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Wiener Morgenzeitung · 1927-05-08 · Heft 2943 (8.5.1927) · p. Seite 10

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2943 (8.5.1927)
Date
1927-05-08
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seit« 10 Men, Sonntag Wiener Morgen-ettung 8. Mai 1927 Nr. 8948 udenquartiere in aller Welt Das Berliner jüdische Viertel — Von Joseph Roth (Aus dem soeben im Verlag „Die Schmiede“, Berlin, erschienenen Buch „Juden auf Wanderschaft“.) ii-etit Ostjude geht freiwillig nach Berlin. Wer in aller Welt kommt freiwillig nach Berlin? Berlin ist eine Durchgangsstation, in der man aus znüngenden Gründen länger verweilt. Berlin hat kein Ghetto. Es hat ein jüdisches Viertel, Hicher kommen die Emigranten, die über Hamburg und Amsterdam nach Amerika wollen. Hier bleiben sie oft stecken. Sie haben nicht genug Geld. Oder ihre Papiere sind nicht in Ordnung. (Feilich: Die Papiere! Ein Halbes jüdisches Leben verstreicht'in zwecklosem Kampf gegen „Papiere".) Die Ostjuden, die. nach Berlin kommen, haben oft ein Durchreisevilsum, das sie berechtigt, zwei bis drei Tage in Deutschland zu bleiben. Es sind schon manche, die nur ein Durchreisevisum Hatten, zwei bis drei Jahre in Berlin geblieben. Bon den alteingesessenen Berliner Ostjuden find die meisten noch vor dem Kriege gekommen. Verwadte sind ihnen nachgereist. Flüchtlinge aus ben okkupierten Gebieten kamen nach Berlin. Juden, die in Rußland, in der Ukraine, in Polen, in Litauen der deutschen Okkupationsarmee Dienste geleistet hatten, mußten mit der deutschen Armee nach Deutschland. Es gibt auch oWdische Verbrecher in Berlin, Taschendiebe, Heiratsschwindler, Betrüger, Banknotenfälfcher, Jnflationsschieber. Fast keine Einbrecher. Keine Mörder, keine Raubmörder. Vom Kampf um die Papiere, gegen die Papiere ist ein Ostjude nur dann befreit, wenn er den Kamps gegen die Gesellschaft mit verbrecherischen Mitteln führt. Der ostjüdische Verbrecher ist meist schon in seiner Heimat Verbrecher gelvesen. Er kommt nach Deutschland ohne Papiere oder mit falschen. Er meldet sich nicht bei der Polizei. Nur der ehrliche Osbjude — er ist nicht nur ehrlich, sondern auch furchtsam — meldet sich bei der Polizei. Das ist in Preußen weit schwieriger als in Oesterreich. Die Berliner Kriminalpolizei hat die Eigenschaft, in den Häusern nachzukontrollieren. Sie prüft auch auf der Straße Papiere. In der Inflation geschah es häufig. Der Handel mit alten Kleidern ist nicht verboten, aber er ist auch nicht geduldet. Wer keinen Gewerbeschein besitzt, darf meine alte Hose nicht kaufen. Er darf sie auch nicht verkaufen. Dennoch kauft er sie. Er verkauft sie auch. Er steht in der Joachimsthalerstraße oder Ecke Joachimsthalerstraße und Kurfürstendamm und tut so, als täte er gar nichts. Er muß den Pasianten ansehen, ob sie erstens alte Kleider zu perkaufen haben und zweitens, ob sie Geld gebrauchen. Die gekauften Kleider verkauft man am nächsten Morgen an der Kleiderbörse. ' Auch unter den Hausierern gibt es Rangunterschiede. Es gibt reiche, mächtige Hausierer, zu denen die kleinen sehr demütig aufblicken. Je reicher ein Hausierer ist, desto mchr verdient er. Er geht nicht auf die Straße. Er hat es nicht nötig. Ja, ich weiß nicht einmal, ob ich ihn wiZ lich „Hausierer" nennen darf. Eigentlich hat er einen Laden mit alten Kleidern und einen Gewerbeschein. Und wenn es nicht sein eigener Gewerbeschein ist, so ist es der eines Eingesessenen, eines Berliner Bürgers, der nichts vom Kleiderhandel versteht, aber prozentual am Geschäft beteiligt ist. In der Kleiderbörse versammeln sich am Vormittag die Ladeninhaber und die Hausierer. Diese bringen den Ertrag des vergangenen Tages, alle alten Röcke und Kleider. Im Frühling ist Hausse in Sommer- und Sportanzügen. Im Herbst ist Hausse in Cutaways, Smokings, und