Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2948 (13.5.1927)
- Date
- 1927-05-13
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Leite 8 Wien, Freitag Wiener Morgenzeltung 13. Mai 1927 Nr. 2948 Gerichtssaal. „Me Seele« ..." Gestern fand vor dem Strafrichter bev Strasbezirks- »wrichtes I, Hosrat Dr. ööftmntjcr, dir Hauvtverhand-!img ubrr die Anklage des Herrn Dr. Leopold Pla schkcs gegen den verantwortlichen Rcdaktenr der Zeitschrift „Unscre Tribüne" ^derzeit „Der jüdische Arbeiter") statt. Es handelte sich um zivci von eiirem gervrssen Mendel Sin itcr vcrsaßte Glossen, deren Autorschaft der Verfasser, wie bei der Verhandlung hervorkam, unter Berufung auf das Rcdaktronsgchermnis offenbar aus Angst: vor dem SchwurgerichlSsaal bei seiner Vernehmung vor dem Urtterfuchrmgsrichtek nicht zugestehen wollte. Deshalb wurde der „Verantwortlich:", Dr. Glanz, belangt. Angeklagt.ivar zcmächst der Bottvurf aus einer Glosse, betitelt: ,^Me Seelmr.^..". Es hieß dort, ein nberwiefeuer Erpresserjournalist, der dem Dr. Plaschkes nicht nur persönlich, sondern auch geistig nahestche (gemeint war der frühere Chefredakteur des „Abend"', Mexander Weiß)/ bringe einen Artikel „Juden und Sozialdemokraten" und Doktor Plaschkes mache daraus einen jüdischnationalen Bersammlungsfeldzng gegen die Sozialdemokraten; ferner wurde gssagt. Weiß stehe durch Plaschkes in engster Berbinb-urtg urit der „Wiener Morgenzeitung" (!) und mit alkeir bürgerlichen Geschäftemachern der Wiener Jüdischnationalen. Dr. Glanz veranttvortete sich dahin, es sei ihm und seinem Matte ferne gelegen, Dr. Plaschkes persönlich zw beleidigen, es sollte nur die Tätigkeit der Jüdischnationivlen, welche den Wiener Sozialdemokraten konsequent Antisemitismus Vorwersen, gekennzeichnet werden. Im übrigen trete er den Wahrheitsbeweis dafür cm, dich Dok-« tor Plaschkes dem, Alexander Weiß persönlich nahestche, er fei mit ihm wiederholt in einem Kasfeeh>rus gesehen wor-- den rmd habe auch während des bekannten Prozesses lange Zeit im Berhandlungsfaal zugebracht und auch mit dem Verteidiger des Weiß verhandelt. Dr. Plaschkes erwiderte, cs fei richtig, daß er, der Len Alexander Weiß seit der Volksschule kenne, von diesem wiederholt in seinem Stamnrkaffee aufgehncht worden sei, und daß er muh während des bekannten Prozesses mit Weiß und seinem Verteidiger in Fühlung starü). Der Richter legte dem Beschuldigten dringend nahe, eine Ehrenerklärung abzngeben, da die Beweisanträge als völlig Unstichhältig zurückgewiesen werden. — Dr. Glanz erklärte fich bereit, Dr. Plaschkes lehnte jedoch, jefre Erklärung ab. Sohin verurteilte der Richter Dr. Glanz §u einer Geldstrafe von 30 Schilling, zur Publikatiott des Urteiles und zum Verfall sämtlicher Exemplare der beanständeten Ausgabe. In der Urteilsbegründung hob der Richter hervor, bezüglich des auf die „Mvr-- gjenzeitUng" gemünzten Angriffes hätte der Beschuldigte einen Wahrheitsbeweis nicht einmal versucht, für den anderen Teil der Anklage habe er wohl einen Beweis an! rag gestellt, der abzUlehn en war, weil er sich auf Umstände bezog, von denen der Beschu-Üngte selbst erklärte, daß sie für den Ankläger keinen Anlaß zu einer Beleidigung bilden. Bei der Strafbemessung war die Unbescholtenheit des Dir. Glanz und seine Bereitwilligkeit zur Abgabe einer Ehrenerklärung mildernd. Der Verurteilte nahm die Strafe an. Die Beschuldigung stand im Zusammenhang mit einer Mitteilung der „Arbeiter-Zeitung", daß die ,,Wiener Morgenzeitung" christlichsoziale Kuckuckseier enthalte, worüber gelegentlich Näheres gesagt werden wird.. Die „Arbeiter- Zeitung" hat big Gelegenheit, einen "Beweis zu führen, noch immer nicht gefunden. Ebenso hat Herr Dr. Bader noch nicht seine Erhebungen darüber abgeschlossen, wiest» sein Name unter ein Pamphlet der „Werktätigen" gesetzt rvurde..