Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2925 (20.4.1927)
- Date
- 1927-04-20
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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ee-i-en, M'.ri.. ’iSicuet MorgenzeiLung 20. April 1037 Nr. 2B20 MIHwoch, den 20. Apr'i 1927, um halb 3 Uhr ibends, in den Sälen des Restaurants „Grüner hu m", VH.» MariahiWerstfaßc 56 Brole Wäbiervsi’ssmifiiung Es sprechen: Oberbaurat Ing. Rob. Stricker, Or. Desider Friedmann» Dr. Isr. Waldmann, , Bezirksrat Mor. Kohn. Juden, erscheint in Massen! Las Heer der jüdischen Wühler -y, Wien, 20. April. Sieben Städte stritten um Homer. Drei Parteien jimdkrt Jagd aus die jüdischen Stimmen. Sie legen sich keine Rechenschaft darüber ab, mtc widerlich ihr Treiben auf die Judenschaft wirken muß, die ansonsten nur pls Objekt der politischen Künste irr Betracht kommt. Wenn die Wahlen vorbei sein werden, am nächsten Montag!, dann wird die Einheitsfront die Sprache wieder finden, nnrd die „Arbeiter-Zeitung" wieder von den tschechischen und polnischen Berausländern sprechen, wird die Demokratie wieder die jüdischen Zugereisten bitten, sie nicht unter den Linden zu grüßen. Bis dahin ist Schutzfrist. Die Einheitsfront hofft auf die jüdischen Reichen, und sie mutet ihnen die Charakterlosigkeit zu, für eine Liste sich. Kn entscheiden, auf der die Mordschreier Niehl, Jerzaück und Schulz stehen. Die Sozialdemokraten haben sich aus ihren Schntzjuden eine Truppe gebildet, die die Abneigung gegen die Kandidaturen der Riehl-Front in das rote Meer abznleiten beauftragt ist. Da werden alle Register der Wahünache gezogen. Die Gerüchterstattung ist im schönsten Gang, und jeder Tag bringt uns neue Einzelheiten. Keine, die uns unbekannt wäre, denn.sie tauchen zu jedem Wahltermin auf. Daß die Zionisten in der Einheitsfront sind, ist schon etwas Abgespielt, und nur ein demokratisch-bürgerlicher Flügch der werktätigen Hansjnden glänzt noch mit diesem Blödsüm. Es gibt noch andere Dinge: daß die jüdischen Stimmen im Kampfe gegen die Reaktion fehlen werde:?, daß die Jüdischnfltionalen gegen den Mieterschutz sind imd daß es überhaupt nur ein aussichtsloses .Unterfangen der Juden ist, in den Wahlkampf mit eigener Liste einzugreifen. Ein Argument, Wägt das andere. Wenn die Sache aussichtslos ist, dann bestürme doch kein Grund, dem Wähler das Gruselnbeizubrrngen. Sind aber die Jüdischnationalen eine Gefahr, dann ist ihre Kandidatur doch nicht „aussichtslos". Aber diese: verzweifelte Logik oder Logik der Verzweiflung greift nach jedem Strohhalm, und wer weiß, vielleicht sind schon in irgendeinem Lokal in der Leopoldstadt die Plakate in Vorbereitung, wonach die Jüdischnationälen in reuiger Buße zugunsten der garantiert rcaktionsfreien Sozialdemokratie einfach verziehen. Wir Mächten schon fydtite vor diesem Aufsitzer warnen. Mehr als hunderttausend jüdische Wählerinnen und Wähler sirrd in Wien, und die sollten es ohne den Widersprnch der Tat ruhig dulden, daß sie einfach als herrenlose Herde zwischen denen aufgeteilt werden, die morgen nicht einmal ihren Gruß mehr annehmen wollen? In allen Parteikanzleien gelten diese jüdischen Wähler nur als Material, das irgendein Agitator mit dem Bleistift verarbeitet. Mehr als hunderttausend jüdische Stimmen sollten gar so federleicht wiegen, daß es niemandem ein-- fiele, nach ihrem politischen Inhalt zu fragen? Hunderttausend Stimmen, das ist die gesamte Einwohnerschaft von Linz, sind für die Wahlmacher so wenig bedeutend», daß sie sie einfach annektieren. Llber diese hunderttausend Stimmen zusammen sind eine gewaltige Summe nicht nur wirtschaftlicher