Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2927 (22.4.1927)
- Date
- 1927-04-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Men, Urermg Wiener MorgerrzeMmg 22. ApM 1SS7 *r.2909 ."-» In den Nntionalrat In den Gemeinderat In die IMsiieiMing Ae Wahlbewegung. Was Sst der jüdische Wähler am Ae Wahlen Ln Jerusalem. züdlsHe Miplin. — Niederlage der arabischen Exekutive. •Sßmr Dr. Fritz Löwrnsicin^ Jerusalem. Das Ergebnis der ersten Wahlen zum Stadtrat von Jerusalem kann von uns mit Zufriedenheit verzeichnet luetbcit. Unsere Chance stand schlecht, die große Zahl Nichtcingcbürgerü - ujib die an dieser Stelle eingehend geschilderten abi.; -istrativen Mastnahnien ließen unsere Aussichten von - ornhercin als nicht glänzend erscheinen. Ter Gedanke an Boykott der Wahlen wurde ctnft genug ventiliert. Man hat schließlich dem verständlichen Proteste gefühl nicht nachgegcben, und das Ergebnis hat gezeigt daß diese Taktik richtig war. Man muß zunächst den Wahlmodus erklären, was sogar vor einem Publikum, dem alle knisflicheu Methoden des MinoritätenschntzeS gut bekannt sind, keine leichte Aufgabe ist. Aus die Frage: „Haben tvir ein Kurien- oder ein allgemeines Wahlrecht?" gibt es keine Antwort. Es beginnt mit der Aufstellung der Wählerlisten. Hierbei rverden drei getrennte Wählerlisten geführt, eine jüdische, eine mohammedanische, eine christliche, wobei die Engländer von der irrigen Anffassuug ansgingen, daß Mohammedaner und Christen zwei getrennte Gruppen sind. Jeder, der auf Grund der Wählordming wahlberechtigt ist, wird in die Wählerliste eingetragen. Darauf wurde proportional festgestellt, wieviel von den zwölf Mitgliedern des Staatsrates auf jede der drei Gruppen fallen. Das Ergebnis unu* 5 Mohammedaner, & Christen, 3 Juden. - Nunmehr werden Wahlvorschläge eiugereicht, die aber Angehörige der verschiedenen Kurien umfassen dürfen. So gab es z. B. diesmal — wir kommen darauf noch zurück — weder eine mohamtnebanische-noch' eine christliche Liste, sondern , zwei arabische Listen, von denen jede sowohl Mohammedaner wie Christen umfaßte. Und nun kommt das Seltsame: die Wahl selbst. Es gibt drei getrennte Wahllokale für jede der drei Gruppen. Llber jeder einzelne! Wähler ist berechtigt, zwölf Kandidaten zu wählen: 5 Mohammedaner, 4 Inden und 3 Christen. Ein Jude kann also nicht etwa zwölf Juden wählen, sondern ist an die Ziffer 4 gebunden, wohl aber kann cr, tvenn kämpfende arabische Liste:: vorhanden sind, für die ' eine ober andere stimmen. Das war die etwas komplizierte Situation vor den Wählen, die offenbar erst sehr langsam in ihrer Tragircite und in ihren Möglichkeiten verstanden wurde. Für die Juden lag das Problem zunächst so, daß jede Zersplitterung der jüdischen Stimmen auf verschicoene jüdische Listen hätte verhängnisvoll werden können. Hätte z. B. die Agudas Jisroel eine eigene Liste aufgestellt, so wäre cs möglich und wahrscheinlich gcweseü, daß alle Araber für diese Lifte gestimmt hätten, womit die nationale Liste unterlegen wäre. Es mußte also Einigkeit herbeigeführt werden, und wenn das bei Juden überhaupt nicht leicht ist, so bestimmt in Jerusalem, -wo Aschkenasim und Sephardim, Zionisten und Agndisten, Bürgerliche rnrd Arbeiter gegeneincnrder stehen und doch nicht jeder 'dieser sechs Faktoren ein Mandat bekommen konnte, da doch nur vier zur Verfügung standen. Nach langen Bemühungen gelang es, alle kleinlichen Eigenbrödeleien zu überwinden und eine einheitliche jüdisch? Liste aufzustellen. Man wollte zwei