- „In mußt tanzen!" Der 23jährige stellenlose Goldarbeitergehilfe Heinrich D., ein schwachsinniger Bursche, wurde kürzlich, als er ruhig in der Karajangasse spazieren ging, von mehreren arbeitslosen Burschen umringt und aufgesvvdert, zu ihrer Belustigung sofort auf der Straße zu tanzen. Als D. dieser Aufforderung nicht Folge leisten wollte, trat der Hilfsarbeiter Johann Bayer auf ihn zu und rief: „Du mußt tanzen!" Eingeschüchterl begann D. auf der Straße zur allgemeinen Belustigung der zahlreich angesammelten Menge zu tanzen. Nach fünf Minuten hörte er, da er müde war, zu tanzen auf, die Menge zerstreute sich, nur Bayer blieb zurück und rie,, indem er aus der Tasche einen Schusterkneip zog, dem D. zu: „Jetzt mußt du mir ganz allein etwas vortanzen!" Als D. wenige Minuten getanzt hatte und aufhörte, versetzte ihm Bayer mit dem Schusterkneip einen Stich inden rechten Arm undwuÄw dann von einem Wachmanne, der von Passanten auf die Szene aufmerksam gemacht wurde, verhaftet. Wegen dieses Vorfalles wurde zunächst gegen Bayer beim Landesgenchte eine Voruntersuchung wegen des Verbrechens der Erpressung geführt, der Akt schließlich nach Einstellung dieser Untersuchung dem Straf- Bezirksgerichte 1 zur Amtshandlung tvegen vorsätzlicher leichter Körperverletzung abgetreten. In der gestern vor dem LGR. Dr. Arie durchgejührten Verhandlung war der Beschuldigte geständig, meinte jedoch, an der ganzen Sache sei nichts Arges zeweseu. — Richter: Wie kommen Sie dazu, einen armen Teufel aufzusordern, auf der Straße zu tanzen? — A ngekl.: Der D. is eh narrisch, und da haben wir uns halt unterhalteil und ihil tanzen lassen wollen. — Richter: Und das halten Sie ohneweiters für richtig? Sie sind entweder verrückt oder unverschämt, nnritu Sie sich mit einem arn^n Teufel einen solchen Spaß erlauben. — Bayer erklärte, daß ihm D. in den Schusterkneip förmlich hincingelaufcn sei. Der als Zeuge vernommene Heinrich D., der seiner Angabe nach tvegen Schivachsinns bereits am Steinhof war, gab an, daß er ans der Straße tanzen mußte, weil er vor Bayer Angst hatte. Nach einigen Minuten sei er vor M tt d i gkeit beinahe umgefallen, mehrere Burscheil hätten dem Bayer zugerufen: „Geh, Paprika (das ist der Spitzname Bayers), laß ihn schon in Ruh." Bayer habe jedoch das Messer aus der Tasche gezogen und ihm zugerufen: „Jetzt mußt du für mich allein tanzen." Infolge der Stichwunde, erklärt der Zeuge, sei er acht Tage in ambulatorischer Behandlung gestanden. Der Richter verurteilte den bereits vorbestraften Angettagtcn tvegen vorsätzlicher leichter Körperverletzung zu sechs W o eh c n Arrest. Irr der Urteilsbegründung betonte der Richter, daß die Handllmgswciso Bayers an das Verbrechen der Erpressung grenze und daß es besonders vertoerflich sei, wenn der Angeklagte, die Schwäche des D. ausnützend, sich an ihm Vellkftigen wollte. Sie Feigheit des Pogromhetzers. Hofrat Dr. Höflmayer, Strasbezirlsg-rcht 1, hatte gestern über eine Presseklage zu verhandeln, welche der Nationalrat Fritz Austerlitz durch Dr. Oswald Richter gegen den Verantwortlichen Redakteur des Pogromblattes „Der Volkskampf" Emil Schifter angestrengt hatte. Gegenstand der wegen Veruenhlässiglmg pflichtgemäßer Obsorge erhobenen Anklage bildete ein im Jänner in der genannten Zeitschrift unter der lieberschrift „Der nette Lehmann" erschienener Artikck, in '.welchem eine Proskriptivnsliste einer Reihe im össtullichen Leben sichender Publizisten veröffentlicht N'nrdc. An der Spitze dieser Liste wurde unter beleidigenden Ausfällen Nationalrat Anstcrlitz genannt. In dci gestern staitgehabten Verhandlung wurde der verantwock:-- liche Schriftleiter, der nicht erschienen war, unter Bedachtnahme aus eine in der Zwischenzeit wegen eines gleichen Pressedeliktes erfolgte Verurteilung zu einer Geldstrafe von 30 