Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2921 (15.4.1927)
- Date
- 1927-04-15
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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Wien, Freitag Wiener Msegsnzettung 15. April 1987 Nr. 2821 x'ik' S VOIKiWIKTSCHAff Re gegenwärtige Industrie- Konjunktur. Für die Erfnftung der gegenwärtigen Konjunktur giot nne Ausstellung über die wirtschaftliche, besonders die industrielle Lage in den vier Hauptproduktionsländern der Wett Aufschluß, welche die „Neue Zürcher Zeitung" verdfterttUcht. Diesem Aufsatz sind die nachstehenden Daten nonrmen: Deutfchkand. Bei Deutschland ist der „Konjunkturöefund" sozusagen au, der ganzen Linie gut. Allerdings ist die Hochkonjunktur des KMenbergbaues begreiflicherweise etwas abgeslaut, doch hat die Eisenindustrie dafür neue, über Erwarten große Fortschritte verwirklicht. Roheisen- und Rohstahlerzeugung (967.000 und 1,233.000 Tonnen) überflügelten tnt ardeitstäglichen Rttttei sogar den Jänner, vom Februar 1926 ganz zu schwelgen. Auch in der Maschinen- und in der Elekrrobranche geht die Besserung, trotz vorhandenen tzermnungen, ruhig weiter. Geradezu hervorragend ist die Konjunktur der Textil- und Konfektions- Industrie, die auch aus dem Ausland reichliche Aufträge erhält. Sehr wichtig ist die bereits einsetzende Hochkonjunktur des Baugewerbes; man rechnet im Wohnyausbau, besonders im Westen, mit einer Zunahme der diesjährigen Bauten um mindestens 50 Prozent gegenüber 1926. Die Arb c i ts lo ftgkeit erreichte im Februar (aus sarfonmäßigen Gründen) einen ° Höhepunkt, begann aber schon anfangs März deutlich zu sinken. Die Export- Ziffern des Februar weisen wieder auf die Tatsache hin, daß die jüngste Belebung zum großen Teil aus den Wurzeln des Jnland'.narktes erwuchs; die Ausfuhr ist gegen den Bormonat um 43 Rtillionen Mark zurückgegangen, wobei die Fertigwaren mit einem Minus von 22 Millionen beteiligt sind. Frankreich. In zwei Zentren der industriellen Aktivität Frankreichs: der Eisen- und der Textilindustrie, haben die letzten Wochen eine entschiedene Wendung zum Besseren gÄracht. Auch in der Maschinen- und in der AutoürnbrlIndustrie soll sich die Lage gebessert haben. Die Rückwirkungen -.ms den gesamten Arbeitsmarkt zeigen sich in einer ernsten leichten Abnahme der erfaßten Arbeitslosigkeit (auf rund 75.000 Unterstützte). Der Außenhandel ergibt im Februar ein kleines Passivum und einen wertmäßigen Rückgang des Exportes gegenüber dem Jänner. (Ausfuhr 4.6 WttilUavben gegen Ausfuhr ttn Jänner 4.71 Milliarden und Einfuhr im Februar 4.76 Milliarden.) Es ist noch durchaus zu früh, ein Urteil darüber zu gewinnen, nach welcher Seite die Wagschale der Konjunktur sich endgültig neigt; nur so viel ist sicher, daß vorerst eine unmißverständliche Dämpfung der Krise stattgewnden hat. England. Die schon im Jänner sich anbahnende, leichte Erholung der britischen Volkswirtschaft kann nuninehr als sait accompli gelten. Die Nachwehen der großen Krise sind zwar noch nicht restlos überwunden, aber der entscheidende Schritt ist getan. Bor allem beginnt, neben dem zuerst wieDererwachten Jnlandmarkt, auch die Export nachfi^age sich wieder zu regen. Die Ausfuyrergeonisse des Februar (52.0 Millionen Pfund Sterling — 16 Prozent unter dem Fedruarwerr 1926) sind freilich noch dürftig genug, 7/indelt cS sich doch bei dem erwähnten Anziehen der Auslandsnachftage größtenteils um Ereignisse der letzten Wochen. Insbesondere das Ko hl eng eb i et hat ziemlich bedeutende Exportaufträge erhalten. Die Roheisen- und S r ah l g e w i n n u n g bucht e inen wirklichen Sprung auswärts, wenn sie auch die Zahlen von 1913 keineswegs erreicht. Tie Stahlproduktion aber schneidet noch glänzender ab; sie ist tm Februar mit 831.000 Tonnen 28 Prozent höher «ts das Monatsmittei 1913 und 8 Prozent höher als sogar der Durchschnitt des Boomjahres 1920. Weniger stürmisch