Maridate den Aschkenasim, zrvei den Sephardim geben, wobei einer der beden Aschkenasim Arbeitervertreter sein sollte. Aber was machte man mit der Agudäh? Einen agudistischrn Arbeiter wird rnan nicht auftreiben können, der bürgerliche Aschkenasi stand von vornherein fest und war kein Agudift. So galt es denn, was gar nicht leicht war, einen Kandidaten zu finden, der den Sephardim und der Agudah genehm war, und schließlich wurde er gefunden. So konnte denn die folgende jüdische Einheitsliste publiziert werden: Salomon (bürgerlicher Aschkenasi, schon bisher Mitglied der Jerusalemer Jriah), Ben Zwi (der Arbeiterführer), Eljaschar (ein sephardischerKaufmann), S c m a a (agudistischer Sephardi). Die Liste wurde vubliziert, eine Gegenliste vor: keiner Seite ausgestellt, so daß diese vier bereits vor der Wahl als gewählt anerkannt wurden. Nun kam das zweite Problem: die Araber. Bon arabischer Seite wurden drei Listen eingereicht: eine mrparteiische, die nirgendwo ernst genommen wurde und nur ganz wer:ige Stimmen auf sich vereinigte, die Liste der Husseinis und die Liste der N a s ch a s ch i b i s. Es handelt sich um die beiden führenden arabischen Familien, oder richtiger, Sippen, auf deren Gegensatz die gesamte Politik der palästinensischen Araber beruht. Die Husseinis sind die Beherrscher der arabischen Exekutive, jener unerbittlichen Feindin des Zionismus, die seit Jahren in Gens und London, in Paris und in Rom die politische Propaganda gegen uns führt. Die Naschaschibis andererseits sind tve.it davon entfernt, Freunde des Zionismus zu sein. Sie sind die Seele der arabischen N a t i o n a l p a r t e i, die gegenüber der Regierung und gegenüber d-r: Zionisten vielleicht um eine Nuance gürrstiger steht. Ihr Führer, Ra- Wahltage zu tun? Die Wahl ist geheim. — Nlemauv kann den Wühler kontrollieren. — Er wühle, wen er will und rann daher alle Zrohuagen und Einschüchterungen zurückweisen. Er drangt niemandem seinen Stimmzettel zu zeigen. Jodcr jüdische Wähler und jede jüdische Wählerin sehe sofort in der im Wohnhaus angeschlagenen Kundmachung des Magistrates nach, in welchem Wahllokal und bei welcher Kommission er zur Stimmenabgabe eingeteilt ist (AmtÄokal, Schule)! Sonntag den 24. April ist Wahltag! Die SÄmnenavgabe findet von 7 Uhr früh bis 5 Uhr nachmittags statt. Es empfiehlt sich, möglichst zeitlich wählen zu gehen, weil erfahrungsgemäß in den Mittagsstunden ein großer Andrang in den Wahllokalen herrscht. Die Wähler erhalten keine amtlichen Wahllegitimationen und haben sich vor der Wahlkommiffion durch Personaldoktunerrle auszuweisvu. Zu diesem Zwecke bereite man die hiezu notwendigen Dokumente vor! Als Urkunden oder amtliche Bescheinigungen zum Nachweis der Identität kommen in Betracht: Geburts- und Trauscheine, der Heimatscheiil, Staatsbürgerschafts-Erklärung, Anstellungsdekrete, Pässe und amtliche Legitimationen jeder Art, Arbeitsbücher, Dienstbotenbücher, Dicustkarten, Jagdkarten, Eisenbahn- und Tramwaypermanenzkarten, Gewerbescheine, Lizenzen, Diplome, Jmmatrikulationsscheine und Meldungsbücher einer Hochschule, Hoch- und Mittelschulzeugnisse, militärische Dokumente und dergleichen^ überhaupt alle unter Verdruck eines Amtsstempels ausgefertigten Urkunden, die den Personenstand des Wählers erkennen lassen. Mit einem oder mehreren dieser Dokumerrtc versehen, tritt der Wähler vor die Wahlbchörde, deren Sitz er aus dem amtlichen Anschlag in seinem Wohnhaus erfährt, nennt seinen Namen, bezeichnet seine Wohnung und legt eine