Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2916 (10.4.1927)
- Date
- 1927-04-10
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite lß Wkn, Sonntag Wiener Morgenzeitung ry. April m7 Nr. 2018 yOHtSWIRTfCBAfT Zum Niedergang der enropsischen Wirtschaft. die Entwicklung des Mnahaljweltttufts. Der europäische Krieg hat Europa — für wie lange, läßt sich nicht absehen — um sein Primat in -er Weltproöuktion und im Welthandel gebracht. Heute hat die Weltproduktion bereits wieder die Höhe erreicht, die sie vor dem Kriege hatte, aber Amerika, Asien und Afrika haben eine weit größere Steigerung der Produktion aufzuweisen als Europa. Die stärkste Verschiebung zeigt sich in der Getreideproduktion soüvie in der Metallerzeugung. Während die Getreideproduktion Nordamerikas bereits Ende 1925 die der Vorkriegszeit um 17 Prozent übertraf, Südamerika um 84 Prozent, Afrika um 18 Prozent mehr Getreide produzierte als vor dem Kriege, ist in Europa in der Getreideproduktion Las Vorkriegsniveau noch nicht erreicht. Europa, das vor dem Kriege 60 Prozent der Weltgetreideproduktion aufbrachte, hat im Jahre 1925 nur 46.3 Prozent der ge- "rmtcn Getrcideproduktion der Welt. . In der Erzeugung von Metallen ist Europa von 47.9 Prozent im Jahre 1913 ans 37.2 Prozent der Weltinctallproduktion zurückgegangen, während Nordamerika von 45 Prozent auf 50.8 Prozent gestiegen ist. Noch stärker ist der Verlust Europas am Welthandel. Dieser ist im Jahre 1925 gegenüber 1913. dem letzten Fricdensjahre, um 4.5 Prozent gewachsen, woran jedoch Europa gar keinen Anteil hat; im Gegenteil — in Europa ist die Einfuhr um 6 Prozent, die Ausfuhr um 16 Prozent zurückgegangen. Dagegen ist der Handel Nordamerikas um 36 Prozent, der Asiens um 85 Prozent und der Ozeaniens um 32 Prozent gestiegen. Den höchsten Ausfuhrüberschuß hatte Kanada mit 307 Prozent, dann folgt Japan mit 238 Prozent. Die Ausfuhr Nordamerikas, Indiens, Kanadas,' Japans, Chinas, Australiens, Neuseeland und Argentiniens hat in Dollar gerechnet um insgesamt 6244 Milliarden, d. i. 216 Prozent zugenommen. Demgemäß ist es nicht verwunderlich, daß Europa heute eine Arveitslosenziffer von rund fünf Millionen erwerbsfähiger Menschen hat, Ivas, nimmt man die Zahl der Erwerbstätigen Lei einer europäischen Gesamtbevölkerung von zirka 400 Millionen mit 250 Millionen an, je 50 Erwerbstätigen die Sorge für einen Erwerbslosen aufbürdet. Dieser Rückschritt zeigt sich auch in der Bebölkerungsziffer, die in Europa in den. Jahren 1913 bis 1925 unwesentlich gewachsen ist, während im gleichen Zeitraum der Bevölkerungszuwachs in Nordamerika 14 Prozent, in Südamerika 22 Prozent, in den t^eanrschen Ländern 16 Prozent betrug. Es ist bekannt, daß der Krieg ungeheure Kapitals- Verschiebungen im Gefolge hatte, indem riesige Goldmengen aus Europa äbwanderten, vorwiegend nach den Vereinigten Staaten. Diese verwendeten nun diese Kapitalszuflüsse in den letzten Jahren zu Investitionen in Europa, in einem Maße, wie es vor dem Kriege nie der Fall war. Nach den Mitteilungen des Washingtoner Handelsdepartements sind von den gegenwärtig im Auslande investierten amerikanischen Kapitalien von insgesamt 11.9 Milliarden Dollar, 4.32 Milliarden in Europa, 4.7 Milliarden in Südamerika, 3.1 Milliarden in Kanada und 0.9 Milliarden in Asien und in anderen Kontinenten investiert. Der europäische Anteil an beu amerikanischen Investitionen beträgt somit 27.5 Prozmt des gesamten amerikanischen Jnvestitionskapitals, ein Anteil, wie er vor dem Kriege auch