Kraft, sondern auch politischer Macht. In ihnen lebt der Zorn über vier Jahre der Zu^ rücksetzung und Enttäuschung, über die verächtliche Be- Handlung durch Diurnisten und Amtsschreiber, durch, Hosrat und Waschweib, durch Parlament und Rathaus. Diese. hunderttausend Wählerinnen und Wähler haben vier Jahre lang zuhören nrüssen, wie sie von jedem Schtbjak und: Dummkops beschimpft wurden, ohne daß entgegnet wurde, haben zugehört, wie ihre Kinder in den Volksschulen beleidigt und an der Universität mißhcnckelt tourden, ohne daß Stadtschulrat und Unterrichtsministerium sich einmengten, sie haben erleben müssen, wie an allen Straßenecken. Pogrom- und Ritualmordplakate auf den Anschlagstafeln der Gemeinde angebracht wurdet!, ohne daß sich der Staatsanwalt in Bewegung setzte; diese und noch tausend andere Rechtsbeugungen und Rechtsverdrchungen hat die jüdische Bevölkerung ertragen, von Christlichsoztalen und Sozialdemokraten in schöner Mntracht erdulden müssen. , Für diese Bevölkerung werden und müssen die über, hunderttausend jüdischen Wählerinnen und Wähler ihr Recht gütend machen. Wenn sie am Sonntag ihre Pflicht tun, dann rverden die roten und schwarzen Antisemiten inne werden, daß di? jüdische Gegenwehr gar nicht so. aussichtslos ist. M Wahl Zeiprl segea Ave. Der österreichische Wirtschasisverein (Ude-Verbaud) teilt mit, daß Professor U d e in W i e n. S t e i e r in a r k und Kärnten ListcnfNhrer der Partei bleibt. Bundeskanzler Dr. Seipel begab sich gestern nach Graz, um dort, im Hauptsitz der U de-Bewegung, deren Führer höchstpersönlich zu bckmnpfen. Er sprach in zwei Wählerncrsammlungen und teilte u. a. mit, daß bereits vor mehreren Monaten, als noch die Einheitsliste nicht aufgestellt war, U de ihn besucht habe. Professor Ilde habe ihm damals ganz offen gesagt, das; c r ge r n in den Nationalvat möchte. Auf die Frage, ob er seine Reformgedanken nicht in der christlichsozialen Partei oder in der Einheitsliste Vevivirklichen könne, habe Ude erklärt, beides sei ganz ausgeschlossen. Ja, wenn die Wahlen vorüber wären und er in den Nationalrat käme, dann joürde er sich in die Mehrheit ein fügen und im Kampfe gegen die Sozialdemokraten auf Seite der Mehrheit stehen. Mer kandidieren müsse er selbständig, und zwar mit Rücksicht auf die Stimmung seiner Anhänger. Der Plakatkrleg In Innsbruck haben die sozialdemokratischen Mgeordncten A b r a m und Dr. Grüner ein Plakat konfiszieren lassen, das beide Volksvertreter an einer reichbesetzten Tafel sitzend zeigt, ivächrend im Hintergrund auSgemergelte Proletariergestalten zu sehen sind. In der Nacht zum Sonntag wurden sämtliche Plakate dieser Art heruntcrgerissen. Schon am Samstag, noch bevor die Plakate angeklebt worden waren, hatte Abram die Chren- Heleidigungsklage erhoben. Das Schöffengerikt erklärte sich nun in der gestrigen Verhandlung u n z u st ä n d i g, da die Täter bekannt seien. Die Klage wurde hierauf dem Schwurgericht abgetreten. Das Anwachsen ver Wischen Wählerschaft. Schon bei den Nationälratswahlen im Jahre 1923 ging namentlich im jüdischen Wahlkreis Wien die Agitation der Sozialdemokraten darauf aus, den Juden einzureden, sie müßten sozialdemokratisch stimmen, weil sie sonst den Antisemiten Schützenhilfe leisten würden. Noch im letzten Augenblick verteilten damals Agitatoren, um Verwirrung irr die Reihen der jüdischen Wählerschaft zu tragen, einen Aufruf, in dem sie von einem angeblichen jüdischen Wahlkomitee erklären ließen, die jüdische Wahlgemeinschaft könne trotz aller Bemühungen kein Mandat erhalten und plle Stimmen kämen daher den antisemitischen Parteien zugute. " „Wir fordern