Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2923 (17.4.1927)
- Date
- 1927-04-17
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2979076-2981905-2982011--29759-3017917- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
.tST Fm ' '#*•-*V 7-' <-ette 10 Wien, Sonntag Wiener Morgenzeitung 17. APrU 1SL7 Nr. 2SSS Juden quartiere in aller Welt Von Egon Erwin Kisch „Mit steinernen Zungen lügen die Srüber." Ms wir dem Ausgang zugingen, sah ich... Komisch, die Halluzination! Ich sah einen Augenblick lang weg und dann nochmals hin: bei dem Grab in der Nähe der Steinban? stand brr Alte. Er betete, wo wir als Kinder ihn beten gesehen. Ganz scharf schaute ich hin: kein Ziveifel, daß es! der Hausierer von Oftltak irar. Ich verabschiedete mich öott Fritzi, die ohnedies beit Friedhof allein verlassen wollte, richtete es so ein, daß ich tms zufällig an dem Beter vorbeikanr, sprach ihn an: „Entschuldigen Sie, daß ich störe, aber ich wollte Sie nur aufmerksam inachen, daß der Friedhof gleich gesperrt wird." „Na, ich iverd' schon hinauskommen, die Tür in dem Hausflur bleibt ja offen." Dennoch schloß er sein Gebet indem er aus dem Sack, den er in der Hand trug, sorgsam ein Sternchen auswahlte und auf das dveihundertjähnge Grab legte. „Ein Stein aus Jerusalem!," sagte er zu mir, mein Äeußeres Musternd. „Das ist das Grab von Medigo bet Kandis?" „Woher wissen Sie das? — Sind Sie vielleicht von fax, — von der Chewra?" Nein, ich sei nicht von der Beerdigungsbriiderschast. ,Miesv wissen Sie also, daß hier das Grab ist von Meingo del Kandia?" Das weiß man doch, und ich interessiere mich für den Friedhof. Aber ganz privat, fügte ich noch hinzu, als ich Mi, daß er mich wieder mit einer Frage nach der Zugehörigkeit zu irgendeiner religiösen Institution unterbrechen wollte. ^Sind Sie ein Sttchent?" „Das habe ich längst hirüer mir." „AH, ein Doktor?" Ich nickte; das schien mir kürzer, als diese Zumutung zurÄtzMveisen, Und dann erst meinen Beruf umständlich mzUgeben, was ihn möglicherweise zu Mißtrauen oder Zurückhaltung veranlassen könnte. Wasj ich von Medigo del Kandia wisse, fragte er. Nicht wiiv einer, der prüfen-will, sondern wie einer, der sich wjuUdert, daß über 'seine Privatangelegenheiten ein Fremdet Unterrichtet ist. Hatte der Mte nicht hier eine Dvtenandacht verrichtet vor ^ehn, vor zwanzig, vielleicht schon , vor stthzig fahren? Und "nun kam ein (ihm) junger Mensch, und tchrßte von dem ^hier Vermoderten. So klang seine Frage: „Wie kommst.du dazu, von meinem Toten zu wissen?" Ich Mußte ihm also sagen, daß dieses Grabmal eine ifac Sehenswückägkellen des 'Friedhofes sei, Und der Kretenser Medigo del 'Kandia aus Büchern bekannt; er war, Mücke ich, ein 'Weltreisender, ein großer Mathematiker und Astronom Und Schüler Galileo Galileis, ein Arzt, Bücherfreund, Glaubensstreiter in Disputationen, und überhaupt durch Frömmigkeit hervorragend. „So? Sagen das die Micher?" Er schien erstaunt. „Ja. So ungefähr. Etwas Aehnliches Muh ja auch hier auf bent Grabstein stehen?" „Auf dm Grabsteinen stehen lauter Lügen." „Also war Medigo kein Gelehrter? Nicht weitgereist? llnd nicht fronün?" „Ob er gelehrt war! Und