nur in annähernd gleicher Höhe nie vorhanden war. Einen geradezu illustrativen Beitrag für die Methode dieser Kapitalsexpansion bietet die Ausbreitung des schwedisch-amerikanischen Zündholztrustes in Europa, die hier kurz skizziert werden soll, da sie gerade gegenlvärtig durch die starken wirtschaftspolitischen Widerstände, die sich bei der Ausdehnung der Gestion dieses Trustes auf Deutschland und Frankreich, die wirtschaftlich am stärksten entwickelten Länder des europäischen Kontinents, ergeben haben, besonders aktuell ist. Der Zündhölztrust besteht in der Hauptsache aus zwei Gesellschaften, der Svenfta Tändsticks Aktiebolaget und der International Match Corporation. Er verfügt Über eine Kapitalskonzentration, die an europäischen Verhältnissen gemessen als riesenhaft zu bezeichnen ist. Das in ihm konzentrierte Kapital wird auf zirka eineinhalb Milliarden Goldmarl geschätzt, also weit mehr als das des mächtigen deutschen J.-G.-AarLenkonzerns. Erst kürzlich wurde auf dem deutschen Kapitälsmarkt siebeneinhalb Millionen Mark Aktien des Schwedentrust, die erste Tranche einer Gesamtemission von 16 Millionen Mark aufgelegt, demnächst sollen größere Beträge.auch irr Holland und der Schweiz untergebracht werden. Diese Inanspruchnahme des mitteleuropäischen Kapitalsmarktes durch den Zündhölztrust, der, wie als sicher angenommen werden kann, Beziehungen zur amerikanischen Finanzwelt, so zur New Aorker Bankfirma Lee H i g g i n s, zur Metal-National-Bank und zur Percy Rockefeller- Gruppe hat, sind ein sichtbares Kennzeichen für die Jnteressenverflechlung zwischen dem Schwedentrust un°d der Wirtschaft derjenigen Länder Mitteleuropas, in denen er innerhalb verhältnismäßig kurzer Zeit durch faktische oder formelle Eroberung des Zündholzmonopols und durch anderweitige finanzielle Eegagements festen Fuß gefaßt hat. Der Trust, der seinen Sitz in Stockholm hat, unterhält Fabriken fast in der ganzen Welt, auch in Asien, insbesondere in Japan und Indien. Auf Japan ist besorrders hinzuweisen, da dieses Land bekanntlich in der Reihe der Zündholzexportländer an zweiter Stelle steht; der schwedische Zündholztrust hat nun in Japan die wichtigsten Unternehmungen an sich gezogen oder wenigstens mit ihnen eine Interessengemeinschaft geschlossen. Auch in Portugal, Finnland und in der Schweiz hat sich der Schwedentrust maßgebenden Einfluß auf die Zündholzproduktion verschafft. Er finanziert staatliche Zündholzmonopole in Griechenland, Peru und P o l.e n. In dem zuletzt genannten Lande hat er im Jahre 1926 das Zünüholzmonopol vom Staat für zwanzig Jahre gegen einen jährlichen Pachtzins von fünf Millionen Zloty gepachtet. Zurzeit verhandelt der Schwedentrust mit B o l i v i a über die Verpachtung des staatlichen Zündholzmonopols, und außerdem dürfte auch in Litauen in Bälde das staatliche Zündholzmonopol in seine Hände übergehen. In Frankreich beschäftigt sich gegenwärtig der Finanzausschuß der Kammer mit der Frage der Verpachtung des Zündholzrnonopols an eine mit einem Kapital von 30 Millionen Franken begründete Gesellschaft „Societe des Alumettes". Es handelt sich um eine Art Geschäftsführungsabkommen, die dem französischen Staat das Ejgenttim an den bestehenden Produktionsanlagen, die Festsetzung der Verkaufspreise sowie einen Anteil an dem Gewinn, namentlich an den Mehreinnahmen, die sich aus einer zu erwartenden Produktionssteigerung und Produktionsverbilligung ergeben, sichert. Nach dem bisherigen Entwurf des Pachtvertrages muß von dem Kapital der „Societe