Schilling, eventuell zu 24 S t u nden Arrest verurteilt. Tie Versammlirngsfkcl'yett vor dem Bersnssungsgerlch-ts- Hof. Ter D er fass u u ct: gerich tsh o s unter Vorsitz des Präsidenten Dr. Vitorelli publizierte gestern sein Erkenntnis über die Beschwerde, welche die Ortsgruppen bc$ Freidcnkcrbundes Oesterreichs Bregenz und Feldkirch gegen das Bundeskanzleramt wegen Verletzung des verfassungsmässig gewährleisteten Rechtes der Rede- und VersammlungSfreiheit erhoben hatten. Die Bezirkshauptmanu^ schaft vorr Bregenz hatte nämlich einen Bortrag des ehemalig gen katholischen Priesters Johann Krenn über seinen Austritt ans der Kirche unter dem Hinweis auf Lärinsizenen, die sich einige Tage vorher bei einem Vortrage Krenns in Dornbirn abgespielt hatten, untersagt. DaS Bundeskanzleramt bestätigte dieses Verbot. Der BerfassungSgerichtshof entschied nun, daß durch die Untersagung der Versammlung eine Verletzung der versa st s u n g s in ü ß i g gewährleisteten Ve r s a m in-« Lu n'gs f r e i bei t st attge fun d e n habe und hob die angefocktene Entscheidung a u f. Versammlungen unter freiem Himmel unterliegen nur der Anmeldung, nicht der Be-, avi'Nigung der Behörden. Diese hätten genügende Mittel zur Verfügung gehabt, um bei Eintreten von Ruhestörungen die Versammlung aufzulösou. ■■■■BflBBaflBraMMHBBHBaasflflBMaHaaiiBaaMDaMflaiasHBBBBflMHBaBaBHffaaaMnnmni VOLKSWIRTSCHAFT lluverönderter Diskontsatz in London und Berlin. 3ssie aus London gemeldet wird, hat die Bank v o n England in ihrer gestrigen Sitzung beschlossen, den Diskontsatz unverändert zu lassen. Zu gleicher Zeit wurde durch das Wolffsche Bureau eine übereinstimmend lautende Mitteilung der „Täglichen Rundschau" und der „Vossischen Zeitung" über die vorgestrige Besprechung des Reichsbankpräsidenten mit den Berliner Banken verbreitet, wonach die Reichsbank eine Erhöhung des Diskonts gegenwärtig nicht beabsichtige. Tie mitteleuropäischen Börsen standen seit einer Woche urcker dem Einfluß der Meldungen, Paß in London und \ Berlin eine in entgegengesetzter Richtung verlaufende l Diskoncpolftik zu gewärtigen sei. Es bleibt also vorläufig j bei den alten Sätzen, doch ist die Beunruhigung der Geldi und Esfektennrürkte noch nicht ganz gewichen. Es ist nnr verkennbär, daß die gegen die deutschen Börsen gerichtete Politik des Reichsbankpräsidenten Dr, Schacht politische Ziele verfolgt; es gilt, die Dawes-Politik zu durchkreuzen, was sich bei einer Fortdauer der Hausse kaum' durchführen Ließe. Ans das stärkere Anziehen der Diskontschrauüe wurde in Berlin, verzichtet, da damit ein Bekenntnis abgelegt worden wäre, daß die zu Beginn des Jahres vorgeiwmr.-.ene Zinsfußermäßigung und die Auflegung einrer inneren Anleihe iml Betrage von 600 Millionen Reichsmark Schiffbrnch gelitten habe. Um gegen die deutsche Hausse vorzugehen, dazu standen der Reichsbankleitung zwar einfachere, aber dafür wirksamere Mittel zur Verfügung. Unter dem Drucke von Schacht hat die Berliner Bankwelt AeWossen, Reporteinschvänkungen vorzunehnLn. Vorangegangen war schon früher die Kommerz- und Diskontbank mit ejner Kürzung von 25 Prozent ihrer dem Markt früher zur Verfügung gestellten Kostgelder. Nun haben, wie aus Berlin gemetbet wird, auch die anderen Großbanken eine Reportkürznng in gleichem Ausmaß beschlossen. Die gestrige flaue Tendenz der Berliner Börse wurde vornehmlich durch diese Maßnahme hervvrgerufen, allerdings kam im Nachmittagsverkehr eine etwas bessere Stimmung zum Vorschein. Polens Amerika-Anleihe. Die Bedingungen werden geändert? Warschau, 12. Mai. In den nächsten Tagen reisen der Direktor des Finanzdepartcmcnts Baranski und der Vizepräsident der Bank Polski M l y n a r s k i nach Paris. Obwohl offiziell ihre Reise mit arideren Angelegenheiten in Verbindung gebracht wird, stcht sie ohne Zweifel mit der