ob er hevmngekommen. ist ' in ber Welt! Vielleicht Mehr als ich..." „Und seine Frömmigkeit?" „Er war frommer als alle, die hier liegen. Und die Mahre Frömmigkeit hat er gehcckt, Rabberur Jossef Schlvimo dm Eliahu, die einzige wahre Frömmigkeit!" „Warum wundern Sie sich dann, daß das auch in Büchern steht?" „Ja, nachher schreiben sie es in die Bücher und auf die Steine .Wenn einer tot ist, dünn lassen sie ihn leben." „Wer?" „Wer? Die Menschen! Me Mmschen! Solang man lebt, ist man gehetzt von einem Ort zum anderen, unstet und flüchtig, aber wenn man tot ist, dünn erst lassen isie einem den Glauben. Nm ein Glück, glauben Sie das mir, junger Mann, nur ein Glück gibt es auf dieser Welt: szu sterben... Dann erst hat man seine Ruh' und seinen Frieden. UNd dann setzen einem die Leute sogar einen so schönen Grabstein Und schreiben darauf, wer man war, trotzdem sie einen gerade deshalb angefeindet hcckm, weil man foi tvar..." jj „Aber Sie haben doch vorhin gesagt, Herr..wie ist doch Jh: werter Name?" ,/Mein Name tut nichts zur Sache. Was meinen Sie, Hab' ich vorhin gesagt?" Er erwartete ruhig meinen Einwand, wie ein geschulter Dialektiker, der weiß, daß er sich in keinen Widerspruch verwickelt haben kann, oder wie jemand, der sicher ist, sich herausreden zu können, auch wenn er etwas Falsches ausgesagt hat. Ueberhaupt war seine Redeweise nichts weniger als die eines Hausierers. Sprache und Wortschatz ließen auf einen aebildeten Rheinländer schließen, der Tonfall klang fast orientalisch; das war besonders bei dem Pasfus zu merken gewesen, wo er die Segnung des Todes gepricscnj hatte: da war seine Stimme in die elegische Modulation des hebräischen Thoravortrages verfallen, in den sigenannten Nigen. , „Sie sagten doch vorhin, daß die Inschriften auf den Grabsteinen lügen?" . „Und wie sie lügen! Mit steinernen Zungen lügen die Gräber. Lesen Sie, was hier über Jossef Schlorme Eliahu del Medigo steht..." Er fuhr mit denr Finger über das längst plattgedrückie Relief der bemoosten Runen, laS und übersetzte in unlogisch abgeteilten Wortgruppen, aber fließend den Panegyrikus auf den Toten: „... und es ist gegangen ein Wehklagen, ein großes, durch ganz Israel.. Wie ein schlankes Haus, das einst frei gestaud>en! Und nun verschüttet ist bis zu den Giebeln unh dem zwischen ihnen spitz zulaufenden Dach, war das Grab, vor dem dev Fremde stand. Und als er sich niederbeugte, schienen seine Maßs fast unverständlich. Manches an ihm kam mir posiert vor, mehr als ein Satz auf Eindruck berechnet, — aber wie er so dastanjd, eines Hauses Giebel überragend, ungewollt, ja, sich bückend, wirkte er überirdisch. Seine Hand las weiter in der gemeißelten TraNerode: „... alle Gottesfürchtigen verehrten ihn..." Er wandte sich rmwitlig von der Platte. „Lügen! Nichts als Lügen! Wer hat ihn verehrt? Die da, die sich's selbst in Stein kratzen, daß sie Gottesfürchtige sind? Vertrieben haben sie ihn aus Wilna, aus Grodek, ans Hamburg, aus Amsterdam, die Karäcr haben ihn angefeindet, weil er die Kabbala verteidigt hat, die rabbinisch-en Juden haben ihn angefeindet, iveil er den Sohar beschimpft haben soll, ch Amsterdam haben sie ihm