gestreiften Hosen. Wer im Herbst mit Sommer- und Leinenanzügen kommt, versteht das Geschäft nicht. Die Kleider, die der Hausierer den Passanten für ein lächerliches Geld abgekaust hat, verkauft er mit einem lächerlich geringen Aufschlag an den Ladeninhaber. Dieser läßt die Kleider bügeln, „auffrischen", richten. Dann hängt er sie vor sein Ladenfchild und läßt sie flattern im Wind. Wer alte Kleider gut zu verkaufen versteht, wird bald neue Kleider verkaufen können. Er wird ein Magazin eröffnen, statt eines Ladens. Er wird einmal Warenhausbesitzer werden. In Berlin kann auch ein Hausierer Karriere machen. Er wird sich schneller assimilieren, als seine Standesgenossen in Wien. Berlin gleicht die Verschiedenheiten aus und ertötet Eigenheiten. Deshalb gibt es kein großes Berliner Ghetto. Es gibt nur ein paar kleine Judenstraßen, in der Nähe der Warschauer Brücke und im Scheunenviertel. Die jüdischeste aller Berliner Straßen ist die traurige Hirtenstraße. So traurig ist keine Straße der Welt. Die Hirtenstraße hat nicht einmal die hoffnungslose Freudigkeit eines vegetativen Schmutzes. Die Hirtenstraße ist eine Berliner Straße, gemildert durch ostjüdische Einwohner, aber nicht verändert. Keine Straßenbahn^ durchfährt sie. Kein Autobus. Selten ein Automobil. Immer Lastwagen, Karren, die Plebejer unter den Fahrzeugen. Kleine Gasthäuser stecken in den Mauern. Man geht auf Stufen zu ihnen empor. Auf schmalen, unsauberen, ausgetretenen Stufen. Sie gleichen dem Negativ j ausgetretener Absätze. In offenen Hausfluren liegt Unrat. Auch gesammelter, eingekauster Unrat. Unrat als .<&*» I delsobjekt. Altes Zeitungspapier. Zerrissene Strümpfe. Alleinstehende Sohlen. Schnürsenkeln Schürzenbänder. Die Hirtenstraße ist langweilig vororthaft. Sie hat nicht den Charakter einer Kleinstadtstraße. Sie ist neu, billig, schon verbraucht, Schnndware. Eine Gasse aus einem Warenhaus. Aus einem billigen Warenhaus. Sic hat einige blinde Schaufenster. Jüdisches Gebäck, Mohnbeugel, Semmeln, schwarze Brote liegen in den Schaufenstern. Ein Oelkännchen, Fliegenpapier, schwitzendes. Außerdem gibt es da jüdische Talmudschülen und Bethäufer. Man sicht hebräische Buchstaben. Die stehen fremd an diesen Mauern. Man sicht hinter Halbblinden Fenstern Bücherrücken. Man steht Juden mit dem Talles unterm Arm. Sie gehen aus dem Bethaus Geschäften entgegen. Man sicht kranke Kinder, alte Frauen. Der Versuch, diese Berliner langweilige, so gut wie möglich sauber gehaltene Straße in ein Ghetto umzuwandeln, ist immer wieder stark. Immer wieder ist Berlin stärker. Die Einwohner kämpfen einen vergeblichen Kampf. Sie wollen sich breit machen? Berlin drückt sie zusammen. * Ich trete in eine der kleinen Schankwirtschaften. Im Hinterzimmer sitzen ein paar Gäste und warten auf das Mittagessen. Sie tragen die Hüte auf dem Kopf. Die Wirtin steht zwischen Küche und Gaststube. Hinter dem Ladentisch steht der Mann. Er hat einen Bart ans rotem Zwirn. Er ist furchtsam. Wie sollte er nicht furchtsam sein? Kommt nicht die Polizei in diesen Laden? War sie nicht schon einige Male da? Der Schankwirt reicht mir auf jeden Fall die Hand. Und auf jeden Fall, sagt er: „Oh, das ist ein Gast! Sie sind schon so lange nicht dagewesen?" Niemals schadet eine herzliche Begrüßung. Man trinkt das Nationalgetränk der Juden: Meth. Das ist der Alkohol, an dem sie sich berauschen können. Sie lieben den schweren, dunkelbraunen Meth, er ist süß, herb und kräftig. Manchmal kommt nach Berlin der „Tempel Salomonis". Diesen Tempel hat ein Herr Frohmann aus Drohobyez getreu nach den genauen Angaben der Bibel hergestellt, aus Fichtenholz und Pappmache und Goldfarbe. Keineswegs aus Zedernholz und echtem Gold wie der große König Salomo. Frohmann behauptet, er hätte sieben Jahre an diesem Miniaturtempelchen gebaut. Ich glaube es. Einen Tempel