Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2940 (5.5.1927)
- Date
- 1927-05-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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| Preis 20 0 1 Redaktion, Administration; Wien, II., Taborstr. 1 Telephon 44-0-38, 43-3-19 Ab 6 Uhr abends: Telephon 31-0-86 , Druckerei: VII., Lerchenfelderstraße 1 („lnva“) kreise *• Wien und Oesterreich durch Post oder Verschleißsteilen monatL & Schilling. Bezugsbedingungen für das Ausland im Innern des Blattes. BESUCHET o™ Wiener Rathauskeller! Die Gemütlichkeit der guten alten Zeit. Wer kommt, wird wieder Stammgastl Volkstümliche Preisel Mittags - Menüs L 8 1 * 60 Direktion: OTTO KASERER Ar. 2940 Wien, Donnerstag, S. Mai 1927 (3. Aar 5687). . 1 1 " . 9. Fahrgaag Die Eröffnung der Weltwirtschastskonferenz. 47 Staate« vertrete«. — Ae Ansprache des PrSftdentea rheunis. — Ae meritorifchen Beratungen. Im redaktionellen Teil enthaltene entgeltliche Mitteilungen sind durch ein vorangesehtes E gekennzeichnet. ©ine englische Note an Amerika. Hetzer die Kriegsschulden. London, 4. Mai. Der englische Botschafter in Washington überreichte heute der Regierung der Vereinigten Staaten eine Note über die Frage der Kriegsschulden. Die Note ist ein außerordentlich umfangreiches Schriftstück und stellt die Antwort auf diie amerikanische Auffassung dar, daß England durch Reparationen und Geldleistungen seiner Alliierten seine Kriegsschulden decke. Die Note sucht die, insbesondere vom Schahisckretär Mellon, ausgesprochene Ansicht zu widerlegen. Es ist die Absicht der englischen Regierung, den Feldzug in Amerika zur Neuregelung der Schuldenliquidationen und wenn möglich, zur gänzlichen Aufhebung der Sch u U denzahlungen zu unterstützen. Die Note kam allgemein überraschend. Lhamberlai» über die polnischlitauische Frage. * Soubon, 4. Mai. Im Unterhaus teilte Chamberlatn beu.Inhalt der Demarche in Warschan und Kowno vom Februar dieses Jahres mit, derzufolge die kkenannten. Regierungen sich um die W i e d c r a u f n a h m e der Verhandlungen. zwischen .Polen und Litauen insbesondere hinsichtlich des gegenseitigen Verkehrs benrühen sollen. Der Frage bezüglich der Erhaltung, des status qüo wich Chamberlain aus.. - Auf eine weitere Anfrage des Abgeordneten Wed ge, wood, warum die genannten Mächte diesen Schritt unternommen hätten, anstatt den'Völkerbund anzurnsen, antwortete' Ehamberlain, daß' di:es nicht nur im Interesse des Friedens geschehen sei, sondern auch deshalb, locf b rit i s che I n t.e r e s sp ir berührt worden wären. Trotze LSrmszenen fiel der Beratung des Gewrttslhsstsgesetzes. Bei der Beratung des GewerkschaftsgeseheS wiederholten sich heute im Unterhaus die Lärmszenen. Als Premierminister Bald win seine Rede begann und erklärte, daß gewisse Gewerkschaften ganz unter die Herrschaft, extremistischer Minderheiten geraten seien, nmrde er von den Abgeordneten der Arbeiterpartei mit lebhaften Zurufen unterbrochen. Nachdem der Sprecher die Ruhe hergestellt hatte, setzte Baldwin seine Rede fort. Auf den Zwischenruf des Labour-Abgeordneten Beckett, der Premierminister erzähle Lügen, kam es zu e-r regten Zwischenfällen. Churchill beantragte, den Abgeordneten Beckett, der eine Entschuldigung an Baldwin verweigerte,auf füns Tage von den Sitzungen des Hauses auszuschließen. Der Antrag wurde mit 331 gegen 88 Stimmen a n g e n o mmen und der Abgeordnete Beckett verließ unter Protest den Sitzungssaal. Premierminister Baldwin fuhr nun in seiner Rede, fort und sagte, er zweifle nicht, daß die Politik der Bergarbeiterföderation von einer extremistischen Minderheit geleitet werde. Die Arbeiterpartei brach abermals in stürmische Protestrufe ge ge n.Bald win aus. Die Konservativen antworteten mit Gegenrufen. Der