Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2928 (23.4.1927)
- Date
- 1927-04-23
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2979076-2981905-2982016--29812-3017975- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 2828 Ms«, Samstag Wiener Mor^nzerLrmg Var Sohn des Moses Mautner Mn Wiener Roman von Leapofd HieWer. Copyright l93?'by B»‘l*Snirit Verlag, Wien — Lelpstg (14. Fortsetzung.) Es tvurde dveivrertel elf Uhr abends, aber Herr Bernhard kaM Nicht. 7- Er lag bereits im Bette und sprach mit feiner Frau über Gustav. „Mr hätten ihn doch nicht fort-- gehen lassen sollen," sagte Frani Resi. „Was hätt' ich tun sollen." rief Herr Bernhard ein wenig ärgerlich. „Was hätts ich tun sollen, wenn er nicht Reiben will?!" — „Aber Bernhard!" — „Du sagst: aber Bernhard! Hält' ich ihn vielleicht bitten sollen? — Das kann ich nicht. Ich lauf' niemand nach. —- Du weißt, Wr Vater hat ihm genug Meredt. — Was braucht er so stolz sein!?" — „Aber Bernhard! Er ist doch noch ein Bub'! Was ivillst du von ihch cherausbrlngen?" — „Er braucht rncht so stolz seirr." — Und der stolze Spanier, dem so hart geschah, daß er das Haus, worin er groß giewochien, verlassen müßte, der so gerne geblieben wäre — stmild währmd dieses Gespräches noch iunuer Wartend hinter den: Pfeiler, und blickte trüb in den frostigen Nebel der Straße hinein. Das schwache Lichtlein seiner Hoffnung schntolz Lnmrer mehr und erlosch. >— Er stieg in den Zug. — So schiebt sich oft Unverstand und faschier Stolz wie ein breiter Strom zwischen zwei Menschen. Keiner will die Briicke bauen. Jädenr dünkt der Strom! zu breit unjd zu Lief. — Wenn sie nur init dem Brückenbau begännen! Da würde der vernreintliche Strom znw Fluß, zum Flüßchen, zum Bächlein und sie reichten W über das kleine Wasser dsie Hände: „9ba! Was is denn?" Und lächeltert Ultd wären wieder gut. Me Reise nach Budapest war Gustavs erste größere Reise. Ueber Mödling und Baden hinaus war Gustav noch nicht gekommen, und selbst diese kleinen Strecken bloß im Sommer, so daß er von tiner Dampfheizung iroch nichts wußte. — Jedoch ein kluger. Mann baut vor, und Gustav hatte für die Reise nach Budapest gerüstet. Ein Nordpolfahrer konnte nicht wärmer gelleidet sein: Seinen Unterkörper schützten zwei Paar Strümpfe und zwei Beinkleider aus Flanell; den Oberkörper ein Wollhemd, ein Brustflock — es war nun schon sein eigener — und ein grauer „Wolljanker". Darüber trug er sine Weste, deren Knöpfe allerdings nur mit Mühe geschlossen worden waren. In die Aermel seines Sakkos hatte er sich mit Hilfe Frau Fannys förmlich hineingestemmt, so daß Frau Fanny zweifelnd sagte: „Mir scheint, der Rock wird das nix anshalten! Zu was haben Sie sich muh so viel angezogen?" — „Frau Fanny! Bei der Kälten! Heißen Sie das zu viel?" Und Frau Fanny, die wie Gustav im Verkehrswesen lvenig zu Hanse war, bestätigte sofort: „Da haben Sie wieder recht. Für die Bahn kann man sich! im Winter nicht genug anziehen!" — So gerüstet bestieg also Gustav den Bndapester Zug. Aber kaum war er im Waggon, fühlte er eine — etwas bedrückende Wärme. Er setzte sich zu einem Fenster und bließ: „Ffiih! Da is sehr heiß!" Ihm gegenüber saß rin Reisender, der den umfangreichen Ankömmling aufmerksam betrachtete und dachte: „Was kann der sein? — Er wird auch auf die Tour gehen! Wahrscheinlich eip Anfänger. Vielleicht gar die erste Tour?! W^rmerkwstrdrg: Wie dick er ist und so ein schmales Gesicht!" . — *— Gustav bemerkte die aufmerksamen und freundlichen Blicke des gegenübersitzenden Herrn, und dadurch ermuntert, begann er ein Gespräch: „Heiß is da. — Mir scheint: Da ist geheizt!" — „Der will mich aufziehen!" dachte