euch daher auf," so schloß dieser Flugzettel, „ungesäumt zur Urne zu gehen und für die sozialdemokratische Liste zu stimmen." Der Aufruf war in blauen Lettern aus weißem Papier gedruckt Und in seiner ganzen Aufmachung, aus eine raffinierte Täuschung der jüdischen Wähler angelegt. Zwei Zettel- Verteiler wurden damals auch von der Polizei angehalten Und gaben auf dem Kommissariat an, sie hätten die Zettel hon der sozialdemokratischen Bezirkskommission mit dem Austrag erhalten, sie sosort in Mengen zu verteilen. Genau mit dem gleichen Schlagtvort und mit ähnlichen unsauberen Mitteln suchen die Sozialdemokraten jetzt ihren Stimmenfang unter der jüdischen Bevölkerung der Leopoldstadt und der Brigittenau, aber auch in den änderen Bezirken zu betreiben. Sie setzen geflissentlich das Gerücht in llmlauf, daß die Kandidaturen der jüdischen Liste aussichtslos seien und daß jede Stimme, die der jüdischen Liste zugewendet werde, eigentlich Waylhilfe für die Antisemiten wäre. Da es leider noch immer Leute gibt, , die . diesen Unsinn nachplappern, sei hier zunächst festgestellt, daß die Jüdische Liste seit dem selbständigen Auftreten der Wiener Juden bei öffentlichen Wahlen ständig an Stimmen zugenommen hat. Der Stimmenzuwachs betrug bei den Wahlen des Jahres 1920. bis zu denen des Jahres 1023 rund 36 Prozent. Nun liegen bei den diesmaligen Wahlen die Verhältnisse für die jüdischen Kandidaturen noch weitaus günstiger. Die Zahl der jüdischen Wähler ist infolge der Einbürgerungen größer geworden. Ein weiteres Anwachsen der jüdischen Stimmen um 36 Prozent mühte unbedingt im vierten Wiener Wahlkreis zur Erlangung eines Nationalratsmandates führen. Eine Zunahme der jüdischen Stimmen im selben Maße in den anderen Wiener Wahlkreisen würde die Wähler der. jüdischen Liste, die im Jahre 1923 rund 26.000 betrug, auf 44.000 steigern. Da die Wahlziffer in Wien nirgends mehr als 21.000 betragt, wäre das sogar ausreichend zur Erlangung eines weiteren Nationalratsmandates. Eine solche Vermehrung der jüdischen -Stimmen wirkt sich ganz selbstverständlich auch auf die VertretungimGemeinderat aus, womindostens drei Mandate erreicht werden können. Das selbständige Auftreten der Wiener Juden bei den Wahlen ist also absolut aussichtsvoll, was ja übrigens auch das Ergebnis der Wahlen vom Jahre 1933 zeigt. Damalserrang die „aussichtslose" jüdische Wahlgeme'mschast ei» Gemcinderatsmandal und 13 Bezirksratsmandaie. Bei den diesmaligen Wahlen sind die Aussichten der Jüdischen Liste noch besser geworden. Gerade die Versippung der letzten Reste der Liberalen mit den christlichsozialen und großdeutschen Antisemiten, mit Walter Riehl und Werkmeister Schulz, hat die Entscheidung für die jüdischen Wühler sehr vereinfacht. Soweit sie nicht den Sozialdemokraten aus Geschäftsinteresse nachlaufen — mit diesen Stimmen hat die Jüdische Liste nie gerechnet — gibt cs für sie keine andere Möglichkeit, ihrer Wahlpflicht zu genügen: Sic werden sich nur für die Jüdische Liste entscheideu können. Sie werden damit aber auch das Abkommen jener liberalen Juden zuschanden machen, das tatsächlich mit ihrem Eintritt in die Einheitsliste Seipel-Niehl den Antisemiten Schützenhilfe leistet. Je zahlreicher die Wiener Juden sich zur Jüdischen Liste bekennen, desto geringer werden die Chancen der Antisemiten im Lager der Einheitsliste und auch der Sozialdemokratie. Die frommen Wahljuden. Ein sozialdemokratisches Flugblatt nu dle Orthodoxem ES ist lnstig: die Herren Bauer, Pick, EinMiersing und ihresgleichen wenden sich an die orthodoxen Juden Wiens und wollen sich vor ihnen als die einzigen Vertreter der