Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2949 (14.5.1927)
- Date
- 1927-05-14
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2949 Men, Samstag Wiener MorAmzettrmg 14. Mai 1887 Seite 7 k BERSON wadtt gute Sckuke besser 1 fOIK8WlRl»CBAFT | bin schwarzer Freitag in Berlin Ile voiiMen Wtersrliiide. Die a>n der Berliner Nachbörse von Donnerstag zum Vorschein gekommene bessere Stimmung war nicht von nachhaltiger Wirkung. Donnerstag nachmittag fand die Sitzung der Banken statt, in der die von uns gestern gemeldete Einschränkung der Reportgelder beschlossen wurde. In der Sitzung haben sich zwar wesentliche Meinungsverschiedenheiten über diese von der Reichsbank geforderte Maßnahme ergeben; begreiflicherweise, da bei den ausgezeichneten Verdienstmöglichkeiten des Reportgeschäftes ein Teil der Banken nicht leicht zu bestimmen war, Einschränkungen vorzunehmen; es machten sich auch gegensätzliche Auffassungen Liber die Frage geltend, zu welchem Zeitpunkte die Reporteinschränkungen in Kraft treten sollen. .Einige Banken hatton ihren Neportgeldnehmern für den Medio bereits feste Zusagen gemacht, weshalb sie die Forderung aufstellten, daß wenigstens ein Plan festgelegt werde, wonach die Kürzungen nur stufenweise vorgenommen 'werden sollen. Selbstverständlich fehlte es auch nicht an Hinweisen, daß der im Gefolge der Reporteinschränküngeu zu gewärtigende scharfe Kursrückgang Exekutionen auslösen müsse, so daß eine Deroute zu befürchten wäre, die >dem Publikum, das keine Einschüße in der Lage ist, ungeheure Verluste eintragen würde, während die kapitalskräftigeren Kreise zumindest große Beträge an Diffevenzgeldern ausbringen müßten, die die durch die Kürzung der Reportgelder dem Geldmärkte zu schaffende Entlastung wcttmachen würden. Allen diesen Bedenken machte die Reichsbank kurzerhand ein Ende, indem Reichsbankpräisident Dr. Schacht im Falle einer Weigerung, auf die Forderungen der Reichsbank einzugehen, mit gesetzgeberische« Maßnahmen drohte. Unter solchen Umständen blieb der Berliner Stempel- Vereinigung «nichts anderes übrig, als sich zu fügen. Die Folgen sind denn auch am gestrigen Tage nicht ausgeblieben. Der Beschluß über die Einschränkung der Reportgelder hat eine panikartige Stimmung an der Börse ausgelöst. Schon bei Eröffnung des Verkehrs suchte sich die Effektenspckulation der Hausseengagements zu entledigen, und bei der fehlenden Aufnahmefähigkeit des "Marktes erfuhren die Kurse Rückgänge, die die schlimmsten Evwartungen übertrafen. Der Börsenvorstand mußte zu einer Sitzung zusammentreten, um Maßnahmen zur Eindämmung des Kurssturzes zu treffen. Es wurde sogar der Plan erwogen, den Verkehr überhaupt ausfallen zu lassen, doch nahm man mit Rücksicht auf den ungünstigen Eindruck, den eine Schließung der . Börse Hervorrufen würde, schließlich davon Abstand. Als einziger Beschluß ist aus der Sitzung vorläufig die- Weisung an die Makler hervorgegangen, für alle Tenninpapierie, bei denen sich ein Rückgang von mehr als 121/2 Prozent ergibt, die Festsetzung von ersten Kursen zu unterlassen. Die Baisse erstreckte sich auf sämtliche Gebiete. Am Montanmarkt kamen Rückgänge bis zu 37.5 Prozent vor, am meisten wichen jedoch diejenigen Papiere, in denen sich die Spekulation hauptsächlich beteiligt hakte. Bereinigte Glanzstoff setzten uni 73 Prozent tiefer ein und gaben dann noch um weitere 20 Prozent nach. Da vielfach exekutive Verkäufe vorgenommen Werder: muhten, blieben vereinzelte Dockungen ziemlich belanglos, die Kurse stürzten unaufhaltsam Weiter. Havpener, die um 27 Prozent unter dem Vortagskurs eingesetzt hatten, verloren dann noch 11 Prozent. ' Farbenindustrie, die sich an der -Donnerstag -Nachbörse von 313 auf 316.50 erholt hatten, fielen auf 290 Prozent. Siemens u. Halske gingen von 292.5 an: Donnerstag auf 261.6, büßten also insgesamt 41 Prozent ein. Bankattien hatten im gleicheil Umfang >vie Jndustrieaktieu Verluste zu «rleiden. Es. notierten: Dresdener Bank 168 (gegen 186), Darmstädter Bank 230 (257), Deutsche Bank 169 (177.75), Diskonto-Kommandit 162.60 (178.50), Kommerz- und Privatbank 186 (199), Berliner HandAsgescllschaft i 243 (258), Reichsbank 167 (170). Schiffahrtsaktien 1 büßten bis zu 22 Prozent ein. Deutsche Anleihen warm gleichfalls scharf gedrückt. Deckungen vermochten meist nur vorübergehend eine kleine Erholung herbeizuführen. Mau fürchtet allgemein weitere exekutive Verkäufe. Die Ermäßigung des Privatdiskonts auf beide Sichten auf 4.88 Prozent machte unter diesen Umständen nur geringen Eindruck. Die Schlußkurse weisen im allgemeinen bei etwas beruhigter Stimmung leichte Erholungen auf, doch waren die Schwankungerr außerordentlich stark. Glanzstoff 517 nach 680, Kassakurs 500, das ist um 143.5 Prozent gegen vorgestern niedriger. Farben in du st rie besserten sich um zehn Prozent gegen dm niedrigsten Kurs, Schubert u. Salzer 310 nach 330. Von Schiffahrtsaktien Norddeutscher Lloyd fester mit 141 nach 135.25. Dagegen Hamburg—Südamerika 206 nach 219.75, Ostwerke 388 nach 375, Siemens u. Halske 268 nach 254 und Schultheiß 410 nach 387. Die österreichischen Arbitragepapiere wurden natürlich, wenn auch nicht in solchem Grade wie die deutschen, von der Baisse ungünstig beeinflußt: Staatsbahn 25.50 (gegen 26.25 am Donnerstag), Oesterr. Kredit 9.30 (9.60), Wiener Bankverein 7.10 (7.05), Unionbank 33/g (3.75), Oesterr. Eisenbahnverkehr 36.25 (37). Das Kesseltreiben gegen die Börse. Vor die Wahl gestellt, den Banksatz von 5 Prozent zu erhöhen, dafür aber die Börse in ihrer ruhigen Entwicklung nicht zu stören, oder den Banksatz von 5 Prozent sestizuhalten, der Börse aber die Reportgelder zu kürzen und dadurch über sie eine . Deroute heraufzubeschwören, hat sich Dr. Schacht für dasr letztere entschieden. Sem Ziel hat er bereits gestern erreicht. Begründet wurde die Forderung nach Reporteinschränküngeu damit, daß die kurz-' fristige Verschuldung Deutschlands viel zu groß sei. Die Remboursckredite werden allein auf V/2 Milliarden Goldmark geschätzt, doch ist diese Schätzung keineswegs zuverlässig, da andere Stimmen viel tiefer greifen. Die Reichsbank möchte die kurzfristigen Auslandsgelder zur Umwandlung in langfristige Obligationen bringen, also in Obligationen, doch ist gerade eine Börsenderoute nicht das geeignete Mittel, um eine solche'Entwicklung zu fördern. Dr. Schacht hat übrigens mit seiner ersten langfristigen Anleihe, der 5prozentigen Reichsmarkanleihe im Betrage von 500 Millionen, die vor einigen Monaten zur Einführung an den deutschen Börsen gelangte, vollständiges Fiasko .erlitten. Die Anleihe, die mit 92 Prozent eingeführt wovden war, ist am nächsten Tage sofort um 1 y2 Prozent zurückgegangen und stand seither ungefähr auf 90 Prozent. Der wahre Grund ist, wie wir schon gestern hervorhoben, in den Bestrebungen der rechtsorientierten deutschen Regierung gelegen, eine Revision der Daweszahlrmgen $ft erzwingen, und dazu paßt natürlich 'wicht 'das Bild einer aufstrebenden deutschen Wirtschaft und eine fröhliche Börsentendenz. Der Üebersall aus die Berliner Börse hat durchaus politische Hintergründe. In den nächsten Tagen stattet der Präsident der französischen Republik, Doumergue, einen Besuch in London ab, bei welcher Gelegenheit die. englisch-französische Freundschaft neuerdings bekräftigt werden soll. Diese hatte vor einem Jahr durch die Besprechung Stresemanns mit Briand in Thoiry eine merkliche Abkühlung erfahren, zumal die deutsch-französische Annäherung in der Schaffung des kontinentalen Eisenpaktes gipfelte. Der Besuch Don« mergues wurde von deutscher Seite mit der Aufrollung des Rheinlandproblems präludiert, doch war aus England eine sehr kühle Antwort herübergekommen. Die Folgen dieser Politik hat wieder das deutsche Wirtschaftsleben »n spüren, das in wenigen Tagen ungeheure Werte eiugeMßt hat. - Die Auffassung der Regierung. Wie das „Berliner Tageblatt" hört, hat sich auch das R c.i ch s k a b i n e t t mit. der vom Reichsbantpräsidenten verlangten Einschränkung der Effektcnspekulation und insbesondere der Verminderung der Reportgelder