Anleiheangelegenheit im Zusammenhang. Wie Ihr Berichterstatter erfährt, hat das amerikanische Finanzkonsortium die Anleihebedingungen im letzten Augenblick geändert, wobei cs sich auf die Elenrentarkatastrophe berief, die die Verrvendnng großer Kapitalien in Amerika selbst nötig mache. Infolgedessen verlangt das Konsortium eine Erhöhung der Verzinsung der Anleihe für Polen um ein v t erte l Prozent. Die beiden polnischen Delegierten überbringen nun rl e u e Gegenvorschläge der polnischen Negieruv- Somit ist der für die nächsten Tage erwartete endgültige Abschluß der Amerika-Anleihe Polens der, s eh o b e n und dürfte, vorausgesetzt, Laß die anrerlkanü sche Finanzgruppe Polens Gegenvorschläge annimmt, erß im I u n i erfolgen. Englands Wikifchaftrforgen. Von unserem Londoircr E.-Korrespondcnten. Obzsvar sich die letzten, seit dem Kohlerrstreik verflossene» Monate vor allem durch e'.n ab n o r in a l hohes Einfuhr« Niveau auszeichnen, darf die britffche Geschästsroeit doch mit einiger Befriedigung auf die Eutüvicklung des gesamten Außen« Handels im 1. Quartal zurückbllcken. Während sich die :m Land« verbleibende Einfuhr, von einem Rückschlag im Februar abgesehen, konstant auf 100—105 Millionen Pfund Sterling hielt, hat sich die Ausfuhr britischer Produkte von monatlich etwaL über 50 auf 62 Millionen im März gehoben. Die hohe Einfuhr entfällt vor allem auf eine Steigerung in Roh. Materialien, . die teilweise wiederum der Ausfuhr zugute kommen wird, während an Fabrikaten nur in der Schwermetallbranche abnormale Importwerte verzeichnet roerden. D'.e Koh le na u ss u h r steht mit 16.7 Mllionen Pfund Sterling im Jünner-März-Quarlal wieder auf normal, während die Fabrikat tut s s u.h r mit durchschnittlich 45 Millionen im Monat freilich noch 10—15 Prozent hinter einem bescheidenen Normälniveau nachhinkt. Es marrgelt also der englischen Wirtschaftslage an ermutigenden Einzelerscheinungen nicht, die eine gewisse Hebung der G e s a m t k o n j u n k t u r bewirken. Immerhin ist daraus aufmerksam zu machen, daß bis jetzt erst wieder der vor dem Kohlenstretk herrschende Beschästigungsgrad der Industrien erreicht worden ist, der noch immer eine volle Million Arbeiter erwerbslos läßt. Wird sich die Konjunktur auch weiter verbesiern, so daß das sieben Jahre alte Krebs-übel einer zehnprozentigeu Arbeitslosigkeit endlich wieder einmal über« wunden wird? Die bestimmenden Faktoren lasien dies, so wie sie sich heute PrAentieren/als möglich erscheinen, ohne aber zuverlässige Hoffnungen zu rechtfertigen. Die G r o ß ha nde l sp re i s läge und d'.e Lohnhöhe in den meisten Industrien erscheinen bescheiden genug, um eine konkurrenz-fähige Produktion zu ermöglichen, doch lassen die technischen und organisatorischen Vorauss e tz u n g e n i n vielen Betrieben noch immer stark zu wünschen üb rg. Deutschland, Frankreich, Belgien usw. sind in dieser Beziehung in einer besseren Lage, hat doch die Inflation in diesen Ländern einen weitgehenden Grad von Modernisierung der Industrien ermöglicht, bei spielend rascher Tilgung alter foftolc neuer Kap'.talschulden. Anderseits stellt die nunmehr aus dem ganzen Kontinent durchgeft'chrte Mährungssanierung für die englischen Industrien einen unschätzbaren Vorteil dar. Die Löhne, die Produktionskosten und die Steuern werden sich, in den korltinentalen Industrieländern immer mehr den in Eirglartd herrschenden Bedingungen nähern. Gegenüber diesen Vorteilen läßt sich auch das Verschwinden des englischen Vorsprunges billigerer Kreditbedingungen leicht verschmerzen. Man spricht in London ziemlich hoffnungsvoll von der Möglichkeit einer baldigen Banksatz- . reduktion auf i'A Prozent. Ztveisellos wird die erwünschte Kredit-Verbilligung auch in Englaicd durch die Normalisierung der Geldverhültnisse auf dem Kontinent erleichtert.