geht es im B a u m wo l lg e s ch ä f t zu; die Besserung hält noch an, jedoch in bescheidenem Tempo. Die Verarbeiter amerikanischer Baumwolle konnten den Absatz nicht ganz aus der Höhe der Produktion halten. Angeregter ist die Woitbranche, die jetzt fast mit Volker LeistungAsütiigkeir arbeitet. - Die Arbeitslosigkeit — anfangs März gab cs 1,170.000 eingeschriebene ganz oder teilweise Arbeitslose — ist in Monatsfrist um 100.000 gesunken. Für die nächsten Monate ist eine Fortsetzung dieser günstigeren Entwicklung zu erwarten, allerdings niemals bis zum Punkte einer annähernd dollen Auffaugung der ,„industriellen Reservearmee" durch die britische BolWt- .. Bereinigte Staaten. Dre Konjunkturinge in den Bereinigten Staaten mutz itts uneinheitlich bezeichnet ,verden. Günstige und »osrriger günstige Berichte kreuzen sich in. der Luft, auch rein geographisch genonmreu. Es scheint, daß von den stavk landwirtschaftlichen Gegenden ein fiWbarer Druck auf die Gesamtkonjunktur auszugehen beginnt. Doch sind nicht wenig andere, wiederum sehr freundliche Momente vorhanden, so die wirklich ausgezeichnete Beschäftigung der Baun» woil- und Kunftferdentndustrie. Die gegenwärtige Saison ist die beste, welche die Barmnvollbranche setz vier Jahren erleben konnte. Baümwollvervrauch int Februar: 590.000 Ballen. Auch die Eisen- und Staybproduktron bewegt sich auf vergleichsweise hohem Niveau. Die Eisengewinnung erreichte 2.94 (im Vormonat 3.1) Millionen Tonnen oder fast gleichviel wie im Vorjahre. Ter Orderbestand des Stahltrusts sank weiter auf 3.'6 Millionen Tonnen, aber die Kapazität der Werste ward allgeniein sehr stark (bis zu 90 Prozent) ausgentttzt. Undurchsichtig bleibt vorderhand die Lage des Baumarktcs, der gegenüber dem Vorjahre vis Mitte März regional etwelche Verschlechterung zeigte. Ebenso ist von der Lage der Automovilindustrie kein sicherer Eindruck zu gewinnen, denn sehr befriedigenden Resultaten einzelner Marken (Chevrolet, Hudson-Exeß) stehen starke Einbußen anderer Marken gegenüber. Im ganzen dürfte das Februar- und Märzrcsikltat befriedigender anssallen als jenes der vergangenen Wintermonate. Wie unr bereits melbeit konnten, sind die Anleihevethandlungen Polens mit dem amerikanischen Finanzkonsortinm zu einem günstigen Ergebnis gelangt. Dazu wird uns aus Warschau berichtet, daß der Vizepräsident des Bank Polski Dr. Mly uarski die Verhandlungen mit dem Vertreter des amevikanlischen Bankenkonsortiums Blair u. Co. in Paris abgeschlossen hat und nach Warschäu zurückgekehrt ist. Diese Verhandlungen haben zur definitiven Uebereinstimmung bezüglich der Anleilftbedingungen geführt und der formelle Abschluß steht für anfangs Mai bevor. Die Anleihe wird an Polen in zwei Raten ausbezahlt werden, wovon die erste für StaWsierungsztwcke und die zweite für Investitionen verwendet werden wird. Die erste Rate der Anleihe — und zwar 20 Millionen Dollar, die für die S t a b i l i s i e r it lt g des Z lo ty bcstintmt sein sollen — wird mit 7 Prozent, der andere Teil, für I n v e st i t i o n s z w e ck e bestimmt, mit 5 (Prozent zu verzinsen sein. Nach Begebung der ersten Anleihe wird die Regierung dem Sejm ein Gesetz über die Zloty-Stabilisierung auf der Basis von neun Zloty für einen Dollar vorlegen. Mrtschastruachrichten aus Pole«. Aus Lemberg wird gerichtet: Industrie und Handel sind' im allgeineinen gut beschäftigt. Hauptsächlich fiitb es Damen- und Herrenkonfektionsgeschäfte und Betriebe von Manufaktur- und Meterwaren, die von Käufern überfüllt sind. Das Inkasso vollzieht sich befriedigend. Die Fakturen werden im allgemeinen nicht nur pünktlich beglichen, sondern in vielen Fällen bereits früher reguliert. Die Ausgleichsverfahren und Zahlungseinstellungen haben jedenfalls in Klein-Polen abgeiwmmeu. Nach der Inflationszeit, welche eine große Säuberung in der Kausmannswelt zilr Folge hätte, ist somit ein Umschwung zu