Tumult nmrde so groß, daß die weitere Rede Baldwins vollständig im Lärm unterging. Prinienlonferenr in gndie». London, 4. Mai. In Simla sind die fichreudcn jPnnzeil Jiidieiis, darunter die Maharadschas von Bikamir und Kaschmir, zu einer großen Konferenz zusammengetreten, um die künftigen Beziehungen ihrer Staaten zu der Regierung von Indien zu besprechen. Schwere Niederlage der Fußballmeisters von Uruguay in Wien. Das gestrige Spiel des diesjährigen Fußballmeisters von Uruguay Penarvl gegen Rapid brachte den Sttdamerikattern eine schwere Niederlage. Die Wiener siegten vor 14.000 Zuschauern 5:0. Zur Halbzeit stand der Kämpf 3:0. Näheres im Sportteil. Genf, 4. Mai. Das Straßenbild am Tage der Eröffnung der Weltwirtschaftskonfewiiz war nicht so lebhaft wie bei den Völkerbundtagungen. Die Zugangsstraßen zum Reformcitioussaal wiesen keine starken Menschenansammlungen auf, und auch zur Eröffnungssitzung war der Andrang bei tveitem nicht so groß wie bei den Hauptsitzungen der Völkerbundversamwlungen. Die Kontrolle an den Zugängen zum Konferenzsaal war jedoch sehr streng. Vor olf Uhr vormittags war der Rcformationssaal bereits fast vollständig besetzt, nur die für die russische Delegation bestimmten Bänke sind leer, da d i e R u s s e n n o ch n i ch t e i n g e t r o f f e n waren. Sie sind erst abends angekommen. Im Beratungssaal steht man nur wenige der von den Völkerbnndtaguingen her bekannten Köpfe, dagegen eine Reihe von berühmten Wkrtschaftsführern aus aller Welt. Gegen HM 12 Uhr eröffnete der Präsident der Konferenz, der hcmalige belgische Außenminister Theunis, die Versammlung.mit einer längeren Ansprache. Er'betonte dcn besonderen Charakter der Konferenz, welche die Vertreter aus 47 Ländern, einschließlich der . Bereinigten'Staaten, Rußland und der Türkei umfaßt und auch durch die Art ihrer inneren Zusammensetzung aus allen Berufskrcifen eine Besonderheit im internationalen Leben darstellt. Sodann-gab Zcheunis einen Ue'berblick über die Vorgeschichte der Konferenz und besprach dann die ihr bereits vorliegenden Studien, die sich unter dem drei Rubriken: Handel, Industrie und Ackerbau einteilen lassen. Dabei wies Dheunis auf das Mißverhältnis zwischen Produktion'und Absatz in der Nachkriegszeit, auf die 'Unterbrechung und die Hemmungen der internationalen Wirtschastsbezichangen und die Schwierigkeiten bei der Schaffung neuer Handelswege, auf die Verarmung eines beträchtlichan Teils Europas und auf die unsicheren finanziellen Verhältnisse der Nachkriegszeit hin. Die territorialen Grenziveränderungen der letzten Zeit hatten starke Rückwirkungen auf das Wirtschaftsleben zur Folge; immer mehr verbreitet sich unter den Völkern der Wunsch, sich wirtschaftlich selbst zu genügen, gleichzeitig aber auch der Wunsch, sich neue Absatzwege zu schaffen, zwei Tendenzen, die in offenem Widerspruch zueinander Der Kern der gegenwärtigen Schwierigkeiten der Weltwirtschaft besteht anscheinend darin, daß der Handel, vor allem in Europa, mit der Entwicklung der Produktionsmittel nicht Schritt halten konnte. An dieser Konferenz wird es liegen, diesen Schwierigkeiten zu begegnen; sie wird sicher nicht mit einem Zauberschlag den wirtschaftlichen Mißständen ein Ende machen; es handelt sich um ein Werk auf weite Sicht, man darf aber auch nicht daran zweifeln, daß eines Tages feste Resultate erzielt werden müssen, um den immer brennender werdenden Friedensdurst der Völker; zu stillen. Am Schluß seiner Rode machte Dheunis verschiedene Mitteilungen über das Avbeitsprogramm der Konferenz und gab dabei u. a. an, daß zunächst bis Samstag nachmittags die a l l g e m e i n e A u s s p r ach e geführt werbe, dann müsse mit der Kommissionsävbeit begonnen werden; die Bildung der Kommissionen werde Samstag - nachmittags erfolgen. Er hoffe, daß die Konferenz am 21. Mai abgeschlossen werden könne, bitte aber sämtliche Delegationen, sich auf jeden Fall Vis zum 28. Mai freizuhalten. Auf Vorschlag des Präsiden tem wurde dann der französische Delegierte L o u ch e u r unter Betonung seiner Verdienste um das Z-ustandekommen der Konferenz zum ersten Vizepräsidenten gewählt. /; Um 4 Uhr nachmittags trat die Konferenz bei vollzähliger Teilnahme der Delegierten, doch bei stark gelichteten Tribünen in ihre meritorifche Arbeit ein. Als erster Redner in der allgemeinen Aussprache über die Ursachen der Wirtschaftskrise und die Mittel zu ihrer Ueüerwindung hielt der schwedische Volkswirtischaftler Professor Cassel einen Vorträg, der u. a. die -»* wirtschaftliche Abrüstung durch Moderherstellung des Freihandels und eine möglichst große Bewegungsfreiheit Kr das Kapital durch Erhöhung der Konsumtion und Kaufkraft als dringend notwendig forderte. Der Vortragende behandelte in diesem Zusammenhänge auch das Problem der A r ü e i t s l o s i g k e i t, unter der Deutschland und England hauptsächlich zu leiden haben. Aufgabe der Weltwirtschaftskonferenz sei es, die Mittel zu finden, in erster Linie die Arbeitslosigkeit zu steuern, die im Grunde genommoni nichts anderes als eine Folge der P l a n l o s i g k e i t i n der Industrie sei. Den italienischen Standpunkt legte der Delegierte Graf B o n i n - B o n g a r e dar, der erklärte, ein wirklicher Friede könne nur in einer Gesellschaft begründet werden, wo jedes Volk imstande sei, durch seine Arbeit und seinen Handel einen Grad des Wohlstandes zu erreichon, d;r seinem Zivilifationsstande entspreche. Italien, das von Rohstoffen entblößt, aber reich an Arbeitskräften spi, fordere mit Energie die Wiederherstellung seines Wirtschaftslebens. ■ ~ Es folgte hierauf der Delegierte der internationalen Handelskammer, der'frühere englische Handelsminister Sir Walter Rpnciman. Als letzter Redner forderte der frühere polnische Handelsminister und jetzige Vizepräsident des polnischen Güterverbandes G l i w i c den Schutz der nationalen Arbeit und der w i r ts ch a f tli ch en K räfte j c d e s e i n z e l n e n Landes, im wesentlichen durch s chtz z ö l l e r isch e Maßnahmen. Er stellte schließlich die Forderung aus, daß die Auswanderungsländer mit den* Einwanderungsländer.n zu einer Verständigung ge< langen müßten. Dle russWe Megatlon. Genf, 4. Mai. (Tel. Comp.) Die russische Delegation unter Führung des Leiters des statistischen Zentralcvmtes in Moskau O b o l e n s k i - O s s i n s k i ist heute nachmittags in Genf eingetroffen. Die Genfer Polizei hatte' die Delegation gebeten, den Schnellzug bereits in B ellevu e, einige Kilometer vor Genf, zu verlassen und sich von dort aus in Automobilen in das Hotel Angleterre zu begeben. Bor dem Hotel hatte sich eine ziemlich große Menschenmenge angesammelt, die aber von den Polizisten in beträchtlicher Entfernung vom Hotel geh alten wurde. Der Führer der Delegation, Obolenski, wird morgen oder übermorgen in der Wirtschaftskonferenz eine große Programmrede halten. Ler chinesische Bürgerkrieg. Paris, 4. Alai. Nach einer Meldung der Agence (Judo Pacisique hat Dschanktsolin sämtliche Geheimgesellschaften aufgelöst Und ihre Führer in Peking verhaften lassen. Die Hankautruppen haben mehrere abtrünnige Brigadegenerale und 4600 Mann gefangen genommen. Der aufständische General W e i j i f a N, der mit einigen Divisionen zu den Extremisten übergegangen war, Hat Tschangtsolin um Hilfe gebeten und versprochen, sich vollkommen zu unterwerfen. Mentat aal zrim eunlatjeo, London, 4. Mai. Nach Meldungen chirresifcher Mütter ist auf SUujätsen in Hankau ein Attentat verübt worden. Sie soll durch mehrere Kugeln schwer verletzt worden sein.