Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2942 (7.5.1927)
- Date
- 1927-05-07
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2942 Wien, SamStag Wie«er Morgenzeitung 7. Mai 1927 Seite 7 Der Sohn des Moses Mautner Ein Wiener* Roman von Leopold Hichler. . opyrigBft 1927 by B. LStrit Verlag, Wies — Laipsfg Uttb La soll ih nah jetzt a so wegsch'.abn lassen? Nahn, inei lihrher Feldmannl Dir zahg ih noh ahn Herrn!! — Dehß beste Fleisch kriegt der Gnsti.vun vun mir und alle Kundschaften rannen zu erm! — Und von mir aus —« inachens ahn Vertrag Und schreiben S' all's eini, was glanb'n und — was recht is! Aber dem Feldmann zahg ih ahn Herrn!-— Am nächsten Tage wurde ein Vertrag zwischen Herrn Panigl und Gustav errichtet und beide waren froh. — „Ih tuhrs gern!" sagte Herr Panigl zum Rechtsanwalt, „ih tUhrs gern, denn warunr soll um ahn jungen Menschen Neht helfen?!" — Diese kleine Unaufrichtigkeit — denn Herr Panigl half sich wohl selbst am nreisten — verdroß Gustav nicht so sehr, als' der „junge" Mensch! — Er wollte kein junger Mensch mehr sein. Er war nun einmal großjährig gesprochen Und wenn ihm auch noch zwei Monate zum vollend,eteir dreiundtzwanzigstrn Lebensjahre fehlten, er fühlte sich Geis und — alt. Innerlich alt. Denn äußerlich verriet leider sein milchweißes, nur von einem kleinen, mühevoll aufgezwirbelten Schüurrbärtchm bedecktes Gesicht, die so überaus peinliche Jugend.. — DarUnr beschloß' der neue Chef einen Vollbart gu tragen. Er mied den Friseiurladen und ließ der Natur in seinem Gesicht freien LaUf. — Aber die Natur hat zuiveiten Wunderliche Launen. Er wollte einen Bollbart und bloß am Rande dies' Kinnes kräuselten ftch dichte, schwarze Löckchen, wahrend auf den Wangen — wie auf einem schlecht gemähten Mckerselde Nur vereinzelte Hälmchen sproßten. — Man war in Verlegenheit, dieses Bartfraigment zU benenrren. Es' war weder, Bollbart, noch Kaiserbart Und auch kein Backenbart. „Das is e Gahsbart!" rief sein Bruder Heinriche als er ihn nach vierzehn Tagen sah. „Was is dir eingefallen, Gnsti? Aus schauen tust du Me ein Schneider!" — .Wer Gustav ließ sich nicht entmutigen. Er vertrante auf die Zeit und strich jeden Morgen mit der Kopfbürste die Flocken am Kinn in die Richtung der Wangen, der, Natur gleichsam den Wog weisend.-Auch die Kleidung wurde uwgesormt. Zunächst erwarb er einen neuen Mantel. Emen langen, zweireihigen Mäntel. Lang und zweireihig; denn diese kurzen, einreihigen Röcke, die damals getragen wurdlen, schienen ihm zu flüchtig — zu fesch —> Er schleppte zwar schwer an dem langen, gewichtigen Mantel!uind wenn er die Stiege hinausging, trat er zuweilen darauf; darum trug er den Mäntel offen, um im GcheU nicht zü sehr behindert zu sein. — Nur jeden Morgen, bevor er ins' HaUs des Herrn Panigl kam, um die Arbeit der Handwerker zu kontrollieren — ob denn seine Werkstätte noch nicht fertig fei! — da schloß er vdrher die lange Reihe der Knüpfe des Mantels und trat würdig, gemessen, nach jeder Richtung zugeknöpft — in seine künftige Werkstätte. — —' Die Farbe des Mantels war dunkelgrün; denn Gustav — feit er zu Jahren kommen wollte — liebte die dunklen Farben. Dunkler Mäntel, dunkler Anzug, dunkle Krawatte, dUnller Hut. Eine düstere Erscheinung, vor der die Maurer erschraken, wenn er. plötzlich, unvermutet in den „Schupfen" trat. Der Polier meinte eimnal hinter Gustavs Rükken: „IH wahß' neyt: Ih