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Wiener Morgenzeitung · 1927-05-02 · Heft 2937 (2.5.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2937 (2.5.1927)
Date
1927-05-02
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 293: Men, Montag Wiener Msrgen-ettnng 2. MM 1927 s B B s B l» B BBBBBBBBBBBBBBBBBBBBBBBBBBl-WBBISIBBBBSIBIUMISIWBBBBBBBBBBBBBBBBBI in Spendet reichlich für die Kinderrettungswoche! B B B B Die DollarfSlscher verhaftet. Sine Sleudrtragövie. Wie wir vorgestern berichteten, wurde in den letzten Tagen bei mehreren Wiener Geschäftsleuten der Versuch unternommen, gefälschte Dollarnoten anzubringen. Der Polizei ist es nun gelungen, in ganz kurzer Zeit den Fälscher und den Verbreiter der Noten zu verhaften, wobei eine Tragödie fürchterlichsten Elends aufgedeckt wurde. Wie berichtet, hat der Mann, der in den Geschäften die Zehndollarnoten ausgab, behauptet, nur englisch sprechen zu können und kein anderes Geld bei sich p haben. Als in den Zeitungen die Nachricht von dem Auftauchen der falschen Dollarnoten erschien, kamen dem Sicherheitsbureau zahlreiche Mitteilungen zu, und in einer derselben hieß es, daß der Verdacht der Täterschaft bei einem jungen Mann zutreffen könnte, der vor dem Kriege viele Jahre in England geweilt habe, bei Kriegsausbruch interniert worden sei und erst 1919 nach Wien zurückgekommen sei. Dieser junge Mann namens Oskar Hoffmann, der in einem hiesigen englischen Klub verkehrte und allgemein „Jonny" genannt wurde, spreche ein ganz vorzügliches Englisch und bringe sich als Dolmetsch und Fremdenführer fort. Schon Tags darauf wurde Hoffmann in einer Weinstube in der Inneren Stadt an geh alten und ins Sicherheitsbureau gebracht. Was sofort gegen ihn sprach, war der Umstand, daß er in der Weinstube ein Paket hinterlegt hatte, in dem sich die mit den falschen Dollarnoten gekauften Gegenstände befanden. Zunächst leugnete Hoffmann gar nicht, daß er die falschen Dollarnoten ausgegeben hatte, allein er behauptete, sie von einem Amerikaner, dem er in der vorigen Woche das nächtliche Wien gezeigt habe, nach durchschiwärmter Nacht erhalten zu haben. Erst am nächsten Tage sei ihm der Verdacht aufgestiegen, daß die Noten gefälscht sein könnten, er habe jedoch trotzdem das falsche Geld verwertet. Gestern legte aber Hoffmann das Geständnis ab, daß das falsche Geld von seinem Schwager Maximilian Presfinger hergestellt worden sei. Er habe sich eine Zehndollarnote von einem Bekannten ausgaliehen und sie sodann seinem Schwager als Vorlage übermittelt. Presfinger wurde mit seinen drei Kindern, dem 21jährigen Robert, dem 18jährigen Max und der 17jährigen Eleonore Presfinger, im Hotel Holzwarth in der Mariahilferstraße, wo alle vier ein bescheidenes Zimmer bewohnten, verhaftet. Im Hotelzimmer wurde auch der ganze Fälscherapparat beschlagnahmt, und zwar ein Vervielfältigungsapparat samt Farbwalzen, Spachteln, Papier und Farbe. Im Sicherheitsbureau wurden Presfinger und seine drei Kinder vielfachen Verhören unterzogen, und die Protokolle hierüber sind ein erschütterndes Dokument menschlicher Not. Presfinger ist der Sohn eines Bahnbeamten, der ihm eine sorgfältige