verzeichnen. ° Die staatlichen Näphthüwerke und das Polnische Paraffinkartell haben ihre Sitze von Warschau nach Le urb erg verlegt. Zwischen Polnrin und der Aktiengesellschaft für Naphthaindustrie „Gazy Wschodnie" schweben gegenwärtig Verhandlungen zwecks Ankaufes des letzteren Unternehmens von seiten des S taates. Auf dem Rohölm arkt wird seit ungefähr vierzehn Tagen eine Bösest i g u n g verzeichnet, ebenso auf der Effektenbörse. Geld ist unter verhältnismäßig günstigen Bedingungen zu habeu. In der nächsten Zeit dürste der Miilisher* rat zwecks Förderung und Aufnahme einer regeren Bautätig ke'it,ipi ganzen . Laiide Beschlüsse fassen, denen zufolge das Hauptaugenmerk.auf den Wiederaufbau der während des Krieges vernichteten Objekte zii richten wäre. Das M o r a t o r i u m fü r V o r k r e g s w e ch s e 1 in Polen läuft bekanntlich am 1- Juni 1927 ab. In den letzten Tagen ist nun eine Verordnung erschienen, wodurch diese Fragil geregelt n<rd. Alle Ansprüche der Besitzer von Wechseln, die vor dem Inkrafttreten der ireuen polnischen Wechselordnung ausgestellt wurden, verjähren mit 31.Dezember 1927. Die Ansprüche der Indossanten gegeneinander und gegenüber dem Akzeptanten verjähren in sechs Monaten von dem Tage an gerechnet, an welchem der Indossant den Wechsel eingelöst hat. Diese Bestimmung betrifft nicht Wechsel, die vor dem 30. Juli'1914 zahlbar waren. In bezug ans diese Wechsel gelten die bisherigen BestlmMüngen über die Verjährung. Die neue Verordnung umfaßt auch nicht, jene- Wechsel, die sich auf sowjetrilssischeiii Gebiet befinden. Für diese Wechsel wird noch eine besondere Verordnung erlassen. Me Beiträge für die alten Wechsel werden geinäß dem Aiifwertungsgesetz in Zloty ungerechnet. Diskontherabsetzung der Bank von Frankreich. Auf ü Prozent. Paris, 14. April. Die Bank von Frankreich ermäßigte den Diskont von 5Y auf 5 Prozent und den Louibardzinsfuß von 7 auf 6 Prozenti Sesterreichs Export «ach Slntzland. Die Delegation des österreichischen Handelsmuseums ist aus Rußland »vicder nach Wien zmttckgekehrt. Das Ergebnis dieser Studienreise soll, wie wir ans Kreisen der Delegation erfahren, für die Förderung des österreichischen Exports nach Rußland günstig sein Bon maßgebenden Stellen Rußlands ivurde die Zusage gegeben, daß Oesterreich seine Exporte wesentlich erweitern könye, wobei namentlich die Aussichten für Maschinen- und Fabrikseinrichtungen besonders günstig sind. ' Die russischen Vertreter sagten auch im Falle einet Errichtung von Fabriken durch Oesterreicher in Rußland wesentliche! Begünstigungen zu, und es ergaben sich nach Mitteilungen von Teilnehmern au dieser Reise in verschiedenen Artikeln die Möglichkeiten der Errichtung von Unternehmungen in Rußland. Jntvieweit die von Rußland zugesagten Begünstigungen sich praktisch auswirken, hängt von der Konkurrenzfähigkeit der österreichischen Waren, namentlich gegenüber Deutschland hinsichtlich der Preise und Kreditbedingungen, ab. Die russischen amtlichen Kreise wünschen andererseits eine Hebung des Exports nach Oesterreich, namentlich in Getreide, Hanf und zahlreichen anderen Produkten, und es wurde darauf hingewiescn, daß die Importe um so größer sein könnten, je Nlehr Oesterreich! vom russischen Export anfzunehmen bereit sei. Ser palöftknenfische Import und Mort. Die im Jahre 1926 eirlgetretene Krise in Paläftiuü hat zu einem Rückgang des Imports geführt, während der Export ungefähr in derselben Höhe ttric 1925 geblieben ist. Dadurch ivurde das Verhältnis des Exports zum Import ein günstigeres und das Passivuin der Handelsbilanz ein geringeres. Im Jahre 1924 betrug der Import 5,266.349 Pfund, der Export 1,200.812 Pfund, für das Jahr 1925 sind die entsprechenden Ziffern 7,338.491 Szw. 1,297.559 Pftlnd, für das Jähr 1920 betragen sie 6,434.945 bzw. 1,875.626 Pfund. Die Zunahme des Exports, die im Oktober 1926 begann, ist!tn sietem