der stumme Beobachter; jedoch ein Reisender ist immer gefaßt, und er erwiderte mit erstaunlicher Sicherheit : „Hahahahahaha." Gustav erkannte, daß er etwas Ungeschicktes gesagt habe und erwiderte verlegen: ,Z>rhihihihi." — Dann betrachteter beide Herren einander austmerksam, jeder in den Zügen des andern lesend, um die wahre Gesinnung zu erforschen. — Mese Anstrengung erwärmte Gustav noch mehr. Es schmolzen seine Winterähnungen, womit er die Reise begonnen mrd — er taute. Ein schmales Bächlein quoll aus seiner Stirne und floß die linke Wange herab. — Da zog er den Rock aus. Nutzlos. Wer kann dem Frühling widerstehen? Er taute noch mehr, und alle Dampfbäder, die er in seinem Leben genossen, kamen ihm in den Sinn. Es wurde unerträglich — Gustav stand auf, ging in ein kleines, versperrbares Ilbteil des Waggons und legte dort Weste, „Wolljanker" und den Brustfleck ab. Dann schlüpfte er in den Rock, rief: „Ah!" und ging, sichtlich abgemagert, zu feinem Platze, öffnete dort seinen kleinen Koffer und legte Weste, „Wolljanker" und Brustflock hinein. Dann setzte er sich auf die Bank, lehnte den Kopf an die kühle ^nsterscheiöe und blickte in die Nacht hinaus. Des Reisenden Neugierde war aber, noch lange nicht gestillt. „Wohin fahren Sie?" fragte er. „Nach Pest.." — „Nach Pest? In was für einer Branche?" — „Ja," sagte Gustav, bloß die erste Frage beantwortend, da er die zweite nicht verstand. — Nun schien der Reisende über die geistigen Qualitäten Gustavs im klaren zu sein, denn mit einer nng?heuren Geringschätzung im Tone fragte er: „Ich mein', ich mein': In was Sie reisen?" Das Was sprach er mit großem Nachdruck. Trotzdem verstand Gustav die Frage noch immer nicht. Er wurde verlegen und schwieg.-Nach einer Pause begann der hartnäckige Reisende wieder: „Ich mein': Was für ein Haus? Was Sie vertreten?" — „Die Absatz," wollte Gustav erwidern. — Aber es blieb beim bloßen Willen und er antwortete: „Ich vertritt niemand." — „Sind Sie denn kein Reisender?" — „Nein." — „Was machen Sie dann in Pest?" — „Ich such' mir eine Arbeit." — „Eine Arbeit?^ —- „Ja. Ich bin' ein ^Selchergehllfe." — „Ach so!" rief der Reisende, und seine Züge erstarrten in Hoheit. — „Ach so!" wiederholte er königlich, lehnte sich in die Ecke seiner Bank, schloß die Augen, als kehre er — ein moderner Harun al Raschiid — wieder in seinen Palast zurück, genügend gesättigt des 'Umgangs mit dem Volke. „Ach so!" — — (Fortsetzung folgt.) Re Telephon-Nummer unserer Redaktion ist ab 6 Uhr abends jetzt ausschließlich Nummer 31.086. ooocxx»boooooooocxx»oocxx^'<x>oooöQoooocoooooooooQGooodcc©ooccx»oooooccooocxx«oo VOLKSWIRTSCHAFT Lesterreichische Nationalbauk. Abnahme des WechselportjeseuilleS um 4.1, des Devisen- «schatzcÄ mn 1.3 Millionen Schilling. Der Medioausweis der Nationalbank zeigt eine EntbrBlW des W echselPorto-ferrillos um rund 4.1 «tf 85:8 Millionen Schilling. Der Prozeß der Rückberuftmg ausländischier Kredite hielt in der zweiten Aprilwache an; der Devisenschatz verminderte sich um 1.3 auf 430.8 Millionen Schilling. Inklusive des Goldschatzes von 58.6 Millionen Schilling beträgt der gesamte Barschatz 489.6 Millionen Schilling. Dagegen haben die Nostvodevisen um rund 883.000 Schilling auf rund 147.3 Millionen Schilling, zugenomwen. Die Entspannung der Geldverhältnisse zum Medio kommt auch» in einem Erlag von 16.4 Millionen Schilling <mf Girokonto zujm Ausdruck, so daß die Verbindlichkeiten aus dem Giroverkehr sich auf 56.5 Millionen Schilling belaufen. Aus all diefeü Veränderungen resultiert eine Abnahme des N o-temarmlaufes um 22.1 auf 846.3 Millionen Schil-- ling. Sie Wiederaufnahme der Berhandlungen mit der