Urkunde oder eine der oben angeführten amtlichen Bescheinigungen vor, aus der seine Identität ersichtlich ist. Hat der Wähler sich entsprechend ausgewiesen, so erhält er von >dem Wahlleiter das undurchsichtige gib Naschaschibi, war der bisherige Bürgermeister Jerusalems und kandidierte auch diesmal. Es konnte keine Rede davon sein, daß man für die Husseinis stimmen konnte. In Frage kamen zwei Wege. Man konnte entweder sage::, daß wir, nachdem unsere Kandidaten gewählt waren, den übrigen Wahlkampf als eine innerarabische Angelegenheit betrachteten und uns nicht beteiligten. Man konnte aber auch aktiv eingreisen und die jüdischen Stimmen für die Naschaschibis in die Wagschale legen. Die Juden hatten bisher keinen übermäßigen Grund, mit der von den Naschaschibis beherrschten Jriah zufrieden zu sein. Sie hat manches für Jerusalem getan; Pflasterung der Straßen, Wasserversorgung, Beleuchtung haben urrverkennbare Fortschritte gemacht, so wenig sie allen Ansprüchen genügen können. Den Juden gegenüber haben die Naschaschibis eine durchaus ablehnende, allerdings nicht ausgesprochen feindliche Haltung bewiesen. Die Jriah hatte jüdische Beamte, aber nicht in genügender Zahl, mar: kam mit Hebräisch zur Not durch, aber es war dochrecht schwierig; öffentliche Arbeiten wurden so gut wie immer an arabische Unternehmer mit arabischen Arbeitern vergeben. An diese drei Punkte (öffentliche Arbeiten, Beamte der Stadt, hebräische Sprache) knüpften die Verhandlungen mit der Naschaschibigruppe an. Man forderte in allen drei Multen völlig gleiche Berücksichtigung der Juden wie der Araber. Nachdem das zu gesagt war, gab der „Baad Hair lehejude Jeruschalajim" die Wahlparole aus: alle jüdischen Stimmen für die Naschasch ibiliste, jedoch nur für die ersten sechs der acht Kandidaten, während man für die letzten beiden zu stimmen ablehnte. Die Wahl nahm drei volle Tage in Anspruch Es bot sich das in Europa so gewohnte, hier so neue Bild eines Wahltages. Große Bewegung in dm Straßen, Gruppen, die die Wahlchaneen diskutieren, plakatgeischntückte Autos, die die Säumigen zur Wahlurne Meppen, aus der Lust gegriffene Gerüchte und vor dem christlichen Wahllokal eine mit Revolverschüssen endigende kleine Schlacht zwischen Naschaschibis und Husseinis, die übrigens unblutig verlief. Das Wahlresultat liegt nunmehr vor. Es läßt sich in die Worte zusammenfafsen, daß die jüdischen Stimmen in musterhafter Disziplin für Naschaschibi abgegeben wurden und seiner Liste den Si§? gesichert haben. Die jüdiftl;« Wahlbeteiligung beb«o H7 die nwlvere W ahlkuve r t. Er hat sich hierauf in die W (rfc*’ zelle zu begeben und legt nun, bei: Stimmzettel der Jüdischen Partei in das Kuvert. Sollte ein jüdischer Wähler oder eine jüdische Wählerin keinen solchen Stimmzettel erhalten haben, so begebe man sich in das nächstgelcgene Agitationslokal der JMschen Partei und behebe einen Stimmzettel. Der Wähler oder die Wählerin kann auch von >der Wahlbehörde einen leeren Stimmzettel verlangen. Mit diesem begibt man sich wie oben in die Wahlzelle und schreibt sowohl in die Rubrik „Stimmzettel für die Wahl zum Nationalrat" als auch in die Rubriken „Gemeinderat" und ,^öczirksvertretung": Jüdische Partei. Zusätze, wie zum Beispiel die eigene Unterschrift oder witzig sein sollende Bemerkungen und ähnliches, sind zu unterlassen, da sonst die Stimme für ungültig erklärt wird. Nach dem Verlassen der Wahlzelle übergibt inan das Wahlkuvert geschlossen dem Wahlleiter, der es in die Urne legt. Damit ist