Erziehung zuteil werden ließ. Nach Absolvierung der höheren Staatsgewerbeschule in Graz war Presfinger Zeichner bei Architekten. Der Krieg setzte dieser Beschäftigung ein Ende. Nachi dem Zusammenbruch wurde Presfinger selbständiger Spediteur, hat aber dabei sein Vermögen, das angeblich 430.000 Goldkronen betragen hat, verloren. Er ging dann nach Innsbruck, und die Sorge um seine drei Heranwachsenden Kinder, feine Frau war gestorben, hat ihn dort zum erstenmal mtt dem Gesetz in Konflikt gebracht; er wurde wegen Diebstahls und Betruges zu neun Monaten schweren Kerkers vernrteltt. ^vegen eines schweren Magenleidens mußte er die Strafe nicht ganz verbüßen, er kehrte nach Wien zurück und brachte sich als Zeichner fort. Er erfand ein Verfahren, auf Seidentaschentüchern farbige Zeichnungen anzubringen» für die er reizende Muster schuf. Ec entwarf in Tufchzeichnung die Muster und pausierte sie dann auf den Stein des Vervielfältigungsapparates, den ihm eine Firma p diesem Behufs geliehen hatte. Eine große Firma, die sich für seine Arbeiten interessierte, wollte mit ihm einen Vertrag machen, der chm dauernde Beschäftigung gesichert hätte. Mein die Not, in der er sich mit seinen Kindern befand, ließ ihn noch vorher zum Verbrecher werden. Er hat zunächst im Hotel „Goldenes Faßt" gewohnt, doch mußte er dieses Quartier ausgeben, da man sein Zimmer benötigte. Er übersiedelte nun ins Hotel Holzwarth, aber auch hier drohte ihm die Delogierung, er hatte kein Geld und mußte von Tag zu Tag fürchten, mit seiner Familie auf die Straße gesetzt zu werden. Das Elend in der Familie war so groß, daß pnt Beispiel beide Sühne zusammen nur ein Hemd haben und daß Vater und Söhne zusammen nur einen Ucberzieher besitzen. In dieser grauenhaften Not hat sich Presfinger entschlossen, falsche Dollarnoten herpstellen. Die Kinder sahen wohl, wie ihr Vater und der Onkel geheimnisvoll sprachen, als Hoffmann die echte Note brachte, doch wußten sie nicht, um was es sich handelte. Erschütternd war die Szene, als Presfinger von seinen Kindern, die nun der bittersten Not preisgegeben sind, Abschied nchmen mußte. Presfinger und Hoffmann werden nach Abschluß der Erhebungen dem Landesgerichte eingeliefert werden. Lle ffttMfc Slot in SBien. Di- «tziltusgemeinde nmtz 60.000 Schilling für Peffach-Unterftützungen und Mazzoth ausgrben. Aus Anlaß des Pessach-Festes wurden von der Kultusgemeinde 2IjBOO Kilogramm Mazzoth angekauft, welche an unbemittelte Familien zum Preise von 8 0 Groschen pro Kilogramm abgegeben wurden, während die Gestehungskosten für die Kultusgemeinde Schilling 1.70 Man trauert, man beweint einen Menschen, spricht von seiner Unersetzlichkeit und doch — wie bald, wie rasch ist er vergessen und alles geht wieder seinen alten Schritt! — Schon am nächsten Morgen lief das tägliche Werk, die Arbeit im Hause Lanrpl, als wäre nichts geschehen und Herr Bernhard stünde noch immer an die Holzwand seines Kontors gelehnt und blicke über den Hof. — Im Hofe war mm viel Leben; denn den ganzen Tag schoß Gustav vom Wurstzimmer über den Hof zum Magazin und vom Magazin über den Hof zum Kontor und wieder zurück. — Er wollte nämlich überall.und. gleichzeitig sein. <Äin Ehrgeiz wollte das Geschäft auf der bisherigen Höhe erhalten und — weil Umsicht uiid Ernst dem Ehrgeiz zu Hilfe kamen, gelang es auch; demr ein Geschäft ist wie ein Garten: Es blüht, wenn es gepflegt wird.