Achechoslowalei. Wr^ag, 22. April. Der. Leiter der Delegation bei den Handelsvertragsvcrhandlungen, Ministerialrat Doktor Friedmann, begibt sich heute nach Budapest, um den Handelsvertrag mit Ungarn zum Abschluß zu bringen. Anfangs nächster Woche reist Dr. Friedmann auf Grund der getroffenen Dispositionen nach Wien, um die Verhandlungen mit Oesterreich wieder aufzunehmen. Nach Informationen des. „Prager Tagblatt" besteht unter der Voraussetzung, daß auch Oesterreich größeres Entgegenkommen zeigen wird, neben den Zollkonzessioncn für Baumwollwaren auch in anderen Branchen die Absicht, namhafte Zugeständnisse zu bewilligen. So sollen auch in der Metallbranche Zollnachlässe gewährt werden. 8!« Moratorium in Japan. Die Kosterr ver Stützungsaktion. Tokio, 22. April. (Tel.-Eomp.) Der geheime Rat hat sich heute versammelt, um ein allgemeines Moratorium zu beschließen. Die Regierung will ferner eine außerordentliche Session des Parlaments embernfen, um die angesichts der Finanzkrise nötigen gesetzgeberischen Maßnahmen zll beschließen. Weiters beschloß die Regierung, die Bank Noble, die bekanntlich ihre Zahlungen eingestellt hat, zu stützen. Zu diesem Zweck ist gestern ein Expreßbote von Tokio nach Osaka mit Banknoten gesandt worden, um es der Bank zu ermöglichen, ihre Zahlungen wieder aufzunehmen. Man erklärt, daß die Stützungsaktion der Regierung bei den verschiedenen in Schwierigkeiten befindlichen Banken eine Milliarde Yen Übersteigen wird. Gin n tägiges Moratorium. Durch das von der japanischen Regierung nach Beendigung des Ministerrates erlassene Moratorium werden sämtliche Banktransaktionen in ganz Japan für 21 Tage ausgesetzt. -• 23. April 1927 Seit? 7 Me japanische Adelsbank hat ein Aktienkapital von IM Millionen Yen, SO Filialen, 368 Millionen Depositen; ihre Verbindlichkeiten belaufen sich auf 350 Millionen Yen (ein Yen sind zirka 3.6 Schilling). Ueber 300 Mitglieder des japanischen Oberhauses sind Kunden der Bank, ein Prinz gehört dem Berwaltungsmt an. Me Privatfchatulle des Mikado hatte bei der letzten Sanierung der Bank 15.M0 Aktien übernommen. Gleichzeitig mit der Noble Bank sind die Taisho-Bank, Magi-Bank und die Kvkura-Bank, ferner mehrere kleinere Bolksbankeu, insgesamt 20 Banken, in Zahlungsschwierigkeiten geraten. Die Tatsache, daß der Yen sich in den letzten zwei Monaten in Europa im Kurse zu halten vermochte, wird, wie. ans London berichtet wird, in englischen Bankkreisen auf das Bestehen einer bisher noch nicht bekannt gegebenen Vereinbarung der japanischen Regierung mit japanischen Notenbanken zurückgeführt, wonach Regierung und Notenbanken bet einer beschränkten Stützungsaktion lebensfähiger Institute Zusammenwirken werden, ivährend lebensunfähige Institute ihrem Schicksal überlassen werden sollen. In japanischen Kreisen Londons wird die Lage, wie sie durch das japanisch? Moratorium geschaffen worden ist, ziemlich optimistisch beurteilt. Die japanische Regierung hat ihre A u s l a n d s st e l l e n davon unterrichtet, daß sie alles tun werde, um die augenbliMch? Krise zu überwinden. Es wird der Ansicht Ausdruck gegeben, daß die Vorgänge in Japan auf die kontinentalen Märkte kaum eine groß? Rückwirkung ausüben. werden. In finanziellen Kreisen Londons befürchtet man jedoch, daß Rückwirkungen auf die mit dem fernen Osten Handel treibenden Geschäftskreise eintreten werden. Rückgabe des Goldes der Baak vo« Frankreich. Pari s, 22. April. (Tel. Comp.) Die Bank von Frankreich hat heute entsprechcud dem kürzlich mit der Bank von England getroffenen Abkommen 33 Millionen Pfund Sterling durch mehrere Londoner Banken aufnehnwn lassen, wogegen die Bank von England ihr 