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Wiener Morgenzeitung · 1927-04-24 · Heft 2929 (24.4.1927) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2929 (24.4.1927)
Date
1927-04-24
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 2929 24. AM 1987 Wien, Sonntag Ser Mrldeiettel aenügt «itzt alr Wahldokumeat. Die HauptwtthlveWrde hat sich in ihrer letzten Sitzung mit der Frage beschäftigt, ob ein Meldezettel als Jdentttätsdokument im Sinne der Bestimmungen der Wahlordnung angesehen werden könne. Die Haupbwab'.bchörve hat sich grundsätzlich dagegenausgesproch e n, daß dein Meldezettel eine solche Eigenschaft zugebiUigt werden könnte, hat aber in Anbetracht des Umstandes, daß diele Wähler ihre Dokumente bei Behörden erliegen haben, den Meldezettel als Ausweis gelten zu lassen, wenn außerdem eine amtliche Bescheinigung betgebracht wird, daß ein JhentitStsdokument des Wählers bet einer Behörde erliegt. Als solche amtjlicfyc Bescheinigung wirb nach Ansicht deS Magistrates insbesondere eine sogenannte Präsentationsruvrik anzujsehcn sein, worin von der Behörde bestätigt ist, daß ein »Ansuchen z. B. um HeimatrechL bei ihr überreicht wurde U»d in der Regel auch der Anschluß der notwendigen Beilagen bestätigt wird. Um aber die Wähler auf jeden Fall in die Lage zu versetzen, ein Dokument vorzmveistn, hat der Magistrat verfügt, daß so wie in den letzte« jTagen auch am Samstag, den 23. April, ununterbrochen hts 6 Uhr abends und am Wahltag selbst von 7 Wr ' frttf? bis 4 Uhr nachmittags in den magistratischen DeiztrlWnitern Dokumente, die sich bei Ansuchen, insbesondere um Verleihung des Heimatrechtes befinden, ausgesolgt werden. Der Wähler kann am besten seine Identität durch Urjkunden Nachweisen, wie G e b u r ts-, T r a u-, Heimatsis che ine, Pässe, Legitimationen jeder Art, Gewerbescheine, überhaupt unter Beidruck eines AmtsstempelS auSgefertigte Urkunden, welche seinen Personeni stand erkennen lassen. Andere Nachweise darf er dev lWah'lbehörde weder vorlegen, nach dürfen diese von der lOrtswahlbchörde entgegengerwmmen werden. Slmlftlsche zogenlgriivve Leo»iWa»t. Sämtliche Mitglieder werden ausgesord.rt, Sonntag, M Wahltage, sich um halb 7 Uhr früh im Zentralwahllokale, 2. Bez., Taborstraße 1, einzufinden. * Me Jugendlichen des Praters Melden sich heute, 7 Uhr früh, im Lokale Jungstr. 8, und im Agitationslokale „Radfahrer" zur Wahlarbeit. Mitarbeit eines jeden Juden unbedingte Pflicht. Sffener Brief. Herrn Dr. Edwin Bader, Üädttfcher Arzt, Mitglied des Wiener Kultusvorstandes und Führer des Komitees „werktätiger Juden", S. Bez., Türkenstraße 33. Bor einigen fcagen haben Sie in Ihrem Berlage und als verantwortlich! für den Inhalt zeichnend ein Wahljflugblatt herausgegeben, in welchem ich als „den anttsemiittschen Geschäftspolitikern und Pogromisten gleichgearteter ijüdischer Geschäftspolitiker" bezeichnet werde. Ueberdies «trägt das Flugblatt eine Zeichnung, welche darstellt, wie -ich Arbeiter anspeie.! In den fünfundzwanzig Jahren meiner öffentlichen jTätigkeit haben meine schärfsten Gegner von rechts und!links im heftigsten Kampfe so etwas nicht gewagt. Bon