wieder auszubauen, genau nach den Angaben der Bi5el, erfordert ebensoviel Zeit wie Liebe. Man sieht jeden Vorhang, jeden Vorhof, jede kleinste Turmzacke, jedes heilige Gerät. Der Tempel steht auf einem Tisch im Hinterzimmer einer Schenke. Er riecht nach jüdischen zwiebelgefüllten Fischen. Sehr wenig Besucher kommen. Die Alten kennen den Tempel schon und die Jungen wollen nach Palästina, nicht um Tempel, sondern um Landstraßen zu bauen. Und Frohmann fährt von einem Ghetto zum andern, von Juden zu Juden und zeigt ihnen sein Kunstwerk, Frohmann, der Hüter der Tradition und des einzigen großen architektonischen Werkes, das die Juden jemals geschaffen haben und das sie infolgedessen niemals vergessen werden. Ich glaube, daß Frohmann der Ausdruck dieser Sehnsucht ist, der Sehnsucht eines ganzen Volkes. Ich habe einen alten Juden vor dem Miniaturtempel stehen gesehen. Er glich seinen Brüdern, die an der einzig übriggebliebenen, heiligen Mauer des zerstörten Tempels in Jerusalem stehen, weinen und beten. * Das Kabarett fand ich zufällig, während ich an einem hellen Abend durch die dunklen Straßen wanderte, durch die Fensterscheiben kleiner Bethäuser blickte, die nichts anderes waren, als simple Verkaufsläden bei Tag und Gotteshäuser des morgens und abends. So nahe sind den Juden des Ostens Erwerb und Himmel; sie brauchen für ihren Gottesdienst nichts als zchn erwachsene, das heißt über dreizehn Jahre alte Glaubensgenossen, einen Vorbeter und die Kenntnis der geographischen Lage, um zu wissen, wo Osten ist, der Misrach, die Gegend des heiligen Landes, der Orient, aus dem das Licht kommen soll. In dieser Gegend wird alles improvisiert: der Tempel durch die Zusammenkunft, der Handel durch das Stchenbleiben in der Straßenmitte. Es ist immer noch der Auszug aus Aegypten, der schon Jahrtausende anhält. Man muß immer auf dem Sprung sein, alles mit sich führen, das Brot und eine Zwiebel in der Tasche, in der anderen die Gevetriemen. Wer weiß, ob man in der nächsten Stunde nicht schon wieder wandern muß. Auch das Theater entsteht plötzlich. Jenes, das ich sah, war im Hof eines schlnutzigen und alten Gasthofes etabliert. Es war ein viereckiger Lichthof, Gänge und Korridore mit Glasftnstern klebten an seinen Wänden und enthüllten verschiedene Intimitäten der Häuslichkeit, Betten, Hemden und Eimer. Eine alte, verirrte Linde stand in der Mitte und repräsentierte die Natur. Durch ein paar erleuchtete Fenster sah man das Innere einer rituellen Gasthofküche. Der Dampf stieg aus den kochenden Töpfen, eine dicke Frau schwang einen Löffel, Hi»» taÜAi» Qf ****** •** ■** den Fenstern und so, daß es sie zur Hälfte verdeckte, stand ein Podium, von dem aus man direkt in den Mur des Restaurants gelangen konnte. Vor dem Podium saß die Musik, eine Kapelle aus sechs Männern, von Serien die <^age ging, datz sie Brüder sind und Söhne des großen Musikers Mendel aus Berdyczew, an den sich noch die ältesten Juden aus dem Osten erinnern können und dessen Geigenspiel so herrlich war, daß man es nicht vergessen kann, tveder in Litauen, noch in Wolhynien, noch in Galizien. Die Schauspielertruppe, die hier bald arfftreten sollte, nannte sich „Truppe Surokin". Surokin hieß ihr Direktor, Regisseur und Kassierer, ein dicker, glattrasierter Herr aus Kowno, der schon in Amerika gesungen hatte, Vorbeter und Tenor, Synagogen- und Opernheld, verwöhnt, stolz und herablassend, Unternehmer und Kamerad zu gleichen Teilen. Das Publikum saß an kleinen Tischen, aß Brot und Wurst und trank Bier, holte sich Speise und Trank selbst aus dem Restaurant, unterhielt sich, schrie, lachte. Es bestand aus kleinen Kaufleuten und deren Familien, nicht mchr orthodox, sondern „aufgeklärt", wie man im Osten Juden nennt, die sich rasieren lassen (wenn auch nur einmal wöchentlich) und europäische Kleidung tragen. Diese