befaßt. Als Grund für die Aktion wird angegeben, daß die Börsen-Hausse eine Konjunktur widerzuspiegeln scheine, die in Wahrheit in der Industrie nicht vorhanden sei und daß die Luxusausgaben, die infolge der Börsengewinne stattfänden, über die Tatsache hinwogtäuschten, daß das deutsche Volk im ganzen schwer zu kämpfen habe. Der Devisenbestand der Reichsbank sei sehr stark gesunken, dagegen habe sich die Zahl der bei der Reichsbank diskontierten Wechsel erheblich vermehrt. Verband Wischer Kanflente und Gewerbetreibender. In der ani 11. Mär stattgehabteir Plenarversammllm'g, btc sehr zahlreich besucht war, wurden nach ement sehr instruktiven Referat des Kommerzialrats Theodor Jelli-- n e k verschiedene Beschlüsse in bezug auf Kreditwesen, Steuerlmd Rechtsschutz' und kostenlose Stellenvermittlung gefaßt. Auch bezüglich der Veranstaltung inter^skaa'tlicher"jüdischer Kaufmanns- und Gewerbebvnferem^ zen wurde eine Debatte abgeführt und die O'vgcmrsierrrstg von Bezirks- und Branchengruppen beschlossen. Die nächste Versammlung flicket am 10. War nnj Melier Bürgercafe, 2. Bez., Praterstr. 1&> 4ttnt 8 Uhr abeickÄ statt. Iirkontherabsetzung in Pole«. Bon 8y2 auf 8 Prozent. Wie von uns bereits angekünd-vgt, hat die Bcknk von Polen gestern beschlossen, den Diskontsatz' Von 8.6 MMV-- zeut auf 8 Prozent er in Kd gen. Amerika und der pMftineafische Handel. Washington, 10. Mai. (I. D. A.) Seitens des Häudelsdepartcments d^r Regierung der Vereinigtst Wmrteu lvur.de der Jüdischen Telegraphen-Agentur untgetellt, daß Herr James Hodgson, der Harchelsattäche» der Berk einigten Staaten in Kairo, den Auftrag erhalten hat, Wh für längere Zeit nach Palästina zu begehen, NM die §Wiglichkeiteu eines Handelsaustausches zu prüfen. Herr Hodgson wird bis Herbst d. I. in Palästina verbleiben- Juii Verlauf dieser Zeit wird er mit Herrn Är. Julius' dem Direktor des Bureaus für äußeren unsdi inneren Händel, Zusammentreffen und ihm über das .Ergebnis seiner UäH terfuchungen Bericht erstatten. Sine neue Handeksbank in Tel Awiw. Aktienkapital: 1 Mi«»« Dollar. Del Awiw, 10. Mai. (I. T. Ä). Drei amerikanWe Juden, Herr Director, der der Abordnung der otiterijfo* konischen Geschäftsleute in Palästina angehörte, der Inhaber der Zahnfabrik iir Tel Awiw Herr B l o o m Und Herr Sam Cohen, begründen gemeinsam in Tel Awiw eine Handelsbank mit einem Kapital von einer Million Dollar. Oesterreichische Rativualbank. Der Ausweis mit dem Stand vom 7. Mai weist eine Verminderung des Barschatzes um 6.12 Millionen Schilling und des Wochse l e s k o n t s um 13.46 Millionen Schilling sowie ejne Vermehrung der Nostrodevisen um .1,2. Millionen Schilling aus. Die Verbindlichkeiten aus dein Giroverkehr sind mn 34.71 Millionen Schilling gestiegen.. Aus den angesüMten Verschiebungen ergibt sich eine Verminderung des B a n k n o t e n u in l a u f s um 62.12 Millionen Schilling auf den Stand von 866.16 Millionen Schilling. Dividenden österreichischer Gesellschaften. In den gestern in der Bodenkreditanstalt abgehaltenen. Generalversammlungen der Beit scher Magnesit werke und. der Wiener Lokomotivfabriks A. - G. wurden. . die Anträge der Verwaltungen auf Ausschüttung einer Dividende von 50 S. für die Veit scher Aktie, hzw. S. 2.20 für die Wiener Lokomotivfabriks-Aktie angenommen. Ruhige Devisenmärkte. Die Lira mar gestern wieder etwas schwächer und verzeichnete einen Kurs von 28.05 bis 28.10. Der Reportsatz war unverändert bei 20 bis 25 Centesimi pro Pfund Und Monat und 70 bis 85 Centesimi pro Pfund und drei Monate. In den anderen Devisen zeigten sich keine besonderen Veränderungen. Dollar gegen Reichsmark 4.2205 bis 4.2220. Bezugspreise der „Wiener Morgenzeitung“: Monatlich Wien twd Oesterreich . . . 8 5.— Tschechoslowakische Republik.5K Jugoslawien. Dinar Polen. Zloty Deutschland .. Goldmark Frankreich, Belgien ..Frcs Italien Lire Rumänien ....«... Lei 170 Bulgarien.Lewa 100 Amerika... . Dollar 1— Schweiz und das übrige Ausland.Frcs 5— Oesterr. Postsparkassenkonto 150.693. 22*.— 60 — 6- 4 35 20