jJhnen weiß ich«, daß 'Sie als Mitglied der zionistischen »Organisation dieser bei Wahlen in den Rücken gefallen isind, und auf einer gegnerischen, sozialdemokrattschen Liste .kandidiert haben. Sie wurden dafür von einem Ehrengerichte von der zionistischen Partei ausgeschlossen. Die -Sozialdemokraten haben nach dem Verrat Ihnen aber »eine gutbesoldete Stelle als städtischer Arzt verliehen. Menschen, die so qualifiziert sind, weiche ich im Privatleben aus. Im öffentlichen Leben ist man aber verpflichtet, jeder Verdächtigung entgegenzutreten, ohne Ansehung der Person dps Verleumders. Ich erkläre daher: Herr Dr. Edwin Bader! Sie sind ein Lügner und Berlämnder! Ingenieur Robert Stricker, Wien, II., Hollandstraße 10. 3« der unbeobachteten Provinz. Die „Grazer Tage spost" hatte am 8. April in einem Bericht über eine Wählerversammlung in Straß .mitgeteilt, daß der Landesrat Machold erklärt habe, er : sei selbst Antisemit. Wir haben dies am 15. April berichtet. Der Rocbtsanwatt Dr. Bnno Kru' il in sendet wrt3 in Vertretung -«3 Landesrates Rein'ar Machold folgen» e Berichtigung: „Es ist unwahr, daß Herr Landesrat Reinhard Machold als Referent in einer Wäh'erversammlung der Sozialdemokrat"! in StraAß am 8. Avril erklär!« selbst Antisemit zu sein. Wahr ist vielmehr, daß Herr Lanl e rat Reinhard bei jener Versammlung in S raß zur Frage des Antisemitismus auf die Behausung des Oberlehrers Schiffer aus Mureck. daß die Juden an allem Elend schuld seien, folgendes erklärt hat: „Ich habe in meinem Leben schon viele Juden kennen gelernt, die sehr brav und anständig waren und andere, denen man das nicht nachsagen kamt. Aber ebenso wie bei den Juden, gibt es auch bei den Christen anständige Und unanständige Menschen und man kann die Einteilung der Menschen nicht nach ihrer Religions'Ugehörigkeit, sondern nur nach ihren Cl^rakbereigenschiften v n-- nebmen." — Hochachlend Dr. Bruno Kurzweif.' «üttfB Mäntel aus Covfercoat und gutem engl. Modestoff S 39.-, 35.- 29 - 28.-, 19.89, 16.90, 12.90 aus, prima Wipcord, Kammgarn - Covercoat, Charmelaine, Royal, Rips und Melee S 98-, 89-,75-, 69.- 89.-, 49.—, 45.— aus Kasha,Covert coat, Rips. Royal und Poupeline S 119.- 98-, 79-, 65-, 49.-:, 3!L~, 35. ' aus Crepe de Chine^ Crepe Georgette geßl. oder glatt' dessinierter-: Foulard, Rohseide, Charmelaine Rips, Poupeline, Royal u. Schotten»:: 8 89.- 76—,59-, 49-, 35.-, 29 -, 19.80, 12.80, 7.50 aüä Covercoat, Wipcord, Waterproof, Composee undgutem englischen; Modestoff 8110,-, 98.-; 69-, * 59.-, 49.-, 35-> Sozialvemokratilche Wahllause. Die seligen Zeiten der Luegerschm Wah'üvürsteln scheinen wieder erstanden zu sein, die Zeiten, in denen man für ein Paar Würstel mit Bier die Gesinnung des Wählers kaufen konnte. Biel ist darüber geschrieben worden, viel wurde geschrien und gezetert und am meisten zeterte die damals noch Leine, sozialdemolralische Partei, welche von Wahlbeeinflussung und Stimmenfang sprach. Aber die Zeiten ändern sich und mit ihnen die politischen Methoden. Und wenn die Sozialdemokraten heute schon Luegerschen Antisemitismus treiben, mein Gott, warum sollen sie nicht auch seine Wahlmethoden