glaüb' ollerwail, er knnnnt von ahner Leich'!" — Nein. Es war keine Leich', eher eine Gebärt. Nnr. glaubte der junge Vater, seinem Kindä, dem näunr Unternehnmr, tveiß Gott wie zU nützeil, wenn er l26. Fortsetzung.) Die besten wmmmmmämmmm . Neuerscheinungen der modernen Literatur stets vorrätig COLETTE / MITSOU / (Zsolftay-Verlag) Ganzleinen S 6*50 ROLLAND / MUTTER UND SOHN (Kurt Wolff-Verlag) Halbleinen S 13*50 ZWEIG / VERWIRRUNG DER GEFÜHLE (Insel-Verlag) kart. S 9*90 SCHNITZLER / SPIEL IM MORGEN¬ GRAUEN / (Fischer-Verlag) Ganzln. S 9*90 HEINRICH MANN / MUTTER MARIE (Zsolnay-Verlag) Halblü. S 950 FELIX SALTEN / MARTIN OVERBECK (ZsolnayVerlag) Ganzln. S 8*50 Buchhandlung R. Löwit Wien, 1., Rotenturmstr. 22 feine Jugend hinter dieser komischen Rüstung verbarg. — Und dennoch steckte ein bitterer Kern in diesem scheinbar kindischen Getändel: Die Sorge um seine Existenz* die Furcht, daß die Kunden seiner Jugend mißtrauen werden! — — Tag und Nacht — trotzdem er vor seinem Vater und Herrn Panigl so zuversichtlich getan — bedrängte ihn die bange Frage: „Wer' ich.ihnen — damit meinte er die Kunden — nicht zu jung sein?! Werde» sie imr bei mir kaufen wollen?!" Und auf dieser Ungewißheit lastete noch seine Unerfahrenhe.it im Umgang mit der 'Kunde. — — Gnstjav hatte noch nie eine Kunde besucht. Er wußte nicht, wie er die Ware anbieten solle! — „Wie macht man das?" fragte er seinen Bruder Heinrich.. ,/Wäs muß man tun, wenn nmn zu einer Kunde konnnt, damit sie bestellt?" Und Heinrich, der erfahrene Reisende sprach kurz Und gelrichtig: „Reden." — „Was muß ich reden?" —„Gnsti! das kann ich dir nicht im vorhinein sagen! Das Mt der Augenblick!" — - ' Diesen Augenblick fürchtete Gustav. Er.war niemals nn schlagfertiger Mensch gewesen Und nUn sollte er in fremden Städten und — im AugeMick — Reden halten!! — Gin' gründlicher Mensch baut vor. — Und' so ersann Gustav in seiner Phantasie, die künftigen Reden „für den Augenblick" und anßerdenr die möglichen Erwiderungen der Knuden. Er schrieb das alles nieder und mit diesenr KatechislNus — es war ein stattliches Büchlein geworben —• trat er Nun beruhigter seine erste Geschäftsreise an.-- Er begann in Steinamanger; aber — trotz Büchlein stand er mit klopfendem Herzen vor dem ersten Geschäfte, den: Laden des Herrn Jonas Weiß und wagte es nicht — oinzUtreten. — Spähend blickte er durch das Schaufenster in den Laden. —Es war ein schönes Geschäft: Me! Wände init Marmor verkleidet; das Verkaüfspult — fast so breit wie bep Laden — gleichfalls Marmor; auf. den: Pulte eine Menge Schüsseln, Glasaufsätze, Glasteller und darauf die verschiedensten Gattmrgen Würste, mit Bändern Und Schleifen appetitlich geschmückt. Hinter dem Verkaufspulte standl ein alter Herr, offenbar Herr Weiß und neben Du ein FräUlein, W« Verkäuferin. — Gustav hatte nicht den .Mut, einzutreten Er ging Port. — — In einer Seitengasse .nahm er ans' ferner Brusttasche den „Führer", das Büchlein. Und zitternden Herzens, wie ein Student vor der Prüfung noch rasch den Suceus der Skripten durchfliegt — so las Gustav in feinem Büchlein die vorverfaßte Rede für das Entree bei der Kunde. - Die Rede gefiel ihm nicht. Er fühlte: Es sei Papier. — Ach! Hätte er nur aus seinem vollen Herzen sprechen, dürfen! „SchaUn S', Herr Weiß!" hatte er gesagt,- „ich möcht' Ihnen so gerne verkaufen und Sie würden's nicht bwejnen! Ich möcht' Ihnen gute Ware liefern