Juden aufspielen. So zu lesen in einem sozialdemokratischen Flugblatt, das die orthodoxen Juden zu einer Wählevversammluttg einlädt. Den orthodoxen Juden wollet: sich ßI|V die Getauften und Halbgetauften als ihre Vertreter cmbicdern, dieselben Herrschaften, die in tvahllosen Zeiten mit dein Namen „Jesaias Aberbach" ihre Scherzchen getrieben haben, die damals, als die jüdischen Studenten vom Hakenkreuzgesindel an der Universität am Leben bedroht wurden, in der „Arbeiter-Zeitung" den.vornehmen -Satz, prägten: „Der Streit zwischen Hakenkreuzlern und Haken- näslern geht die Arbeiter nichts an". Jetzt, in Wahlzeiten ■ aber, tut dergleichen gut jüdisch und fromm; glaubt, die Juden hätten vergessen, daß die Sozialdemokraten den Juden ihre Vertretung in der Schulbehörde geraubt haben, meint, die fronmren Jirden würden demn auf den Leim gehen, die den jüdischen Kindern ihren Religionsunterricht . rauben, wähnt, die orthodoxen Juden Wiens wüßten nicht, daß die Sozialdemokratie sie in ihren: Erwerbsleben schä- . bigt, indem sie den jüdischen Gewerbetreibenden und Kauf-, leuten Wiens, die aus religiösen Rücksichten ihre Betriebe hm Sabbat geschlossen halten, unter leerer Berufung auf ''' die Arbeitszeitbestimmungen verwehren, am Sonntag durch: einige Stunden ihre Betriebe zu führen. Diese Gesellschaft macht sich keinerlei Bedenken, zur Wahlzeit beit Juden, mit denen sie sollst nichts zu tun haben wollen, ihre Stinv men abzulocken, indem sie sich auf einmal als die Vev- , rreterin der jüdischen Jntjeressen aufspielt. Da ist nur ‘ der Satz des erwähnten sozialdemokratischen Flugblattes ' anzuwenden, der den orthodoxen Juden rät, sie mögen den Jüdischnationalen >,nicht auf den Leim gehen". Die Juden werden den frommen Wahljuden, zu denen die Sozialdemokraten jetzt geworden sind, nicht auf den Lein, gehen. Die Demokraten ans dem KrieMsade.. Wir erhMön folgende Zuschrift: . > , Zur Berichtigung des Herrn Dr. Jakob O'rn stein muß folgendes bemerkt werden. Es ist richtig, daß die er- wähnten Ausführungen von ihm n i ch t t n d e r W ä h l e tversammlung im Cafe City i m 9. B e z i vl gemacht wurden. Das wurde auch von uns nicht Be haustet. Vielmehr war in dem Bericht von .einer WählerversammIitng im „Cafe Orient" die Rede. Daß aber dort die'mitgeteilten Äeußerungen gefallen, zumindest so verstanden worden sind, dafür sind genügend Zeugen, auch aus sozialdemokratischem Lager vorhanden. Werm Herr Dr. Ornstüin jetzt seltne ' Behmrp-' tungen abschwächen will, indem er sagt, er meine unter »bodenständigem Judentum", ein „bodenständiges Judentum", so kann man ihn und seine Anhänger nur daran erinnern, wie sie bei den vorletzten Kultuswählen mit dem Schlagwort von der Besitzergreifung der Wiener Kultusgememde durch „fronche, nicht Loden-' ständige Elemente" agitiert haben, wie sie den Kultuswählern n rede rüste rrei chis chtzr Staatsbürgerschaft — soweit sie seit 1914 zugewandert, beziehungsweise neu besteuert wurden, das Wahlrecht nicht gewährt haben, sondern nur das Zahlrecht und diese Bestimmung erst nach dem Kriege mit Zustimmung des Herrn Ornstein ins Statut ausgenommen worden war. Es bedurfte, erst schwerer Kämpfe seitens der Zionisten, um-dies« unjüdische Bestimmu-ng ans dem Statut zu eliminierest. Das einzige, worin wir wirklich geirrt haben, ist der Umstand, daß Herrn Ornstein nicht ans Ungarn, sondern ans der Tschechoslowakei stammt. . ,i,l ,n i ii ii b biii m > hmi»« ■- — Wer euch sagt, daß euer Kampf aussichtslos ist, der begeht Verrat am jüdischen Interesse! Sind mehr als 100.000 Stimmen aussichtslos? Laßt euch nich* beschwätzen! Wählet nur jüdisch!