das Leben verbittert, in Frankfurt haben sie ihn gehalten wie einen Arrestanten, überalil hat er Not gelitten und Verfolgung, — und nachher schreiben sie in Stein, es ist gegangen ein Wehklagen durch lgcmz Israel... alle Gottesfürchtigen verehrten ihn... Und was alles da steht." „Nun, vielleicht hat man ihn in Prag besser ausgenommen^ „In Prag? Wegjgejcvgt haben sie ihn von hier, als sechzigjährigen Menschen, vier Jahre vor seinem Tod. Zn Fuß hat er fortmüfsen aus der schwer reichen Gemeinde, eine Blutblase hat er gehabt am rechten Fuß: so groß..." (Der Fremde zeigte mir, Daumen und Zeigefinger rundend, wie groß die Fußblase Mcdigos war.) ... und hat sich bis Worms geschleppt, mit einem Paar Sandalen, die waren zerrissen, bei Eger hat er einen jüdischen Schuster getroffen, der hat ihm..." Ich mochte scharf aufgesehen haben. Was wollte er mit dem Schuster, für wen wollte sich der Alte ausgeben? Er merkte das wohl und fiel sich selbst ins Wort: „... irgendein Schuster, aus der Umgebung von Eger vielleicht, ein junger Mensch von kleiner Statur, der hat ihm die Sohlen geflickt und die Bänder..." „Nun gut. Mer er ist doch> hier gestorben und hat hier sein schönes Grabmal bekommen." ,Jfa, ja. Dann hat er nochmals nach Prag müssen und ist hier gestorben. Und da haben sie ihm, auf Ehre, ein schönes Grabmal gemacht. Warum? Well er berühmt war, Rabbenue Jossef Schlvime ben Eliahu, und weil sie sich großmachen wollten, die Prager, was für bedeutende Leute hier beerdigt liegen. Und ich muß zuhören, wie die Schamesim den Fremden hier erzählen, Ein wichtiges Dokument fttc jeden Wähler! Die Juden Wiens Eine statistische Studie von Dr. Leo Qolclliomm er Die gegenwärtige Situation der Jadengemeinde Wien und ihre Zukunft eröffnet diese wertvolle Broschüre, die für jüdisch-politische Kreise von großer Bedeutung ist. Preis S 4.50 V.. ßöwtl Verlag W ien 1 Fl eiea hm an hl 1 ßo le nlaemalv aß e 22 ' wie sehr geachtet und wie fromm und groß alle waren, die da liegen. Und in den Büchern stcht auch solches Zeug . . .. " „Die Bücher berichten doch vor allem Tatsächliches. Es muß auch auf dem Grabstein außer den Phrasen etivas stehen, die Lebensbeschreibung oder die Werke von Medigo?" Der Mte sprang hinter die Borderplatte des Grabmals. Dort stand der Steinsarg, der wie ein Dach war. Er neigte sich wieder darüber. Hände und Augen suchten in dem Zement, mtt dem der First renoviert war, in dem Gewirr von Floskeln, Attributen und Bibelzitaten und in dem Geranke des MusivstilS: „... Rabbiner von Hamburg... und in der Umgebung von Amsterdam... Hafilosof elohi abir haroftm — ein Philosoph des Göttlichen unter allen Weisen *-< der stärkste unter den Aerzten, ein Astronom und Astrvlog... sein Hauptwerk Taalimos lechochmo, die Geheimnisse der Weisheit..." Er wollte weiterlesen. „Ist das nicht alles wahr? Das können Sie doch nicht als Lüge bezeichnen, wenn Sie Medigo so verehren." „Lüge! Nichts als Lüge!" Seine Augenbrauen krallten sich zusammen. Er sprach nicht mchr, er zischte. „Lüge! Gemeine Lüge! Eine Wahrheit, die in einem Wust von Lügen steckt, ist tausendmal ärger als eine Lüge! Das ist ein Stück Fleisch in einer