und seine Züge waren gleichfalls stumm. —,— Herr PanW junior begann aus eigenem: „Also wihr?" fragte er, ^können S' das zahlen?" — „Herr Panigl! Ich Mächte — ich Hab' Sie bitten wollen, Herr Panigl! Ich Hab' Närw! lich Geld außen stehen! Viel! Und kann's jetzt nicht hech einkriegen! — Ich Hab' Sie bitten wollen, Herr PawAj daß mir a bissel zutvarten. Es is nämlich so: Ich HM meinen Brüdern abgezahlt und durch das An ich tzalt..^", — „A! Paperlapa!" Unterbrach der Alte, ^dehß Nckt W Verwandten kennen, ma schon! Dehß is ct alter SchmvÄ — Sc mürsssn uns sagn, ob Sk zahlen können oder neW — Srjnst..." — „Wart', Vater!"- lunterbWch der Peinigl, „lass' erm überlegenck" Grrstav überlegte und — schwieg. Da beAainn dev-D^e Pmngl: „Also, ivas — können S' jetzt zahteirM „Jetzt, Herr Panigl?" sagte Gustav nnd' blickte Vescham^q und traurig zu Boden, „jetzt — kann ich! lechier Mr; jM zahlen!" . Die beiden Herren Panigl sahen einander tot Änd MMsi gen und — Gustav schlvieg auch.Es war eine >peinliche Pause. — Erchiich erhob sich dev simge Panigl und Migj mit großen Schritten im Zimmer ivmher. — Es schteuj, als rechne er. Endlich blieb er vor Gustav stehen: tzLlh wer' Jhner was sagn: Viertausendzivahhlmdert Krönen sah« S' ma schuldig! — Heut' is Dmmevstag. Am Sonntag zahlen S' nnr zwölfyundert Kronen und den! Rest — vjm mir aus —' klahnweis; jede Wochen hundert Kronen. — Nnd dehß Fleisch, was ftnehrgn, nrürssen S' natüM M zahln!" -- ' „Schöne G'schästn machst diu!" rief der alte Panigl. „Schöne Geschäften sahn dehß! Da muhrßt ja a J-Hv auf dei Geld wartn! — Wahßt d!u — ob du's 'dann — ivahßt du!...?!" — Er vollendete nicht, aber in dem Frag-" ment des Satzes und noch mehr in der Betonung lag eine solche Deutlichkeit, daß Gustav das Kerz bis zum HalS, klopfen fühlte. — —Das Bütt wich aus seinen Wan^rrr. — Er wn,rde blaß und die Empörung drängte ihn, hinzn^ springen, den Alten bei der Kehle KN fassen: „Du Schufts Was glaubst du? Daß ich eirr Lump bin! Daß ich deinem! Sohrre sein Geld behalten will?! Der Gchimcke dir!" Das — wollte er trm; aber et blieb ruhig sitzen nnd schwieg. — — Der Schuldner -inuß schweren. Er mich sogar noch mehr: Go tun, als hätte er nichts 'gehört, um nix macherc! Gr kann altes rcht zahlen,! Was wüllsst tcchrn?!" — Er iverrdete sich zu Gustav: „Können E am Sonntag deh zwölfhundei-t Kronen zahl'« oder ncht^k" — Beide Herren Panigl blickten auf den jungen Schuldner. (Fovtsetzmrg jolM)