- Mit wohlwollenden Blicken betrachtete Herr Hermann die Arbeit seines Jüngsten; mit kritischen Blicken Frau Sali. Und sie drängte: „Hermann! Du mußt bei Resi nachschauen! Er arbeit' und mtf> arbeit' und wie schnit'S aus? Verdient sie? — Fahr' hinaus Hermann m b schau' in die Bücher nach!"- Er ihwretn halbes Jahr nach dem Tode Herrn Bernhards, da erschien Herr Hermann an einem Vormittag in der Fabrik seiner Tochter in Hernals: Mit sehr ernstem Gesichte und unerwartet. Ein Vorläufer des Theisrnger! — „Ich bin heraus gekommen prüfen," sagte er. „Die Bücher «prüfen!" — „Das ist gut," erwiderte Frau Resi. Gustav »aber schwieg, denn trotz seinem guten Gewissen war er ein wenig beklommen.- Herr Hermann ging pnächst ins Kontor, hinter ihm Frau Resi und Gustav, und der Alte begann im Kontor mit 'der Kontrolle des Hauptbuches. Und er las mit einem Eifer «in „Soll und Haben". — Gustav Freytag hätte eine Freude gehabt — und dann schrieb er Zahlen heraus, und hernach fragte er: „Wie is es nrit der War'?" — „Im Magazin und im Gshaus ist die Ware," erwiderte Gustav. — Herr Hermann ging ins Magazin und ins Eishaus und ließ wägen und zählen und ging wieder zurück m§ Kontor und Frau Resi und Gustav stets hinter ihm her, wie die Küchlein hinter der Henne. — Im Kontor rechnete er wieder und summierte. Und es ergab sich eine Zahl, eine Schlußsunnne, und Herr Hennann atmete tief, blickte über den Zwicker zu seiner Tochter hinauf, die vor ihm stand Md sprach: „Resi! Er hat gut gewatschiaft! Du hast 4000 Gülden Ehr!"- pro Kilogramm betrugen. 36 Vereine und Institutionen erhielten gleichfalls Mazzoth zu dem für Unbemittelte normierten Betrage beigestellt. Das vom „American Joint Di st r i b u t i o n Committee" eingesetzte und dotierte ,^lnterstützungsTomitee für die notle ödenden jüdischen Institutionen in Wien" hat an mehr als 1000 Parteien 4435 Kilogramm Mazzoth gegen Vergütung von 20 Groschen pro Kilogramm abgegeben, wodurch es ermöglicht wurde, streng rituell lebende Familien mit ausreichenden Mazzoth-Quantitaten zu bedenken. Ueberaus groß war die Zahl der U n t e r st ü h u n g s - g esu che, welche anläßlich der Feiertage einliefen. Mehr als 600 Parteien wurden be bellt, wobei die Unterstützungsbeträge zwischen 10 und 30 Schilling schwankten. Außer der budgetierten Monatsquote standen für diesen Zweck 3000 Schilling zur Verfügung, welche als außerordentlicher Kredit vom Vertreter-Kollegium dem Präsidium eingeräumt wurden, und weitere 3 00 0 Schilling, die der Bethausvorstand für den 1. und 2. Bezirk aus den Sammlungserg'ebnissen bei Trauungen für Pessach-Unterstützungen abgeliefert hatte. Dennoch mußte eine weitere Ueberschreitung um etwa 1000 Schilling platzgreöfen, um nur den dringendsten Anforderungen gerecht zu werden. Das Präsidium hat für die rituelle Küche in Lainz 5 0 0 Schilling, für die Pessach-VerWstigung Kranker durch den „Verein zur Unterstützung armer, kranker Israeliten" 