Steigen, während der Import ständig fällt. Die Zunahme des Exports in den letzten Monaterr des Jahres ist eine natürliche, da in diese Saison der Orangenexport fällt, es ist aber darauf hinznweisen, daß die Zunahme im Jahre 1926 bedeutend größer war als im Jahre 1925. Es ist dies eine Folge der in diesem Jahre besonders reichen Orangenernte. Während im Dezember 1925 der Wert der exportierteii Orangen 46.000 Pfund betrug, machte er im Dezember 1926 109.000 Pfund aus. Insgesamt wurden in den ersten vier Monaten der diesjährigen Orangensaison (Oktober 1926 bis Jänner 1927) aus Palästina über eine Million Kisten exportiert gegenüber nur ungefähr einer , halben Million in denselben vier Monaten des Vorjahres. Der Börseverkehr. Heute bleiben sämtliche Börsen geschlossen. Morgen (Samstag) wird keine der europäischen Börsen abgehalten. Die Lira-Hausse dauert an. Gei ziemlich lebhaftem Geschäft auf den Devisenmärkten setzte die Lim gestern ihre Haussebewegung fort; Devise Mailand stieg in Zürich von 25.571/2 auf 26.181/2. Mit der Lirasteigerung, die in der letzten Woche etwa 6 Prozent betrügt, läuft die weitere KurSerhöhung der Devise Madrid parallel, die sich gestern von 91.40 auf 92.10 Parität Zürich hob. T^r Leu ist ebenfalls bei Z.22i/z etwas fester, * jedoch ohne größere Nachfrage. In den übrigen Devisen ergaben sich keine nennenswerten Kursbewegungen. Der Schilling notiert unverändert 73.10. Der Konkurs d-r Kaufmännischen Bank. Geste ril fand im Konkursverfahren der Kaufmännischen Bank die erste Gläubiger- Versammlung statt, die stark besucht war und überaus stürmisch verlief. Da die Bank 8000 Ä ^äubiger hat und eS deshalb bisher ,licht inöglich war, ein vollständiges Gläubigerverzeichnis herzustellen, wurde die Versammlung vom Vorsitzendem Obe» landesgerichtsrat Cuckvvic, auf den 28. Ap r i l vertagt.. Ein ,bodenständiges" Bankinstitut. Die Salzburg er Handels- und G e w c r b e b a n k, reg. G. m. b. H., hat, wie auS Salzburg genicldct wird, gestern die Schalter geschlossen. Die Bank lvvr schon im Juni 1924 in einer ähnlichen Lage. Auch damals kam es zu einer vorübergehenden Sperre. Es werden Verhandlungen geführt, um die ruhige Liquidation der Bank zu ermöglichen. * Oer Schlchverbnnd gegen Äartcvschädr-«:, hat sich vor allen» zr'.r Aufgabe gestellt, gemeinsam mit der Regtermig das in Vorbereitung befindliche Kartell ge setz zu beraten und ein Gegengewicht gegen die wirtschastuche' Uebermacht der L'kartelle zu bilden. Die Qraauisatioir ist in BranchensÄtionen geteilt und an der Spitze jeder Sektion steht ein hervorragender Vertteter der betresjenden Branche. Ueber 70 Organisationen aus gaüz Oesterreich mit zirka 160.000 Mitgliedern gehören bereits dem Schlitzverband gegen Kartellschäden an. Die Geschäftsstelle des Verbandes befindet sich in Wieii, 1. Bez., Wollzeile 13. Die tschechojklvaMjchrn Forderungen gegen die LstcrtcickMe Postsparkasse. Dre Kundmachung über die Kouftription der Forderurigen geacu die Wiener Poftsparkassa ist taut „Prager Tag« bl>att" von« Postmimster genehmigt worden und soll noch in diesem Monate publiziert werden. Die Durchführung der Korlskriptiou ist bis 30. Septeinber befristet. Allerdings muß der Postsparkafsavertrag samt 'dem ErgäilzuirgSprotokoll aus dem Jam« 1935 noch von Polen sowie da» EngänzungSPvotokoll voll Italien ratisiziett werden. Berhandlunsoa über cliec polnische MektrkfizlemngSanlelhe. Aus Warschau lvirb uuö berichtet: Seit längerer Zeit findy» polnisch-amerikauische Berho.,idlurltjeu über die Elektrifizierung der südlichen Äebiete Poleru? und der JudilstriczerUreu Lodz, C z e il st o ch a u und B i e l i tz unter besonderer Berücksichiiguna des ostoberschlesischeu MontanrevierS statt. Schließlich 'vm> auch an eine möglichst l^ldige Elektrisizierimg des Radomor Bezirks gedacht, wobei der Bau einer großen UeberlondSzentpale in der Nähe von Radom «wogen Hol« v«L«gt Dr