Juden befolgen die religiösen Bräuche mehr aus Pietät als aus religiösem Bedürfnis: sie denken an Gott nur, wenn sie ihn brauchen, und es ist ihr Glück, daß sie ihn ziemlich oft brauchen. Unter ihnen finden sich Zyniker und Abergläubische, aber alle werden in bestimmten Situationen sentimental und in ihrer Gerührtheit rührend. Sie sind in Dingen des Geschäftes rücksichtslos gegeneinander und gegen Fremde — und doch braucht man nur an eine bestimmte verborgene Saite zu rühren, um sie opferwillig, gütig und human zu machen. Ja, sie können weinen, besonders in einem solchen Freilufttheater, wie es dieses war. Die Truppe bestand aus zwei Frauen und drei Männern — und bei dem Versuch zu schildern, wie und was sie auf dem Podium ausgeführt haben, stocke ich. Das ganze Programm war improvisiert. Zuerst trat ein dünner kleiner Mann auf, in seinem Gesicht saß die Nase, wie ein Fremdes, sehr Verwundertes; es war eine impertinente, zudringlich fragende und dennoch rührende, lächerliche Nase, eher slawisch als jüdisch, breite Flügel mit einem unvermutet spitzen Ende. Der Mann mit dieser Nase spielte einen „Batlen", einen närrisch-weisen Spaßmacher, er sang alte Lieder und verulkte sie, indem er ihnen überraschende, komische, widersinnige Pointen anhängte. Dann sangen beide Frauen ein altes Lied, ein ^Schauspieler erzählte eine humoristische Geschichte von Schölem Alechem, und zum Schluß rezitierte der Herr Direktor Surokin moderne hebräische und jiddische Gedichte lebender und jüngst verstorbener jüdischer Autoren; er sprach die hebräischen Verse und gleich darauf ihre jüdische Uebersetzung, und manchmal begann er Mei, drei Strophen leise zu singen, als sänge er so für sich, in seinem Zimmer, und es wurde totenstill, und die kleinen Kausleute Hatten große Augen und stützten das Kinn aus die Faust, und man hörte das Rauschen der Linde. Ich weiß nicht, ob Sie alle die jüdischen Melodien des Ostens kennen, und ich will versuchen, Ihnen eine Vorstellung von dieser Musik zu geben. Ich glaube, sie am deutlichsten gekennzeichnet zu haben, wenn ich sie bezeichne als eine Mischung von Rußland und Jerusalem, von Volkslied und Psalm. Diese Musik ist shnagogal-pathetisch und volkstümlich naiv. Der Text scheint, wenn er nur gelesen wird, eine heitere, flotte Musik zu erfordern. Hört man ihn aber gesungen, so ist es ein schmerzliches Lied, das „unter Tränen lächelt". Hat man es einmal gehört, so klingt es wochenlang nach, der Gegensatz war ein scheinbgrer, in Wirklichkeit kann dieser Text in keiner anderen Melodie gesungen werden. Er lautet: „Bnter die griene Beimelach stzzen die Mojschelach, Schlojiuelach^H Eugen wie gliehende Keulalach." (Augen wie glühende Kohlen.) Sie sitzen! Sie tummeln sich nicht etwa unter den grünen Bäumen. Tummelten sie sich — dann wäre der Rhythmus dieser Zeilen so flott, wie er es aus den ersten Blick zu sein scheint. Aber sie tummeln sich nicht, die kleinen Judenknaben. Ich hörte das alte Lied, das Jenffalem, die Stadt singt, so wehmütig, daß ihr Schmerz über ganz Europa weit hinein nach dem Osten weht, über.Spanien, Deutschland, Frankreich, Holland, den ganzen bitteren Weg der Inden entlang. Jerusalem singt: „Kim, kim, Jisrulekil «heim (nach Hause) in dein teures Land arrain"... Diesen Sang verstanden alle Kausleute. Die kleinen Menschen tranken kein Bier und aßen keine Würste mehr. So wurden sie präpariert für die schöne ernste, sogar schwierige und manchmal abstrakte Poesie des großen hebräischen Dichters Bialik, dessen Lieder in fast alle Kultursprachcn übersetzt sind und von bem eine Wiederbelebung der hebräischen Schriftsprache ausgegangen sein soll, die sie endgültig zu einer lebendigen macht. Dieser Dichter Hat den Zorn alter Propheten und die süße Stimme eines jubelnden Kindes.

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