Falle. Das ist ein Schuh, der mit Pech verkleidet ist, statt geflickt. Das ist der ... ein Buch, das einen Spruch Salomonis abschreibt und sonst nur die Heuchelei predigt... Ich trete in keinen Sumpf, well sich darin die Sonne spiegelt... Das sind Lügen! Lauter Lügen! Ich will keine Wahrhell auf einem Ort, wo lauter Lüge * Schon war der alte Jude bei einer anderen Gruft: „Hersch Leibnitz: Seine Gelehrsamkeit war groß und die hohen Herren hörten auf sein Wort. Und wie sie hörten auf sein Wort! Sie hörten so darauf, daß der Kaiser Ferdinand befohlen hat, Rabbi Jontow Lippmann Heller soll in Ketten nach Wien gebracht werdenals ein Sünder gegen des Kaisers Majestät...." Verblüfft hörte ich den Mten, an dem jetzt nicht! mehr war von der Pose oder Geste, der jetzt Haß sprühte gegen alles Tote, Neid gegen jene, die, hier längst vermodert waren. Sein wütender Tratsch klang schirill durch die Scheu vor dem Unbekannten, die diese Stätte durch Jahrhunderte geschützt und das Wildanfivachsen ihrer Schönheit ermöglicht hatte, seine Borbringung intimster Privatangelegenheiten profanierte die Gräber und riß die Toten aus dem Erdreich um sie mtt zynischem, hämischem, höhnischem, skeptischem Wort wieder hinunterzuschleudcrn. Er hatte ein neues Opfer erspäht — wieder entziffert er Sätze auf einer Tumba: „Da können Sie lese» .. * Allhier liegt Josef Baroch, Gold- und Silberschmied .. . ein Mann von streng redlichem Charakter .. . Bon streng redlichem Charakter! Er hat einen gestickten Damastvorhang verkauft und einen Wandleuchter mit den Buchstaben E. W. und einer Krone, von einem Soldaten, obwohl das verboten war. Nachher, als bekannt wurde, daß das Stück dem .Statthalter gehört oder eigentlich daß der den Diebstahl bemerkt hat, hat er aus Angst den Leuchter vor den Eingang zur Judenstadt gelegt. Nun hat man geforscht, wer der Hehler war. Graf Ernst Waldstein hat den alten Jakob Lämmel, den Gemeindevorsteher, verhaftet und für ihn einen Galgen bauen lassen, vor dem Tor draußen — wie heißt nur das Tor bei der Heuwage? — ja, vor dem Neutor, dort hat Jakob Teomin Lämmel gehängt werden sollen, wenn sich der Käufer nicht meldet. No, hat sich Josef Baroch gemeldet?! Der Mann — wie steht es da? — von streng redlichem Charakter. Er hat sich, nicht gemeldet, und man war froh, daß bewilligt wurde, die zehn Judenältesten sollen eine Buße von zehntausend Gulden irr zehn Säcken aus denr Smirickyschen Haus öffentlich ins Rathaus tragen, zur Schande aller Juden. Und von dem Schandgeld hat man eine ewige Stiftung gemacht, für Juden, die sich taufen lassen. Aber Josef Baroch liegt da als Bälboth in einem marmornen Haus mll Segenssprüchen. Solche Leute dürfen sterben . . ." „Hat man denn nicht gewußt, daß Baroch der Hehler >var?" „Keine Spur! Wer sollte das wissen, er hat es doch keinem gesagt, und wer hätte eS wagen dürfen, ihn zul verdächtigen? Er war doch ein streng redlicher Charakter!" „Aber woher wissen Sie es?" Seine Achseln zuckten. Er blickte mich mit gespieltem Mißtrauen an, als fürchte er, ich könne erraten habeytz wer er - sei. „Ich bin ein alter Mann und viel herumgekommen in der Welt. Da erfährt man allerhand."