kopieren? Dieser Tage fand im Cafe „Industrie" in der Porzellangasse eine „Jause" für die Pfleglinge des jüdischen Versorgungshauses in der Seegasse statt. Die edlen Gastgeber waren, der getaufte Jude Gemeinderat Schleifer und die Frau Fürsorgerätin Jäger, welche ihre Gäste auf das freigebigste bewirteten und ihnen allerhand schöne Sachm erzählten, von der sozialdemokratischen Partei, und ihrem guten Herzen für die Juden und insbesondere von ihrer offenen Hand für jüdische Fürsorgeinstitnte. Beispiele wurden natürlich nicht erwähnt, sind auch ganz überflüssig, denn der beste Beweis ist ja der, daß die Kommune, welche so lange Jahre die Vergeßliche spielte, sich jä doch der jüdischen Pfleglinge erinnerte und sie, alles Verabsäumte gutmachend, zu einer Jause lud. Ja, ja, die Gemeinde Wien vergißt in Wahlzeiten nickst an ihre lieben Juden. Jns lüdisdke Maus das tüdtsdke fätait Tagesbericht. Prager Alt-Neuigkeiten. Altes u.N'd Neues nebeneinander und übereinander — Idas ist der Zauber dieser Stadt. Das Zusammentreffen vieler Jahrhunderte und alter Kulturepochen begründet Prags große Anzi.hungskrast und Schönheit. Der Kontrast zwischen Allermodernstem und Allerhöchstem; zwischen alten Renaissancebrunnen und konfortablen Wasserleitungen; asphaltierten Straßen und gewölbten, altertümlichen Passagen; jahrhundertealten, schmalbrüstigen Häuschen und vielstöckigen, großen Hotels, Geschäfts- und Wohnhäusern — verfehlt nie seinen tiefen Eindruck und erweckt jedesmal aufs neue Staunen und Bewunderung. Ein großes kulturgeschichtliches Werk ist Prag. Man be- .ritt ein altes, gewundenes Gäßchen oder einen breiten Zlatz oder eine steile Stiege, und schon ist eine neue Seite ieses Buches aufgeschlagen. Hier könnte man nach Beließen durch die Jahrhunderte spazieren. Bisweilen sind sie nur wenige Stufen voneinander entfernt. Häuser, in welchem, die Keller der romanischen, die Giebel der Renaissancczeit entstammen, gehören nicht zu den Seltenheiten. Auf alten, versunkenen Grundmauern wurde immer wieder neues Gemäuer arvfgetürmt. Die uralte Alt-Neuschul, die versinkende Burg des früheren Ghettos, die stumme Zeugin jüdischer Ausdauer, jüdischen Leides und nichtjüdischer Schmach, ragt heute mit ihrem ältesten Teile kaum mehr als zwei Meter über dem Erdboden hervor, während ihr ein jüngerer gotischer Aufbau aus der zwe« ten Hälfte des 13. Jahrhunderts auffitzt. Das friedliche Nebeneinander von Altem und Neuen, hält aber unserem Jahrhundert nicht mehr stand. Mit der fortschreitenden Modernisiernng des tschechoslowakischen Staates stürzt das Alte oder es wird gestürzt. Ruinen gehören heute zum Stadtbild Prags ebenso wie Neubauten. An der Stelle des früheren Zionistencafes Central befindet sich jetzt ein befremdend leeres Grundstück, aus dem über kurz oder lang ein, großes Geschäftshaus entstehen .vird. Auf alten Trümmern erhebt sich ein neues Praha und breitet sich weit über seine alten Stadtgrenzen an der ßeripheri aus. Nach einer letzten Baustatistik sind in den Zähren 1923 bis 1925 zirka 3000 Häuser mit etwa 16.060 Zahnungen errichtet worden; eine Zahl, die — so imponerend sie ist — der großen