des Alumettes" 65 Prozent in französischem Besitz sein. .Hinter dieser „Societe des Alumettes" steht der schwedische Zündhölztrust, und er soll dem französischen Staat unter dem Namen einer Kaution eine Art . Anleihe '(angeblich 80 Millionen Dollar) gewahren, deren Zinsfuß nur fünseinhalb Prozent beträgt. Dieser Vertrag begegnet in der französischen Kammer starken Widerständen, doch scheint es, daß er aus ftaatsfinanziellen Gründen vor^ Frankreich akzeptiert werden wird. Damit wird der schwedische Zündhölztrust seine Hand auf eines der größten staatlichen Monopole in Europa gelegt haben und daraus den entsprechenden kapitalsexpensiven Vorteil ziehen. Ebenso heiß umstritten ist das jetzt im volkswirtschaftlichen Ausschuß des Reichstages in Beratung befindliche sogenannte deutsche Zündyolzsperrgesetz, das nicht mehr und nicht weniger als ein deutsches Zündholzmonopol zugunsten des schwedisch-amerikanischen Trusts schaffen will. Nicht lange nach der Begründung der deutschen Republik hatte die damalige Nationalversannnlung die Einführung des staatlichen Zündholzmonopols beschlossen. Doch wurde dieser Beschluß nicht ausgeführt. Durch geschickte Ausnützung der Inflationszeit in Deutschland hat nun der Schwedentrust fast 66 Prozent der deutschen Zündholzproduktion an sich gebracht. Dafür hat er nicht diel mehr als 16 Millionen Goldmark aufgewendet und mit diesem Kapital Produktiontzwerte um ein Vielfaches dieses Betrages an sich gebracht. In der Folge kam es zu stetigen Kämpfen mit den trustfreien Fabriken in Deutschland, insbesondere da der Trust burdj Preisunterbietungen im Wettbewerb die anderen Fabriken unmöglich machte. Nun ivandten sich die deutschen Zi'mdholzsabriken an die Negierung mit dem Ersuchen um Ab, Hilfe, und jetzt hat auf Grund eines Gutachtens des Neichswirtschaftsrates die Regierung einen Gesetzentwurf ausgearbeitet, der die Errichtung neuer Zündholzfabriken ohnr besondere Erlaubnis des Reichswirtschaftsministermms verbietet. Dieses Gesetz, welches das Prinzip der Gewerbefreiheit, welches in Deutschland besteht, geradezu durchbricht, konnte nur unter schweren Kämpfen in Kraft treten. Zur Durchführung dieses Gesetzes „über die Erlaub» nispflicht für die Herstellung von Zündhölzer" tvurde die Zündholzverkaufs-A.-G. begründet, in der der Schweden- Trust' einen Anteil von 66 Prozent an der Produktion, aber nur 60 Prozent Aktienkapital besitzt. Ueberdies besteht in dem Zündholzvertrag ein Vetorecht des Reichswirtschaftsministers gegen unberechtigte Preiserhöhungen. Mit Recht hat der volkswirtschaftliche Ausschuß des Reichstages bei den jetzt stattfindendcn Beratungen über dieses Syndikat den Entwurf zum Schutze gegen einen Mißbrauch der wirtschaftlichen Machtstellung des Syndikates in vielen Punkte abgeandert. Denn diese Syndikatsvildmrg bedeutet praktisch ein Monopol für die Mitglieder des Syndikats, in welchem der schwedische Zündholztrust eine dominierende Stellung eimiahm. So sehen wir, daß heute der mit amerikanischem Gelde finanzierte Zündholgwelttrust bereits in den wirtschaftlich stärksten Ländern Europas festen Fuß gefaßt hat. Frei von seiner Einflußnahme sind bisher nur drei Länder geblieben: Italien, die Tschechoslowakei und Q e st e r - reich. In Italien hängt dies mit der dort Milchen besonderen Art des Zündholzfabrikates (cerini — Wachsfadenzünder) zusammen; die Tschechoslowakei und Oesterreich konnten in ihrer Zündholzsabrikation bisher ihre Unabhängigkeit bewahren. Auf wie lange freilich, ist mehr als