und bll- %ct. — Denn ich brn ein Anfänger und brauch' nicht viel verdienen!" Er fühlte: Mes sek zu deutlich! Der Mensch darf so offen nicht sprechen. — Er mich seine Wünsche umschreiben Und in gedrechselte Worte lleiden. — Warum, warum sind die Menschen so? Was für ein Verderben ist in sie gefahren, daß einer vor denr anderen sein wahres Gesicht verbirgt und verhüllt!? Und es wäre so natürlich ir.'ib so schön, wenn jcdär spräche: „Hilf . mir! Ich bin ein Mensch, wie du! — 'Vielleicht kann ich dir wieder emnrnl helfen!" — — — . (Fortsetzung folgü) Bezugspreise der „Wiener Morgenzeitung“: Monatlich Wien und Oesterreich.8 Tschechoslowakische Republik . ,.CK Jugoslawien .. Dinar Polen .. Zloty Deutschland .. Goldmark Frankreich, Belgien. Frcs Italien.Lire Rumänien. Lei 170*— Bulgarien. Lewa 100-— Amerika ..Dollar 1*— Schweiz und das übrige Ausland.Frcs 5.— Oesterr. Postsparkassenkonto 150.693. 5- 22*- 60 — 6*— 4*— 35- 20- OOOOOOOOOaOOOOCXXXXXXXSOOOOOOOOOOOOOOOOOOOGOOOOOOXXSOOOOOCXXSOCXSOOOQOOOOOOOOOOOOG VOLKSWIRTSCHAFT Sefterreichisch'deutscheFnduftriebesprechuugen. Einigung über die Form der Zusammenarbeit. . Gestern sind Vertreter des Reichjsverbandes der deutschen Industrie in Wien ein getroffen, Um den im März dieses' Jahres von Vertreterrr des Hauptverbandes der Industrie Oesterreichs in Berlin gemachten Besuch zu erwidern und die damals eingeleiteten Besprechungen über eine enrheitliche Behandlung der beide Staaten berührenderr wirtschaftlichen Fragen fortzusetzen. An diesen Besproch!ungen nahmen von deutscher Seite folgende Herren teil: Doktor Sorge als Ehrenvorsitzender, Vizepräsident Fr owe in, Präsidialmitglied Direktor R etzmann, Direktor N v t hmann, Dr. Schlenrker, Dr.' Herle; von österreichischw Seite: Präsident Urban, die Vizepräsidenten ^Hauser, Dr. Kranz, Penzig-Franz, Ehr hart, Kammerpräsident Tilgner,' die Nationalräte Klimann, StrcerUwitz Und Dr. Meidenhoffer, Bleckmann, .Dr. Geiringer, Mollier, Prinzhvrn, Sääf Uud Philipp S'choeller. Nach einer Begrüßung der Gäste durch den Präsidenten des Hailptverbiandes der Industrie Oesterreichs Urban übernahm Dr. Sorge den Vorsitz. Meser gab ein Bill» über die gegenwärtige Lage der Industrie lln Europa, ' ins- . besondere in. Mitteleuropa, knüpfte an die eben tagende Welttvirtschaftskonferenz in Genf an, Um dann Ine Diskussion über die Einzelheiten der organifatorifchrn Znsarmnenarbvit zwischen den beiden Verbänden einzUleiterr. Die österreichischwseits gemachter Vorschläge'für die Farin 'der Gemeinschaftsarbeit wurden von den deutschen Delegierten einmütig a n g e n o m m e n. Diese Anträge gipfelten liütt Wesen darin, eine möglichst einheitliche Behandlung der die beiden Staaten berührenden wirtschaftlichen Fragen L'u sichern. Nach einer eingehender: Aussprache kam Man dahin 'überein, daß die - Geschäftsführungen der Leiden Spitzenorganisationen jede für sich die nach ll-rer Auffassung für die Gemeinschaftsarbeit -in Betracht kommenden Fragen vorbearbeiten rriögen, Um auf diesem Wege zU bestimmten Vovschlägett für die BeratuNgs'gegenstände -der nächsten Konferenz zU gelangen. Die Mitglieder der Telegatioir vereinigter: sich nach Schluß dw Beratilngerr z:r einem gemeinsamen 1 Essen im ßotet Imperial, zu welche»: auch Bundeskanzler Doktor Seipel, Vizekarrzler Dr. Dinghoser, Handelsminister Dokwr Schürft, Firrairznrirrister Dr. Kienböck, die Gesarrdtschäfts'- räte Dönhoff Und Woerinarur, Generalsekretär Sektionschef Peter, Gesandter Dr. Jnnkar, Sektionschef Dr. 