600 Schilling, für die Pfleglinge des Versorgungsheimes ön Döbs 201 Schilling, für die Verköstigung der Häftlinge und für Seder-Mahlzeiten an Arme 2000 Schilling verausgabt. Insgesamt haben die Ausgaben für die Pessach-Mtionen rund 6 0.0 0 0 Schilling betragen, denen Einnahmen und Refundierungen im Betrage von 28.090 Schilling gogenüberstehen, so daß sich eine Belastung der Kultusgemeinde aus dem Titel der „Pessach-Mtionen" von 32.000 Schilling ergibt. ' 1*1. Fortsetzung.) Gustav war stolz, aber er blieb nüchtern 'und arbeitete ruhig weiter. Me das Voglein, das zrnn Neste Halm um Halm hinzugefügt, so trug Gustav Mühe, Sorge und Fleiß zu dem Bau, worin er bloß Gast war, pm Geschäft seiner Schwester, zu ihrem Vermögen und es' wuchs und -wuchs. — Aber die Menschen bauen anders als die Vöglein. Dort bauen die Alten und die Jungen fliegen davon, und hier baute Gustav und Frau Resi blickte begehrlich von der festgefügten Basis ihres Vermögens m die weite Welt hinaus. — Und der Uebermut zog seine Schwingen Md rauschte.verlockend«: „Warum noch weiter arbeiten? Hast genug. Verkauf' dein Geschäft nnd flieg'. Sei frei!" — Aber Vater Spatz, Herr Hermann, war auf der Lauer. Rasch flog er herbei: „Was heißt verkaafen? Was soll mit Gusti geschehen, wenn dn has Geschäft verkaufst?!" — „Kaufs du für ihn, Vater." — „Was fallt dir ein, Resi! Wo kcmn er ohne Frau so e Geschäft 'führen? Wart' noch zwah Jahr', Resi, bis er großjährig is; dann wird ma ihm e Frau finden uttSfo dann — kann ich's für ihn kaufen!" — „Nein, Vater," erwiderte Frau Resi kurz, und mit ungewohnter Energie. „Nein. Ich wart' nicht. Ich Hab' einen Käufer, und der gibt mir zwanzigtausend Gulden. — Entweder kauf's für dm Gusti oder — ich Verkaufs!" — Herr Hermann erschrak. — Es ist bisher noch nicht geklärt, ob über die Plötzlichkeit oder über die Höhe der Summe. — Ich glaube, das letztere. Wenn ein Mensch klein begonnen und mühsam sein Vermögen zusamnrenge-- spart — der wendet den Kreuzer, bevor er ihn gibt. — Den Kreuzer! Und Herr Hermann sollt« zwanzigtäusend Gulden sofort geben, und noch dazu für eine Sache, die ihm durchaus nicht sicher erschim. „Wie kann er ohne Frau sa e Geschäft führen!" wiederholt« Herr Hermann, „da muß er ja zugrund' geh'n. Ohne Frau!" Der alte Herr blickte sehv bekümmert ob dieses Mangels. — Noch nie wird einem Manne das Junggesellentum so verderblich erschienen sein, als damals dem besorgten Vater! — Ihm schien dieser idyllische Zustansd ein Grab, in welches er einen großen Teil seines so schwer erworbenen Verinögens versenken sollte. — Und wieder seufzte er: „Wenn er e Frau hätt', wär' das was anderes!" — Da ergriff Frau Sali das Wort: „Er braucht e Frau, wie ich das Seiltanzen! Jeden Abend laaft er mit Mahden herum!" — „Das is es ja," meinte Herr Hennann. „Wmn er ernster wär', könnt' mau sich ja schon jetzt ümschaun! Praawe Mahden gköt's gerrngck" (Fortsetzung folgt) ■BBBBBBBBHBBBBBBBBBBBHBBBBBBBlirJBBBBBBBBBHBBBBBBBllBHHHBBBHBBBBBBBBBMHHHMMHMHHMI Der Sohn des Moses Mautner Ein Wiener Roman von Leopold Hiohler. Copyright 1927 by B. Löwit Verlag, Wien — Leipzig

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