fraglich. In der letzten Zeit hört man immer wieder von Angeboten des Schweden-Trustes an die Unternehmungen dieses Produktionszweiges in den beiden genannten Ländern. So ist denn die Entwicklung dieses Trustes ein lehr-« reicher Beitrag zum Kapitel vom wirtschaftlichen Niedergang Europas, der den Kontinent immer mehr in die Abhängigkeit des außereuropäischen Kapitals bringt, welches durch Europas Krregswcchnsinn erst die Grundlagen für fev»- Macht gewonnen hat. k\\W Polens Amerika-Anleihe perfekt? Meldung über Unterzeichnung des provisorischen Abtommens. Berlin. 9. April. Wie die „Vofsrfche Zeitung" aus Warschau meldet, fei der provisorische Anleihevertrag Wer eine Anleihe von 80 Millionen Dollar unter Beteiligung des B a n k e r s - T r u st und des Bankhauses Blair u. Co. unterzeichnet worden. Die Bank Polski wird keiner direkten Kontrolle unterstellt werden, eS wird aber ein Beobachter des Konsortiums in die. Bank Polski delegiert werden. -8»- Her vertragslose Zustand mkt der Achecho« slowakek. Wie amtlich mitgeteilt wivd, treten durch den am 16. April erfolgten Ablauf der Kündigungsfrist für den Handelsvertrag mit der Tschechoslowakei die autonomen, bezw. die in den Handelsverträgen mit den anderen Staaten enthaltenen Zollsätze in Geltung. Die hiedurch notwendig werdenden Weisungen an die Zollämter werden am 16. April ergehen und die geänderten Zölle werde n v o m 22. April an angewendet werden. Die Zusammenstellung der eintretenden Aenderungen des Zolltarifes wird in der Staatsdruckerei erhältlich sein. Sine Kouzeffion für Ausbeute der Salze im Lote» Meer. Jerusalem, 8; April. (I. T. A.) Die Palästina- Regierung ist jetzt im Begriffe, im Einvernehmen mit dem Londoner Kolonialamt erne Konzession zur Ausbeutung der Salze im Toten Meere zu erteilen. Noch vor anderthalb Jahren wurde die Konzession ausgeschrieben. Im ganzen wurden van den Angeboten drei ausgewählt. Diese Meistbieter vereinigen sich zu einer Gruppe zwecks Ausnutzung der Konzession, die ftir 21 oder 26 Jahre erteilt werden wird. Es wurden bereits eingehende geologische, chemische, mineralogische ultd sanitäre Untersuchungen durchgeführt. Man ertvartet, aus den Salzen des Toten Meeres etwa 100.000 Tonnen Kali jährlich zu gewinnen. An gewöhnlichen Salzen und an Magnesium können praktisch unbegrenzte Quantitäten gewonnen werden, aber au«* kleinere Mengen kausttscher Pottasche, sowie Brom. Ruhige Devisenmärkte. Weder die Lira noch auch, bet Len wiesen auf den gestrigen Märkten nennenswerte Veränderungen auf. Der Verkehr war, wie gewöhnlich am Wochenende, gering. Die Lira schloß in Zürich 2o.l0 (gegen 25.125 am FreitaA der Leu blieb mit 3.175 unverändert. In den übrigen Devisen ergab sich auch keine größere Bewegung. Der Schilling notierte 73.125. Die Einlösung der St. G. G.-Priorltaten. Laut einer Kundmachung der Caisse Commune gelangt der Coupon per 1. März 1920 und der 'Croupon per 1. März 1927 von 3prozentigen 'Obligationen "der St. E. G. (altes Netz und EMnzungsneß) ab 8. April 1927 mit je Dollar 0.39, zum jeweiligen Tageskurs umgercchnet, abzüglich % Prozent Inkassospesen, bei der Allg. Oest. Boden-Credlt-Anstalt in Wien zur Einlösung. Der Termin für den Beitritt zum Große jüdische Wählerversammlungen Heute Sonntag, den 10. April 1927, um 10 Uhr vormittags, im Cafe Kosmos („Lurion“), VII., Siebenstemgasse Nr. 42 REDNER: Oberbaurat Ing. Robert Stricker Dr. Eugen Felix Bez.*Rat Moritz Kohn Jüdische Wähler«, WählerinnenlErfüllt Euere Pisicht und e scheinet in Müssen I