'Mörth, Sektionschef Dr. Weirrcz'ierl und führende Persönlichkeiten ^es"' Wirtschaftslebens erschierren waren. Nie Förderung des Audlandgeschöltes. Der Wirkungskreis der Rutzlandkommisson. In einer heute im Bundesgesetzblatt veröffentlichteir Verordnung des Bulwesintntsters für Finanzen werden Vorkehrungen getroffen, um das Gesetz über die Förderung der ö st erroi- <J> i f d? c u A ussuhr u u et; Der Union Der f ojiaIv|ii» scheu Sowjetrepubliken durchzuführem Zur Ueberprüfung- und Begutachtung der von inländischen iErzeugungs-, und Handclsunternehmungen behufs Erlangung einer Darlehenszusaga cingereichten Liefernngsverträge und Vertragsentwürfe wird eine-Kommission mit dem Sitze in Wien ein gesetzt, in die der Bundesminister für Finanzen,. der Bundeskcmzlcr und der Handelsminister sowie reue Länder, die durch Landesgefetz die Beteiligung an Darlehenszusagen und Lusfaltshastungen für Lieferungen nach Rußland beschlossen haben, je oinenj Vertreter und Stellvertreter entseirden. Der Finatrzminister bestellt strner vier Vertreter des'Handelskammertages und einen Vertreter des Arbeiierkammertages aus Grund vo-n Dreiervorschlägen Linnen vierzehn Tagen nach Erscheinen dieser. Vorordnuilg. Den Vorsitz in der Rußlandkommissivn -führtder Vertreter des Bundesmimsters fiir Finanzen. Die' Kommission saßt ihre - Beschlüsse mit einfacher Stimmenmehrheit. Gegen den Widerspruch des Vertreters des Finanzministers kann kein Beschluß gefaßt werden. Gesuche um Darlehenszusagerr sind bei der Geschäftsstelle der Nußlandkommission cmzubringen; sie haben alle von der Kommission! geforderten Nachweisungen zu enthalten. Die Rußlandkommission hat alle Voraussetzungen zu überprüfen, ob die eine Darlehenszusage anstrebende Unternehmung technisch und finonw ziell leistungsfähig ist. Im Bedarfsfälle kann sie Sachverständige betrauen, die die Handelskammer -in Wien für die einzelnen Warengruppen namhaft macht. Wenn die nach Rußland zu liefernden Waren iir mehreren Betriebsstätten erzeugt werden und diese in verschiedenen Ländern' liegen, so ist. ztvischrn diesen Ländern über den zu übernehmenden Anteil der Darlehenszusage, bzlv. Ausfallshaftung durch die Vertreter dieser Länder in der Kommission oder durch die Aemter der beteiligten Landesregierungen eine Einigung herbeizuführen. Die Mitglieder der Kommission erhalten für ihre Tätigkeit keine Entschädigung. PreisMauaMon in Ftalie». Vor zehn Tagen, als die ^ira sprunghaft den Kurs von 30 Schlvoizer Ccrrtimes überschritten hatte, wn.rde an dieser Stelle der Ansicht Ausdrnck gegeben, daß die italienische Negierung die ^irasstigerung dazu benützen iverde, um einen Druck auf die Preise auszuüben. Die Regierung hat nun mit dieser Aktion begormen, sie trifft jedoch ihre Maßnahmen zunächst irr demjerrigen Bereiche, der unmittelbar ihrer Jrrgererrz urrterliegt, um erst später, falls dieses Beispiel irr den privaten Handelskreisen nicht die gebührende Beachturrg und Nachahmung sinderr sollte, mit direkter Eingriffen in die Privatwirtschaft vorzugehen. Dies geht aus folgerrder vor», dev Agenzia Stefarri veröffentlichten Depesche hervor: Rom, 6. Mai/ In einer Mttellrmg übelr di-e gestrige Sitzung des Ministerrates wird betont, daß die auf die stufenweise Valorifievnng dM Lira gerichtete Politik eine bemerkenswerte!