18,350.315 Pfund Sterling in Goldbarren, d. h. insgesamt etwa 150.000 Kilogramm Gold, zur Verfügung stellte. Der „Temps" weist darauf hin, daß es der Bank von Frankreich freistehe, dieses Gold nach Paris zurückzubringen oder es in einer Londoner, Newyorker, Amsterdamer oder sonstigen Zentralbank zu deponieren oder auch gegen Devisen zu veräußern. Eine.Folge der heutigen Zahlung sei die int gestrigen Bankausweis ausgetretene Vermehrung der Vorschüsse an den Staat um 1.15 MMarden Francs. Ier Kampf um den zuckerpreis in Pole». Ein Abkommen zwischen den Produzenten. Warschau, 21. April. Zwischen den Zuckerraffirien i?H?Posener Gebiet und im ehemaligen Kongreßpolen ist eine V erstand i g u n g zustandegekommen, auf Grund deren die großen Posener Zuckerraffinerien, die eine große Rentabilität austvieisen, den lleineren kongreßpolnischen Zuckerrasilinerien die Differenzelt der Erzeugungskosten durch Zahlung von sogenannten Ausgteichssätzen ersetzen werden. Bekanntlich stellen sich die Erzeugungskosten von Raffineräezucker in Kongreßpolen höher als im Posener Gebiet. Die Posener Zuckerrassinerien wollen auf diese Weife die Differenzen in der Zuckerpreisfcstsctzunj? vermeiden. Leu und Lira. Die Devise Bukarest erhöhte sich gestern sprunghaft auf 3.40 gegen Zürich und behauptete sich bis zmn Schluß bei biefem Kurse. Die Grundtendenz für den Leu blieb auch weiterhin fest. Die Lira erfuhr 51t Beginn eine Abschwächung auf 26.65, hat sich jedoch im weiteren Verlaufe auf 26.70 erhöht. Anhaltend schwach liegt die Devise Madrid. Pfunde in Spanien haben auf 27.80 angezogen. Neue Lieferuugsbestimmuttgen für einige Aktien. Ab heute sind ausschließlich Schilling-Aktien lieferbar in O est e r r ei ch i s ch e Credit-An st alt für Handel und Gewerbe (Schluß 25 Stück) unb Körting (Schluß 50 Stück); ausschließlich Pengö-Aktirn lieferbar in Ungarische Allgemeine Realitäten-Sparkasse (Schluß 10 Stück).. . Die deutschen Reparationszahlungen. In Uebereinstim» mung mit dem Dawes-Plan hat Deutschlaird kürzlich weitere 125 Millionen Reichsmark beim Generalagenten für die Reparationszahlungen vingezahlt. In den letz1 en 6 M0nar e n wurden außerdem noch für dieselben Zwecke 550 Millio'- nen Reichsmark bezahlt, so daß innerhalb dieser Zeit in Summa ein Betrag von 684 Millionen Reichsmark oder zirka 175 Millionen Dollar von Deutschland für Reparationszahlungen geleistet wurde. In den letzten 12 Monaten wurden -insgesamt 1200 Millionen Reichsmark an Reparativ» neu effektiv gezahlt. “X-te ««»eit .Sohustrnces der Wiener Warenbörse. Am 21. d. M. fand ln 'der Wiener 'Warenbörse uriter 'dient Vorsitz'des Börsenrakes August Rath die Schlußsitzung iiSev Dfe neue n H o-5zü fa n c e n statt, zu der die Vertreter sämtlicher Jntoressengrtlppen, insbesondere des Waldbesitzes, der Säge- und Holzindustrie, der Holzhä'ndler und der holzverarbeitenden Gewerbe, ferner auch Vertreter dex Gemeinde Wien erschienen waren. Auch Delegierte aus den Bundesländern beteiligten sich an der eingehenden Beratung. Es gelang, sämtliche noch offen gelassenen Fragen einer einvernehmlichen Lösung zuzufttyren. Ueberdies wurde beschlossen, noch Spezialbestinnnnngen über Holzwolle und Holzkohle durch ein Subkonlliee ausarbeiten und den Usancen ansügen zu lassen. Die neuen Usancen dürften noch im Mai in Druck erscheiweu. Das SN Wommen Über die KaschM-Oderberger-Eifen» bahn perfekt. Aus Budapest, 22. d. M., wird telegraphiert: Dre ungarisch-rschechoslowaltscheic Berhandlungen über die Regelung der schwebenden Angelegenheiten, betreffend die Kaschau-O derb erg er-Bahn, die bereits seit einertt Jahr in Budapest, Prag und Men geführt wurden, haben *