aber die Wahlpflicht für den jüdischen Wähler und die jüdische Wählerin noch ru ich t ers ü 11 t. Sie müssen ihre F a nt i I ie n m i t * {[•lieber, ihre Freunde und ihre Bekannten veranlassen, nur für die Jüdische Partei zu stimmen. Das Wahlkuvert darf nicht zugeklebt werdest Aus jüdisch-orthodoxen Kreisen wird in vielen Zuschriften an uns erklärt, daß viele Wähler wegen des auf den 24. April fallenden achten Pessachtages das Wahlkuvert nicht werden zukleben, wollen. Diese Anschauung ist unrichtig. Das Wahlkuvert darf übevhaupt nicht verklebt werden, da doch anderenfalls das Skrutinium tegelang dauern müßte. Der Zettel wird in der Wahlzelle in das Kuvert gelegt und dieses sodav" einfach geschlossen dem Wahlleiter übergeben. SnWtion fiir die S-rengelniltarbetter, Bettrauensniönner und zionistischen Korporationen. Perm anenzdienst im Hauptwahllokal, 2.. Bez.» Taborstraße 1 a, 7 Uhr früh bis 9 Uhr abends, im Cafe Atlashof, 9 bis 12 Uhr abends. Nachtredaktion der „Morgenzoitung", 7. Bez., Lerchenfelderstraße 1. Agitatorensitzung heute abends, 9 Uhr, Cafe Atlashof. hammedanische 84, die christliche 77. Abgesehen von' den vier jMschen Kandidaten lvurden gewählt: d.re sechs Naschaschibianhänger, für die die Juden läuit Wahlparole stimmten, sowie zwci Husseinianh anger, die gewissermaßen die Plätze cher beiden Naschaschibianhänger eiimahmen, für die die Juden' ablehnten zu stimmen und die sehr viel weniger Stimmen haben als die Naschaschibis. Wir wollen hier keine genauen Wahlziffern veröffentlichen, da die Namen der einzelnen Kandidaten dem Leser unbekannt fiitb. Jedenfalls erhielten die sechs geiväylten Naschaschibianhänger durchschnittlich zwischen 2000 und 2300 Stimmen, von denen ziemlich genau die Hälfte jüdische. Stimmen waren, während je ein Viertel von mohammedanischer und christlicher Seite kanien. Die beiden gewählten Husseinivertreter haben jeder weniger als 1100 Stimmen, und zwar je 30 jüdische Stimmen, während vom Rest der größte Teil aus nwhammedanische und ein kleiner Teil auf christliche Stimmen fällt. Rechnet mmt die jüdischen Stimmen ab, so wären nicht sechs Naschaschibis und zwei Husseinis, sondern vier von jeder Gruppe gewählt worden. Die wenigen für die Husseüris abgegebenen jüdischen Stim-- men stammen natürlich von den Kommunisten, den„Mopsim", die für ihre Freunde von der arabischen Exekujtive mit allen Mitteln arbeiteten, indem sie, unbekannt warum, Naschaschibi für einen Reaktionär, Husseini aber für einen „Progressisten" erklärten. Me Ziffer von 38, die das Maximum an jüdischen Stimmen für einen Husseini darstellt, gibt wohl die Mitgliederzahl der Jerusalemer kommuuistische,: Gruppe an. Was nach der Wahl werden wird, nrie weit die Naschaschibigruppe ihre Bersprechmrgen einlösen wird, steht noch dahin. Aber was uns die Wahl Positives gebracht hat, sei hier noch einmal kurz znsammengestellt: diaJuden haben einen großen Beweis politischer Reife und [rationaler Disziplin gegeben. Sie haben der Regierung und den Araberrr bewiesen, daß wir keine Quantite negligeable mehr sind und daß wir mrs unsere Position zu erkämpfeir wissen. Sie haberr für die bevorstehenden Wahlen in den anderen Städten ein Beispiel gegeben, denn schon meldet man aus Haifa und Tiberias, daß auch dort jüdische Einheitslisten eingerckicht wurden. Endlich haben wir ein Arbeits- Verhältnis mit der genräßigteren arMscherr Gruppe in der Jriah hergestcllt, das hoffentlich für die Stadt rmd fib» ihre jüdischerr Bewohner von Nritzen sein wird.