Wohnungsnot allerdings mir 'aungsam abhilft. Eine traurige Ruine bildet das Haus an der Ecke Zassergasse und Grube. Vor nicht langer? Zeit stürzte feist die Hälfte dieses hochbejahrten Hauses ein, »während die Bewohner im letzten Augenblick ihr »nacktes Leben retten konnten. Leere Zimmer starren durch die emgestürzten Naüern aus die Straße. Eine offene Tür, ein Paar Photographien aus Urgroßvaters Zeiten an den blauen, stehengebliebenen Wänden sind starre Zeichen, daß hier vor urzem nonch Menschen gelebt haben. Tra»gisch und konisch zugleich sind diese offenen, unbelebten Szenen aus ergangenen Jahrhunderten; tragikomisch auch »die Men- 'chen, die hinübergafson', und in dem Hausen Vergangen ' eit Schutt und Trümmer der fernsten Zukunft schauen. * In das Kapitel Modernisierung gehört auch »die Er»!ehung des Prager Menschen. Er muß Gehen lernen, Äsen und sich Kleiden lernen. Und nonch. vieles mehr. )ieser intelligente, arbeitstüchtige, derb-sympathische Menschenschlag fügt sich — selten, mürrisch, meist unter gesunden Lachsalven — nur unwillig in den Rahmen einer modernen Großstadt. Großstadt ist im Grunde nur Wenzelsplatz und Graben. Zu nächtlicher Stunde ergießt sich großstädtisches Leben auch in »deren Nebengäßchen. Was aber zu Zizkov, Holleschowitz, Brsovitz und den vielen anderen an Großprag cmgegliäierten peripheren Stadtteilen gehört, ist wohlbehütete Provinz. Putzt man sich da nach der Eleganz der vorletzten Saison heraus — Rot ist bevorzugte Farbe — so weiß man schon: Sie gehen nach „Praha"... Es gehen Vater, Mutter und Kind zugleich aus. 'Zuweilen auch Großmama; die noch mit dem Kopftüchel. Und schauen sich Prag an. Der Vater die kurzröckig-en Beine; die Mutter die bunten Auslagen. Großmama erinnert sich da an den Roßmarkt, dort an ein Tor, an ein Weinstüberl. Das Kind aber blinzelt zu Julis empor und macht ein paar Charlestonversuche zu der Tanzmusik, die vym Five-o-elock herunterklingt. O, wenn es groß sein, wird, wird es Pariser Modelle tragen, von eleganten Herren umschwärmt sein, zu Julis gehen, tanzen, leben... Das elegante Prag trifft sich zwischen elf und zwölfvormittags am Korso, nachmittags bei den^ Fünf-Uhr- Toes und nachts bei Cocktails oder Sektflaschen der vornehmen Hotels und Bars. Tanz, Flirt, leises Lachen, saxaphongedämpfte Sinne. Und wieder Tanz. Tanz zu jeder Tages- und Nachtstunde. Die Herren mehr oder wenig elegant und pseudoblasiert, die Damen reizvoll, mondän ... Kas find nun Damen? Wann wird das Mädchen eine Dame? Darob ist jetzt in Prag ein großer Streit entbrannt. Sind es schon die Bierzchnjährigen oder erst die V ie rzeh ne i n halbjäh vigen?! Die Grenzen haben sich in der Tat> beträchtlich verwischt. Backfische sind nun einmal endgültig ausgeftorhen. Ja, die sechsjährigen Kleinsten mit Schirm und Täschchen, ' in Pantöffelchen und Pellerinechen dämlich eingekleidrt, sind bereits vollendete Damen en miniature! Man könnte sckjwören, eS werden nur noch Damen geboren. Den Frauen von einem gewissen Jahrzehnt auswärts, die ihre konservierte Jugend durch Bubikopf und Kniefreibeit. Mr

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